Freitag, 8. Juni 2012

Musik am Pfingstmontag (2)


Gleicher Ort, gleiche Zeit, gleicher Anlass. Doch ging es diesmal viel gesitteter zu. Der Reiseschriftsteller Josef Hofmiller wäre von jedem „ketzerischen Einfall“ verschont geblieben. Die Kirche Maria de Victoria war zu dieser OrgelMatinee am Pfingstmontag im Jahre des Herrn 2012 nicht überfüllt. Aber gut gefüllt. Und es gab zum Unterschied vom Vortag nichts zu sehen, nur zu hören.

Das allerdings war den Weg zu dieser Kirche in der Ingolstädter Innenstadt wert. Johann Ludwig Krebs (1713 – 1780) stand auf dem Programm. Seine Fantasia und Fuga F-Dur sprüht nicht unbedingt vor Lebensfreude. Die Jann-Orgel unter den Händen und Füßen von Christian Ledl verströmte eine eher düstere Atmosphäre. Nicht dass diese Musik traurig stimmen würde, aber irgendwie gemahnend zu Besinnlichkeit, vielleicht sogar ein wenig Demut. Der erfahrene Musiker ist Organist und Chorleiter an der St. Moritzkirche, der einzigen Kirche in Ingolstadt bis zur Fertigstellung der „Oberen Pfarr“ – gemeint ist das Liebfrauenmünster -, von deren „übermächtigen Eindrücken“ unser Schriftsteller sich im „Betsaal der Maria Viktoria“ erholen musste. (Musik am Pfingstsonntag).

Francesco Manfredini (1684 – 1762) – Concerto D-Dur für zwei Trompeten und Orgel hatte sofort eine andere Strahlkraft. Im Zusammenspiel zeigt sich erst die Professionalität eines Musikers. Das Zuhören und Gewähren des Vortritts wenn nötig, gehören zu den Grundvoraussetzungen eines gelungenen Vortrages. Christian Ledl begleitete die zwei Trompeter mit der nötigen Zurückhaltung, aber ohne dem Part der Orgel das königliche Selbstbewusstsein zu nehmen. Hans-Paul Fuss, Lehrer an der Städtischen Musikschule Rottenburg an der Laaber, und sein Sohn Christian Fuss, Student im Fach Trompete an der Musikhochschule München, spielten die zwei Allegro-Sätze sicher und entsprechend virtuos. Der Lento-Mittelsatz ist nicht mit Trompete besetzt. Ungewöhnlich für ein Trompetenkonzert. Sollte es etwa damit zu tun haben, dass Francesco Manfredinis Vater Posaunist war, also etwas vom Ansatz bei Blechblasinstrumenten verstand?

Das dritte Stück der Matinee war wieder der Orgel vorbehalten. Und wieder hieß der Komponist Johann Ludwig Krebs. Dass dieser Krebs einer der Lieblingsschüler Johann Sebastian Bachs war, hört man seiner Musik natürlich an. Das Trio C-Dur ist aber eher ein lieblicher Melodienreigen. Diese universale Klangfülle bachscher Musikwelt, die manchmal auch ermüdend wirken kann, ist hier nicht eingeflossen. Der Heilige Geist liebt nun mal die kreative Freiheit. Dank gebührt sowohl Komponist als auch Organist für ein wunderschönes kleines Musikstück.

Als nächstes folgte Vivaldissimo für zwei Trompeten und Orgel. Eine anspruchsvolle Geschichte, die der viel gespielte Komponist Enjott Schneider (*1950) da geschrieben hat. Die Trompeten schienen sich gegenseitig anzutreiben, regelrecht zu jagen, den Berg hinauf, in steile Höhen, wo die Luft eng wird. Aber Vater und Sohn haben es schließlich geschafft. Auch mit der fachlich sehr soliden Unterstützung der Orgel.

Der letzte Programmpunkt dieser Pfingstmontagsmatinee stellte unter Beweis, dass, erstens, gute klassische Musik nicht nur von Koryphäen komponiert werden kann, sondern auch von Amateuren und dass, zweitens, Viersatz-Stücke nicht unbedingt lang sein müssen. Von 1653 bis 1728 lebte ein Mann namens Jean-Baptiste Loeillet, der angeblich im Laufe seines Lebens in Genf Barbier, Wundarzt und sogar Hellebardier gewesen sein soll. Gewiss ist das aber nicht, sowie nichts sicher in der Biographie dieses Menschen ist, nicht einmal seine Geburts- und Sterbedaten. Und schon längst nicht seine zahlreiche Nachkommenschaft. Vielleicht hatte der gute Mann von Musik gar keine Ahnung und die ihm zugeschriebenen Werke stammen von einem oder auch mehreren seiner Nachkommen. Wie auch immer, was unter dem Namen Jean-Baptiste Loeillet existiert, hat musikalische Qualität, sonst hätte es nicht bis in unsere Tage überlebt. Deutlicher sind die musikalischen Werdegänge der drei Protagonisten in der OrgelMatinee um Zwölf – nachzulesen im Programmheft. Und deutlich klang auch die Musik des schleierhaften Franzosen oder Wallonen aus dem  17./18 Jahrhundert. Sein (oder auch nicht sein) Concerto D-Dur für zwei Trompeten und Orgel ist trotz seiner Kürze ein anspruchsvolles Werk. Die klassische Form langsam – schnell – langsam – schnell verlangt natürlich besonders den Trompetern einiges ab. Aber die Erfahrung des Älteren – Hans-Paul Fuss war im Alter seines Sohnes Solotrompeter an der Staatsphilharmonie im siebenbürgischen Hermannstadt – gepaart mit dem Elan und der Virtuosität des Jüngeren ließen dieses Werk zum Höhepunkt der Matinee am Pfingstmontag werden. 


Es ist ein Glücksfall für eine Stadt, eine solche Einrichtung wie die Orgelmatinee um Zwölf am Leben erhalten zu können. (Die Konzerte sind kostenlos.) Und das schon seit 1990. Besonders für junge Künstler ist sie eine hervorragende Bühne, eine große Chance, Erfahrung für den hierzulande wegen dem hohen Niveau sehr schwierigen Beruf des Berufsmusikers zu sammeln. Christian Ledl ist im Raum Ingolstadt ein bekannter Name. Christian Fuss ist auf dem besten Weg einer zu werden. Die Unterstützung seines erfahrenen Vaters, Hans-Paul Fuss, ist ihm sicher. Und Josef Hofmiller würde sich über 
diese Konstellation bestimmt freuen.
Anton Potche



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