Montag, 8. Januar 2018

Ein Stolperstein auf dem Weg zur Perfektion

Konzert in Ingolstadt

Ernst Hutter & Egerländer Musikanten gastierten einen Tag vor Dreikönig in Ingolstadt. Eine Krönungsmesse der böhmischen Blasmusik. Das ist alles sehr weit weg von unterhaltsamer Volksmusik. Für mich gehörte diese Blaskapelle schon immer zu den technisch und interpretatorisch versiertesten Bläserensembles hierzulande. Also konnte an diesem Abend nichts schiefgehen. Ich war innerlich total auf den absoluten Kunstgenuss eingestellt. Dazu gesellte sich noch der Zufall, dass mein Junior-Kapellmeister aus banatschwäbischen Zeiten, Hans Kaszner, bei diesem Konzert umständehalber (Erkrankung eines Kollegen) wieder einmal Tenorhorn spielte und nicht Posaune. Da kam bei mir sofort echte Mosch-Nostalgie auf. Wie weit diese Zeiten schon zurückliegen, als man die Original Egerländer Musikanten noch regelmäßig im öffentlich rechtlichen Fernsehen hören und sehen konnte, wenn auch nur im Playbackmodus – irgendwie hatte man sich damit arrangiert -, und Kaszner sowie Hutter (beide Tenorhorn), aber auch Helmut Kassner, Franz Tröster (Flügelhorn) und nicht zuletzt Oswald Windrich (Basstuba) als Jungspunde zu den Nachwuchskräften der Kapelle gehörten.

Umso mehr brillieren sie heute live mit ihrem Können in den Konzertsälen Deutschlands und einiger Nachbarländer: Ernst Hutter & Egerländer Musikanten. So war es, kurz und bündig formuliert, auch diesmal in Ingolstadt. Und doch treibt mich nach diesem in summa hochkarätigen Konzert eine Frage um: Wieso verlässt man immer wieder den Pfad des konzertanten Musizierens und gibt sich einer billigen Bierzeltmentalität hin? Regelmäßig gehen dem hohen Blech, besonders den Trompeten mit ihren Signalen, die Pferde durch: Je höher und je lauter, lautet die Devise. Dem wäre auch kaum etwas entgegenzusetzen, hat dieses Blasorchester doch alle erdenklichen Fähigkeiten, mit virtuosen Passagen zu glänzen. Und die gibt es in seinem anspruchsvollen Repertoire zuhauf.

Nur nehmen sich einige Bläsergruppen gerade dort nicht zurück - das gilt stellenweise auch für den Schlagzeuger -, wo es am dringlichsten angebracht wäre. Es ist weiß Gott nicht angenehm, mitzuerleben, wie ein so gut harmonierendes Sängerpaar wie Katharina Praher & Nick Loris von schrillen Trompetentönen zur Lautlosigkeit verdammt ist, trotz seiner Bemühungen, die Wortbotschaft der gesungenen Stücke dem Auditorium zu vermitteln. Die beiden taten mir zum Ende fast jeden Liedes leid, wenn ich sie wie zu Statisten dagradierte Gestalten vor dem sich zum Fortissimo aufplusternden Orchester stehen sah. Es muss doch möglich sein, ein Finale so zu gestalten, dass die Einsätze des hohen Blechs auch den menschlichen Stimmen noch eine Chance zum Wahrgenommenwerden geben.

Fotos: Anton Potche
Wegräumen von Stolpersteinen auf dem nie endenden Weg zur Perfektion gehört zur Zielsetzung eines jeden großen Künstlers und Ensembles. An der Donau lag ein solcher Stein auch auf dem Weg der Egerländer Musikanten. (Vielleicht hatte er sich nur im Verstärkerpult des Toningenieurs versteckt.) Als leidenschaftlicher Hörer böhmischer Blasmusik hoffe ich aus ganzem Herzen, dass Ernst Hutter und seine Mannen den kleinen Stein an der Donau gesehen, aufgehoben und im Strom versenkt haben. Ihre vor dem Orchester stimmlich so hervorragend agierenden Botschafter der Liebe, Heimat und Erinnerung werden ihnen zusammen mit vielen treuen Fans bestimmt dankbar dafür sein.
Anton Potche

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