Mittwoch, 29. August 2012

Saxophon & Orgel


Eigentlich war es nie meine Sache, Musik in ernste und unterhaltsame einzuordnen. U-Musik ohne Ernst gespielt ist nur schlechte Musik. Und E-Musik ohne Unterhaltungswert ist um nichts besser. Aber sie sind immer wieder anzutreffen, diese oberflächlichen Unterscheidungen zwischen E- und U-Musik, was natürlich nichts mit Genreunterschieden zu tun hat. Selbst die Instrumente werden oft nach E und U kategorisiert. Orgel ist natürlich ein E-Instrument. Das Saxophon aber? 

In einem fast 50 Jahre alten Musiklexikon heißt es: „Das von Adolphe Sax 1840 erfundene Blechblasinstrument mit komischem Rohr, weit ausladendem und gekicktem Trichter und einem Rohrblatt wie bei der Klarinette wurde zwar von Verdi, Bizet, R. Strauss u. a. beachtet, setzte sich aber erst durch den Jazz  allgemein durch.“ Nun kann Jazz zwar sehr unterhaltsam sein, wer ihm aber seine Ernsthaftigkeit abspricht, versteht nicht besonders viel von Musik und Instrumenten, schon gar nicht von Blasinstrumenten. Das Gleiche gilt für das Instrumentarium der verschiedenen Musikgattungen. Eine simple Trennung in E- und U-Instrumente ist unsinnig. Den besten Beweis dafür liefern Musikdarbietungen, bei denen Instrumente der beiden gekünstelten Kategorien aufeinandertreffen.

Das war kürzlich bei einem SonntagsMatinee-Konzert in der Ingolstädter Asam-Kirche Maria de Victoria wieder klar ersichtlich. Orgel & Saxophon. Welch geglückte Klangsymbiose. Dass dabei natürlich auch zwei hervorragende Musiker unabdingbar sind, versteht sich von selbst. Die ganze Widerlegung von E und U macht sowieso nur Sinn, wenn wir immer von guten und sehr guten Musikern sprechen, Profis wie Amateuren.

In diesem Konzert hießen die Protagonisten Marco Lo Muscio (Orgel) und Jürgen Bachmann (Saxophon). Der 1971 in Rom geborene Italiener ist ein sehr vielseitiger Musiker. Er spielt nicht nur Werke anderer Komponisten auf der Orgel und dem Klavier, sondern nimmt in seine Konzerte auch eigene Kompositionen auf. Als er mit seiner White Prelude einer Hommage á Boccacio das Konzert eröffnete, war das Klangvolumen beeindruckend. Wer um diese Mittagsstunde vielleicht noch etwas müde von einer zu langen Samstagnacht daherkam, war plötzlich präsent. Eine straffe Rhythmik und an wummernde Bässe – nur in der Frasierung viel klarer erlebbar - erinnernde Pedalvirtuosität prägten auch seine zweite Eigenkomposition, Red Pedal Solo. Die zwei Stücke seines Landsmannes Paolo Lazzeri (*1953), Toccata Rieger und Deep Gothic, sprechen eine Orgelsprache, die durch ein eigensinniges Ostinato nervend empfunden werden kann. Vielleicht sollte man in solchen Fällen bei den Wiederholungen eines Motivs mitzählen, so als handwerkliche Wahrnehmung eines Musikstückes. Aber wie gesagt, das ist alles nur möglich, wenn da oben ein Meister seines Instruments am Werke ist. Bei Marco Lo Muscio war das der Fall.

Der Absolvent mehrerer italienischer Musikakademien komponiert auch für andere Instrumente. Und wie! Seine Vocalise I für Saxophon und Orgel ist das genaue Gegenteil des bisher Gehörten. Weiche Klangstrukturen und liebliche, stellenweise tragische Melodien lassen in einem den Wunsch aufkommen, es würde nie enden. Dieser Saxophonton erklang nicht zum ersten Mal in dieser Kirche. Jürgen Bachmann ist kein Unbekannter in der Audi-Stadt. Bis diesen Sommer verantwortete er das Kulturengagements des Autokonzerns. Man schätzt hierzulande auch seine hervorragende gesanglichen Fähigkeiten. Der Musiker und Manager studierte nämlich klassisches Saxophon, klassischen Sologesang und Betriebswirtschaft. Bachmann prägt einen Musikstil, der nicht der so oft, ja allzu oft anzutreffenden Sucht nach Virtuosität um jeden Preis erliegt: je mehr Noten in je weniger Takten, je höher desto besser usw. Nein. Hier werden Geschichten erzählt. Hunderte. In jedem Zuhörerkopf eine andere, während die Musik erklingt, das Saxophon die Menschen zur Einkehr, zur inneren Einkehr regelrecht zwingt. Was kann man von Musik mehr erwarten. Warum sind Stücke wie Jean Bouvards (1905 – 1996) Priére für Saxophon und Orgel so kurz? Selbst die über sieben Minuten dauernde Rêverie für Saxophon und Orgel von Claude Debussy (1862 – 1918) kommt einem wie ein Augenblick vor. Wen wundert’s? Bei dieser Interpretation!

Anton Potche

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