Freitag, 25. Juni 2010

Der Peppi hat dem Seppi erzählt

Der Peppi hat dem Seppi erzählt:

An meinem Arbeitsplatz sieht das so aus: Alle sind in einer Gewerkschaft, außer dem Karri, der ist in einer anderen Gewerkschaft. Unsere, die der Mehrheit, ist die größere und stärkere Gewerkschaft. Das kommt nicht von Ungefähr, denn wir zahlen 1% von unserem Lohn Gewerkschaftsbeitrag.

Der Karri hat es da schon etwas Besser. Er zahlt nur einen freien Beitrag oder so etwas Ähnliches. Das weiß ich nicht sicher, habe aber etwas gehört. Er, der Karri, ist aber ein guter Kollege und geht immer mit uns zum Warnstreiken und Streiken. Und er sagt auch nicht nein, wenn wir alle zusammen eine Lohnerhöhung erstreikt haben. Dass mit seiner Gewerkschaft noch nie jemand in diesem Haus einen Tarifvertrag ausgehandelt hat, stört ihn nicht. Fremde Federn sind auch Federn und fremde Eier schmecken auch gut.

Warum das so ist, das liegt am Grundsatz der Tarifeinheit. Dieser Grundsatz besagt nämlich, dass in jedem Betrieb grundsätzlich nur ein Tarifvertrag gelten darf.

Ist doch klar, dass so etwas wie jetzt  mal passieren musste, sagt doch schon das Wort "grundsätzlich" aus, dass etwas auch anders sein kann. Das hat die Herren Richter vom Zehnten Senat des Erfurter Bundesgerichts zum Handeln veranlasst.

Ab sofort darf dem Karri seine Gewerkschaft für ihn einen anderen Tarifvertrag aushandeln. So eine Art Extrawursttarifvertrag. Aber auch das ist klar: Wir bleiben trotzdem Kollegen. Kämpft seine Gewerkschaft für einen höheren Tarifabschluss als unsere, dann geh'n wir mit ihm, dem Karri, warnstreiken und streiken. ... Doch nur für einen wirklich höheren Lohn, denn wer will schon eine Lohnspirale nach unten. Das muss schon mal betont werden. Andersrum muss er schon allein streiken, der Karri mit seinen Gewerkschaftskumpels.

Und wehe, der Arbeitgeber sagt, gut, ihr verlangt so viel und ihr so viel, das geometrische Mittel ist so viel, also könnt ihr alle mit so viel zufrieden sein. Dann ist dem Karri seine Gewerkschaft schuld, denn unsere Gewerkschaft hat beim Fordern schon immer richtig hingeklotzt, während dem Karri seine in manchen Sparten regelrechtes Lohndumping fördert. Dann, ja dann ist es aus mit der Kollegialität, das sag ich dir. Dann soll der Karri sich seinen Lohn reinschieben, wo seine Haut ein Loch hat, und streiken kann er ab sofort allein, das Arschloch.

Das hat der Peppi dem Seppi erzählt.

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So oder in hunderten abgewandelten Varianten könnte die Tarifzukunft in deutschen Betrieben aussehen. Nein, verehrte Frau Heike Göbel von der FAZ, das wird dem "sozialpartnerschaftlichen Miteinander" nicht förderlich sein. Richter- und Journalistentheorien sind eins, gelebter Arbeitsalltag etwas ganz, ganz anderes.

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