Donnerstag, 25. März 2010

Ich bin bereit.

Endlich. Er kommt. Oder es kommt? Egal ob männlich oder sächlich. Ach, gar weiblich, wenn mich nicht alles täuscht. Mit dem Frühling kommt Licht und Sicht und Google Street View. März oder April. So genau weiß man das nicht. Das sagen die Google-Verantwortlichen auch nicht. Würde ich auch nicht tun, wenn ich wie ein Schwerverbrecher gejagt würde. Also nein. So schlimm ist es nun auch nicht. Aber Fernsehteams sind ihnen auf der Spur. Sie wollen filmen, wie Google filmt. Falsch. Sie wollen filmen, wie Google fotografiert. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Ich bin bereit. Den ganzen Winter habe ich meinen Body gestählt, mit Hanteln und Teraband und täglich mindestens 15 km Fahrradfahren auf einem verrosteten Flohmarktrad, auch bei 10 cm Neuschnee und rekordverdächtigen Minusgraden. Meine Muskeln sind wie Felsen und, vor allem, man sieht sie. Dieser Bizeps. Mein Spiegel liebt mich.

Das Häuschen ist auf Vordermann gebracht, außen natürlich - mein Chaos im Keller geht Google nichts an -, die Fenster neu gestrichen, die Fassade frisch geweißt, alles schon seit letztem Herbst. Gestern habe ich die Tujahecke auf 1,50 m zurückgeschnitten. Sie ist jetzt die niedrigste im Viertel.

Ich bin Street-View-bereit. Es kann kommen, das Auto mit dem Fotoapparat auf dem Dach. Und ich werde im Garten sein. Mit entblößtem Oberkörper. Welt, schau her! Das ist mein Haus, meine Lebensleistung, und das bin ich.


Hätte ich bloß nicht einen so uneinsichtigen Chef. Aber ich war beim Betriebsrat. Der hat interveniert. Jetzt geht es. Mit der Gewerkschaft geht nicht alles, aber so manches. Ich bin ab Ostern bis einschließlich 30. April zu Hause. Im Wartestand auf Google Street View. Zwei Wochen Kurzarbeit, christliche Feiertage, drei Wochen Urlaub, der Rest unbezahlte Tage. Das muss ausreichen. Es wird klappen.

Herr Schäff wird mit seinem Anti-Street-View-Rohrkrepierer in die Röhre schauen. Ach ja. Herr Schäff? Na gut. Er ist der Herausgeber eines Stadtblättchens. Gut, man kann auch sagen Zeitung, Lokalzeitung. Ja, sie strahlt halt ein bisschen in die Region aus. Mehr aber auch nicht. Und Herr Schäff, mit Vorname Georg, will nicht, dass Google sein Zeitungshaus fotografiert. Dass ist sein gutes Recht. Er will aber auch verhindern, dass Google meine Villa fotografiert, mit mir im Garten. Das widerspricht meinem Recht, mich fotografieren zu lassen, mehr noch, mich verewigen zu lassen.

Wozu dann meine Bemühungen? Das war ja alles mit Schweiß und Geld verbunden. Sogar mein Bierbauch ist weg und ich schau aus wie ein Preuße in Lederhosen. Aber mit Muskeln.

Ich habe mein Schlösschen nicht geerbt oder erheiratet. Es ist mein Lebenswerk. Das ist etwas ganz anderes, als ein Verlagshaus aus dem vorigen Jahrhundert.

Nein, also weg mit diesen Zweifeln. Herr Schäff kommt mit seiner Kampagne jetzt zwar in die (vorwiegend eigene) Zeitung und wird bald vergessen sein. Aber ich werde den Weg in die Ewigkeit antreten. Dank Google Street View.

Welch ein Gefühl, dem Vergessen entronnen zu sein und in der Google-Datenbank eine ewige Datenexistenz mit Schloss und Bizeps und allem anderen zu führen. Tod war gestern.

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