Montag, 8. August 2022

Die Owebank


 - Gedicht im Johrmarker Dialekt -


Kumm, sitze mer uns uf die Owebank,

Die halt uns die Buckle scheen warm.

Holle mer uns an de Hänn un verzähle vun frieher,

Vum Pheife un Bussle, vum Wachse und Bliee.


Kumm, sitze mer uns uf die Owebank,

Mei Gedanke sin wie de Owed so lang.

Sie gehn weit un weider zrick:

Irgendwann war aah des Haus e armi Hitt.


Kumm, sitze mer uns uf die Owebank,

Ich les der die Zukunft aus der Hand:

Du werscht deine Kinn mol erkläre misse,

Daß merr uf ’re Owebank sogar hot känne sitze.


[Uf der Schanz, 1992]

Berns Toni


Lesung uf YouTube


Sonntag, 31. Juli 2022

Juli 2022 – Giarmata in den Medien

 Fahrradweg
aus OpiniaTimișoarei, Timişoara / Temeswar, 10.07.2022
Als 2021 vom Kreis Temesch / Timiș ein Wettbewerb zur Beteiligung der Bürger am Haushalt des Kreises (Buget Participativ al Timișului) ausgeschrieben wurde, hat der Vorschlag eines Fahrradweges Temeswar-Dumbrăvița und irgendwann weiter über Giarmata ins nördliche Umland der Kreishauptstadt den 1. Platz belegt. 4.538 Stimmen hatte das Projekt bekommen. 500.000 Lei sollen dafür zur Verfügung gestellt werden. Es fand sich leider keine Firma die den Fahrradweg bauen wollte. Jetzt endlich hat man ein Büro gefunden, das für 50.000 Lei die technischen Planungen übernimmt. Es handelt sich um die EUROCAV PROIECT SRL und das Subunternehmen EUROENGINEERING.
+ + + Es geht vorläufig aber nur um eine Strecke von drei Kilometer von Timișoara bis hinter Dumbrăvița in Richtung Giarmata … Mei Ota hot mer mol verzählt, er is als junger Mann immer mi‘m Bizikl in die Stadt uf die Arwet gfahr … uf der Landstroß bis zum Fassbinder Appeltauer in der Josepstadt. Lang, lang is des her. Er hat damals noch sei Fieß ghat. + + +

Stromlieferung unterbrochen
aus RenaștereaBănățeană.ro, Timişoara / Temeswar, 14.07.2022
Zwischen dem 14. und 16. Juli wird in vielen Straßen Temeswars und einiger Ortschaften des Landkreises Timiș die Stromlieferung wegen Reparaturarbeiten gesperrt. Für Giarmata gelten folgende Zeiten: 14. Juli, 9 bis 17 Uhr, Str. Industriilor, mit den Firmen INDUS, NIMB, KOSO GRUP KSK SRL; 11 bis 19 Uhr, Str. Teilor, Str. Lotus und Str. Viorelelor.

Gute Straßen – doch nicht überall
aus RenaștereaBănățeană.ro, Timişoara / Temeswar, 15.07.2022
Die Nationalstraße DN 6 wurde auf dem Abschnitt Timișoara – Remetea Mare neu asphaltiert. Die Zeitung zeigt sich begeistert und stellt auch gleich die Frage, warum das auf der Strecke Dumbrăviţa – Giarmata – Pişchia – Fibiş – Maşloc – Alioş (DN 691) nicht auch möglich ist. „Dort sieht es aus wie nach einem Bombardament.“
+ + + Achtung! Putin lässt grüßen. Das ist fast schon ein Bündnisfall! + + +

Kein Gas
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 19.07.2022
Die Gemeinde Giarmata hat folgende Bekanntgabe veröffentlicht:
Am 20. Juli 2022 zwischen 8:00 und 19:00 Uhr wird die Gaszufuhr wegen Arbeiten am Netz unterbrochen. Um Unfälle zu vermeiden, müssen folgende Anweisungen respektiert werden:
- Alle Gasabsperrhähne müssen geschlossen werden.
- Vor Inbetriebnahme der Gaslieferung dürfen die Hähne nicht geöffnet werden.
- Bei Wiederaufnahme des Gaszuflusses müssen die Sicherheitsflammen an den automatischen Geräten wieder angezündet werden.
- War der Hahn geöffnet, bevor die Sicherheitsflamme angezündet wurde, muss er wieder geschlossen und der Raum und dessen Nebenräume gut gelüftet werden. Erst dann darf das Feuer angezündet werden.
Zuständig für die Versorgung mit Gas in Giarmata ist die Firma S.C. GAZ VEST S.A. Arad.
+ + + Uff! So Gschichte kännte uf uns aah zukumme. Awwer net weger Repratur, sondern weger dem Vruckte im Kreml. Bloß ... wann mer dahoom geblieb wäre, wisste mer bis heit, was Mangelwirtschaft is. Awwer so ... misse mer ’s jetz wedder lerne. + + +

Grindeanu schimpft
aus BanatulMeu.ro, Timişoara / Temeswar; 22.07.2022
Rumäniens Transportminister Sorin Grindeanu ist unzufrieden mit der Situation des Ausbaus der Kreisstraße Timișoara – Dumbrăvița – Giarmata bis zur Anschlußstelle zur A1. Der Minister wird wie folgt zitiert: „Eine Schande. Im Sommer 2016 wurde ich Vorsitzender des Kreisrates durch die Stimmen der Temeswarer, ich habe schnell Enteignungen in die Wege geleitet. Als ich im Dezember Premierminister wurde, gab es in Dumbrăvița eine öffentliche Diskussionevernstaltung, bei der auch der Kreisrat zugegen war. Es ist eine Schande für den Kreisrat Timiș, dass wir von 2016 bis 2022, seit sechs Jahren, diese Situation haben. Aber wer ist der Projektinhaber? Vor allem der Kreisrat Timiș. Ich sehe, dass er keine Lösung hat. Dass der Vertrag mit der damaligen Firma aufgehoben wurde, kann ich verstehen, aber es ist fast ein Jahr vergangen und noch keine neue Ausschreibung getätigt. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.”
+ + + So ist das, wenn Minister schimpfen. Die Frage bleibt, ob sich was ändert. + + +

Vorbereitung für die neue Saison hat begonnen
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 24.07.2022
Fußball – D-Liga – Timiș / Temesch - Vorbereitungsspiel
 CSC Millenium Giarmata – CS Timișul Șag  4:2 (3:1)
Torschützen: Ionuț Onosă, Bogdan Moroșan, Lucian Oprea und Fabian Blujdea für Giarmata sowie Iulian David und Adrian Nicolăescu für Șag.

Gemeinderatssitzung mit Haushaltsumschichtungen
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 27.07.2022
27 Tagesordnungspunkte galt es in der Gemeinderatssitzung vom 27. Juli 2022 abzuarbeiten. Wie so oft ging es auch dieses Mal überwiegend um Grundstücksprobleme, aber auch ums liebe Geld.
Die orthodoxe Kirche hat darum gebeten und bekommt 200.000 Lei. Auch die Pfingstgemeinde Alfa soll mit 50.000 Lei bedacht werden.
Eine neue Kindertagesstätte soll für 75 Kinder gebaut werden. Veranschlagte Kosten: 13 Millionen Lei. Das ist der Höchstbetrag, der für ein solches Projekt beim Staat beantragt werden kann.
In der Gemeinde sollen mehrere Überwachungskammeras montiert werden.
Eine Sterilisationsaktion an Hunden hat begonnen.
Die Wirtschaftskrise macht sich auch in Giarmata bemerkbar. Das hat zu einer Haushaltsumschichtung geführt, von der alle Lebensbereiche der Gemeinde betroffen sind: Schule, Sport, Kultur, Kirchen, Wirtschaft u.s.w. Im Ganzen stehen für die geplante Umschichtung 3.060.000 Lei zur Disposition. Der größte Posten bezieht sich auf die Summe von 1.550.000 Lei, die für den Kauf des ehemaligen IAS-Geländes vis–à-vis des Kulturheims bereitgehalten wurde. Dieses Geld soll jetzt für andere Zwecke ausgegeben werden. Unter anderem soll am Oberen Friedhof ein neuer Sportplatz entstehen. Auch die Kultusgemeinden und Kulturvereine der Gemeinde sollen auf vielfältige Weise mit dem Geld unterstützt werden. Warum diese Haushaltsreserve von einer Anderhalbmillion Lei plötzlich ganz aufgelöst wird, wurde im Detail nicht erläutert.
+ + + Die werre sich gedenkt hun, bevor die Inflation es fresst – die is nämlich in Rumänien noch vill greeßer wie bei uns –, gewwe mer ’s liewer aus forr unser Leit. + + +

Montag, 18. Juli 2022

Kein ermüdender Tiefgang, aber auch keine Spur von Oberflächlichkeit

Thea Dorn & Richard Wagner: Die deutsche Seele; Albrecht Knaus Verlag, München, 2011; ISBN 978-3-8135-0451-4; 560 Seiten, Hardcover; € 38,00 [D], € 40,10 [A], CHF 51,50 [CH]; www.knaus-verlag.de; www.deutsche-seele.de.

Es gibt vielbesprochene Bücher, wenig besprochene und überhaupt nicht besprochene. Die vorliegende Textsammlung wurde reichlich rezensiert und das nicht nur im gedruckten Feuilleton. Auch die Internetgemeinde bei Amazon hat sich des Buches angenommen. 24 Rezensenten haben es besprochen und von einem bis zu fünf Sternen vergeben. Die deutsche Lesegemeinschaft hat das Erscheinen der „deutschen Seele“ also sehr wohl registriert, damals im Herbst 2011.

Was sie aber wirklich ist, diese deutsche Seele, klären weder Thea Dorn noch Richard Wagner auf. Das war wohl auch gar nicht Zweck der Sache. Es sollte eher ein kulturgeschichtlicher Ausflug, aber ohne wissenschaftliche Gelehrsamkeit, durch das Universum deutscher Befindlichkeiten sein. Und das ist ihnen auf jeden Fall gelungen; natürlich nicht zur Zufriedenheit aller Leser. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn nichts ist vielschichtiger als die menschliche Wahrnehmung. Die Beweggründe Thea Dorns und Richard Wagners, ein solches Buchprojekt zu bewerkstelligen, klingt so: „Wir sind keine Pathologen – wir sind Beteiligte. Getrieben von der Sehnsucht, die Kultur, in der wir in all ihren Tiefen und Untiefen, in ihrer Größe und Schönheit, in ihren Schrullen und Fragwürdigkeiten zu erkunden.“ 

Es ist schon mal eine gute Idee, ein solches Buch zu zweit zu schreiben. Jeder für sich natürlich, mit eigenem Stil und eigener Sichtweise. Vereint zwischen Buchdeckeln ergänzen sie sich hervorragend. Wer eigentlich mit mehr Texten dazu beigetragen hat? Wenn ich mich nicht verzählt habe, liegt Thea Dorn mit zwei Texten vorne. Zur Ausgewogenheit „der deutschen Seele“ tragen also nicht so sehr die Quantität bei, sondern vor allem die Qualität und der inhaltliche Reichtum der 64 Essays. 

Aber natürlich gibt es auch Unterschiede in der Form und dem Tiefgang der Texte. Thea Dorn neigt ein bisschen zu einer romantischen Herangehensweise. Da schwingt viel Gefühl mit. Wen wunderts? Im letzten Text des Buches entblößt sie sich förmlich und lässt uns (spätestens jetzt) die Grundfärbung ihrer Haltung verstehen: „Lasst mir meine Zerrissenheit. Sie ist das Beste, was ich habe.“ Das tun wir gerne – zumindest ich.  

Richard Wagners Essays klingen geerdeter, aber sprachlich nicht weniger brillant. Und in manchen Texten spürt man einen leichten Spott mitschwingen, so nach dem Motto: Leute, nimmt doch nicht alles so tragisch. Sollte der Unterschied vielleicht sogar in der Biografie der zwei Seelenforscher liegen?

 
Merkwürdig: Dem Band sind Kurzbiografien weder vor noch nachgestellt. Nur ein Klappentext weist darauf hin, dass Thea Dorn (*1970) eine binnendeutsche Biografie vorzuweisen hat, während Richard Wagner (*1952) aus einer katholischen Diaspora in Südosteuropa – man könnte es auch als (zumindest teilweise) deutsche Enklave bezeichnen - in den deutschen Literaturbetrieb eingeschneit ist. Seine Sozialisierung in Deutschland verlief Hand in Hand mit einer Endtraumatisierung. Natürlich ergibt das zwei so unterschiedliche Blickwinkel auf die deutsche Seele, wie sie eigentlich unterschiedlicher gar nicht sein können.

Das Resultat ist ein herzerfrischendes Buch über die Deutschen, ihr Abendbrot, ihre Abendstille, aber auch ihren Abgrund – laut Heine eine „biedere Senke, die sich jedoch ertragen lässt, wenn man eine Vergangenheit hat, von der man erzählen kann, >denn die Vergangenheit ist die eigentliche Heimat [der] Seele< -, ihre Arbeitswut, bis hin zum Reinheitsgebot, zu Winnetou – nach Wagner „eine der populärsten Figuren der deutschen Kulturgeschichte“ und natürlich der Wurst.


Sollte mich irgendwann mal jemand fragen, was diese Deutschen denn so für Menschen sind, dann werde ich ihm dieses Buch empfehlen, denn es kommt aus ohne jedweden ermüdenden Tiefgang, aber auch ohne Spur von Oberflächlichkeit. Der Leser kann sich dann auch in Wort und Bild – der Band ist reich und sehr gut bebildert – selbst einen Reim auf die nie zur Genüge beantwortbare Frage nach der deutschen Seele machen. 
Anton Potche

Montag, 11. Juli 2022

Rumänische Künstler im KOG

So wie jeder Fußballer in einem Bundesligastadion spielen will, so träumt jeder Künstler davon, seine Werke in einem Museum zur Schau gestellt zu bekommen. Vielen der Letzteren widerfährt diese Ehre aber erst post mortem. Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie (KOG) in Regensburg ist eine dieser Kunststätten, in denen Werke ehemaliger und jetziger Größen der Kunst zu bewundern, bestaunen oder abzulehnen sind. Alle diese Arbeiten aus mehr als zwei Jahrhunderten, von der Romantik bis in unsere Tage haben eine gemeinsame Komponente: Ihre Schöpfer kommen aus dem Osten. Konkret ist laut einem Präsentationsfaltblatt des KOG gemeint, dass bei den Ausstellungsstücken dieses Museums „das künstlerische Schaffen mit historischen, biografischen und inhaltlichen Bezügen zu den ehemals deutsch geprägten Kulturräumen im östlichen Europa im Mittelpunkt steht“.

Drei Grazien
Fotos: Anton Potche
Als namhaftesten Künstler der Dauerausstellung des Kunstforums darf man zweifellos Lovis Corinth bezeichnen. Der Begleittext zu seinem 1904 gemalten Bild „Drei Grazien“ ist ein beeindruckendes Beispiel deutscher Kunstgeschichte mit all ihren bis in unsere Tage nachwirkenden Komplikationen: „Das Gemälde ist eng verbunden mit dem tragischen Schicksal der jüdischen Familie Levy und ihrer Kunstsammlung während des Nationalsozialismus. […] Am 21. August 2014 gelangte die Beratende Kommission für die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz zu dem Sachverhalt, dass das Bild der Erbengemeinschaft von Clara Levy nicht verfolgungsbedingt verloren gegangen ist.“ 1950 schließlich kam das Gemälde über die Städte Berlin, New York, Luzern und Bern in die Bayerische Staatsgemäldesammlungen nach München. Jetzt kann es in Regensburg betrachtet werden. Lovis Corinth, der bedeutende deutsche Impressionist, musste nicht mehr erleben, wie die Nazis seine Kunst als „entartet“ brandmarkten. Der 1858 in Tapiau geborene Ostpreuße ist 1925 im holländischen Zandvoort gestorben.

Das Palindromische
Bankett
Man begegnet beim Schreiten durch die Ausstellungsräume Künstlern wie Bernhard Heisig (1925 – 2011), Wolf Röhricht (1886 – 1953), Eugen Spiro (1874 – 1972) u.v.a. Aber auch einer großflächigen Landkarte mit Gebietsbezeichnungen wie West- und Ostpreußen, Pommern, Nieder- und Oberschlesien, Mähren, Böhmen, Zips, Bukowina und Siebenbürgen. Banat? Fehlanzeige. Meine Sinne blieben trotzdem geschärft. Man weiß ja nie. Und siehe da. Galatz. Walachei. Was da an der Wand hängt ist das nicht gerade appetitliche „Palindromische Bankett“. Angefertigt hat es der 1930 in Galatz / Rumänien geborene Objektkünstler Daniel Spoerri. Interessant. Ein Palindrom ist ein Wort das sowohl vorwärts als auch rückwärts gelesen den gleichen Sinn ergibt. Anna zum Beispiel oder Bub u.s.w. Der Schweizer Maler, Zeichner und Dichter Andrè Thomkins (1930 – 1985) war ein Freund von Spoerri und benutzte in seinen Gedichten gerne Palindrome. So etwas hat der Rumäne 2002 in der Ostdeutschen Galerie mit einem Essen inszeniert, also sagen wir mal, von der Torte zur Suppe. Was er mit dem Übriggebliebenen gemacht hat, nennt sich eine „Assemblage auf Leinentuch mit Digitaldruck auf Holzplatte aufgezogen“ mit eben dem Titel „Das Palindromische Bankett“. Auch dafür hat Daniel Spoerri 2016 den Lovis-Corinth-Preis bekommen. 

Akte am Strand
Einen Landsmann Spoerris gibt es auch noch zu entdecken: Arthur Aron Segal, 1875 in Jassy (Iași) geboren und 1944 in London während eines Luftangriffs an Herzversagen gestorben. Der rumänische Künstler, der die meiste Zeit seines Lebens in Berlin verbracht hat, schrieb Kunstgeschichte. Ihm schreibt man die Entwicklung der Rasterbilder zu. Bei Wikipedia kann man lesen: „Zwischen 1914 und 1920 entwickelte Segal das Prinzip der Gleichwertigkeit, bei dem er seinen Gegenständen und Figuren in einem auf das Bild gelegten Raster aus Rechtecken die gleiche Bedeutung zukommen ließ.“ Was dabei herauskam, ist in Regensburg zu sehen. „Akte am Strand, 1920, Öl auf Leinwand und auf Holz (Rahmen)“ heißt das Kunstwerk. 

Pawel Althamer:
Self-Portrait
(Sorcerer), 2009
Bis zum 11. September 2022 kann man auch eine Sonderausstellung mit Arbeiten von Paweł Althamer (*1967) besichtigen. Der polnische Bildhauer, Performance-, Video- und Objektkünstler hat den Lovis-Corinth-Preis 2022 bekommen. In einem Faltblatt zur Sonderausstellung heißt es: „Der polnische Künstler fasziniert international mit Werken, die den herkömmlichen Kunstbegriff erweitern.“ Wie wahr. Nur über Politik lässt es sich besser streiten als über Kunst. Gustos und Ohrfeigen sind verschieden, pflegte ein Bekannter aus meiner Jugendzeit zu sagen. Auch im Falle Althamer hilft nur eins: Die Ausstellung besuchen.

Käthe Kollwitz:
Selbstportrait 
Was könnte man als krönenden Abschluss eines Besuches im Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu Regensburg empfinden? Angeboten wird ein verdunkelter Raum mit einer Auswahl von Werken der Künstlerin Käthe Kollwitz. Sie erblickte 1867 in Königsberg das Licht der Welt und schloss die Augen für immer 1945 in Moritzburg bei Dresden. Wir reden hier wirklich von einer der größten deutschen Künstlerinnen überhaupt. Man kann sich der Herstellerin von Radierungen, Lithografien, Holzschnitten, Zeichnungen und Plastiken schon wegen ihrer sozialen Ader, die sie vollumfänglich in ihrem Werk ausgelebt hat, nicht verschließen. Ihre Zyklen „Ein Weberaufstand“ (Radierungen) „Bauernkrieg“ (Druckgraphik) und „Krieg“, „Proletariat“, „Tod“ und „Kinderhunger“ sprechen eine eindeutige Sprache. Weltberühmt und zeitlos – das führt uns die Gegenwart leider täglich vor Augen – sind ihre Skulpturen. Besonders Werke wie „Trauerndes Elternpaar“, „Mutter mit totem Sohn“ oder „Mutter mit zwei Kindern“ sind Zeiten und Zeitenwenden überdauernde Plastiken. Ach, ich weiß nicht, irgendwie hatte ich den Eindruck, gerade in diesem so traurig stimmenden Raum am längsten verweilt zu haben.

Aber weil das Leben nun mal weitergehen muss, trotz allen Schmerzes und Leids, schritten wir, meine Frau und ich, hinaus ins Licht und hinein in die UNESCO-Welterbe-Zone, sprich Altstadt von Regensburg. Dort gibt es weiß Gott auch genug zu sehen.

Anton Potche


Mittwoch, 6. Juli 2022

Die Macher. Literatur in Ingolstadt

Sie sind in Sachen Literatur die Macher in Ingolstadt: Jens Rohrer und vor allem Michael von Benkel, zwei Autoren mit vielen Buchveröffentlichungen und organisatorischen Aktivitäten im Bereich Literatur. Sie sind auch die Antriebsfedern im in der Stadt an der Donau existierenden Ingolstädter Autorenkreis. Bisher war es so, dass Mitglieder dieses Literaturkreises stets die Ingolstädter Literaturtage mit einer Literarischen Nacht, in der mehrere Mitglieder dieses Kreises aus ihren Arbeiten lasen, ausklingen ließen. Heuer war es umgekehrt: Neun Autorinnen und Autoren aus Ingolstadt und der Region haben mit einer Lesung aus ihren aktuellen Texten (fertig oder noch in Arbeit) die 29. Ingolstädter Literaturtage am 18. Juni 2022 eröffnet – und zwar in einem herrlichen Sommerambiente auf dem Dachgarten des Künstlertreffs KAP94 am in Ingolstadt beliebten Künettegraben. Beendet wird der Ingolstädter Lesemarathon heute Abend (6. Juli) mit einem Auftritt der Teilnehmer eines Rap- und eines Poetry-Slam-Workshops um 18. Uhr auf dem Theatervorplatz in Ingolstadt.

Florian Mändl
Zwei der neun Autoren und Autorinnen, die in der Literarischen Nacht gelesen haben, sind keine Mitglieder des Ingolstädter Autorenkreises, könnten es aber noch werden, denn das Zeug dazu haben sie allemal. Sie sind (zwei von zehn) Preisträger des schon lange zu den Ingolstädter Literaturtagen gehörenden Schreibwettbewerbs für Schüler und Schülerinnen. Heuer lautete das vorgegebene Thema „Fantastische Reisen durch die Zeit“. Florian Mändl vom Reuchlin Gymnasium (Q11) hat einen Text über die Künstliche Intelligenz (KI) verfasst und dabei nicht nur euphorische Töne angeschlagen. Ein zukünftiges Zurück klingt bei dem Jungschriftsteller letztendlich dann so: „Was passieren wird, wissen wir erst mit absoluter Sicherheit, wenn die Dinge schon geschehen sind. Deshalb sind Zeitreisen in die Vergangenheit sicherer. Dank umfangreicher Forschung wissen wir viel über sie, und vor allem eins macht die Reisen in die Vergangenheit gewisser: Die Dinge haben sich bereits ereignet und sind unveränderbar.“ Der Text hat auch in den Dialogen starke essayistische Passagen. Ich habe bei Mändls Lesung auch ab und zu an Erich von Däniken gedacht. Pseudowissenschaft macht sich in der Literatur manchmal ganz gut.

Lukas Endtner scheint sogar bei den Vorlesern der Literaturfestspiele in Klagenfurt abgeguckt zu haben, obwohl er erst die 8c im Katharinen-Gymnasium besucht. Auch dort, an Bachmanns Geburtsstädte, soll es schon vorgekommen sein, dass der ein oder andere Konkurrent die Jury aufs Korn genommen hat. Involviert ist in Endtners Geschichte auch der Deutschlehrer des Ich-Erzählers und letztendlich der gesamte Schreibwettbewerb für Schüler/-innen. Der Junge hat auf jeden Fall mit seiner stupenden Fantasie den wohl stärksten Applaus des Abends – Pardon, der Nacht – eingeheimst. Zeit zu reisen heißt seine ziemlich turbulente Geschichte. Etwas Konzentration ist hier beim Zuhören schon gefragt.

Den Einstieg in die Lesereihenfolge der schon mehr oder weniger etablierten Literaturschaffenden machte Susanne Feiner, der bekannteste Name in dieser Runde, mit der Erzählung Als mich die große Freiheit anrief. „Ich konnte schließlich schreiben, was immer ich wollte in meinem Land. Das musste man wertschätzen, das war nicht selbstverständlich. Und immerhin hatte ich der Großen Freiheit soeben schon ein Stückchen weitergeholfen. Vielleicht halfen andere ihr ja auch noch. Und dann konnte sie richtig durchstarten. Seltsam, dachte ich, während ich mich an den Schreibtisch setzte. Ich hatte immer geglaubt, wir alle wären auf die Große Freiheit angewiesen. Und jetzt auf einmal merke ich, es war genau umgekehrt.“ Ein sehr feinsinnig aufgebauter Text ist das, der uns zeigt, dass Freiheit kein Selbstläufer ist. Sie muss täglich verteidigt werden.

Auch Lyrik gab es in dieser Literarischen Nacht. Bei viel Vogelgesang und untergehender Sonne. Das hat wirklich sehr gut ins Gesamtkonzept dieser Veranstaltung gepasst. Die Dichterzunft wurde von Andreas Wieland-Freunds vertreten. Und das gut, kann man sagen, wenn es da heißt: „Im Netz nicht das zarteste Zittern, / Nicht der Hauch einer Berührung, / Nichts, was einer Spinne Beine machen könnte.“ (Vollkommener Stillstand) oder „Schau die Wellen, / Wie sie anrollen, / Ihre Kämme schmücken / Blütenweiße Kronen, / Komm, erzähl von den Bergen aus Wasser, / Die nicht stehen bleiben, / Sei ruhig erschrocken, / Dass sie so leise sind / Und staubtrocken.“ (Das Meer) (Niederschrift nach Vortrag.) Das sind Naturgedichte, aber auch Sozialgedichte, wenn sie so klingen: „Haben sie mich doch wieder zusammengeflickt, / Nur was keine Knochen hat, / Ist auf der Strecke geblieben, / Gerade stand ich vor‘m Fahrkartenautomaten. / Muss mir Zeit lassen, / Mich verabschieden von der Leichtigkeit / Im Umgang mit Zügen.“ (Flashback). So hat Lyrik nichts Langweiliges und vor allem nichts Unverständliches an sich. Und gute Poesie sollte politisch sein. (Zumindest nach meinem Geschmack.) Und wenn sie dann auch noch kurz und einprägsam ist, stammt sie aus der Feder eines wahren Dichters. Andreas Wieland-Freunds gehört dazu.

Dann kam Jens Rohrer, der „einzig wahre Literaturguerilla, den wir in Ingolstadt haben“, wie Michael von Benkel ihn nannte. Er hat aus seinem Roman Von der Rettung der Welt und kleinen Pelztierchen sowie aus einem Manuskript, in dem es auch um die Rettung der Welt geht gelesen. „Also auf jeden Fall wird die Welt gerettet.“ (Originalton). Der Held des Romans heißt Friedhelm und die Aggressoren sind diesmal nicht die Russen, sondern die Chinesen. Nichts ist bei Rohrer todernst. Und seine satirische Art zu schreiben und vorzulesen kommt beim Publikum gut an.

Wie ist das mit den lieben Nachbarn? Davon können viele ein Lied singen und sich dabei in Cinzia Tanzellas Erzählung Balkonien und die Nachbarn wiederfinden. Verrückte Sachen passieren da in einem Mietshaus. Und eine sich nach Urlaubsfeeling sehnende Frau ist mittendrin. „Es lebe der Sommer, es leben die Sommerabende, es lebe mein Balkon.“ Das geht doch schon mal vielversprechend los. Und es geht auch gut aus. Nur was dazwischen liegt, ist turbulent. Dazu passt die klare Stimme der Autorin mit dem ausländisch angehauchten Akzent sehr gut.

Dass heimische Autorinnen dieses Format der Literaturpräsentation ernst nehmen, zeigt eine Absage aus persönlichen Gründen. Beatrix ChaBé Müller war kurzfristig verhindert und kümmerte sich darum, dass ihr Text trotzdem zum Publikum kam. Brunhilde Deutscher sprang ein und las Geschichten … auch über chaotische Zustände: Lars über das Chaos der Welt in seiner Wohnung. Die Autorin hat 2020 viele Kurzgeschichten verfasst und für diesen Abend eine Chaos-Collage zusammengestellt, die so manches Schmunzeln in den Gesichtern der Zuhörer hervorgerufen hat.

Susanne Rasch las von einer Mutter, die eine Auszeit richtig notwendig hatte. Die Einblicke, die sie dabei in ein Familienleben gewährt, können bestimmt von vielen Müttern nachempfunden werden. Und dass die einer Flucht ähnliche Auszeit nicht unbedingt die erhoffte Entspannung für eine Frau mit Kindern, Ehemann und Haushalt bringt, hat wohl auch in dieser literarischen Nacht niemand überrascht. Basteln mit Kastanien kann entspannend wirken, doch wohl nicht wenn die wuselnden Kleinen und der Mann um einen herum sind, wie es in Susanna Raschs Geschichte der Fall ist.

Michael von Benkel
Fotos: Anton Potche
Zum Schluss hat Michael von Benkel gelesen. Und was er las, hat schon viel mit der Volksweisheit zu tun: "Wer den Schaden hat, hat auch den Spott." Aktualität pur unter   den Titeln Kirchengeschlecht und Flüchtlingskrise - „die   bösesten Geschichten, die ich je geschrieben habe.“  Angeprangert wird die nicht existierende  Gendergerechtigkeit in der Kirche, „kein Fünkchen Gleichheit bei den Geschlechtern. Das fängt schon damit an, dass die größte Kirche in unserer Stadt Liebfrauen-Münster heißt. […] Und auch in München gibt es eine Frauenkirche, ebenso in Dresden, die eben für viele Millionen und Abermillionen restauriert wurde. Aber weit und breit keine Männerkirche. […] Das gibt es bundesweit nicht. Wo sind wir denn? Wo bleiben denn da die Männer? Die Kirchen sind allesamt entstanden, als es das Gendering noch nicht gab. Da haben die Könige ihren Mätressen Schlösser geschenkt und die Pfarrer ihren ...“ Damit hatte Michael von Benkel natürlich die Lacher auf seiner Seite.

Diese Literarische Nacht war eine Bereicherung der Ingolstädter Literaturtage. Dazu beigetragen haben auch die Sängerin Magdalena Utzt und Christian Mayer am Piano. Zuschauer: ca. 50. Bei freiem Eintritt ziemlich wenig – für eine Stadt mit 140.000 Einwohner. Aber wenn ich mich gut entsinne, war es bei den vorherigen Nächten (zumindest als ich zuschaute) nicht viel besser.

Anton Potche