Samstag, 16. Oktober 2010

Militärmusik im Bayerischen Armeemuseum zu Ingolstadt

"Militärmusik in der Dürnitz" kündigte der DONAUKURIER an. Zum Glück wurde weiter präzisiert: "am kommenden Freitag, 15. Oktober um 19 Uhr in der Dürnitz des Armeemuseums im Neuen Schloss". Also war mir der Ort vertraut, obwohl der neueste Duden - wahrscheinlich auch ältere Ausgaben - das Wort "Dürnitz" nicht mehr führt. Veraltet. Ein Wörterbuch von Dr. Lutz Mackensen aus dem Jahre 1977 half mir auf die Sprünge: der Dürnitz ist der Wohnbau der Burg. Zum Unterschied der Konzertankündigung im DONAUKURIER ist Dürnitz hier männlich. Was wären wir ohne Wikipedia? Also: Die Dürnitz (von slawisch dorniza „beheizbare Stube“), auch Dirnitz oder Türnitz genannt, ist der heizbare Bereich einer mittelalterlichen Burganlage, der meist einen einzigen großen Raum im Erdgeschoss des Palas umfasste. Oft war dieser aufwändig ausgestattet und besaß ein dekoratives Gewölbe. Gelegentlich wird auch die Kemenate oder ein ganzer Saalbau damit bezeichnet."

Die Definition und Geschichte der Militärmusik ist um nichts einfacher als der Raum, in dem sie an dieserm Abend erklungen ist. Ein "Jahrbuch der Tonkunst für Wien und Prag" aus dem Jahre 1796 verkündet: Die Militärmusik ist entweder die gewöhnliche Feldmusik, oder die türkische Musik. Die Feldmusik, die sogenannte Harmonie, welche man auch Bande nennt, besteht aus zwei Waldhörnern, zwei Fagotten und zwei Oboen; diese Instrumente kommen auch bei der türkischen Musik vor, wozu aber noch zwei Klarinetten, eine Trompete, eine Triangel, eine Oktavflöte und eine sehr große Trommel und ein Paar Cinellen gehören. Beim Aufziehen der Burgwache und der Hauptwache hört man die Feldmusik. Die türkische Musik wird in den Sommermonaten abends bei schönem Wetter vor den Kasernen, bisweilen auch vor der Hauptwache gegeben. Das sämtliche Offizierskorps erhält das zur türkischen Musik gehörige Personale.

Heute wissen wir, dass die Militärmusik und in ihrem Schlepptau die Blasmusik im Allgemeinen aus der Verschmelzung der Feldmusik mit der türkischen Musik hervorgegangen ist. Bereits die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts sollte zu einer Blütezeit der Militärkapellen in Europa führen. 1885 einigte man sich beim Kammerton a' auf die Höhe von 442 Hz. Nur die Österreicher kaprizierten sich auf ihre um einen halben Ton höhere "Wiener Stimmung". In altösterreichischen Enklaven wie etwa im Banat (heute großteils Rumänien) hielt sich diese Stimmung bis weit ins 20. Jahrhundert. Irgendwann versuchte man die alten Instrumente mit verlängerten Mundstückrohren oder Hauptzügen an die neuen Instrumente, mit der sogenannten "Pariser Stimmung", anzupassen. Das Resultat war für empfindliche Ohren oft recht schmerzlich.

Nicht ganz so schlimm war es beim Konzert der Zandter Blasmusik unter der Leitung von Franz Zäch in der Dürnitz des Neuem Schlosses zu Ingolstadt - obwohl auch hier eine Es-Klarinette als unverzichtbares Holzinstrument der Militärmusik ihr mehr oder weniger gelungenes Unwesen trieb. Vom musikalischen Wettstreit bis zum Zapfenstreich - Konzert mit Kompositionen bayerischer, preußischer und württembergischer Musikmeister lautete die Überschrift des Programmzettels. Das Publikum hatte an diesem Abend zwar keine Militärkapelle - die heutzutage ausnahmsweise mit Profis besetzt sind - vor sich, sondern eine bestens disponierte Amateurkapelle (bestückt mit einigen Musiklehrern), die sich ihrem kulturellen Auftrag voll bewusst war.

Um die Botschaft dieser Musik einem Publikum informativ zu vermitteln, braucht ein solches Konzert unbedingt einen Moderator. Das wollte Edmund J. Hausfelder aber anscheinend nicht sein, denn das Programm kündete ihn lediglich als Überbringer "verbindender Worte" an. Dies wiederum gelang ihm recht gut. Wir hatten es eben nicht mit Komponisten wie Wagner, Brahms, Liszt, Rossini, Verdi, Rimski-Korsakov u. a. zu tun, die sich nachweisbar alle um "die Blasorchester-Bearbeitung ihrer Werke durch Militärkapellmeister bemühten" (Wolfgang und Armin Suppan: Das Neue Lexikon des Blasmusikwesens, Blasmusikverlag Schulz GmbH, Freiburg-Tiegen, 1994) und deren Lebensläufe und Werke im Großen und Ganzen bekannt sind.

Vielmehr ging es an diesem Abend um Komponisten wie Christian Kolb (1826 - 1871), Gottfried Piefke (1815 - 1884), Peter Betz (1868 - 1945), Carl Ludwig Unrath (1818 - 1908), Carl Carl (1830 - 1898), Peter Streck (1797 - 1864), Adolf Scherzer (1815 - 1864), Rudolf Kropp (1858 - 1933), Georg Fürst (1870 - 1936), Max Högg (1854 -1933) und Kaspar Aiblinger (1779 - 1867), um deren Gunst sich obige bekannte Klassikgrößen zwecks Popularisierung ihrer Musik bemühten. Die Biographien dieser Musikmeister entbehren wahrlich nicht der Spannung und lassen Raum für so manche Anekdote.

Die Militärmusik ist eindeutig ein selbstständiges Musikgenre, das es verdient, gepflegt zu werden. Es gibt einen Verein, der sich um die Förderung dieser Musik (auch außerhalb der Bundeswehr) kümmert. Leider ist er auf dem Konzertprogramm nicht vermerkt, wurde aber von Edmund J. Hausfelder in seinem Dank an alle, die diesen interessanten, unterhaltsamen und vor allem lehrreichen Konzertabend ermöglicht haben erwähnt.

Mit dem Einzugsmarsch von Christian Kolb (Video) wurde das Programm eröffnet und mit dem Bayerischen Zapfenstreich nach den Dienstvorschriften von 1822/23 beendet. Das dankbare Publikum erklatschte sich noch eine Zugabe. Das Schicksal der Dürnitz hat anscheinend die Militärmusik noch nicht ereilt: Sie ist noch nicht veraltet.

video

(Foto & Video: Anton Potche)

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