Mittwoch, 7. Mai 2014

Trompetenklänge in Ingolstadt

Die eine Trompete erklang zum Auftakt und die andere zum Ausklang. Die in Ingolstadt traditionelle OrgelMatinee um Zwölf erlebte am 27. April 2014 ihr erstes Konzert in dieser Saison und schon am Sonntag danach (4. Mai 2014) stand ein Orgel-Trompetenkonzert auf dem Programm, ein etwas verspäteter Auftakt, könnte man sagen. Und das darf man sogar wörtlich nehmen, denn dieses Konzert in der Asamkirche Maria de Victoria, begann nicht wie üblich um 12:00 Uhr, sondern wegen einer vorherigen Veranstaltung um eine halbe Stunde später. Der neue Termin war aber vorzeitig angekündigt und wirkte sich auf die Qualität des Konzertes nicht aus.

Und die war, das darf man ruhig so vorwegnehmen, gut. Der Organist Christian Ledl und der Trompeter Hans-Paul Fuss hatten ein abwechslungsreiches Programm gewählt. Mit Dietrich Buxtehudes (1636 -1707) Toccata F-Dur BuxWV 157 eröffnete der Organist, Chorleiter und Musiklehrer an zwei Schulen das Konzert an der Jann-Orgel (gebaut 1986). Laufwerk und Akkordschläge sind typisch für diese Musikart. Buxtehude war selbst ein virtuoser Orgelspieler und hat dementsprechend die technische Messlatte in seinen Kompositionen ziemlich hoch gelegt. In diesem Stück hat der Ingolstädter Musiker die Hürde bravourös genommen.

Es folgte die Sonata d-Moll für Trompete und Orgel von Roberto Valentino (1680 – 1753), ein Stück mit vier sehr kurzen Sätzen Adagio – Allegro – Adagio - Allegro. Trotzdem stellt das Stück hohe Ansprüche an den Ansatz des Trompeters. Es ist nicht einfach, von den getragenen, oft mit geringer Lautstärke und besonderen Vortragsansprüchen aber auch –freiheiten gekennzeichneten Adagio-Sätzen in die fulminanten, mit schwierigen Läufen bestückten Allegros zu wechseln. Bei Hans-Paul Fuss vernahm man dann auch gerade in diesen technisch sehr schwierigen Passagen ganz leichte Tonschwankungen. Meist gelang es ihm aber in Sekundenbruchteilen, den Ton nach einem Sechzehntellauf in die richtige Lage zu bringen. Umso schöner vielen aber die langsamen Sätze aus. Hier konnte der Lehrer für Trompete, Akkordeon, Keyboard, Blockflöte auf seiner Piccolo-Trompete nach Herzenslust gestalten.

Das zweite Orgelstück war eine Komposition des Engländers John Stanley (1712 – 1786). Für mich war das eine Premiere, da ich bis dahin Orgelmusik ohne Pedal nicht kannte. Das klingt so ein bisschen nach Bajan, der osteuropäische Form des Chromatischen Knopfakkordeons. Voluntary ist auch ein spezifisch englisches Musikgenre. Eine ziemlich verspielte Musik, war das, die da von der Empore in den Kirchenraum schwebte. Ein wirklich filigranes, zum Teil liebliches Thema wurde von manchmal recht schrägen ¼ Akkordstößen gestört, um dann immer wieder unbeeindruckt weiter zu perlen. Es war schon ein interessantes Musikerlebnis, was Christian Ledl den Zuhörern da geboten hat.

Als viertes und letztes Konzertstück spielten die zwei Ingolstädter Musiker das Concerto B-Dur für Trompete und Orgel op. 7/3 von Tomaso Albinoni (1671 – 1751). Das Dreisatz-Stück ist nun wahrlich keine Neuentdeckung für Besucher von Kirchenkonzerten, zumal Albinoni zu den oft gespielten Komponisten dieser Konzertausrichtungen gehört. Dementsprechend sicher agierten auch Christian Ledl und Hans-Paul Fuss, die mit lebhaftem Applaus von dem zahlreichen Publikum (lediglich zwei Bankreihen waren nicht voll besetzt) verabschiedet wurden.

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Nur einen Tag später fand in Ingolstadt ein Ausklang statt. Der Konzertverein Ingolstadt, eine seit 97 Jahren aktive Institution, die Weltklassekünstler in die Donaustadt lotst, beendete am Montag, 5. Mai 2014 seine Konzertsaison 2014/15 - auch mit Trompetenklängen. Und dazu hatte man sich mit aller höchster Güte klassischer Musik begnügt: Gábor Boldoczki, Trompete und Gergely Bogányi, Klavier.

Das Programm der zwei Künstler von Weltformat war eine Mischung aus Musik des 19. Jahrhunderts und der Moderne des 20. Jahrhunderts. Dass vom quantitativen Aufwand her auch hier das Klavier den größeren Part übernommen hatte, liegt in der unterschiedlichen, vom jeweiligen Instrument bedingten Belastbarkeit der beiden Interpreten. Es ging los mit dem Konzert für Trompete und Klavier in Es-Dur, op.12 von Vassily Brandt (1869 – 1923), ein russischer Komponist. Fulminant – elegisch – grandios. Man könnte sich ruhig die eine oder andere Superlative noch einfallen lassen. Es folgten zwei Werke von Frédéric Chopin (1810 – 1849). Und sofort war klar, dass hier nicht nur ein Trompetenbegleiter am Klavier saß, sondern ein Weltstar seines Instruments. Mit Ballade Nr 1 in g- Moll, op. 23 – sie strahlte ziemlich viel Düsterkeit aus – Nocturne in Es-Dur op. 55 Nr.2 – wer sich eine aufsteigende Mondsichel über einem sich zur Ruhe begebenden Dorf vorstellen kann, ist mit diesem wunderschönen Musikstück gut bedient – stellte der ungarische Klaviervirtuose, der laut Programmheft 2010 „in Budapest das gesamte Solorepertoire Chopins in zwei Tagen“ gespielt hat, seine Klasse unter Beweis. Klar, Gergely Bogányi war hier in seinem Element. Für die Zuhörer ein Ohrenschmaus. (Warum eine Dame hinter mir gerade dann einen Bonbon mit dem dazugehören Rascheleffekt aus seiner Verpackung lösen musste, bleibt ihr Geheimnis.)

Après un rêve heißt das Stück von Gabriel Fauré (1845 – 1924). Der Trompeter war wieder da – doch als Flügelhornist. Zu diesem kleinen aber sehr feinen Stück kann nichts besser passen als der samtweiche Ton auf dem Flügelhorn des Professors für Trompete an der Franz List Musikakademie in Budapest, Gábor Boldoczki. Es folgte Franz Liszt (1811 – 1886): Un Sospiro und Gnomenreigen. Kurios, beim ersten Stück spukte mir plötzlich die Winnetou-Melodie im Kopf herum. (Ob Martin Böttcher diese sympathische Liszt-Komposition mal gehört hat?) Beim Tanz der kleinen Kobolde tanzten danach natürlich auch die Finger Gergely Bogányi mit einer Leichtigkeit über die Klaviatur, dass es selbst dem Instrument Spaß zu bereiten schien. Und dem Klaviervirtuosen sowieso, denn er war schon auf dem Weg in die Kulissen, als der letzte Reigenton noch gar nicht verklungen war. Ein gelungener Gag für dieses lustige Stück. Um eine spur seriöser, aber nicht weniger virtuos ging es im folgenden Konzert für Trompete und Klavier in f-Moll op. 18 von Oskar Böhme (1870 – 1938) zu. Man weiß ja, dass komponierende Instrumentisten es oft gerade ihren Bläserkollegen nicht leicht machen. So auch hier. Oskar Böhme blies selbst die Trompete in Orchestern erster Güteklasse. Gábor Boldoczki brachte er aber nicht in Verlegenheit. Der brillierte lustig drauflos – mit Läufen, Trillern, Triple Staccatos und was es sonst noch an Feinkost für virtuose Bläserliteratur gibt.

Nach der Pause kam Gábor Boldoczki allein auf die Bühne des Festsaales. Also mit seiner Trompete. Und mit seinem Instrument ist ein Weltstar wie der Ungar nie allein. Er erzählt mit ihm, bringt es zum Lachen und Seufzen – ich wurde an Gheorghe Zamfir oder Simion Stanciu und ihre Panflöten erinnert – und entlockt ihm die artfremdesten Töne. Die Fanfare aus „Solus“ für Trompete solo wurde anscheinend von Stanley Friedman (*1951) – übrigens auch ein Trompeter – nur komponiert, um der Welt zu zeigen, was man aus diesem Instrument überhaupt alles herausholen kann. Jetzt wissen es auch die Konzertbesucher in Ingolstadt. Dann kam Franz Liszt, Pardon Gergely Bogányi, wieder. Wenn man nicht nur wie Liszt spielt, sondern sich auch so kleidet, frisiert und sogar noch ähnliche Gesichtszüge vorweisen kann, dann hat man zumindest bei den Frauen noch einen Zusatznagel zu seiner Klavierkunst im Brett. Genau das macht Gergely Bogányi. Die mittlere bis ältere Generation stellte auch in diesem Konzert die klare Mehrheit. Wo waren die vielen Studenten und Studentinnen – sie zahlen angeblich nur 4 Euro für eine Karte, ich musste 20 hinblättern – an diesem Abend. Besonders Letztere haben da was versäumt. Bogányi spielte eine Rigoletto Paraphrase. So kann man sich Liszt auf seinen ausgiebigen Europatourneen wirklich vorstellen. Ein bisschen Fantasie und schon sitzt man in der musikalischen Zeitmaschine, zurück ins 19. Jahrhundert.

Was folgte, war ein eher selten gespieltes Stück – was nicht heißt, dass nicht (lebende) Legenden wie Wynton Marsalis, mit Judith Lynn Stillman am Klavier, sich dieses Enescu-Kleinods schon angenommen hätten. Man hat von George Enescu (1881 – 1955) auch nicht unbedingt erwartet, dass er ein Stück für die Trompete schreibt. Schließlich war er ja „nur“ Geiger, aber immerhin einer der besten seiner Zeit. Wie es auch sei, Legende für Trompete und Klavier erinnert mit nichts an den Einfluss der rumänischen Volksmusik, mit der man George Enescu so gerne (zu Recht, aber leider zu oft auch abwertend) in Verbindung bringt. Bis auf den Schluss. Dann griff Gábor Boldoczki nämlich zum Dämpfer und schon war sie da, die legendäre mioritische Welt der Karpaten, die niemand kennt, aber so Viele zu fühlen glauben. (Ich zähle mich gerne zu diesen Unverbesserlichen, die bei einer Doina aus dem Taragot eines Dumitru Fărcaş oder Pavel Cebzan einfach mal innehalten und hoffen, es würde nie aufhören.)

Mit dem sterbenden Trompetenton war die vergangenheitsträchtige Gegenwart wieder da. Gergely Bogányi spielte mit passender Gestik Sonetto 123 del Petrarca. Gefühl pur dieses Andante. Gute Konzerte leben auch von ihren Gegensätzen im Programmaufbau. Bei der Fantasie für Trompete und Klavier von dem ungarischen Landsmann der zwei Protagonisten dieses Konzertes, Frigyes Hidas (1928 – 2007), komponiert, war dann spontan wieder Schluss mit einer eventuellen Träumerei. Virtuosität und sogar Jazzelemente waren angesagt und Gábor Boldoczki steigerte sich zu Höchstform.

Es gab Blumen zum Konzertende und stürmischen Applaus. „Wir haben so viel gespielt und noch nicht gesprochen“, wendete sich Gábor Boldoczki in einwandfreiem Deutsch ans Publikum und kündete eine Zugabe an, eine Bearbeitung seines ehemaligen Lehrers Frigyes Hidas. Und spätestens jetzt konnte niemand mehr im sehr gut besetzten Saal behaupten, er hätte an diesem Abend kein bekanntes Stück gehört. „Mei Hut der hot drei Ecke“ (aus Karneval in Venedig) spielten wir früher auch immer auf den Banater Bühnen – nur ohne die hörsinnbetörenden Variationen eines Gábor Boldoczki.
Anton Potche

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