Samstag, 11. Juni 2011

Sie vertragen sich eigentlich recht gut

Die Posaune und die Orgel. Auch wenn das Stück nur von einem Amateur stammt: Sonate g-Moll für Posaune und Orgel, komponiert von einem Advokat und Ratsherr in Venedig und Brescia. Benedetto Marcello (1686 – 1739) war allerdings ein Ausnahmeamateur, sonst würde er nicht heute noch in den Konzerprogrammen auftauchen. Die Familie Marcello hatte die Musik im Blut. Auch Benedettos Bruder Alessandro (1685 – 1750) komponierte erfolgreich.

Mauro Piazzi hat das Stück im Rahmen der OrgelMatinee um Zwölf in der Ingolstädter Asamkirche Maria de Victoria gespielt. Begleitet wurde er an der Orgel von Alessandro Bianchi. Technisch nicht besonders anspruchvoll – mit Ausnahme weniger Stellen in den zwei Allegro-Sätzen -, kann die Posaune besonders ihren Tonumfang zur Geltung bringen. Aber dank der ihr schon immer immanenten Möglichkeit, Ganz- und Halbtöne zu spielen, fällt der Posaune besonders in solchen Instrumentalwerken auch die Aufgabe der Themengestaltung zu. Dass Mauro Piazzi als Solist in ganz Europa unterwegs ist, konnte man nach diesem ersten Stück dieses Konzerts vom 5. Juni 2011 nachvollziehen.

Diese Melodiezuständigkeit kommt besonders in instrumentalisierten Vokalstücken gut zum Tragen. Allerdings bleibt es dann reine Geschmackssache, ob ein Konzertbesucher mit den Variationen des Soloinstruments mehr oder weniger anfangen kann. So geschehen in Zwei Choräle mit Variation für Posaune und Orgel: Komm süßer Tod / Auf mein Herz von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750).

Natürlich haben Titanen wie Bach nicht nur komponiert und in einer musikalischen Selbstisolation gelebt. Sie lauschten auch hinaus in die Welt, waren offen für Strömungen und neue Ideen. Das von Alessandro Bianchi gespielte Concerto a-Moll BWV 593 nach dem Concerto a-Moll für zwei Violinen, Streicher und basso continuo op. 3/8 von Antonio Vivaldi ist wahrscheinlich das Resultat einer solch weltoffenen Einstellung Johann Sebastian Bachs. Von Allessandro Bianchi sagt man, er wäre „spezialisiert auf italienische Orgelmusik“ (Programheft) - was immer das auch bedeuten mag. Dass ihm Vivaldi nicht fremd ist und er alle Möglichkeiten der Orgel im Dienste seines Landsmannes ausschöpfen kann, machte er in diesem Konzert deutlich.

Es kommt bestimmt nicht oft vor, dass in einem Konzert gleich zwei Werke von nebenberuflichen Komponisten gespielt werden. Auch Jean Baptist François Loeillet (1653 – 1728) hat komponiert. Hauptberuflich verdiente er sich seinen Lebensunterhalt als Barbier und Wundarzt in Genf. In der Asamkirche zu Ingolstadt erklang jetzt seine Sonate As-Dur für Posaune und Orgel. Ein liebliches Stück, in dem die Posaune besonders im Cantabile und folgenden Largo ihr gefühlsbetontes Timbre anklingen ließ.

Was folgte, war eine angenehme Überraschung. Was man mit Beethoven so alles anstellen kann. Andreas Willscher (*1955), ein Kirchenmusiker aus Hamburg-Wandsbek, hat einen Cocert Rag mit Themen des Klassikers komponiert. Mein Beethoven, nennt er das Stück. Eine eigenwillige, aber nichtsdestotrotz interessante, immer wieder zum Schmunzeln anregende Geschichte. Und auch Alessandro Bianchi schien seine helle Freude an dieser Interpretation gehabt zu haben. Tja, was die ehrwürdige Orgel so alles kann! Sie ist und bleibt zwar ein Kircheninstrument, scheint aber zeitgemäß der Institution, der sie regelmäßig dient, weit voraus zu sein.



Zum Schluss erklang wieder die Posaune. Ev’ry time I feel the Spirit spielten die zwei Musiker auf der Empore, ein Spiritual in der Bearbeitung für Posaune und Orgel. Ein Klagelied. Das hat mich doch sehr an die rumänische Doina erinnert und vor allem, an die Gänsehaut, die ich immer bekam, wenn meine Banater Musikantenkollegen in der rumänischen Militärkapelle diese gemütsgeschwängerten Weisen anstimmten. Ev’ry time I feel the Spirit ist ein Klassiker jener afrikanischen Negro Spirituals, die durch ihre Tonbildung und Art der Phrasierung das Fundament des New Orleans Jazz bildeten, zusammen mit der abendländischen Melodik und Harmonik. Da schwingt doch schon viel Heimweh mit, ob afrikanisch, abendländisch oder osteuropäisch. Es hängt halt viel vom jeweiligen Konzertbesucher ab.

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