Donnerstag, 27. August 2026

echolos

 
- haiku -

komm wir gehen dill

schneiden in die ebene -

ohne blasmusik


[ingolstadt, 2026]

anton potche


Montag, 24. August 2026

ich froo mich immer

 
- gedicht im johrmarker dialekt -


forrwas vergeht die zeit


im violinandante

schneller wie im

arwedsakkordallegro


[uf der schanz, 1993]

berns toni


Lesung uf YouTube


Montag, 17. August 2026

Zu viel des Guten

 
Er geisterte seit Tagen durch diverse Medien: Odysseus. Wie so oft, steigerte sich meine Neugierde. War da nicht Helena von Troja oder Die schöne Helena oder gar Der Untergang von Troja? Aber wer war das Mädchen an meiner Seite? Für mich ging es nur um sie. Und nicht um Helena, die schönste Frau der Antike. Händchenhalten. In einem rumänisch untertitelten Film, von dem ich nicht besonders viel verstand. Also musste es ausgangs der 1960er Jahre gewesen sein. Und wo? Im Jahrmarkter Kulturheim oder in einem Temeswarer Lichtspielhaus? Auf jeden Fall war jetzt, viele Jahrzehnte später, meine Lust auf die Antike geweckt. Und ich wollte einer der ersten Ingolstädter sein, der Die Odyssee sehen konnte, frisch auf die Leinwand gebannt. Das war ich dann auch, denn es waren gerade mal 10 Zuschauer in dem großen Saal des Ingolstädter CineStar.

Man schrieb den 16. Juli 2026. Heiß. Schwül. Als das Licht um 16:40 Uhr gedimmt wurde, ging es erst mal los mit 20 Minuten Werbung. Dann kam der Film. Die Odyssee startete mit einem donnerähnlichen Grollen. Mir fielen die Ohrenstöpsel aus meiner Audi-Zeit ein. Ich musste mich an den Lärm gewöhnen, um überhaupt der Erzählung folgen zu können. Erst die Schlachten! Als wären es Drohnen unserer Zeit. Und warum so lange? Es ist soviel Gewalt in diesem Film. Gewalt braucht Lärm, furchtbaren Lärm. Und Ekel.

Die mythologische Antike lebt in diesem Film von der Steigerung, auch im Ekel … wenn Krieger zu Schweinen werden. Echte Schweine, domestizierte Haustiere zum Schlachten. Und erst die Kreatur mit dem Stirnauge! Fürchterlich! Nur im Vergleich zu der ekelhaften Schweinewerdung noch eher erträglich. Aber märchentauglich auf keinen Fall. Und das unabhängig von dem, was Homer so alles in die Welt gesetzt hat.

Odysseus war lange auf der Heimfahrt nach Ithaka. Wenn ich mir das Feuilleton anschaue, dann war das für so manchen Zuschauer keine besonders grandiose Fahrt. Da heißt es am Tag des Odyssee-Film-Starts zum Beispiel, dieser Film sei „keine ruhmreiche Heldenstory, sondern ein düsterer Horrortrip durch eine Albtraumwelt“. Recht hat der Kritiker David Steinitz in der SZ. Es war halt oft zu viel des Guten in den drei Stunden Kampf um die Erinnerung.

Und wer war das Mädchen mit dem Händchenhalten und meinen Schmetterlingen im Bauch, damals vor bald 60 Jahren. Ich weiß es - wie Odysseus - nicht mehr. Aber sie war schön, schöner als die Schönste der Antike oder die tapfer wartende Gemahlin Odysseus’.

Die Odyssee Film, 2026; Regie & Drehbuch: Christopher Noland; Musik: Ludwig Göransson; Kamera: Hoyte van Hoytema; Darsteller: Matt Damon (Odysseus), Anne Hathaway (Penelope), Tom Holland (Telemachos), Robert Pattinson (Antinoos) u. a.
Anton Potche

Montag, 10. August 2026

Wo kommen die vielen sozialistischen Menschen dann alle her?

 
Wladimir Kaminer: Es gab keinen Sex im Sozialismus; Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2009; kartoniert, 236 Seiten; ISBN 978-3-442-54265-9; € 8,95 [D], € 9,20 [A].

Wieso gab es keinen Sex im Sozialismus? Natürlich gab es den. Nur ist er in diesem Buch ein gekappter Satz. Er wurde zwar ausgesprochen, aber nicht bis zum Schluss von seinen Adressaten gehört. Der Satz. Nicht nur der Sex. Tatort war eine „Telebrücke“, die im September 1982 einmalig zwischen der Sowjetunion und Amerika aufgebaut wurde. Bürger beider Staaten sollten miteinander kommunizieren, und zwar über das Medium Fernsehen. In diesem sehr unterhaltsam wiedergegebenen russisch-amerikanischen Bürgertreffen kam es auch zu folgender Situation: „Das Gespräch ging jedoch nicht wirklich voran. Die erfolgreichen Ernten und die Fortschritte im Maschinenbau interessierten die amerikanischen Freunde nicht, stattdessen kamen sie gleich zur Sache. Ein großer Blonder in einem Holzfällerhemd wollte wissen, wie es mit dem Sex in der Sowjetunion sei. Unsere Antwort auf diese hinterhältige Frage kam von einer molligen Dame mit einer komplizierten Frisur, die sich im entscheidenden Moment auch noch verhaspelte. Sie wollte dem Amerikaner eigentlich sagen, dass bei uns kein Sex im Fernsehen gezeigt wird, schaffte aber nur den halben Satz: ‚Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex, äh – äh.‘“ Das ist O-Ton Kaminer. Und der hält sich auf ähnlichem Level durch das ganze Buch.

Diese Parodien des sowjetischen Alltags hat Wladimir Kaminer in 32 Kapitel gegliedert und versucht, je mehr vom Leben in der UdSSR preiszugeben. Für Leser mit Ostblockerfahrungen ist viel von dem Festgehaltenen normal, während Westmenschen viel skurril finden. Dass Kaminer ein Großer seines Metiers ist, zeigen die gleichen oder ähnlichen Reaktionen der Leser von drüben als auch jener von hüben.

Der Autor hat nicht nur seine ehemalige russische Heimat ins Visier genommen, sondern auch andere Teile des Ostblocks. In dem Prosastück Die Helden des vorigen Jahrhunderts erweist er auch Dracula die Ehre, ja positioniert ihn sogar vor Juri Gagarin: „Mein persönlicher Favorit unter den Flughelden war jedoch Graf Dracula.“


Kaminer klärt in diesem Buch „Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts (Untertitel) auf. Wie er das tut, lohnt sich, zu diesem Buch zu greifen. Das ist ein sehr unterhaltsames Stück leichte Literaturkost. Wohl bekomms!
Anton Potche