Montag, 12. Mai 2014

Ein Spaziergang über Stolpersteine

Etelka Grimm: Südöstlicher Spaziergang – Ein Reigen von Erzählungen und Episoden; Fides Verlagsgesellschaft, München, (keine weiteren Angaben); 111 Seiten; Amazon und andere Internet-Anbieter haben noch Exemplare auf Lager.

„Ein Reigen von Erzählungen und Episoden“ heißt es im Untertitel dieses Bändchens. Der Reigen ist ein Tanz, in dem die Tänzer/innen oder Pärchen sich in einer Reihe oder einem Kreis aufstellen. Früher hat man für Reigen auch Reihen benutzt, ein heute veralteter Begriff.

Veraltet ist in dem vorliegenden Bändchen vor allem die Sprache. Fast warnend (oder entschuldigend) heißt es dann auch im Vorwort – ganze drei Sätze -, dass, „als diese Erzählungen geschrieben wurden, die Verfasserin nicht an eine Veröffentlichung dachte“. Und wahrlich, eine lektorierende Hand hätte den kurzen und noch kürzeren Erzählungen, den Episoden, gut getan.

Denn es gibt unter den 18 Texten durchaus auch lesenswerte – was die Handlung betrifft. Ein Faschingsmärchen  erzählt zum Beispiel die rührende Geschichte einer 55-Jährigen, die sich maskiert ins Faschingsgetümmel stürzt, in der Hoffnung, die eigene Jugend wieder lebendig werden zu lassen. Wer von den Älteren, so ab 50, kennt diese Versuchung nicht? Und es endet auch hier wie so oft im wirklichen Leben mit dem Untergang aller Illusionen.

Die Menschen, denen wir in dieser Sammlung begegnen, sind einfache Leute vom Land oder aus der Stadt, die meisten aus dem Banat: aus Giera, Toager, Ciacova und Temeswar. Aber auch in Târgu-Jiu, im Regat, spielt eine Geschichte, ereignisarm aber immerhin mit einem gesellschftskritischen Ende. Straßenmädchen werden ihren schlechten Ruf nunmal nicht los.

Südöstliche Spaziergänge können bei aller Kargheit der Sprache trotzdem auch ein Gewinn sein. Sie bringen dem bundesdeutschen Leser eine weitgehend noch unbekannte Welt näher. Wer diese aber detaillierter und besonders literarisch anspruchsvoll dargestellt kennenlernen will,  sollte nicht bei diesem Bändchen, das „nicht aus litrarischem Ehrgeiz entstanden” ist, innehalten, sondern auf Werke zurückgreifen, die mitlerweile der Bezeichnung Weltliteratur gerecht werden. Vielleicht von Herta Müller.
Anton Potche

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen