Sonntag, 29. August 2010

Wenn das Volk vernünftiger ist als seine Regierung ...,

dann sieht das so aus, zumindest in Bayern: überfüllte Bierzelte, fröhliche Menschen, abends überwiegend Jugendliche, Singen, Schaukeln, Krüge hoch usw. - und das alles in einer nikotinfreien Luft.

video


Wer hätte das gedacht? Wer es nicht gedacht hat, ist gewiss: die Bayerische Staatsregierung. Vor einem Jahr (1. August 2009) hat sie das am 1. Januar 2008 eingeführte Rauchverbot in allen öffentlichen Räumen, Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, Hochschulen, Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, den Flughäfen und Spielbanken sowie in der gesamten Gastronomie weitgehend gelockert, aber insbesondere für die Gastronomie. Die Marschrichtung der regierenden Parteien in Bayern (CSU & FDP) war klar: Wählerklientel geht vor die Gesundheit des Volkes. Ein Volksentscheid musste die in den Wolken schwebenden Politiker zurück auf die Erde bringen. Und sie werden nicht schlecht staunen, die weltfremden schwarzen und gelben Herren aus der bayerischen Regierung, wenn sie jetzt in ihrem schönen Bayernland plötzlich in nikotinwolkenfreien Bierzelten ihre Mass trinken können.

Die einzigen Nebelschwaden kommen jetzt noch aus den Nebelwerfern der Bierzeltkapellen, wie hier auf dem Barthelmarkt in Oberstimm, wo die Band OH LA LA (Video oben) den Gästen im Herrnbräu-Festzelt gestern bereits um 19:30 Uhr so richtig einheizte. 200.000 Menschen werden auch heuer (27. August - 30. August) wieder auf einem der größten und ältesten Volksfeste Bayerns erwartet. Übrigens, wer es noch nicht wissen sollte, Oberstimm liegt unweit der Autobahn A9, zwischen Manching und Ingolstadt.

Die nikotinfreie Luft ist vor allem auch für die Musikkapellen ein wahrer Segen. Es gibt noch Gruppen, die abendfüllende Bierzeltshows mit einer Bläsergruppe abziehen. Wenn man diese MusikerInnen bei der Arbeit sieht, kann man über ihre Professionalität nur staunen. Diese Menschen erbringen physische und künstlerische Hochleistungen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit  nur stellvertretend für viele andere Bands hier die ESLARNER SHOWBAND erwähnen. Laut Festzeltprogramm spielt diese Kapelle auf dem Barthelmarkt ca. 29 Stunden. Wenn man den Bierzeltrummel um sich mal ausblendet - wer es eben kann - und diese "Bierzeltmusikanten" bei der Arbeit betrachtet, der wird sich schnell von der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre "Bierzeltmusik" unters vorwiegend junge Volk bringen, überzeugen können.

Wo dynamische Interpretationen schon vom Genre her und vor allem stimmungsmäßig gar nicht möglich und auch nicht besonders sinnvoll sind, dort haben vor allem virtuose und solistische Stellen in den Stücken einen bedeutenden Stellenwert. Ganz zu schweigen von dem technischen Aufwand, der heute betrieben wird, um dem Shownimbus gerecht zu werden. Der ESLARNER-Schlagzeuger muss schon fast schwindelfrei sein. Dort oben tut ihm eine reine Bierzeltluft bestimmt besser als eine nikotingeschwängerte Wolke. Seine Vitalität lässt das zumindest vermuten und das bayerische Trachtenjungvolk weiß es, ihm zu danken.

So angenehm können Bierzelte sein, wenn das Volk vernünftiger ist, als seine Regierung. Horst Seehofer, Bayerns Ministerpräsident, wohnt nur wenige Kilometer Luftlinie vom Barthelmarkt entfernt. Als Nichtraucher wird er mit Genugtuung oder auch Neid ob der Weisheit seines Volkes feststellen können, dass das bayerische Rauchverbot der Stimmung in den Festzelten in keiner, aber wirklich gar keiner Weise abträglich ist.

video
(Videos: Anton Potche)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen