Donnerstag, 14. Juli 2011

Adam Müller-Guttenbrunn des Antisemitismus bezichtigt

Der „Erzschwabe“ Adam Müller-Guttenbrunn (1852 - 1923) trug dieses Prädikat nur für uns Banater Schwaben. Anders gesagt, nur wir sahen in ihm den „Erzschwaben“. An seinen Wirkungsstätten in Wien war er natürlich „nur“ der Feuilletonist, Schriftsteller, Dramaturg, Theaterdirektor oder Politiker. Als solcher war er eine Person des öffentlichen Lebens und so Lob und Tadel gnadenlos ausgesetzt.

 Dass er es als Theaterdirektor nicht einfach hatte, kann man zum Beispiel einer Leserbriefantwort entnehmen, die Karl Kraus (1874 – 1936) in seiner FACKEL, Jg. I, Nr. 27 einem „Vorstädter“ auf Seite 30 gab. „Wie das mit dem Jubiläumstheater und der Wiener Presse ist? Vielleicht habe ich noch mancherlei darüber zu sagen. So viel für heute: Dies »Parteitheater« hat bisher nicht ein Hundertstel von dem erfüllt, was — die Stücke eines Herrn Buchbinder für den Antisemitismus leisten. Das Repertoire-Inserat in der Weihnachtsnummer der ‚Neuen Freien Presse‘ war gewiss auffallend. Das Blatt hatte sich aus natürlicher Abneigung gegen die Absichten und das Programm des Theaters bisher geweigert, das Repertoire wie das der anderen, »liberalen« Theater gratis abzudrucken. Herr Müller-Guttenbrunn fand lange Zeit kein Mittel, den Widerstand zu brechen. Endlich verfiel er auf das nächstliegende: er zahlte. Auch den Annoncen von Köchinnen, die nur zu christlichen Herrschaften kommen wollen, auch Reclamen für Seebäder, die nur christliche Curgäste aufnehmen, war die tolerante Administration des Blattes bisher nicht unzugänglich. Nun hat sich das Jubiläumstheater auf kurzem Wege »Beachtung« verschafft. Bei größeren Insertionsaufträgen erfolgt lobende Erwähnung im »Hauptblatt«. Das möge Herr Müller-Guttenbrunn bedenken, wenn er endlich auch ein günstiges Urtheil über sein Theater erreichen will. Die Antisemiten kennen nun den Weg, die ‚Neue Freie Presse‘ für sich zu gewinnen. Wer vom Rathhaus in die Fichtegasse gelangen will, muss die Wollzeile passieren.“

Auweh! Antisemitismus. Das ist ein hartes Urteil. Wir sind erst im Dezember 1899, dem ersten Jahr der FACKEL. Da sind die Nationalsozialisten noch nicht einmal am Horizont erspähbar. Adam Müller-Guttenbrunn ist seit 1898 Direktor des Kaiser Jubiläums-Stadttheaters in Wien. Zwei Jahre zuvor war er als Direktor des Raimund-Theaters, übrigens der erste in der Geschichte dieses Hauses, suspendiert worden. Seine Vorstellungen von einer deutschen volkstümlichen Nationalbühne formulierte er mal so: „Ich schrieb das Wort Deutsch nicht auf meine Fahne, aber ich trug es im Herzen, ich gab kein Losungswort aus gegen die Bühnenwerke anderer Völker, aber ich war tief durchdrungen, daß ich sie werde entbehren können.“ 

 Das ist natürlich weit von einem Antisemitismus, wie auch immer geartet, entfernt. Sollte der sprachgewaltige Gesellschafts- und Kulturanalytiker Karl Kraus nicht gewusst haben, dass Menschen, die von den geographischen Rändern eines Vielvölkerstaates kommen, aber dem Zentrumsvolk angehören, ein viel stärkeres Nationalitätengefühl, quasi als Selbsterhaltungstrieb, entwickeln – wo doch auch er selber von einem dieser Ränder stammt? Oder geriet hier Adam Müller-Guttenbrunn in die Scharmützelgefechte, die Kraus dauernd mit Teilen der Wiener Presse führte? Klar ist, dass der Wiener Publizist mit seinen Gegnern alles andere als zimperlich umging.

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