Samstag, 30. Januar 2010

Schichtwerker

Warum sucht sich ein Blogger den Namen Schichtwerker als Blog-Adresse aus, könnte der eine oder andere sich fragen. Das hat nichts mit dem üblichen Versteckspiel zu tun, dessen sich Blogger in der Regel befleißigen. Ich beabsichtige nicht, mich hinter einem Nickname, wie der Spitzname neulich auch in deutschen Foren heißt, zu verbergen. Dafür steht mein bürgerlicher Name im Blogtitel.
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Als ich vor 25 Jahren zur ersten Schicht in einem deutschen Unternehmen antrat - da lagen meine Lehrjahre allerdings schon weit hinter mir -, nannte man die gewerblichen Arbeitnehmer, zumindest in der Metallindustrie, noch Werker. Heute sind sie Mitarbeiter. Ich meine damit natürlich vor allem die einfachen Arbeiter in der Produktion - am Band, der Logistik, der Instandhaltung und nicht zuletzt an den Maschinen und Produktionslinien -, also die Menschen, die eigentlich die Hersteller aller Güter sind und somit das wichtigste Glied einer Wertschöpfungskette darstellen. Dass gerade sie oft die kleinsten Löhne haben, liegt an der geringen Wertschätzung seitens der Arbeitgeber und Arbeitsverwalter ihres für jedes Unternehmen überlebenswichtigen Tuns.
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In meinem Archiv-Blog Textesammelsurium eines Banater Schwaben - mit in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern veröffentlichten Materialien – findet man auch mit Pseudonymen signierte Texte.

Berns Toni ist ein echter, über Generationen von meinem Urgroßvater, Großonkel, Onkel und später von mir selbst getragener Spitzname. Spitznamen waren in meinem Geburtsort Jahrmarkt im rumänischen Banat üblich und notwendig, um die vielen gleichnamigen Dorfbewohner leichter voneinander unterscheiden zu können. Die Ahnen sind tot, das Dorf wurde von seinen banatschwäbischen Einwohnern verlassen, wodurch es seine deutsche Identität verloren hat, und der Spitzname ist längst aus dem Gedächtnis der meisten noch irgendwo in der Welt lebenden einstigen Jahrmarkter getilgt. Er ist lediglich Teil meiner kurzen, aber leidenschaftlich gelebten Jahrmarkter Biografie geblieben.
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Barbu Ştefănescu (1858 - 1918) war ein rumänischer Schriftsteller. Er entstammte einer Hirtenfamilie aus dem Kreis Vrancea im Osten Rumäniens. "Meine Ahnen verlieren sich im Chaos der Leibeigenen, mit den anderen Bauern sowohl Entbehrungen, Hunger wie auch Überfälle erduldend", schreibt das ehemalige Mitglied der Rumänischen Akademie und zeitweise sogar Bürgermeister von Bukarest. Seine Herkunft blieb zeitlebens Teil seiner Biografie, Teil seiner Identität. Er kam aus Vrancea – rumänisch: de la Vrancea - und fand seinen Platz in Gero von Wilperts Lexikon der Weltliteratur als Barbu Ştefănescu Delavrancea. Meine Wenigkeit kommt aus Jahrmarkt - also de la Giarmata-, das heute als Giarmata im Westen Rumäniens seine andere Identität lebt. Von daher kommt in demütiger Erinnerung an meine Vorfahren und als Bekenntnis zu meinem liebevoll gepflegten und gehegten Steckenpferd, der Literatur, das Pseudonym Anton Delagiarmata.
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Dieses - nicht dieser - Jahrmarkt lässt mich natürlich bis an das Ende meines Lebens nicht los. Daraus lässt sich ein Anagramm bilden, das leicht auszusprechen ist und auch dadurch der Weltläufigkeit des Namens meines Geburtsortes Rechnung trägt. Dabei ging das entstandene Pseudonym lediglich eines stimmlosen Buchstabens verlustig. Aus Jahrmarkt wurde Mark Jahr.
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So gesellt sich also zu den Pseudonymen Berns Toni, Anton Delagiarmata und Mark Jahr, die hier weder als Decknamen noch als Künstlernamen verstanden werden sollen, die Blog-Adresse Schichtwerker. Und wer in Zukunft auf diesen Blog stößt, darf wissen, dass er es nicht (nur) mit einem narzistischen, namenlosen Verirrten im virtuellen Raum zu tun hat, sondern mit einem zu seiner Vergangenheit und Gegenwart stehenden Arbeitsmenschen, der die Meinung vertritt, dass die Schrift die unaufdringlichste Art und Weise ist, seine Meinung zum Ausdruck zu bringen.
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schichtwerker.blogspot.com, 30.01.2009
Anton Potche

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