Mittwoch, 7. Dezember 2011

Saßen Securitatespitzel auch bei der Springer-Presse?

Das behauptet auf jeden Fall Neculai Constantin Munteanu in einem Artikel auf der Website des Radiosenders Europa Liberă (Freies Europa). Der Enthüllungstext ist auch  auf der Website der rumänischen Zeitschrift REVISTA 22 erschienen. Vielleicht wäre es bei dem Material angebrachter über Charakterisierungen zu reden oder auch über Abrechnungen mit ehemaligen Verrätern, als über einen wissenschaftlichen Text, wie ihn Historiker, realitätsnah und mit je weniger Pathos, verfassen würden.

Verständlich wäre es, denn der 1941 geborene rumänische Journalist war in Ceauşescus Rumänien berühmt berüchtigt für seine aus dem Münchner Studio von Radio Freies Europa übertragene Sendung Actualitatea românească (Rumänische Aktualität). Millionen Rumänen haben ihm täglich geheim zugehört. Umso verhasster war der 1977 aus Rumänien emigrierte Dissident beim Regime des Diktators. Dass er jetzt immer wieder Material in den zur Einsicht freigegebenen Securitateakten findet, das ihm das (volle?) Ausmaß der Bespitzelung und auch die Akteure von damals vor Augen führt, ist also nicht verwunderlich.

Top 5 die widerlichsten Informanten überschreibt N. C. Munteanu seinen Artikel. Zu den fünf zählt er auch einen gewissen Ivan Deneş. Der Mann hat nachweislich 51 Jahre lang für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet. Da werden so manche bekanntgewordenen rumäniendeutschen Spitzel mit ihren armseligen Mitarbeiterjährchen vor Neid erblassen. Vier Sprachen soll er gesprochen haben: Deutsch, Englisch, Ungarisch und Französisch.

Ivan Deneş ist 1971 nach Israel emigriert. Dass er dort für die Securitate unter dem Cod „GX-36” tätig war, ist erst jetzt aus den Akten ersichtlich geworden, genauso wie seine Spitzeltätigkeit in Deutschland. Hier hat er es als „Kraus” und „Konrad” zu trauriger Berühmtheit gebracht – post mortem, denn er ist „geldgierig, frauensüchtig und als Alkoholiker” gestorben. Nur massive Proteste von Exilrumänen hatten eine Einstellung des rumänischen Geheimdienstinformanten beim Radio Freies Europa in München verhindert. Fast wäre es der Securitate gelungen, einen ihrer Spitzel in die rumänische Abteilung des amerikanischen Senders als festen Mitarbeiter einzuschleusen.

Umso erstaunlicher ist es, dass dieser Mann vor seinem Probeeinsatz in München und besonders danach beim Axel Springer Verlag als Journalist arbeitete, ohne Verdacht zu erwecken. Schließlich lebte man ja in Europa in einem Zustand des Kalten Krieges. Dass der Spitzel bei seinen häufigen Kontakten mit rumänischen Gewährsleuten in „Bukarest und anderen europäischen Städten” nichts über den Springer Verlag erzählt hat, ist unwahrscheinlich, zumal N. C. Munteanu sich heute noch besonders über das doppelte Gesicht dieses Spitzels aufregt. Der hätte von Freies Europa Geld für Informationen aus Bukarest kassiert und ebenso von den Rumänen Geld für Informationen über den Sender und besonders die Mitarbeiter aus München.

Blauäugig schienen in jener Zeit viele zu sein. Und das hat es Ivan Deneş ermöglicht „sich in seinen glorreichen Träumen als ein Richard Sorge des Kalten Krieges zu sehen”, schimpft Neculai Constantin Munteanu.

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