Montag, 6. Juli 2015

Dana Grigorcea und die Faszination der Juroren

Der 39. Bachmann-Literaturwettbewerb, für die Österreicher ist es ein Bewerb, ist nach vier spannenden und durchaus auch unterhaltsamen Tagen in Klagenfurt zu Ende gegangen. Am letzten dieser Tage der deutschsprachigen Literatur 2015 wurden die Preise vergeben: Den mit 25.000 Euro dotierten Bachmannpreis sprach die siebenköpfige Jury, bestehend aus Kritikern beiderlei Geschlechts aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, der Dichterin Nora Gomringer zu – für einen sehr poetischen Prosatext -, Valerie Fritsch bekam sowohl den Kelag-Preis (10.000 €) als auch den BKS-Publikumspreis (7000 €) und Dana Grigorcea freute sich über den 3sat-Preis (7500 €). Alle drei Preise (außer dem Publikumspreis) wurden von der Jury in einer sehr spannenden öffentlichen Kür vergeben.

Dana Grigorcea ist die erste rumänische oder aus Rumänien stammende Autorin, die einen Preis bei diesem begehrten Wettbewerb gewonnen hat. 1990 hat Franz Hodjak (Klausenburg) mit seinem Text Die Jacke den Preis des Landes Kärnten (75.000 Schilling) zugesprochen bekommen. Es gab in der 39-jährigen Geschichte des Bachmannpreises weitere Teilnehmer mit Bezug zu Rumänien: 1977 – Vintilă Ivănceanu aus Wien, 1982 – Irina Zaharescu-Spira aus Innsbruck, 1985 – Peter Grosz aus Mainz und1999 – Aglaja Veteranyi aus Zürich. 

Dana Grigorcea ist gebürtige Bukaresterin. Sie hat in ihrer sehr saloppen, einnehmenden Art den Text Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit vorgetragen: ein leicht verdauliches Häppchen gut erzählter Prosa aus einem Romanmanuskript. (Der Roman soll im Herbst erscheinen.) Der vorgetragene Text – es war wirklich ein Vortrag -, kam im Vergleich zu anderen Texten dieses Wettbewerbs ziemlich anspruchslos daher, fesselte, ja, unterhielt teilweise das Publikum daher umso mehr. Er ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil lebt die Ceauşescu-Epoche durch den Blick eines Mädchens, Victoria, auf. Und siehe da: Es gibt nicht nur die zerstörerische Form der Diktatur wie bei Herta Müller. Zum Glück, muss man heute nach 25 Jahren sagen dürfen, sonst wäre sie ja nicht erträglich gewesen. Dana Grigorceas Securitate-Oberst Dobrescu ist ein ziemlich harmloser Typ, der eben auch die damalige Zeit verkörpert. Ein so lockerer, immer wieder Schmunzeln hervorrufender Text verträgt auch gar keine Schergen. Im zweiten Teil mündet die Erzälung in die für manche Rumänen ewig währende Transformationszeit der 1990er Jahre. Literatur kann so einfach und so köstlich sein. Wenn es etwa zu einem Konzert Michael Jacksons in Bukarest heißt: „Zwei große Bildschirme flackerten auf in der Nacht und zeigten  je einen übergroßen Michael Jackson in rot-blauer Offiziersuniform der königlichen Garde mit goldener Schnur. [...] ‚Hello, Budapest!‘, rief Michael Jackson.“ Erheiterung im Publikum und am Jury-Tisch. Mir fiel sofort ein: Hat nicht George W. Bush auch mal in dieses Fettnäpfchen getreten. Aber es blieb zum Nachsinnen keine Zeit, denn die sehr fließend lesende Dana Grigorcea war schon im dritten Teil ihres Textes angelangt. Und damit in der Gegenwart. Die ist nicht weniger skurril als ihre vorhergegangenen Epochen. Preisfrage: Worüber unterhalten sich aus dem Ausland heimgekehrte junge Rumänen und Rumäninnen bei einem Besuch im Haus des Volkes, in dem heute das rumänische Parlament tagt? Hier kommt die Auflösung: <„Meinst du, die beiden hatten vor, hier jemals Sex zu haben?“, fragte mich die junge  Moinescu. – „Wer?“ – „Die Ceauşescus, wer sonst. „Ich glaube nicht. Das Haus sollte ja keine Wohnung werden, sondern ein Parlamentsgebäude. – „Na und, kann man in einem Parlamentsgebäude keinen Sex haben? “ – „Ich glaube nicht, denn sie waren ja immer in offizieller Begleitung. “ – „Sie hätten sich aber kurz davonschleichen und schnell Sex auf der Toilette haben können, um es allen zu zeigen, insgeheim. “ - „Ich denke nicht, dass sie allein bleiben wollten, sie hatten ja Angst vor Anschlägen.“> Man kann aus solchen harmlosen Dialogen viele Schlüsse ziehen, viel hinein- und ebensoviel herausinterpretieren.

Die sieben Literaturkritiker hatten auf jeden Fall ihre helle Freude an diesen Möglichkeiten und haben auch fleißig Gebrauch davon gemacht. Das hat mir wieder mal gezeigt, wie fantastisch anmutend diese Welt, in der auch ich aufwuchs und pubertierte, für Menschen – es müssen nicht unbedingt Literaturkritiker sein – westlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs sein muss. Was wir dort unten als normalen Alltag empfanden, mit all den unzähligen Witzen über den Diktator und seinen Clan, empfinden Betrachter aus heutiger zeitlicher und örtlicher Distanz als Geschichten aus Absurdistan. So oder so ähnlich muss es auch den Juroren ergangen sein.

Hubert Winkels, der ab heuer den Vorsitz der Jury innehat, fand den Text „sehr witzig“ und „sehr gut gelesen“, eben „eine herrliche Satire in drei Etappen über die Geschichte Rumäniens“. Wie ein Märchen hörte sich für Sandra Kegel diese Lesung an, und sie musste an „alte osteuropäische Filme denken“. Für Meike Feßmann ist dieser Text eine Burleske, die ihr sehr gut gefallen hat. Der österreichische Kritiker Klaus Kastberger ist überzeugt, dass dieses Stück Prosa das Potenzial für ein größeres Werk hat. Stefan Gmünder sprach in seiner Kurzanalyse von einer „große[n] Komödie“ und gleichzeitig einer „große[n] Tragödie“, „wahnsinnig gut“ und „wahnsinnig schön gemacht“. Hildegard E. Keller, die nach den Regularien dieses Wettbewerbs Dana Grigorcea als Teilnehmerin vorgeschlagen hatte, sieht in dieser Erzählung eine gelungene „Heimkehrergeschichte“. Und nicht zuletzt hat der Schweizer Juri Steiner sich so begeistert in eine Theorie des Absurden in Bezug auf Rumänien verstrickt, dass er zur Heiterkeit des Publikums und seiner Jurorenkolleginnen und –kollegen sogar den Faden verlor.

Wie jede Medaille hat auch dieser literarische Erfolg zwei Seiten: Die deutsche Literatur hat eine leicht schwebende, nie moralisierende, aber trotzdem eindringliche, fantasie- und facettenreiche Stimme gewonnen, während die rumänische Literatur einem solchen Verlust nur nachtrauern kann – vorausgesetzt, man hätte Grigorceas Talent auch entdeckt, worauf Einiges hindeutet. Jetzt lebt diese sprachgewandte Schriftstellerin aber mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Perikles Monioudis, ein Schweizer griechischer Herkunft, und ihren zwei Kindern in Zürich und schreibt deutsch. 2011 hat sie den Roman Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare veröffentlicht.

In rumänischen Literaturzeitschriften sind vereinzelt auch Texte von Dana Grigorcea erschienen. Der rumänische Kritiker Constantin Ţoiu schrieb schon 2002 in der Literaturzeitschrift ROMÂNIA LITERARĂ zu Grigorceas Erzälung Musca (Die Fliege): „bündiger Stil, plastisch, mit Geistesblizen, fesselnden, ergänzt von einer persönlichen Sicht der Dinge, komisch-grottesk, wie auch einem perfektes Kennen der Vorstadt“.

Ach ja, und was die rumänische Literaturszene noch missen muss: ein vereinnähmendes, immerwährendes Lächeln in einem Gesicht mit immer wachen, dich direkt anblickenden Augen.
Anton Potche

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