Dienstag, 13. April 2021

missverständnis

- pamphlepigramm -

mein viel geliebter markus
kein opfer ist mir zu gering
um dich vor der bürde zu bewahren
die dir das kanzlerdasein bringt

mein sehr geschätzter armin
ich werde keine mühe scheuen
um dich vom kanzlerwahn
für immer zu heilen



ingolstadt, 2021
anton potche


Montag, 12. April 2021

Rugă nemernică - Niederträchtiges Gebet

 Rugă nemernică

Radu Gyr

Nu mă-nvăța să fug, Părinte,
De răni, de lacrimi de catran.
Ele dau freamăt mai fierbinte
Acestui sânge pământean.

Nu fi nici pașilor mei paznic,
Nici de năpârci nu mă păzi.
Numai veninul lor năpraznic
Mă limpezește zi de zi.

Și nu-mi trimite nici heruvii
Să-mi deie zborul lor înalt,
Când sunt făcut să fierb în fluvii
De crunta lavă și asfalt.

Doar om mă vreau, răsfiert în smoală,
În uragane și-n căderi,
Mai bun prin plânsul ce mă spală
Și tot mai om prin sfâșieri.

Să nu-mi pui aripă de înger,
Ci lasă-mi chipul meu de lut,
Să iert, să cânt, să gem, să sânger,
În dorul raiului pierdut.



Niederträchtiges Gebet

von Radu Gyr

Vater, lehr’ mich nicht weglaufen
Von Wunden und giftiger Tränenwut.
Sie lassen noch heißer wallen
Dieses irdische Blut.

Bewache mir nicht jeden Schritt
und beschütze mich nicht vor Nattern.
Nur ihr schreckliches Gift
Klärt meinen Blick an allen Tagen.

Auch Cherubim will ich keine
Mit ihren hohen Flügen,
Muss ich doch in Strömen
Grausamer Asphaltlava gären.

Nur Mensch sein will ich, in Pech siedend,
In Uraganen und Stürzen,
Geläutert durch reinwaschendes Weinen
Und mehr Mensch durch Zerfleischungen.

Erspare mir jeglichen Engelsflug
Und lass mir mein irden Angesicht,
Dass ich vergebe, singe, stöhne in Blut
Und Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.


[Nachgedichtet aus dem Rumänischen von Anton Potche]
Ingolstadt, 23.03.2021


Radu Gyr (1905 – 1975) – mit bürgerlichem Name Radu Demetrescu – hatte die perfide Idee, in Bukarest ein jüdisches Theater zu gründen (1941) ... und das mit antisemitischen Absichten. Wie man sieht, fehlte es auch den rumänischen Faschisten nicht an aberranten Ideen. Und dass dann gerade Intellektuelle solchen verbrannten Hirngespinsten nachhingen, zeigen Biografien von Leuten wie Emil Cioran (1911 - 1995), Mircea Eliade (1907 - 1986) und eben Radu Gyr. (Ähnliche Beispiele gibt es auch genügend für die kommunistische Zeit in Rumänien.) Liest man dann die geistigen Ergüsse dieser Männer, so kann man sich nicht genug über Produkte gespaltener Persönlichkeiten wundern. Das gilt natürlich auch für andere Kunstsparten. Und diese abstruse Bewunderung für Herrn Gröfaz ging durch viele, um nicht zu sagen alle Nationen. Ein Beispiel gefällig? Vielleicht der Niederländer Joseph Wilhelm Mengelberg (1871 – 1951), Dirigent und Komponist – stellvertretend für viel zu viele andere.

Mittwoch, 31. März 2021

März 2021 – Giarmata in den Medien

Postamt
aus
PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 05.03.2021
FotoQuelle: Primăria Giarmata
Giarmata hat ein neues Postamt in der Strada Bătrână, Nr. 23.
+ + + Und Ex-Bürgermeister Virgil Bunescu wurde nicht zur Einweihung eingeladen, worüber er sich mächtig geärgert hat. – Is des net de Dispensar newrem Kreider aus unsrer Altjohrmarker Zeit? + + +

Coronavirus
aus RenaștereaBănățeană.ro, Timişoara / Temeswar, 09.03.2000
Aus Giarmata werden acht neue Coronavirus-Fälle gemeldet. Der Kreis Timiș / Temesch hat seit Beginn der Epidemie 41.898 Infektionen mit dem Coronavirus zu verzeichnen.

Karambolage
aus OpiniaTimișoarei, Timişoara / Temeswar, 13.03.2021
Auf der Westautobahn A1 gab es zwischen den Ortschaften Orțișoara und Giarmata einen Unfall mit sechs involvierten Fahrzeugen. Zwei Personen wurden verletzt, haben aber eine Internierung in ein Krankenhaus abgelehnt.

Sammlung
aus PrimăriaGiarmata - Giarmata / Jahrmarkt, 16.03.2021
Für Samstag, den 20. März 2021 hat die Umweltbehörde SNC (Nationales Sammlungs-System) eine Sammlung von Elektroschrott in Giarmata angekündigt. Die Aktion wird von 10 bis 16 Uhr durchgeführt und ist kostenlos. Der Schrott wird zu Hause abgenommen. Wer seinen Elektroschrott loshaben will, kann bei der Telefonnummer 0724602733 anrufen.
+ + + Sauber in den Frühling starten, kann man da nur sagen. + + +

Der Neue
aus PrimăriaGiarmata - Giarmata / Jahrmarkt, 19.03.2021
Der neue Direktor des kommunalen Sportclubs Millenium Giarmata ist nach einem Prüfungsverfahren mit zwei Kandidaten Herr Vieriu Alexandru.

Homeschooling
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 21.03.2021
Vom 22. März bis zum 5. April muss die Gemeinde Giarmata ihre Schulen coronabedingt schließen. Der Inzidenzwert in der Ortschaft hat den Wert 6 überschritten.

Mit mäßigem Tempo
aus TimișPlus.ro, Timişoara / Temeswar, 25.03.2021
Erst 13% der Arbeiten an der Kreisstraße DJ 691 zwischen Temeswar und der Auffahrt zur A1 bei Giarmata sind bewerkstelligt. Die auf vier Spuren verbreiterte Straße soll am 30. September 2022 fertig sein.

Gemeinderatssitzung am letzten Märztag
aus PrimăriaGiarmata - Giarmata / Jahrmarkt, 26.03.2021
Für den 31. März hat Bürgermeister Claudiu Mihălceanu den Gemeinderat zu einer Sitzung einberufen. Die Sitzung findet online statt – über ZOOM. Es wird auch in dieser Sitzung um einige Verkäufe von Bauparzellen an Privatpersonen gehen. Ein Beispiel (laut veröffentlichter Tagesordnung): Herr Gligor Lucian-Elon bewirbt sich um einen Bauplatz in der Berzei-Straße Nr. 23, der zu folgenden Konditionen von der Gemeinde veräußert werden soll: Größe des Grundstückes = 530 m², Preis = 7335 Euro plus Mehrwertsteuer, wovon 1393,65 Euro beim Abschluss des Kaufvertrages fällig werden und der Rest von 5501,25 Euro in fünf Jahresraten, gekoppelt an die Inflation, abgestottert werden muss.  
+ + +  Wahnsinn – wenn ich das mit den Grundstückspreisen in Ingolstadt vergleiche. + + +

Strafe wegen Feier
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 27.03.2021
Die Polizei hat in Giarmata eine Feier in einem Lokal unterbrochen. 15 Personen hatten sich trotz strenger Antipandemieregeln dort getroffen: acht Erwachsene und sieben Minderjährige. Der Veranstalter musste 1000 Lei Strafe zahlen und seine Gäste wurden mit zusammen 26.250 Lei Strafgeld bedacht.

Trinkwasserzufuhr unterbrochen
aus BanatulAzi.ro, Timişoara / Temeswar; 29.03.2021
Am 30. März wird der Trinkwasserbehälter für Giarmata gereinigt. Daher muss die Wasserzufuhr von 9 bis 15 Uhr unterbrochen werden. Die Bewohner werden gebeten, Reservegefäße mit Trinkwasser bereitzustellen und bei Wiederaufnahme der Zufuhr auf schmutziges Leitungswasser achten.

Covid-19
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 30.03.2021
In Giarmata sind zurzeit zwei Covid-19-Fälle bekannt.

Gemeinderatssitzung in Giarmata
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 31.03.202
(https://www.facebook.com/826621574375152/videos/1130756840680335/?hc_ref=ART9swU5B0j_8oKcl2LGRclsvQQes0SqtJw9ND8gFN1SrV7SAaaL3FA97S-SgHs7L7 )
+ + + Wer die 3h 23' bis zum Schluss durchhält erfährt auch, dass die Pflege der Friedhöfe (die eigentlich der katholischen Kirche gehören) aus den Einnahmen für die verkauften Grabplätze und den Beiträgen für den 7-jährigen Besitz finanziert wird. Diese Gebühren werden aber von den Bürgern mehr oder weniger gewissenhaft gezahlt. Der Obere Friedhof sieht gepflegter aus (90% der Beiträge stammen von Familien aus dem Oberdorf) als der Untere Friedhof, ist aus einer Stellungnahme zu entnehmen. Gepflegt werden beide Friedhöfe "freiwillig" - das heißt aber nicht ohne Bezahlung -  von einem Gemeinderat: Herr Mărtin Iulian, der sich zu diesem Thema auch zu Wort gemeldet hat. - Ich moon es werd Zeit, dass mer mol wedder was sammle, weil schließlich un endlich sin doch mer, die ausgewannerte Altjohrmarker, die Katholike un net die ingewannerte Neigiarmataer. + + + 



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Frohe Ostern!


Ich wünsche allen Besuchern dieses Blogs ein von Corona unbehelligtes Osterfest 2021.

Anton Potche - Berns Toni - Anton Delagiarmata

Mittwoch, 24. März 2021

Ein kühner Vergleich – aber essaytauglich

Ana Blandiana: In einer spanischen Herberge – Essays, Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, Berlin, 2012; ISBN 978-3-86813-010-2; 128 Seiten; 14,80 EUR.

Als ich den Titel dieses Buches auf dem Umschlag las, dachte ich gewohnheitsgemäß zuerst an einen Thriller, dem auch das Titelfoto ganz gut zu Gesicht stehen würde. So kann man sich täuschen. Schon die mit kleinerer Schrift vermittelten Informationen des Umschlags sprachen eine andere Sprache: Ana Blandiana, eine der bekanntesten lebenden rumänischen Schriftstellerinnen und vor allem Dichterin, und Essays.

Die Titelseite des Taschenbuches ließ mich dann schnell eine Bestellung tätigen. Dort steht zusätzlich, dass dieser Essayband von Katharina Kilzer, eine Jahrmarkter Landsmännin, herausgegeben wurde, und zu den Texten Ana Blandianas auch solche von Maria Herlo und Helmut Müller- Enbergs zu lesen wären. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Journalistin und Literaturwissenschaftlerin Katharina Kilzer, der Politologe Dr. Helmut Müller-Enbergs und Maria Herlo (Literaturwissenschaft & Publizistik) auch bei anderen Buchprojekten schon erfolgreich zusammengearbeitet haben.

Nun wurde ich, das Buch aufschlagend, auch gleich gewahr, was es mit dieser geheimnisvollen „spanischen Herberge“ auf sich hatte. In einer kurzen Information Zum Titel des Buches steht unter anderem zu lesen: „Mit dem Bild einer ‚spanischen Herberge‘ ist ein Ort gemeint, an dem sich Menschen verschiedener Herkunft treffen, jedoch jeder verzehrt, was er sich mitbringt.“ Mit dem „Bild“ ist auch nicht die Abbildung auf der Vorderseite des Buchumschlages gemeint – die zeigt eine Postkarte von Sighet um 1922 -, sondern ein tiefer gehendes Motiv, wie es Redensarten oft eigen ist. Hier soll sie, die Redensart, ausdrücken, dass „Jeder empfindet anders. Es gibt keine alleinige Wahrheit.“

In solche philosophischen Labyrinthe wollte ich mich aber schon vor Beginn des eigentlichen Lesens der Blandiana-Essays partout nicht begeben. Und dabei half mir eine im wahrsten Sinne des Wortes pragmatische, zur rechten Zeit einschießende Erinnerung. Wir waren mit der Kaszner-Kapelle in Hatzfeld – es war irgendwann in den ausklingenden 1970er Jahren. Dort sollten wir den Brotsack-Ball spielen. Was wir dann auch taten und den Gebrauch einer „spanischen Herberge“ am eigenen Leibe, sprich, im knurrenden Magen zu spüren bekamen. Auch zu einem Brotsack-Ball brachten die Teilnehmer ihre eigenen Leibspeisen mit. Nur hatte damals in Hatzfeld niemand an die Musikanten aus Jahrmarkt gedacht, die diesen Gebrauch von zu Hause nicht kannten.

Zum Glück konnte ich mich jetzt gesättigt dieses Buches annehmen. Auch es beginnt wie die meisten Bücher mit einem Vorwort, verfasst von der Herausgeberin. Nun ist Katharina Kilzer als großer Blandiana-Fan bekannt. Und das lässt sie auch diesmal schwärmen: „Sie [Ana Blandiana] ist eine unermüdlich schreibende Wegelagerin, für die, wie einst Solschenizyn sagte, es das größte Unglück wäre, wenn sie einmal kein Blatt Papier und keinen Bleistift mehr hätte.“

Weil aber beides vorhanden war und hoffentlich noch ist, darf der neugierige und schöngeistige Leser – Letzteren meine ich natürlich ganz ohne jedweden Selbstbezug – sich den Geistesschwingen der rumänischen Dichterin und Bürgerrechtlerin hingeben. Mit Gewinn, kann ich für mich sagen. Wie bei Essays üblich, erfährt man in solchen Texten, die ja oft sogar dem Anspruch genügen, poetischen Klang mit handfester Alltagsrhetorik zu verbinden, immer viel über den Menschen hinter dem Journalisten, Geisteswissenschaftler, Poeten und Schriftsteller, ja manchmal sogar Politiker. Auch Ana Blandiana eröffnet ihr Herz und teilt für viele überraschend gleich zu Beginn dem geneigten Leser mit: „Während meines gesamten Lebens hatte ich immer nur einen Wunsch: allein zu sein.“ Ist das eine Bedingung, um überhaupt eine erfolgreiche Dichterin zu werden? Vielleicht. Die heutige Zeit suggeriert aber etwas anderes. Denken wir nur an das Poetry-Slam-Phänomen.

Aber allein war die Dichterin in Rumänien nie. Dafür sorgte schon der überaus fürsorgliche Staat. Tragisch für die Literatin ist allerdings, dass sie gar keine festen Beweise für diese Staatsliebe hat, um ihm, dem Staat, wenigstens im Nachhinein dafür danken zu können, wie sie in dem Essay In einer spanischen Herberge – Über Bücher und Geheimdienste schreibt: „Obwohl es mir bisher nicht gelungen ist, meine Securitate-Akte zu lesen (da sie angeblich vernichtet wurde), habe ich keine Zweifel, dass es sie gibt, dass es auf jeden Fall eine Akte gab.“

Da darf sich Ana Blandiana allerdings über mangelndes Verständnis seitens der Securitate und ihrer nachfolgenden Seilschaften nicht wundern, zeigte sie sich doch selber in höchstem Maße undankbar für die Mühe, die sich die Securitate und die rumänische Zensur mit ihr gegeben haben. Den Beweis dafür liefert sie selbst in dem Essay Menschen ohne Gedächtnis: „Vor dem 22. Dezember 1989 war ich eine Schriftstellerin mit 24 veröffentlichten Büchern, zweien in der Schublade, drei Schreibverboten und einer einzigen Obsession: zu schreiben, was ich dachte, und zu veröffentlichen, was ich schrieb.“ Also bei so viel Widerspenstigkeit kann man auch im Nachhinein schon mal mit Aktenlosigkeit bestraft werden. Natürlich gibt es auch dafür eine plausibel klingende Erklärung: „Der Kommunismus ist zwar als System verschwunden, aber nicht als Mentalität und Methode.“

Dass ein so bewegtes Dichterdasein auch so manche Anekdote generiert, die den gefesselten (das ist man oft seitenweise) Leser schmunzeln lässt, obwohl die Autorin sich darüber furchtbar aufgeregt haben muss, ist nicht schwer zu erahnen. In dem 2011 von Ana Blandiana an der Babeș-Bolyai-Universität in Cluj-Napoca / Klausenburg gehaltenen Vortrag Von der Zensur als Form der Freiheit zur Freiheit als Form der Zensur heißt es in einem von jeglichem Nachtragen entkernten Ton: „Man schlug vor, meinen Roman, die Applausmaschine, zu übersetzen. Nach einigen Monaten bereits erhielt ich die deutsche Fassung des Romans. Der Unterschied war, dass diese Fassung anders endete als mein Buch. […] Als ich protestierte, antwortete der Verleger etwas zynisch, dass er nicht ahnen konnte, dass meine 350 Seiten in deutscher Übersetzung 520 Seiten ergeben würden. […] Der Verleger hatte, wie bei einer Salami, einfach das Ende abgeschnitten.“ Vielleicht war der gute Verlagsmensch gerade in bester Faschingslaune, so nach dem Motto des Schlagers Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Oder anders gesagt: Ein deutscher Verleger (Steidl, 1993) kann schon mal von der Leichtigkeit einer rumänischen Literatursprache so überrascht sein, dass er wie ein kommunistischer Zensor reagiert. (Am Übersetzer Ernest Wichner wird es wohl kaum gelegen haben.) Solche Vorfälle gebären nun mal Essay-Literatur vom Feinsten.

Ana Blandiana berührt und vertieft mehr oder weniger viele Lebensbereiche. Ihr gesellschaftliches Engagement (Memorial Sighet) ist außergewöhnlich und erfährt mittlerweile weit über die Grenzen Rumäniens hinaus Anerkennung. Und wenn dieser Einsatz für die Geschichte Rumäniens und die Demokratie weltweit auch noch Brücken in die Sprache schlägt, dann darf der Leser sich des ein oder anderen in den Texten aufleuchtenden Aphorismus erfreuen oder sich von ihm zum Nachdenken anregen lassen. „Die heimliche Kunst der Demokratie liegt in den Proportionen und besteht in der Weisheit, niemandem so viel Macht zu verleihen, dass er verleitet wird, sie ganz und gar für sich beanspruchen zu wollen“, heißt es in Fragmente über Freiheit. Die immer häufiger auftauchenden Scheindemokratien lassen mit ihren höhnischen Fratzen grüßen. Damit geht auch der erste Teil des Buches zu Ende.

Im zweiten Teil sind Auszüge aus einem Gespräch zwischen Ana Blandiana und Dr. Joachim Gauck am 3. Dezember 1999 in Frankfurt am Main und drei Essays von den Übersetzern der rumänischen Texte ins Deutsche, Anas Ernte von Helmut Müller-Enbergs, Begegnungen mit Ana Blandiana von Maria Herlo und Blandiana aus Blandiana – Vom Ursprung zur Freiheit des Wortes von Katharina Kilzer, veröffentlicht.

Trotz aller landsmannschaftlicher Befangenheit muss ich das zum Schluss noch loswerden: Ich habe selten einen so fesselnden, sprachlich hochwertigen und einfühlsamen Essay gelesen wie den von Katharina Kilzer. Was Bewunderung und Anerkennung für eine Modelleurin der rumänischen Sprache doch alles bewirken kann. Es soll ja sogar Leute geben, die sich in dem Banater Dorf Murani, unweit von Bruckenau / Pișchia, einen Zweitwohnsitz zugelegt haben, nur um den Geist der großen Literatur zu spüren, lebten Ana Blandianas (bürgerlicher Name: Otilia-Valeria Coman) Eltern doch zeitweise in diesem Dorf. Zum Sterben kehrte Otilia Coman, geb. Diacu, die Mutter, aber dann doch zurück in ihr Heimatdorf am Fuße der Westkarpaten. Eben nach Blandiana. Auch Katharina Kilzer machte sich an einem „Sommertag im Juli 2011“ auf den Weg dorthin. Und was sie sah, brachte ihre Phantasie ganz schön in Schwung, liegt die Marosch doch ein Stückchen weg von der Heckengemeinde Jahrmarkt, ihrem Geburts- und Kindheitsort mit den beschaulichen Wassergräben in den Dorfgassen. Aber nicht von ungefähr ist die Gattung Essay eine der persönlichen Betrachtung, subjektiven Verarbeitung und daraus resultierenden Kreativität unterliegende Literaturform. Und Katharina Kilzer beherrscht sie in beeindruckender Weise, wenn sie zu ihrem Besuch im Dorfe Blandiana festhält: „Windlos breitete sich in der Mittagshitze eine angenehme Kühle neben dem Wildbachufer aus. Je mehr ich voranschreite, den Geruch des Wassers, der Erde, der Bäume, des Straßenstaubs und der gesamten Landschaft in mich aufsauge, fühle ich mich zu Hause. Ein Stück aus meiner Kindheit? Es ist die Marosch, der Fluss der Dorflandschaften meiner Kindheitsorte im Banat.“ Ein kühner Vergleich – aber essaytauglich.

Anton Potche


Montag, 8. März 2021

Die Berlinale und der rumänische Film

Das scheint eine geglückte Symbiose zu sein: die Berlinale und der rumänische Film. Namen von Regisseuren wie Cristi Puiu (Teilnahme 2020), Radu Jude (2020 – drei Filme), Adrian Cioflâncă (2020), Adina Pintilie (2020) zeugen von einer regen Teilnahme an einem der größten Filmfestivals der Welt. 2013 konnte Călin Peter Netzer den Goldenen Bären mit dem Filmdrama Mutter & Sohn (Originaltitel Poziția Copilului) gewinnen. Im Jahre 2018 wurde die rumänische Regisseurin Adina Pintilie für ihren halbdokumentarischen Streifen Touch Me Not ausgezeichnet. Schon 2004 hatte Cristi Puiu mit Un cartuș de Kent și un pachet de cafea (Cigarettes and Coffee) den Berlinalepreis für den besten Kurzfilm erhalten. Den gleichen Preis bekam vier Jahre später Bogdan Mustață für seinen 10-Minuten-Streifen O zi bună de plajă (Ein schöner Tag zum Schwimmen).

Auch heuer konnte bei den 71. Berliner Filmfestspielen, kurz Berlinale, 1. bis 5. März, ein rumänischer Regisseur den begehrten Goldenen Bären gewinnen: Radu Jude (*1977). Obwohl sein Film bisher nur von wenigen Menschen gesehen wurde (Juroren, Kritiker, Filmhändler), löst er Debatten aus. Handelt es sich um einen Porno, eine Satire, oder ist es gar ein sozialkritischer Streifen? Auf jeden Fall scheint es ein ungewöhnlicher Film zu sein, so ungewöhnlich wie die gesamten Filmfestspiele überhaupt waren. Es gab kein Publikum. Es gab nur Filmfachleute und das Coronavirus. Sogar in dem preisgekrönten Film. Schließlich spielt er in der wie die ganze Welt von der Pandemie heimgesuchten rumänischen Hauptstadt Bukarest. Mit Maske also. Und er beginnt „nicht zimperlich“, wie der DONAUKURIER auf seiner Kulturseite vom 6. März feststellt. „Man sieht einen Mann und eine Frau, die wild zugange sind.“ Na und, fragt sich der Leser, Pandemiezeiten sind vielleicht prädestiniert für coolen Sex. Turbulent wird die Geschichte in Radu Judes Liebesfilm – vielleicht ist er ja das, und nur das -, als einige Schüler im Internet ihre Lehrerin als die Protagonistin der heißen Liebesspiele erkennen. Ohne den Film gesehen zu haben, kann man schon ahnen, dass er in unsere Zeit passt. In der Begründung der Jury ist vermerkt: „Es ist ein kunstvoll ausgearbeiteter Film, der zugleich ausgelassen ist, intelligent und kindisch, geometrisch und lebendig, auf beste Art ungenau.“
Screenshot: Anton Potche

Das macht schon mal neugierig. Zwischen dem 9. und 20. Juni 2021 sollen Filmliebhaber in einem Festival mit Publikum die Chance bekommen, ihre Neugierde zu stillen. So Gott und Corona das wollen. Sie werden dann auch den Goldenen-Bären-Gewinner 2021 Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (Bad Luck Banging or Loony Porn), (Pechbumsen oder: Bekloppter Porno) sehen können - mit folgenden Schauspielerinnen und Schauspielern in den tragenden Rollen Katia Pascariu – als Lehrerin Emi (Foto), Claudia Ieremia – Direktorin, Olimpia MălaiFrau Lucia, Andi Vasluianu – Herr Otopeanu, Nicodim Ungureanu – Herr Gheorghescu, Tudorel Filimon, Ilinca Manolache, Alexandru Potocean, Dana Voicu.

In einem Interview mit der WIENER ZEITUNG sprach Radu Jude über sein Kunstverständnis und den triptychonförmigen Aufbau seines preisgekrönten Films: „Das Kino ist ein Mittel, um über die Welt mit spezifischen Werkzeugen nachzudenken. Die Kamera, die Montage, die Form des Films, seine Architektur und Komposition, das sind für mich essenzielle Dinge. […] Der Anfang des Films ist sozusagen seine geografische Verortung in Bukarest. Die Stadt ist keine Abstraktion, sondern ein Spiegelbild von uns. Man sieht, wie die Menschen zueinander sind. Der zweite Teil ist wie ein Notizbuch, fast schon poetisch, wenn ich hier etwas angeberisch sein darf. Der dritte Teil ist der Dialog-Teil, ein Tribunal, bei dem die Lehrerin sich vor den Eltern verantworten muss. Das ist jetzt sehr skizzenhaft gesagt, und jeder kann darin etwas anderes sehen, aber für mich war es die bestmögliche Struktur.“

Anton Potche