Montag, 19. Oktober 2015

Ein großartiger Gérard Depardieu in einer Dreyer-Inszenierung

Um einen Großen des Films wie Gérard Depardieu zum Mitmachen zu bewegen, muss man schon ein anspruchsvolles Drehbuch vorlegen. Der wahldeutsche rumänische Regisseur und Drehbuchautor mit dem eingedeutschten Namen Bogdan Dreyer (ursprünglich Bogdan Dumitrescu) hatte vor zwei Jahren den richtigen Stoff für den großen Franzosen: die Novelle Moartea lui Ipu – Ipus Tod von Titus Popovici. Daraus entstand der Film Ipu - A Farewell to Fools, eine rumänisch-deutsch-französische Koproduktion mit dem rumänischen Namen Condamnat la viață – Zum Tode verurteilt. (Es gibt auch eine rumänische Verfilmung des Stoffes unter der Regie von Sergiu Nicolaescu aus dem Jahre 1972, die den Namen trägt: Atunci i-am condamnat pe toți la moarteDann haben wir sie alle zum Tode verurteilt.)

Wer ihn am Fernseher sehen wollte, war zum Wachbleiben – immerhin auch eine Lebensform - verurteilt, strahlte der deutsch-französische Kultursender ARTE den Streifen doch erst in der ersten Nachmitternachtsstunde des 15. Oktober 2015 aus: Sendebeginn 1:20 Uhr. Geisterstunde, könnte man sagen. Und obwohl es in dem Streifen nicht von Geistern spuckt, kommt einem so manches geisterhaft vor – doch eher unterhaltsam als beängstigend. 

Bogdan Iancu als Alex
Quelle: www.cinema.de
Es geht um die Freundschaft zwischen dem vom ersten Weltkrieg geistig angeschlagenen Franzosen Ipu – in ihm lebte der Soldat Theodor aus dem 1. Weltkrieg weiter - und seinem 11 Jahre alten Spielkameraden Alex, ein Waisenjunge, der bei seiner großen Schwester und deren Mann wohnt. Was sie spielen, ist nichts anderes als das, was wir in unserem damals noch deutschen Banater Dorf Jahrmarkt in den 1960er Jahren auch oft spielten: „Kriechjes“, also Krieg spielen. Die Handlung des Films spielt in einem rumänischen Dorf in Transilvanien kurz vor dem Kriegsseitenwechsel der Rumänen im Jahr 1944, also um den 23. August 1944. Der Streifen wurde auch in Rumänien gedreht.

Noch ist das deutsch-rumänische Bündnis intakt. Deutsche Soldaten sind im Dorf und eines Tages wird einer von ihnen ermordet. Die Deutschen drohen mit Rache, wenn die Dorfbewohner den Mörder nicht ausliefern. Die Suche beginnt und nach dem Prinzip „das Hemd ist mir näher als der Rock“ deuten alle Zeigefinger schnell auf den Dorfnarren Ipu, den man nach dem 1. Weltkrieg noch vor dem Tod gerettet und in die Dorfgemeinschaft aufgenommen hatte. Die skurrile Situation ergibt sich aber erst aus der Tatsache, dass man Ipu überzeugen will, den Heldentod für die Dorfgemeinschaft zu sterben, also sich als Täter zu bekennen, um dann von den Deutschen erschossen zu werden.

Gérard Depardieu als Ipu
Quelle: www.cinema.de
Was folgt, sind hochdramatische und gleichsam witzige Momente, in denen die tiefenpsychologischen Muster, nach denen die Dorfhonoratioren in ihrem Überlebenswille um jeden Preis gestrickt sind, zum Vorschein kommen. Filmkunst vom Feinsten. Es hat sich ausgezahlt wach zu bleiben, um den Ausgang dieser Tragikomödie zu erleben. Als ich um 2 Uhr 40 den Fernseher ausschaltete und mich zu Bett begab, war von sofortigem Einschlafen natürlich keine Rede. Irgendwie spuckten sie noch in meinem Hirn herum: Ipu (Gérard Depardieu), Alex (Bogdan Iancu – beeindruckend), Vater Johannes (Harvey Keitel), Margherita (Laura Morante), Polizeidirektor Gossmann (Alexandru Bindea), der Bürgermeister (Nicodim Ungureanu), der Notar (Gheorghe Visu) und noch einige andere. Geisterstunde eben, und das sogar mit einer gelungenen Beerdigungsprobe.

Der Film hat schon vor seiner Aufführung in den Kinos zu Unstimmigkeiten zwischen den Künstlern und dem Produzenten Giuliano Doman geführt. Gérard Depardieu hat im Februar 2013 öffentlich kritisiert, dass man ohne seine und des Regieteams (Regie: Bogdan Dreyer, Drehbuch: Anușavan Salamanian, Kamera: Richard Van Oosterhout, Musik: Joris Van den Hauwe) Zustimmung den Film nach Hollywood-Muster geändert habe. Der Film lief auf jeden Fall am 15. März 2013 in den rumänischen Kinos an.

Und er hatte es beim rumänischen Publikum nicht gerade leicht, denn die rumänische Filmfassung der Popovici-Novelle aus dem Jahre 1972 wartete damals mit einer Starbesetzung auf: Amza Pelea, Cristian Șofron, Ion Besoiu, Iurie Darie u.a. Das sind Namen, die bis heute in Rumänien nachklingen.
Anton Potche

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