Montag, 19. März 2012

Begegnung mit einem Ingolstädter

Er ist's
Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.—
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab' ich vernommen!

Eduard Mörike


Musik in der Natur ist immer eine Steigerung gegenüber einem Musikerlebnis im Konzertsaal oder auf der Kleinkunstbühne. Die Vögel singen mit und der Strom rauscht dazu. Sein Dahingleiten passt sich jedem Rhythmus an. Eduard Mörike muss es vor 184 Jahren so ähnlich empfunden haben, wenn auch nicht unbedingt an einem Flusslauf.

Wir waren unterwegs in den Donauauen an diesem ersten warmen Sonntag kurz vor Frühlingsanfang. Ein neues Lebensgefühl wohin man auch sah. Hörst du das, sagte ich zu meiner Frau und hielt an. Das klingt, als würde Charly Böck mit seinen Leuten üben, vielleicht drüben am anderen Donauufer, meinte sie und stieg vom Fahrrad. Wir lauschten, hinein in die Auen mit ihren aus der Winterstarre erwachten Tönen des Lebens – und diesen Trommeltönen.

Und nicht nur wir. So mancher Fahrradfahrer wurde langsamer. Dann sah ich ihn. Die Bäume sind noch blattlos. Und ich stieg hinab vom Damm... und staunte nicht schlecht. Ein junger Mann, barfuß, mit Rastalocken, Sonnenbrille und Halskette und zwei Trommeln vor sich, die er mit den Handflächen inbrünstig bearbeitete. Als er mich sah, hielt er inne.

Wo bin ich, in Afrika oder im Herzen Bayerns? Mein Blick auf den Damm gab mir Sicherheit. Er ist der Fremde und ich der Einheimische. Ich stand vor einem unsicheren Menschen und begann sofort freundlich auf ihn einzureden. Er hatte die Wirkung seines Trommelspiels unterschätzt. Nicht er, sondern ich müsse mich wegen dieser Störung entschuldigen, gab ich ihm zu verstehen. Und er verstand lächelnd, denn er sprach ein gutes Deutsch.

In Angola erblickte er das Licht der Welt. Sein portugiesischer Vater zog mit der Familie nach Portugal. Da war er, nennen wir ihn Michi, da er seinen Namen nicht veröffentlicht wissen will, gerade mal fünf Jahre alt. Als 23-Jähriger kam er zum Arbeiten nach Deutschland. Vor wenigen Jahren belegte er noch einen Spitzenplatz beim Ingolstädter Halbmarathon. Jetzt plagen ihn die Bandscheiben und er versucht, mit Trommeln seinem gestressten Körper auf die Beine zu helfen. Jembe nennt man die zwei kleinen Kesseltrommeln, erzählt er mir. Ob das Musik aus seiner Heimat Angola sei, fragte ich ihn. Nein, er habe sich das während eines Urlaubs in Gambia angeeignet.

Ich stieg zurück auf den Damm und dachte auf der Heimfahrt an die Georgier mit ihrer wunderbaren Kammermusik, die Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben mit ihrer Blasmusik, an den Armenier Vardan Mamikonian (Pianist) und, und... und eben auch an Michi mit seinem naturverbundenen Jembespiel. Sie alle sind Ingolstädter. Von wegen Fremder und Einheimischer. Das sind in einer globalen Welt sowieso verschwindende Kategorien.

video

Wo ordnest du dieses Video ein, fragte ich mich zu Hause. Passt es in den Ordner „Musik“? Nein, lieber in den Ordner „Natur“. Ja, dieser Platz wird ihm gerechter, dem Video und auch seinem Protagonisten. Auch Mörike hat trotz eines fernen Harfentons ein Frühlings- und kein Musikgedicht geschrieben. Wie auch immer, die Wirkung von Harfen- und Jembetönen bleibt über die Jahrhunderte gleich, wenn diese unerwartet in unverfälschter Natur erklingen. Sie können Menschenherzen im ersten Frühlingszauber beglücken. Danke Michi.


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