Mittwoch, 25. September 2013

Das E-Book im Literaturzelt des Open-Flair-Festivals in Ingolstadt

Er hat sich ein E-Book von einer Bekannten ausgeliehen und darin gelesen, im Bett, als Einschlafmittel. Das ging nur so lange gut, bis das geräuschvoll auf den Fußboden gefallene Büchereinspeisegerät ihn aus dem ersten süßen Schlaf riss. Natürlich hätte er es mit dem Kindle erst gar nicht versucht – und vielleicht schon gar nicht im Bett -, wäre da nicht diese Veranstaltung im Klenzepark zu Ingolstadt mit dem schönen Namen Open Flair. Dazu gehört seit Jahren auch ein Literaturzelt mit einem Literaturfrühschoppen. Diese Veranstaltung wurde auch heuer von dem Ingolstädter Kulturbeamten Harald Kneitz moderiert. Thema: In Zeiten von Kindle & Co. – Hat das gedruckte Buch eine Zukunft? Tja. Was blieb Herr Kneitz da weiter übrig, als ein Schäferstündchen mit einem Kindle zu wagen. Den Ausgang dieses Wagnisses hat er als Anmoderation zu diesem Frühschoppen zum Besten gegeben.

Also gab es Informationsbedarf. Und um den zu befriedigen hatte Herr Kneitz sich drei sachkundige Gesprächspartner eingeladen (Foto: v. l.): Gerd Stiebert – Buchhändler, Matthias Matting – Journalist und E-Book-Autor, sowie Michael Kleinherne – Uni-Dozent, Autor, Journalist. Da saßen eigentlich zwei Repräsentanten gegensätzlicher Buchwelten, ein Moderater und ein beide Welten akzeptierender Akademiker am Tisch. Und Harald Kneitz spielte seine Erfahrung als Moderator voll aus, um die Herren zum Reden zu bringen. Das gelang immerhin so gut, dass eine Stunde wie im Nu verflogen war.

Nur 0,9 Prozent der verkauften Bücher würden hierzulande in elektronischer Form über die Ladentheke oder den Online-Handel gehen, erläuterte Gerd Stiebert. Das sehe in den USA natürlich ganz anders aus. Dort gäbe es in vielen Städten überhaupt keine Buchhandlungen mehr. Wie der klassische Buchhändler einer eventuell auch bei uns eintretenden ähnlichen Entwicklung gegenübersteht, wollte der Moderator wissen. Die Antwort des Buchhändlers, übrigens ein studierter Germanist, war nicht neu: Kompetenz und gute Beratung. Wenn Gerd Stiebert der neuen Entwicklung überhaupt etwas abgewinnen kann, dann ist es der Geschäftsrückgang der Zuschussverlage. Dadurch würden die seriösen Verlage, deren Produktionen in den Regalen der Buchhandlung Gerd Stiebert stehen, schon mal einen Konkurrenten weniger haben.

Zu verdanken ist das den Self-Publishing-Autoren. Diese Self-Publisher veröffentlichen ihre Werke eigenhändig im Netz, etwa bei Amazon. (Bisher gingen sie den Zuschussverlagen auf den Leim.) Ein Thema bei dem Matthias Matting so richtig in seinem Element war. Der Autor eines Self-Publisher-Bibel-Blogs erklärte, dass es in Deutschland bereits 75.000 Selbstveröffentlicher gebe. Vier Prozent von ihnen würden sogar mit ihren virtuellen Büchern um die 2000 Euro im Monat verdienen. Die verlorene Zeit mit den Verlagen könne ein Autor durch diese Art der Veröffentlichung in kreative Zeit investieren.

Der Dozent für besondere Aufgaben am Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der Universität Eichstätt, Michael Kleinherne, ist auch Buchautor Drehpause - Erzählungen). Er wurde bisher bei seinen Lesungen noch von niemand nach einer E-Book-Ausgabe seiner Bücher gefragt, erzählte er. Das könnte sich aber schon bald ändern, wenn er eine Lesereise in die USA unternehmen wird. Aus seinem Arbeitsalltag lieferte er zum Amüsement des Publikums auch eine Begründung dieser Befürchtung (?) nach: „Ausländische Studenten, grade aus den USA, wollen alles in Bildern haben, die wollen kein Papier mehr. Bei der Bewertung meiner Kurse stand dann da: Bitte weniger Papier, bitte mehr Bilder.“ Für die rhetorische Frage eines sich im Publikum outenden Self-Publishers, was ihm denn bei lauter Absagen von Verlagen anderes übrig geblieben wäre, als diesen Weg des elektronischen Veröffentlichens zu gehen, zeigte der Germanist volles Verständnis und gab zu, dass er besonders für junge Autoren im Self-Publishing durchaus eine Durchbruchchance sehe.

Interessant wurde es, als aus dem Publikum – da saßen wirkliche IT-Experten – die Datensicherheit bei E-Books angesprochen wurde. Matthias Matting war gefragt. Und er redete auch nicht viel um den heißen Brei. Dabei lief es Frau Petra Kleine, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Ingolstädter Stadtrat, nach eigenem Bekunden kalt über den Rücken. Nicht nur der E-Book-Vertreiber, z.B. Amazon, liest mit, weiß, ob ich das Buch überhaupt zu Ende gelesen oder bei Seite 100 aufgegeben habe. Er ist auch bestens darüber im Bilde, was ich mir unterstrichen habe usw. Dass dies alles auch für die Schnüffler aus den USA, England etc. gilt, war da nur mehr eine Randbemerkung. Am wenigsten überrascht und schon gar nicht geschockt von diesen Aussagen des E-Book-Experten zeigten sich die anwesenden Internetkenner. Trotzdem entspann sich zu diesem Thema eine angeregte Diskussion. Man lag halt im Trend.

Moderator Harald Kneitz hat sich auf jeden Fall vorgenommen, den Roman auf seinem ausgeliehenen Kindle auszulesen. Hoffentlich sichert er das Lesegerät vorher ab – nicht vor der Neugierde der NSA, sondern vor dem Fall aus seinem Bett. Denn so ein Gerät kostet immer noch mehr als ein Buch im Allgemeinen und ein Self-Publishing-Buch im Besonderen. Der Durchschnittspreis Letzterer liegt bei nur drei Euro. Von der literarischen Qualität der schriftstellerischen Ergüsse dieser Amateure scheint der Ingolstädter Kulturbeamte aber nicht besonders eingenommen zu sein. Auch seine Bekanntschaft mit einem Kindle scheint ihn wahrlich nicht begeistert zu haben. Das konnte oder wollte er während der ganzen Veranstaltung nicht verbergen. Da hatte er wahrscheinlich die große Mehrheit der Anwesenden, etwa 30 Personen, auf seiner Seite. Nur eine Leserin hob die Hand, bei der Frage, ob es überzeugte E-Book-Leser im Publikum gäbe. Das wären immerhin 3,3 Prozent. Auf jeden Fall mehr als die von Gerd Stiebert genannte Anteilszahl von E-Books am deutschen Buchverkauf.

Außerhalb des Literaturzelts interessierte sich kaum jemand für das Schicksal des gedruckten Buches und des E-Books. Dort saß man an langen, solide gezimmerten Holztischen – keine üblichen Biertische – und genoss eine Brotzeit, ein Bierchen und die gute Musik der Band The Dixie Dogs.

Anton Potche


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