Sonntag, 24. Oktober 2010

2. Musikantentreffen der Kaszner-Kapelle - DVD 1/2

Ich war heute Morgen in der Kirche. Nach langer, langer Zeit. Als zweifelnder praktizierender Christ ist das bei mir kein Wunder. Und doch grenzt es an ein Wunder: meine Gänsehaut, meine Freude, meine Erinnerungen. Ich war nämlich in der Jahrmarkter Kirche, beim Kirchweihfest-Hochamt anlässlich des 2. Musikantentreffens der Kaszner-Kapelle an Pfingsten diesen Jahres. Eine der zwei jetzt verfügbaren DVDs von diesem Treffen machten ihn möglich: meinen Sonntagmorgenkirchenbesuch in der katholischen Pfarrkirche zu Jahrmarkt. Dass dieses Hochamt vor heute genau fünf Monaten zelebriert wurde, wird von der Technik auf wunderbare Weise relativiert. Die Zeit scheint sich heute ihrer Irreversibilität nicht mehr sicher zu sein.

Das Vorspannbild der Scheibe deutet auf zwei Kapitel hin: Film und Fotos. Man kann die DVD natürlich auch einfach durchlaufen lassen und bekommt dann den Film und anschließend die Fotos präsentiert. Das ist besonders für ältere Herrschaften wie mich, die sich immer wieder die Ohren mit dieser Fernseh-Video-DVD-Computer-Technik fangen, von stressvermeidendem Vorteil.

Die Kamera schwenkt aus dem blauen Himmel, über das Kreuz, die Kuppel, den Glockenturm in die Kirche. Und die ist vollbesetzt. Die Glocken läuten. Strahlende Trompeten werden von einer klangmüden Orgel begleitet. Erstere stehen im bundesdeutschen Rampenlicht (Franz Tröster - Helmut Kassner), während Letztere (heute liebkost von Robert Bajkai) kaum noch von banatschwäbischen Organistenhänden berührt wird. Dumea Bonaventura, Pfarrer in Biled, Máthé Lajos, Pfarrer von Dumbrăviţa und gleichzeitig seelsorgerischer Betreuer der Filiale Giarmata/Jahrmarkt, sowie Diakon Dr. Radu Thuma, der aus Reutlingen angereist ist, zelebrieren den Festgottedienst. "Herzlich willkommen zu Hause", sagt Pfarrer Bonaventura und eröffnet eine Messe mit Lesungen und Gebeten in drei Sprachen: Rumänisch, Ungarisch, Deutsch. Die deutschen Antworten aus dem Kirchenschiff auf die Vorgebete der Priester sind an diesem Tag die kräftigsten und im Alleluja vereinigen sich dann alle drei Sprachen.

Pfarrer Bonaventura findet es schon bemerkenswert, dass an diesem Pfingstfest so viele ehemalige Jahrmarkter an der "Wallfahrt zur alten Heimatkirche" teilnehmen. Er war selbst Seelsorger in den Jahren 1966 - 1968 und 1986 - 1988 in Jahrmarkt und hat die Dorfbewohner von damals noch als "fröhliche, muntere Menschen" in Erinnerung. Er schildert ein reges Kirchenleben mit langen Kirchweih- und Begräbniszügen. Dass der damalige Pfarrer Sebastian Kräuter mit "Gelobt sei Jesus Christus" auf der Straße begrüßt wurde, worauf er mit "In Ewigkeit, Amen" antwortete, hat den Prediger von heute damals sehr beeindruckt. Aber auch die Gegenwart hallt in dieser Predigt wieder. Der heutige Pfarrer von Biled thematisiert die Vielsprachigkeit in den römisch-katholischen Gottesdiensten und will es nicht lassen, Herta Müller der Schlechtmachung katholischer Priester aus dem Banat zu bezichtigen. So findet auch die große Literatur Einzug in diesen Gottesdienst.

Ein gemischter Chor, unterstüzt von einem Bläserquartett, bildet den musikalischen Rahmen, und das in bemerkenswerter Qualität. Spätestens als sich "Die Glocken der Heimat" von der Empore in die Gemüter der Altjahrmarkter senken, trocknen Taschentücher so manche Träne und die Kirchenglocken tragen die Botschaft von einem emotionalen Gottesdienst über Dorf und Flur.

Der Schluss dieser Messe ist einem Übergang zum weltlichen Teil des Festes vorbehalten - mit einem wahrlich besonderen Gespür für eine würdevolle Besinnung auf diesen Kirchweih-Musikantentag. Und damit wären wir wieder bei der Literatur, der kleineren, der Heimatliteratur, die den Anwesenden aber zumindest an diesem Tag näher als die Nobelpreisliteratur sein dürfte. Vanessa Streitmatter (13) rezitiert  Marianne Ebners Gedicht Mei Heimat - mit einem kleinen dichterischen Kunstgriff versehen. (Was Musikarrangeuren erlaubt ist, muss auch Rezitatoren gestattet sein, ganz zu schweigen von modernem Regietheater.) Wo es bei der Heimatdichterin heißt, dort is mei Heimat, es Banat, rezitiert die Gymnasiastin in echtem Jahrmarkter Dialekt mit leicht oberbayerischem Einschlag: dort is eier Heimat, es Banat. Wie wahr!

Berthold Ebner, der Mann mit dieser verrückten, von vielen als unrealisierbar empfundenen Idee dieses Kirchweih-Musikantentreffens in der alten Heimat - ich zähle mich zu ihnen -, hält anschließend eine viel beachtete Ansprache. Er stellt fest, dass "die Musik in Jahrmarkt und das Kirchweihfest Teile unserer damaligen Kultur waren" und hinterfragt in einem philosophisch angehauchten Diskurs die Folgen unserer Entfremdung von dieser Kultur. Der bewusst wahrgenommene Schwund "unserer damaligen Kultur" führt bei einigen dazu, dass man sich nostalgisch umsieht, zurückblickt und erkennt, wo die eigenen Wurzeln liegen. Ebner weiß und versteht aber auch, dass "viele unserer Zeitgenossen oder Landsleute anders denken" und weist Anschuldigungen zurück, diese Veranstaltung würde die ehemalige Dorfgemeinschaft erneut spalten.

Mit einem Gebet für Hans Kaszner sen. und alle verstorbenen Mitglieder der Kapelle sowie alle Toten auf den beiden Dorffriedhöfen findet der Gottesdienst seinen Abschluss. Vom Chor, wie die Jahrmarkter die Kirchenempore nennen, erklingt "Großer Gott wir loben dich".

Beeindruckt, tief berührt und dankbar lehne ich mich in meinem Fernsehsessel zurück. Da sage noch einer, ich wäre kein guter Christ. Ich war heute tatsächlich in der Kirche und das mit ehrlicher und nicht geheuchelter Anteilnahme am Geschehen vor dem Altar und im Kirchenschiff.

Für die zweite DVD vom 2. Musikantentreffen der Kaszner-Kapelle, die es doch gar nicht mehr gibt - so schön kann Esoterik sein -, stelle ich mir schon mal ein paar Flaschen Bier kühl.

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