Dienstag, 13. Juli 2010

Niemand will die Kultur

Nach der neuesten Gesetzeslage hat die Stadt Timişoara/Temeswar im rumänischen Banat 409 Angestellte zu viel. Bürgermeister Gheorghe Ciuhandu zieht die Alarmglocken für die Kulturinstitutionen der Stadt, ohne allerdings konkrete Rettungsvorschläge vorzulegen. So bleibt seine Stellungnahme nur ein armseliges Lippenbekenntnis: "Das Temeswarer Bürgermeisteramt hat in seiner Obhut das ungarische Theater, das deutsche Theater und die Philharmonie 'Banatul'. Sollten diese Personaleinsparungen in die Praxis umgesetzt werden, müssen diese drei Institutionen verschwinden. Temeswar erlaubt sich nicht, sie aufzulösen, denn Temeswar ist eine multikulturelle Stadt."

Sein Rettungsvorschlag ist ein luppenreiner Abschiebungsversuch. Der Kreisrat oder das Kulturministerium sollen die nötige Finanzierung der Kultureinrichtungen übernehmen. Der Vorsitzende des Kreisrates Timiş/Temesch hat bereits abgewunken. Auch seine Behörde müsse zirca 100 Stellen streichen, deklarierte Constantin Ostaficiuc.

Bleibt die Stadt, in der bereits 1871 ein Philharmonischer Verein gegründet wurde, in der Berühmtheiten wie Johannes Brahms, Joseph Joachim, Bruno Walter oder Johann Strauß (Sohn) musizierten und in der schon die Wiener Philharmoniker gastierten, ohne Philharmonie? Einfach unvorstellbar!

Vielleicht sollte man doch dem Volksmund vertrauen, der da sagt: Totgesagte leben länger. Das deutsche Theater in Temeswar kann davon ein Lied singen. Es wurde schon mal aufgelöst. In der Monographie "Temeschburg - Temeswar, Eine südosteuropäische Stadt im Zeitenwandel" heißt es: "Die feindliche Hetze der ungarischen Presse führte schließlich zum Erfolg. Der überspannte Nationalismus der Ungarn, der sich in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens schon durchgesetzt hatte, wir denken dabei an das Schulwesen, hatte wieder eine Lebensader unserer Kultur getroffen. Am 20. November 1898 beschlossen Bürgermeister Telbisz und die städtische Verwaltungskommission, daß in Zukunft nur noch ungarisch gespielt werden dürfe. [...] Eine Epoche von 150 Jahren deutscher Theatergeschichte in Südosteuropa war zu Ende."

Jetzt sind beide Minderheitentheater Temeswars von der rumänischen Sparwut - angefacht vom Internationalen Wehrungsfonds - bedroht. Vielleicht reichen sie sich ja in höchster Not die Hand.

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