Dienstag, 9. März 2010

Kontrast

" ... - unter anderem gab es Berliner Eisbein mit Flusskrebsen und Kaviar." Das hab ich in der Zeitung gelesen, morgens um 4.30 Uhr. Journalistenhundertschaften haben das serviert bekommen, um für die Jahrespressekonferenz des Unternehmens gestärkt zu sein. Dann fuhr ich los auf meinem Flohmarktdrahtesel, hinaus ins fahle Licht der Mondsichel, durch die schneidige Kälte eines immerwährenden Winters.

Brotzeit. Ein belegtes Brötchen, reichlich Obst. Meine Frau hat es mir wie immer liebevoll eingepackt. Dazu eine ZEIT-Seite über Margot Käßmann. Neben mir sinken die Köpfe allmählich auf die ausgebreiteten Zeitungen. BILD-Kopfkissen.

Intranet. Jahrespressekonferenz live. Der Chef spricht. Der Mann hat Charisma, keine Frage. Seine Botschaft an die Welt hat ganze fünf Silben: Wir-sind-die-Bes-ten. Eine Weile schaue ich zu, dann muss ich an meine Arbeit. Und ich schau mich um. Der Eine ist verbittert. Immer. Kaum ansprechbar. Mürrisch. Abweisend. Der Andere arbeitet, als würde die ganze Welt auf seine Werkstücke warten. Hast. Unkontrollierte Bewegungen. Schweißtropfen auf der Stirn. Ein Dritter schimpft über die Rumänen, die gar keine sind, noch nie welche waren. Ein Vierter schiebt Teil für Teil in einen Roboter. Wortlos. Minenlos. Teilnahmslos. Mein Blick schweift und schweift. Dort hat Einer einen hochroten Kopf. Der Meister steht hinter ihm und ... schaut zu, wie er sich quält, um die Anlage wieder zum Laufen zu bringen. So, ja so könnte es in einem Narrenhaus aussehen, blitzt es mir hinter der Stirn.

Dort die Glitzergesellschaft mit triumphalen Zahlen in der Wirtschaftskrise, mit Glanzprodukten, friedlich vereint im globalen Dorf, angetrieben von einem Sendungsbewusstsein namens Wachstum und nach "Berliner Eisbein mit Flusskrebsen und Kaviar" und jetzt auch nach einer "typisch bayerischen Weißen".


Und hier Sorgen um die Zukunft. Den Flexibilisierungsanforderungen kaum gewachsen nach einem langen Arbeitsleben in der gleichen Abteilung, die jetzt dem Zeitgeist zum Opfer fällt. Die Rationalisierung greift wie ein Krebsgeschwür um sich. Was passiert mit uns? Allen Betriebsvereinbarungen zum Trotz regiert die Angst um die Zukunft. Gelebter Arbeitsalltag in einem sich immer schneller drehenden Renditerausch. Werde ich an einem neuen Arbeitsplatz bestehen, mithalten können mit Jüngeren, vielleicht Rücksichtsloseren, herausgerissen aus meinem jahrzehntealten Rhythmus?

Ich schaue diesen Ängsten täglich ins Angesicht. Und ich sehe ihre Folgen, ihre verheerenden Folgen. Von Agression bis zu Zerknirschtheit ist alles dabei. Ob von den hunderten Journalisten nach so viel Berliner Eisbein, Flusskrebsen, Kaviar, Weißwürsten und Zahlen, Zahlen, Zahlen ein einziger, nur ein einziger sich auch Gedanken um die macht, die diese Glanzprodukte fertigen, ob dieser Glanz sie beglückt oder eher bedrückt?

Ich besteige meinen verrosteten Drahtesel - dieser Winter hat ihm gewaltig zugesetzt - und radle durch den immerwährenden Winter. In die andere Richtung. Vorbei an den vielen VIP-Autos und Journalisten-Bussen. Sie warten noch. Was nach der Pressekonferenz wohl auf den Tellern lag? Wem sind sie eigentlich ab sofort verpflichtet, diese Journalisten? Mir, dem Leser, oder dem Produkt, das ihnen die vollen Teller beschert hat?

Es ist auch mein Produkt, mein Leben, meine Liebe & mein Hass, auch mein Glanz, stark blendend, hinter dem Agression und Zerknirschtheit verschwinden. Zwiespältig sind die Gefühle, die mich  in den Abend begleiten und wohl auch hinein in die Nacht. Wie auch immer, aus ihr schöpfe ich die Kraft zum täglich neuen Polieren. Der Glanz. Dieser Glanz.

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