Dienstag, 18. Dezember 2012

Die Bürger Seppi und Peppi reden über Zivilcourage und das allerallerletzte Konzert der Audi Bläserphilharmonie


Seppi und Peppi sitzen im Bahnhofscafé des nicht mehr ganz so bedauernswerten Bahnhofs einer deutschen Großstadt. Glatteis. Alles rutscht. Alles.

- Jetzt bin ich Bürger.
- Ich vielleicht nicht?
- Aber kein Wutbürger! Dafür musst du schon etwas tun.
- Da schau her. Muss man als Bürger wütig sein?
- Nicht unbedingt, aber engagiert. Verstehst du? Man muss etwas tun.
- Also rück endlich raus damit. Was hast denn gemacht? Hoffentlich ist es nicht wieder ein Schmarrn.
- Ich war in der Bürgergemeinschaft.
- Was ist denn das?
- Na eine Gemeinschaft. Von Bürgern. Wutbürgern.
- Und was macht ihr dort?
- Der Verwaltung und dem Stadtrat Feuer unter den Arsch.
- Das ist gut. Auch gegen Glatteis. Feuer, mein' ich.
- Ich meine das ernst. Kein Witz. Ich war dort. Und viele andere auch.
- Ja, ist das ein Verein?
- Nein, nur so, jeder kann hingehen und sagen, was ihm nicht passt.
- Und was hast du gesagt?
- Nichts.
- Nur zugehört?
- Ja. Die haben sich jetzt schon zum zweiten Mal getroffen. Zum ersten Mal am 11. November. Damals haben sie elf Themen behandelt, die in Ingolstadt besser laufen müssten.
- Waren das Narrenthemen?
- Nein. Ernste Sachen. Ich war ja nicht dort. Aber so stand es in der Zeitung.
- Und wann habt Ihr euch jetzt getroffen.
- Am 12. Dezember.
- Vielleicht mit 12 Themen?
- Ja.
- Hm, hm. Und um was ging es da?
- Sie wollen zum Beispiel die Röss-Villa kaufen.
- Wer? Die Bürgergemeinschaft?
- Nein, nicht so. Die Bürgergemeinschaft will, dass die Stadt die Villa kauft.
- Das ist gut. Bei der Wohnungsnot in Ingolstadt. Da könnte man Sozialwohnungen einrichten.
- Ja, aber die Stadt scheint nicht zu wollen. Einer hat gemeint, man könnte das Ding mit Spendengeldern kaufen.
- Was soll denn das Haus kosten?
- Drei Millionen, hat einer geschätzt.
- Peanuts! Na gut. Und was habt ihr noch so beschlossen?
- Beschlossen nichts. Nur diskutiert. Ob zum Beispiel, die Tagungsteilnehmer, die im neuen Kongresszentrum tagen werden, auch ihre Frauen mitbringen werden, und ob die dann das Geld ihrer Managermänner in der Altstadt ausgeben werden.
- Hoch interessant. Das klingt ja schon fast nach philosophischer Wirtschaftanalyse.
- Ja. Ich habe mich auch eingeschrieben.
- Wo?
- In die Liste. Ich bin jetzt Wutbürger. Und ich werde zur nächsten nichtöffentlichen Sitzung eingeladen. Die machen dann eine Partei. Weißt du? Und dann machen sie den anderen Stadträten so richtig Feuer unter den Arsch.
- Ja, das hab' ich schon gehört. Und weiter?
- Wir treten an. Weißt du? Mit einer Liste. Du weißt schon. So echt Politik. Und wenn ich bei den Ersten bin, komm' ich vielleicht auch auf die Liste.
- Na wenn du dich eingetragen hast...
- Nein, nicht die Liste, so eine andere, für den Stadtrat, eine Stadtratsliste. Für die nächste Kommunalwahl. Dann kandidiere ich für den Stadtrat. Verstehst du?
- Ja, ja. Natürlich.
- Du kannst ja das nächste Mal auch mitkommen. Dann bist du auch Bürger. Wutbürger. Bürgergemeinschaftsbürger.
- Wann ist denn das nächste Bürgergemeinschaftstreffen?
- Am 1. Jänner.
- Und dann mit einem Thema?
- Ja, so wird das sein. Das wird man dann auch richtig vertiefen können. Kommst du mit?
- Natürlich. Wenn die Welt nicht vorher untergeht.
- Am 21. Dezember? Glaubst du daran?
- Auf jeden Fall glaubt man in Ingolstadt daran. Und man wird das sogar mit Blasmusik feiern.
- Den Weltuntergang mit Blasmusik?
- Ja, die Bläserphilharmoniker von Audi spielen dazu im Festsaal des Stadttheaters.
- Ich hab doch gelesen, das wäre ein Weihnachtskonzert.
- Schon, schon. Aber wenn ab dann die Welt nicht mehr ist, gibt es auch keine Weihnacht mehr. Und die Audianer haben ausgeblasen.
- Trinken wir noch was?

Es ist so rutschig, dass man am liebsten zu Hause sitzen bleibt. Oder in seinem Bahnhofscafé.

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