Mittwoch, 16. Januar 2013

Eine Posse in Posen mit Schauspielern in verschiedenen Posen


Der Theaterbesucher wird mit Musik empfangen. Zwei Frauen und ein Mann: Bassgeige, Akkordeon und Klarinette. Fast ausverkauft. Wieder mal, könnte man sagen. Im Stadttheater Ingolstadt. Der Vorhang hebt sich. Was heißt das heutzutage schon? Wo doch alles in Bewegung ist. Vor den Augen des geneigten Publikums.

- v.l.: Olaf Danner, Enrico Spohn,
Jonathan Schieren,
Richard Putzinger, Renate Knollmann,
Carolin Schär, Friedrich Schilha
Schaufensterfoto: Berns Toni
 Die Posse geht los im Theater der polnischen Stadt Posen. Das „natürliche Bedürfnis der Menschen nach Lachen und ihre Freude an lächerlichen Situationen“, wie es in einem Literaturlexikon zu dieser Theatergattung heißt, soll befriedigt werden. Der erste Weltkrieg ist noch nicht ausgebrochen. Und die polnische Schauspieltruppe unter ihrem Spielleiter Dowasz (Friedrich Schilha – äußerst vital, der 69-jährige Banater) probt an dem Stück Eine Geschichte von Hitler. Der Führer kommt natürlich nicht gut rüber in der polternden Satire. Das geht nicht nur in Nazideutschland nicht, sondern grenzt auch in Polen an die politische Zumutbarkeit. Aus Angst vor diplomatischen Folgen wird das Stück von den Behörden verboten. Also wird Hamlet gespielt.

Der Zuschauer erlebt Theater im Theater. Er ist mal vor und mal hinter der Bühne. Und sogar mittendrin im sich anbahnenden Durcheinander. Besonders wenn er, der Zuschauer, in der zweiten Reihe sitzt. Denn dort sitzt auch der polnische Flieger Stanislaw Sobinsky (Anjo Czernich). Er hat nur Blicke für Maria Tura (Renate Knollmann). Und er muss zu ihr in die Garderobe. Die Zuschauer in der zweiten Reihe müssen auf. Sie sind involviert. Komplizenschaft! Das wäre nicht so schlimm, wenn, ja wenn der Mann der Angebeteten, Josef Tura (Richard Putzinger) nicht gerade auf der Bühne, also vor den Schauspielergarderoben, in Hamlet das Zeiten überdauernde „Sein oder Nichtsein“ zum Besten geben würde. So beginnen Affären. Auch im Theater... oder besonders im Theater.

Doch dann bricht der Krieg aus und damit die große Tristesse in der Truppe. Der Lärm wird unerträglich. Flugzeugdonner und Nazigebrüll. Wie gut, dass die Schauspieler dieses Befehlsgeschrei für ihr nie aufgeführtes Stück eingeübt hatten. Es sollte ihnen das Leben retten. Denn die Verwechslungskomödie kommt erst jetzt so richtig in Schwung – echt possenhaft. Und die Zuschauer gehen mit. Sie applaudieren immer wieder. Der polnische Flieger kommt aus England und berichtet von einer Liste mit polnischen Untergrundkämpfern, die der für die Nazis spionierende Professor Silewski (Rolf Germeroth) den in Posen residierenden deutschen Besatzern übergeben wird. Die Schauspieler sind längst selber Untergrund oder zählen sich dazu. Es geht ab sofort wirklich um „Sein oder Nichtsein“. Einige von ihnen stehen auf der Liste. Und wie sie um ihr Leben kämpfen, reist das Publikum mit.

Diese höchst kurzweilige Komödie über die Nazis, Sein oder Nichtsein, – es tut einfach nur gut, zu sehen, wie lächerlich diese einst todbringende Protzerei wirken kann – ist ein Stück von Nick Whitby (*1963), dem der Film mit gleichem Titel von Ernst Lubitsch (1892 - 1947) zugrunde liegt. Theateradaptionen nach Filmen sind ja nicht immer die gelungensten Inszenierungen – das gilt natürlich auch für Verfilmungen von Theaterstücken -, hier kann man aber von einer publikumswirksamen Aufführung (Regie: Cornelia Crombholz, Bühne: Marcel Keller) sprechen.

Die Schauspieler gehen in ihren Rollen auf. Ihre Professionalität ist in jeder Geste, jedem Satz (auch oder besonders in dem geplärrten Befehlsduktus) zu spüren. Und das obwohl Sein oder Nichtsein an diesem 13. Februar 2013 zum letzten Mal im Programm des Ingolstädter Stadttheaters steht. Das Publikum ist dankbar an so einem Sonntagabend. Wenn das Böse erfolgreich ins Lächerliche gezogen wird, könnte sogar der folgende Montag ein bisschen weniger blau sein. Stehende Ovationen! Rhythmischer Applaus!

Anton Potche 

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