Montag, 23. Mai 2022

Das deutsche Element in einer rumänischen Literaturzeitschrift aus dem Banat

Die erste Nummer der in Temeswar erscheinenden und vom rumänischen Schriftstellerverband herausgegebenen Literaturzeitschrift ORIZONT ist im Mai 1972 erschienen. Sie wird also heuer 50 Jahre alt. Das wird natürlich einige Literaturkritiker und -wissenschaftler auf den Plan rufen sowie Prosatoren und Poeten, deren Texte regelmäßig oder sporadisch in dieser Zeitschrift erscheinen. Was man als garantiert annehmen kann, ist, dass die Historie der Zeitschrift aus allen möglichen Blickwinkeln, kühl, distanziert bis euphorisch und persönlich, ausgeleuchtet werden wird.

Die Deutschen haben größtenteils diesen Landstrich um Temeswar verlassen. Sie haben auch ihre Literaten und natürlich Leser mitgenommen, was auch für die anderen rumänischen Landesteile gilt. Da wäre es vielleicht anlässlich dieses Geburtstages interessant, mal nachzusehen, was vom deutschen Element so alles in dieser rumänischen Literaturzeitschrift übriggeblieben ist. Ich denke dabei an einfache Erwähnungen bis zu ausführlichen Rezensionen, falls vorhanden. Und weil 50 Jahrgänge zu durchforsten, ja doch eine mühselige Geschichte ist, habe ich mir mal die Hefte des vergangenen Jahres vorgenommen. (In PDF-Dateien im Internet abrufbar.)

Die Januarausgabe 2021 wird gleich mit einem ausführlichen Essay des Literaturkritikers Cornel Ungureanu über Dieter Schlesak und seine Heimkehren (Dieter Schlesak și întoarcerile sale acasă) eingeleitet. Der Literaturkritiker legt den Schwerpunkt in seinem Text auf Schlesaks Roman
Capesius, der Auschwitzapotheker, hält aber auch fest, dass für den aus Rumänien ausgewanderten Schriftsteller und Dichter jedes neue Werk eine "Heimkehr" bedeutete.

Auf Seite 11 begegnen wir Paul Celan. der Dichter hatte ein Jahr zuvor Geburtstag, seinen hundertsten. Und seinen Sterbetag, den fünfzigsten. In einem nicht signierten Text wird festgehalten, dass diese Jubiläumstage Paul Celans in Rumänien kaum Aufmerksamkeit gefunden haben. Trotzdem ist ein Buch erschienen, das es wert ist, rezensiert zu werden: "nu vrea / cicatrice" - Studii despre Paul Celan la împlinirea a 100 de ani de la nașterea poetului. Der Autor dieser Studien ist Andrei Corbea. "Germanist und Übersetzer von Adorno und Celan ins Rumänische", gehört er "zu denn besten Kennern" des Werkes von Paul Celan, kann man lesen. 

Februar 2021. Rodica Binder stellt ein 2020 erschienenes Buch von Jan Cornelius vor.  Es handelt sich um ein Tagebuch, das den Zeitraum 15. September 2019 bis 29. Juli 2020 abdeckt und den rumänischen Titel Aventurile unui călător naiv, între mișcare și izolare trägt. Die Rezensentin bemerkt zum Autor, dass es sich bei ihm "um die etwas seltene Kategorie der zweisprachigen Autoren sowie um die auch nicht besonders zahlreiche Spezies der eingefleischten Humoristen" handelt. Das in Rumänisch geschriebene Buch ist bei dem Jassyer Verlag Lebăda Neagră erschienen. Jan Cornelius, 1950 in Reschitza (Reșița) geboren, lebt in Deutschland und hat zahlreiche Bücher für Erwachsene und Kinder in deutscher Sprache verfasst. 

In der Rubrik Cronica măruntă (Kleine Chronik) wird der in Ludwigsburg beheimatete POP-Verlag mit neuen Buchpräsentationen und den letzten Ausgaben der Zeitschriften MATRIX und BAWÜLON vorgestellt. Wir begegnen der gesamten Plejade der in Deutschland tätigen aus Rumänien stammenden oder noch dort lebenden Schriftsteller und Übersetzer, die sich um den POP-Verlag und seine Literaturzeitschriften geschart haben und Bemerkenswertes für den deutsch-rumänischen (und umgekehrt) Literaturaustausch leisten. Nur einige der Namen aus der Chronik: Georg Aescht, Maria Herlo, Werner Kremm, Sigrid Kuhn (alle mit Übersetzungen in Viorel Marineasas Buch Werkzeuge, Waffen, Instrumente). 

März 2021. Keine Nummer ohne Fragerunde. Diesmal lautete die Frage: "Was haben Sie in der Pandemie nicht gemacht, aber nachher bestimmt machen werden?" Dreizehn Autoren und Autorinnen haben geantwortet. Auch Julia Schiff. Die aus dem Banat stammende Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin lebt in München und gibt zu Protokoll, dass sie am meisten geschmerzt hat, dass das Lyrik Kabinett, "eine in der deutschen Kulturszene einzigartige Institution", seine "Tore geschlossen" hatte. In diesem Münchner Poetikzentrum sind 63.000 Gedichtbände gestapelt, die das richtige Ambiente für viele Lesungen abgeben. "Nachher" will Julia Schiff natürlich wieder dorthin

In einer Kolumne von Pia Brânzeu erfährt man einiges über das Stadtleben in Rumänien, wahrscheinlich in Temeswar, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch über die Gewohnheiten verschiedener Bevölkerungsschichten, wenn es zum Beispiel heißt, dass die Mutter der Autorin, das warme Wasser in der Badewanne wechselte. „Es war immer sauber, nicht so wie auf dem Land, beschrieben von Herta Müller in einer ihrer Erzählungen: Dreck setzte sich immer mehr am Rande der Wanne ab, während jedes Familienmitglied sich in demselben Wasser wusch.“ Manche Leute werden ihren schlechten Leumund eben nicht los. Da hilft selbst der Nobelpreis nicht ... was die Trägerin desselben aber wohl kaum stören wird.

Auf Seite 22 wird ein zweisprachiger Gedichtband (deutsch – rumänisch) des im diplomatischen Dienst stehenden Emil Hurezeanu von Alexandru Ruja besprochen. Das Buch Zärtlichkeit, Routine – Tandrețe, rutină ist im POP-Verlag erschienen. Die Gedichte eines Knauserers 1979 – 2019, so der Untertitel, wurden vom Literaturkritiker, Journalisten und Übersetzer Georg Aescht ins Deutsche nachgedichtet. A. Ruja meint, Hurezeanus „Poeme sind vorsichtig bearbeitet, präsentiert in einer ausdruckstarken Eleganz, die direkte Wahrnehmung mit der Erinnerung kombinierend.“

April 2021
. Auch diese Nummer hat eine Fragerunde: „Mit wem würden Sie ein Buch vierhändig schreiben?“ Eine schöne Allusion auf das Klavierspiel. Der auch deutsch schreibende Dichter, Dramaturg, Übersetzer und Intendant Lucian M. Vărșăndan kann sich das nicht vorstellen: „Wie kannst du jemand Teil deiner Sensibilität sein lassen, die in dem Vers, den du schreibst, Ausdruck finden will?“ Vielleicht sollte man hier erwähnen, wem diese Frage eingefallen ist: Robert Șerban. Ich finde sie interessant.

Mai 2021
. In der Maiausgabe von ORIZONT wollte Robert Șerban wissen, mit wem die Befragten „sich nicht einmal im Paradies treffen wollten“. Unter den Antwortgebern war auch Traian Pop Traian, Gründer des in Ludwigsburg beheimateten POP-Verlags. Dem Literaten und Literaturmanager fielen da einige ein. Und er beginnt mit dem 1,50 m großen Feldwebel der rumänischen Armee, fährt chronologisch fort mit seinem Lyzeumslehrer des wissenschaftlichen Sozialismus, einem nicht näher benannten Individuum, das ein Musikabspielband mit Aufnahmen von Ilie Stepan vernichtet hat, dann mit den „Patriotischen Garden“ und noch vielen anderen. Aber schlussendlich will er aus gleich einer ganzen Reihe von Gründen sich selber nicht, nein, überhaupt nicht, begegnen. Nicht einmal im Paradies.

Viorel Marineasa
erinnert sich im gleichen Heft an das Jahr 1968 in Rumänien. Dabei zitiert er auch den „vom Franzosen zum Deutschen und obendrauf auch noch Europarlamentarier“ gewordenen Daniel Cohn-Bendit: „Das immer wieder aufkeimende Gespräch über 1968 führt zu nichts. ’68 hat die Welt verändert, ob es euch passt oder nicht.“ Also wenn man Marineasas Text liest, kann man sein Augenzwinkern gar nicht übersehen. Schlimmer wurde es in Rumänien allerdings erst ein paar Jahre später.

Die in Bukarest geborene Historikerin
Mariana Hausleitner hat 2020 im Lukas Verlag die Studie Eine Atmosphäre von Hoffnung und Zuversicht. Hilfe für verfolgte Juden in Rumänien, Transnistrien und Nordsiebenbürgen 1941 – 1944 veröffentlicht. Mihai Panu hat das Buch gelesen und ist sehr angetan von seinem Inhalt. Das Buch „stellt einen legitimiert wissenschaftlich kalibrierten Diskurs mit einer weiten Reichweite dar.“ Damit will der Rezensent sagen, dass es sowohl inhaltlich als auch sprachlich so verfasst ist, dass auch der Normalbürger ohne akademisches Spezialwissen etwas davon hat. Das narative Konzept ruht auf Biografien von Personen, die versucht haben, dem Genozid entgegenzuwirken: Elisabeta Nicopoi, Viorica Agarici, Ion D. Popescu, Fritz Schellhorn, Traian Popovici, Siegfried Jägendorf.

August 2021
. Wie kommt man nach Teremia? Zu deutsch: Marienfeld. Andrei Ujică weiß es. Und erzählt es. „Kurze Zeit nachdem er am 23. April 1962 die Vollstreckung der Kollektivierung in der Rumänischen Volksrepublik verkündet hat, erließ Gheorghe Gheorghiu-Dej ein Dekret, laut dem jeder Kollektivwirtschaft ein Agronomingenieur zugeteilt wurde.“ Andrei Ujicăs Vater war Agronomingenieur. Was folgt ist so geschrieben, dass es sich schon für diesen Text lohnt, diese ORIZONT-Nummer zu lesen.

Zweisprachigkeit war im Banat des 20, Jahrhunderts schon fast Normalität. In dieser ORIZONT-Nummer werden zwei bilinque Dichter vorgestellt. Beide sind in den 1970er Jahren geboren und sprechen und schreiben rumänisch und serbisch.
Marian Odangiu ist sehr angetan von diesen Poeten. Sein Aufsatz nimmt stellenweise schwärmerische Züge an. Borco Ilin (*1975, Temeswar) zitiert er aus einem Interviu so: „Ich habe mich wie jemand entwickelt, der vier Hände hat, - ohne sich dessen bewusst zu sein - in zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Musiken, zwei Historien, zwei Literaturen.“ Von dessen Landsmann Goran Mrakić (*1979, Warjasch) ist der Rezensent genauso überzeugt. Wir haben es anscheinend mit einem dem Realismus zugetanen Lyriker zu tun ... und lernen dabei, dass beim Schürfen in Banater Dichterköpfen die eine oder andere banatschwäbische Erinnerung sich immer noch einen Weg an die Öffentlichkeit bahnt. So auch im zitierten Gedicht Străzile șvăbești – Die schwäbischen Straßen: „Ich ging 1989 in Temeswar zur Schule. / Als ich 1993 zurückkehrte, / War Warjasch nicht mehr dasselbe. / Alle Deutschen waren weggegangen. / Die Situation war so sonderbar, / dass ich nicht zu mir kam. / Die Menschen, die ich täglich sah, / waren schlicht und einfach nicht mehr. / […] / Auch wir werden bleiben / mit einigen gezackten Fotos / und mit dem Wind, / der durch die Friedhofsfichten weht.“ (aus dem Rumänischen von A. P.). Marian Odangiu spricht von einem „Heimatraum wie in Stefan Jägers Gemälden, aber mit den vernichtenden Rhythmen unserer Gegenwart.“

September 2021
. De ce nu-s românii ca nemții? – Warum sind die Rumänen nicht wie die Deutschen? heißt ein 2019 im Verlag Paralela 45 erschienenes Buch. Die Autoren: Jan Cornelius & Adina Popescu. Besprochen wird das Buch mit 203 Seiten von Dan C. Mihăilescu. Er gesteht gleich zu Beginn seiner Rezension, dass er in der Buchhandlung nur wegen Adina Popescu nach dem Buch gegriffen habe. Was aber nicht heißen soll, dass er Jan Cornelius, den er für einen „Vertrauten der großen Buchmessen“, aber auch für einen „rührigen Übersetzer aus dem Rumänischen“ hält. Beide sind in rumänischen Literaturkreisen bekannt durch ihre „Vitalität, Offenheit, gutmütige Ironie, Zärtlichkeit, jovialen Realismus, Scharfsinnigkeit und schelmische Klugheit.“ Der Rezensent spricht von „epistelhaften Essays“, die ihm gefallen. Die von den zwei Literaten benutzte Briefform (Epistel) ist anscheinend die richtige für dieses Thema.

Viorel Marineasa
erzählt der interessierten Leserschaft: „Ich habe ein Viertel meines Lebens in Sitzungen verbracht“. Expliziter heißt das in „Diskussionen, Zusammenkünften, Vollversammlungen, Treffen, Konferenzen, Besprechungen, Darlegungen, Lancierungen, Vernissagen, Gesprächen, Instruktionen“. Marineasa greift auf Notizblöcke aus den Jahren 1981, ’82, ’83 und ’84 zurück und findet dabei eine Liste mit Namen, die in Sitzungen einer literarischen Zusammenkunft (cenaclu) in Crivaia zu Wort kommen sollten. Man schrieb das Jahr 1983 und die Liste enthält folgende Namen: Lyrik – Richard Wagner, Ion Monoran, Ioan Morar, Valentin Constantin, Eugen Bunaru, Dan Alexe, Traian Pop Traian; Prosa – Gheorghe Ene, Herta Müller, Viorel Boldureanu. „Wir taten halt, was wir konnten“, erinnert Marineasa sich in seinem Artikel. Ob dieser „cenaclu“ überhaupt zustande kam oder nicht, wird nicht mehr berichtet.

Oktober 2021. Wie kann eine Rubrik in einer Literaturzeitschrift, genauer in ORIZONT, entstehen. Zum Beispiel so: In Karlsruhe wird im Theater Sandkorn das Einmannstück Seara dinainte (Vorabend) gespielt. Drei Personen sind beteiligt: Cătălin Dorian Florescu – Autor, Victor Cârcu Regisseur und Walter Roth – Darsteller. Und da sitzt eine Frau im Publikum, die nach dem Stück meint, es sollte jemand über diese Aufführung berichten. Irgendwo. Der Autor des Stückes frägt dazu rethorisch: „Warum schreibst du nicht?“ Diese Frage muss etwas in der Frau ausgelöst haben. Sie schreibt wirklich über das Erlebte und schickt es zu ORIZONT nach Temeswar. Der Redaktion gefällt es und aus dem Erscheinungsplatz wird eine Kolumne mit dem Titel Cronică Sentimentală (Sentimentale Kronik) – „mal öffentlich, mal für mich“. Und die hat bis heute, 15 Jahre später, Bestand. Ihre Autorin: Adriana Cârcu. Glückwunsch!

November 2021. Der Oktober ist der Nobel-Monat. So war es auch 2021. Literaturinteressierte warten auf den Tag der großen Verkündigung, sitzen gespannt vor dem Radio, Fernseher, Handy, Tablet, Computer oder einem anderen Nachrichtengerät. Auch Radu Pavel Gheo. Natürlich hat er gehofft, dass Mircea Cărtărescu der Preisträger sein wird. Es war dann aber Abdulrayak Gurnah aus Sansibar. Und mit wem tröstete sich R. P. Gheo? (Seine Frau Alina fieberte auch mit.) Ist doch nicht schwer: mit Herta Müller. Die Begründung ist ganz einfach. Auf einer langen Liste mit den Ländern, aus denen Nobelpreisträger kommen, findet man auch Rumänien mit Herta Müller und Bulgarien mit Elias Canetti. Um sein Herz noch mehr zu erleichtern könnte der rumänische Autor noch Elie Wiesel ins Blickfeld nehmen. Eigentlich hat der seinen Friedensnobelpreis 1986 mit literarischen Werken verdient.

* * *

Wer sich diese Zeitschrift zu Gemüte führt, wird schnell erkennen, dass das deutsche Element in der rumänischen, besonders der westrumänischen, Literaturrezeption nach wie vor lebendig ist. Es gibt neben den deutschen Literaten mit Bezugspunkten zu Rumänien noch viele andere Namen, die im Laufe eines Jahres in den zahlreichen Rezensionen, Analysen, Essays und Werkfragmenten in der Zeitschrift ORIZONT vorkommen. Im Jahrgang 33 (neue Serie) fand ich neben vielen Namen aus der deutschen Kultur auch (ganz wert- und anlassfrei herausgefischt) Walter Benjamin, Siegmund Freud, Martin Heidegger, Heinrich Heine, Carl Gustav Jung, Franz Kafka, Alfred Margul-Sperber, Nelly Sachs, Immanuel Weissglas u.v.a.

Anton Potche

Montag, 16. Mai 2022

Seppi und Peppi reden über die große Politik

Es ist angenehm kühl im Bahnhofscafé. Und man braucht keine Maske.

- Denkst du, der Scholz fährt zum Selinskyi?
- Niemals.
- Wieso?
- Weil der keinen Tisch hat wie Putin.
- Meinst du den Monstertisch?
- Ja. Lang, sehr lang.
- Warum braucht man den in der großen Politik?
- Der vermittelt Weite.
- ???
- Ja, du hast den Eindruck, du stehst auf dem Gipfel, am Kreuz, und siehst in der Ferne ein anderes Gipfelkreuz.
- Und das will Scholz?
- Ja. Wer das einmal erlebt hat, kommt nie mehr davon los. Du weißt schon: Der Berg ruft.
- Und der Scholz hat das beim Putin erlebt.
- Klar. Das hat doch die ganze Welt gesehen ... An dem langen Tisch … Und weit weg, irgendwo in der Ferne der Putin … Welch ein Ausblick … Mit Anblick!
- Ich verstehe. Gipfelkreuzausblickanblick.
- Traumhaft! Was muss das für ein Gefühl sein? Der Putin dort oben an dem Kreuz … auf dem Gipfel.
- Und der Ukrainer?
- Hat keinen Tisch ... keinen so langen. Das ist doch langweilig. Keine Landschaft und kein Horizont und kein Gipfel und kein Kreuz und kein Putin.
- Soll ich was bestellen?
- Ja, einen Whisky, UNO-Whisky. Heute mal nichts Russisches.
- Na gut. Bedienung!

Wir sind erst im Mai und schon steigen die Temperaturen an die 30°-Grenze. Da werden die Gehirne dampfen.

Montag, 9. Mai 2022

Eine Bereicherung

Kristiane Kondrat: Vogelkirschen – Erzählungen; Dr. Bachmaier Verlag GmbH, München, 2000; ISBN 3-931680-21-5; 137 Seiten; DM 22,80.

Die Schriftstellerin Kristiane Kondrat wurde 1938 in Reschitza geboren und hat wie so viele ihrer Landsleute als 35-Jährige ihre Heimat verlassen und sich in München niedergelassen. 1997 hat sie den Roman Abstufung dreier Nuancen von Grau im Stuttgarter Quell Verlag veröffentlicht, in dem sie laut literaturportal.de Teile ihrer noch in Rumänien entstandenen „Schubladenliteratur“ verarbeitet.

Mit Verarbeitung hat auch ihr drei Jahre später in München bei Bachmaier veröffentlichter Erzählband Vogelkirschen viel zu tun. Der Untertitel deutet es an: Kindheitserinnerungen aus dem Banater Bergland. Und im Vorwort wird ihre Intention ganz klar: „Die Stadt im Tal der Banater Berge, die wilden Kirschbäume am Hang, die Kindheit am Waldrand, die seltsamen Leute, wie sie das damalige Kind sah, die Atmosphäre jenes Ortes und jener Zeit, die es so nicht mehr gibt“, will sie festhalten, „damit sie nicht ganz und auf immer verloren“ gehen.

Auch der Kunstgriff, der dieses Buch von so manchen anderen Erinnerungsbüchern unterscheidet, wird hier angedeutet: die Sichtweise eines Kindes. Sie nicht zu verlassen, um dem analytischen Blick der Erwachsenen zu frönen, ist eigentlich die in diesem Buch spürbare Kunst des Schreibens. In 16 Erzählungen gelingt es Kristiane Kondrat (bürgerlicher Name: Aloisie Bohn), stoisch auf den Wegen ihrer Kindheit zu wandern, und zwar so, dass man den Eindruck hat, von einem kleinen Mädchen an der Hand genommen und durchs Domaner Tal geführt zu werden, bis hinauf auf den Hätschelberg, „ein Berg von Hagebuttensträuchern umwuchert, der Ort, wo sie alle friedlich nebeneinander liegen, die alten Sozialdemokraten und ihre gutkatholischen Ehefrauen“.

Das eine ist die Umgebung, das andere das in sie Hineingeborenwerden. Am Anfang eines langen Winters war es für die Ich-Erzählerin soweit. Dieses Zur-Welt-Kommen mutet an wie ein leichtes, kindliches Hüpfspiel: zwei, drei Sprünge vor, dann wieder einer zurück. Wirklich geboren wird erst zum Schluss, und das „viel zu früh“, aber immerhin an „einem Sonntag“. Und es war bald Krieg mit all seinen verstörenden und doch als normal empfundenen Auswirkungen auf Kinderseelen. Um einiges schlimmer war es in jenen Jahren um die Erwachsenen bestellt. Obwohl das Madl „an einem Sonntag geboren“ ward, sah ihr Vater sie an, „wandte sich dann enttäuscht ab und blieb zehn Jahre lang abgewandt: Er hatte sich einen Sohn gewünscht.“

Leben und Tod. Letzterer ist mit Kinderaugen gesehen viel erträglicher, als unsereins ihn wahrnimmt. „Jene, die für immer gingen, flüchteten sich in den Hätschelberg, und ihren Seelen wurde je eine Wolke als Bleibe zugewiesen. Großvaters Wolke kannte ich, sie war ganz weiß, kam immer wieder im Frühjahr und stand den ganzen Sommer über unserem Garten."


Voll im Leben stehen die vielen anderen Personen in Kristiane Kondrats Erinnerungen: Tante Gisela, Franzi-Onkel, Tante Mitzi, Onkel Georg, Tante Deli u.v.a., aber auch die Spielgefährten Erna, Joschi (groß und klein), Mila, Elsa u.a. Sie alle geben kein klares Bild ab, bestimmen aber das Erinnerungsfundament der Erzählerin. Der Überbau bleibt oft nebulös, gekennzeichnet von Gegenstandslosigkeit, kindlicher Fantasie: „Der Zwiebelturm hat mit seinem Kreuz eine weiße Wolke aufgeschlitzt. Weißer Flaum qualmt aus ihrem Bauch und fliegt in alle Richtungen, die geschlachtete Wolke fällt in sich zusammen und stirbt, eine Feder ist im Birnbaum in unserem Garten gelandet.“

Aber schon in der folgenden Erzählung sucht die Kinderfantasie – und jetzt die Erinnerung – schon fast krampfhaft Halt in einer Gegenstandsdominanz. Anders war der Untergang einer Welt und das Werden einer neuen an ihrer statt von einem Kinderköpfchen wohl schwer zu verarbeiten gewesen. In der Erzählung Die Lehmmenschen heißt es signifikant: „Alle, die ich in meiner frühesten Kindheit gekannt hatte, waren aus Holz geschnitzt: die Eltern, Tanten, Onkel, Großonkel, Großtanten, … […] Die Lehmmenschen sprachen eine Sprache, die, meinem Empfinden nach, nur noch wenig Ähnlichkeit hatte mit der ‚unserer‘ rumänischen Bauern. Sie hörte sich an wie ein strudelnder, breiter gelber Strom, der die Ufer überschwemmt. Vielleicht hat damals, mit diesem Strom, mit jenen unseligen Umsiedlungen und Verpflanzungen der Untergang unseres Städtchens begonnen.“

Und dieses Städtchen heißt heute noch Reschitza (rum.: Reșița). Warum sein Name in diesem Buch nicht zu finden ist, mag etwas mit der Gegenstandslosigkeit von Fantasie in Kinderköpfen – nicht Kindsköpfen! - zu tun haben und speziell auf Vogelkirschen bezogen mit einer sehr ansprechenden kindlichen – nicht kindischen! - Sprache. Für mich war dieses Buch eine Bereicherung. Dazu trugen sogar einige in den Texten verstreut auftauchende Wörter bei: Hätschel, Schmalzbrot, Zichorie-Kaffee, kraxeln, Krumbiern u.v.a. 

Anton Potche


Mittwoch, 4. Mai 2022

Das Schönste am Halbmarathon

Das Schönste am Laufen ist das Weglaufen und das Ankommen, wenn man es schafft. Zwischen den beiden Enden der Strecke, das gilt für alle Längen vom Hundertmeterlauf bis zum Marathon, gehört das volle Vergnügen nur den Zuschauern. Davon konnte ich mich wieder vom Ingolstädter Halbmarathon am vergangenen Sonntag überzeugen lassen.

Die Kleinen auf der
500-Meter-Strecke

Fotos: Anton Potche
Seit 20 Jahren wird in Ingolstadt ein Halbmarathon veranstaltet. Dazu gehört auch ein 5 Kilometer langer Fitness-Run für die, die sich nicht auf die lange Strecke von 21,1 Kilometer trauen. Oder sagen wir besser, für die Vorsichtigeren. Dann gibt es auch noch die Runningkids-Läufe für die Kleinsten und … die Mamas und Papas, die am Rande mitfiebern. Man sieht auch schon mal eine Mama sich mit ihrem Sprössling an der Hand vor dem Besenwagen irgendwie zwischen Geh- und Laufschritt fortbewegend. Aber zum Schluss kommen auch sie wie alle anderen an. Und das ist schön.

Schulstaffelläuferin unterwegs
Die etwas Größeren dürfen sich schon auf die wirkliche Halbmarathonstrecke durch die Stadt und ihr Umland begeben. Doch Vorsicht! Man sollte die Teenager nicht unterschätzen, denn die laufen eine Marathonstaffel von 6x3,5 km. Und da kann es schon mal passieren, dass der eine oder andere der Großen das Nachsehen hat. Überhaupt wenn Opa und Oma am Streckenrand das familieneigene Marathongewächs lautstark anfeuern.

Marathon im Rückwärtsgang

Und das bleibt dann letztendlich das Schönste am ganzen Marathonspaß: die lockere, oft lustige Atmosphäre im Zuschauersaum. Da kommen lockere Sprüche und aufmunternde Zurufe der Sorte: „Geht schon noch!“, „Zwei Drittel habt‘s scho!“, „Da komm vor mit deinem Klatschgerät (zu einer Dame unter den Zuschauern), das hilft bestimmt. Wirst sehen, wie die anziehen.“ „Ja, so, sehr gut.“ „Super, du siehst noch ganz munter aus.“ „Bravo! Auf geht‘s!“ Wenn dann ein Läufer oder eine Läuferin noch zur Welle à la Fußballfans anregt, erreicht das Aufmuntern unter den Zuschauern phonische Spitzenwerte. Und wenn irgendwann noch Läufer mit seit Jahren schon gefestigtem Bekanntheitsgrad in Stadt und Umgebung wie etwa der Rückwärtsläufer – das ist kein Scherz – vorbeilaufen, dann erfährt die Stimmung noch einmal eine Steigerung. Man steht unter Seinesgleichen, spricht miteinander, scherzt, klatscht sich die Hände wund. „So, jetzt bissel, die Hände schütteln, bis die nächste Gruppe kommt“, sagt einer und alle schütteln wirklich die rotgeklatschten Hände.

Auf dem Heimweg, habe ich mich gefragt, ob der Kriegstreiber im Kreml wohl fähig wäre, sich vorzustellen, dass Menschen sich friedlich, frohgemut und dem anderen gutgesinnt treffen können und dann wieder zufrieden und glücklich nach Hause gehen. Nein! Das glaube ich nicht.

Anton Potche

Samstag, 30. April 2022

April 2022 – Giarmata in den Medien

Die Trachtentruhe
aus ZIUAdeVEST.ro, Timişoara / Temeswar; 01.04.2022
Am 3. April geht im Kulturheim Giarmata die Wettbewerbsveranstaltung Lada cu Zestre – Die Trachtentruhe über die Bühne. Teilnehmen werden Kulturgruppen aus Checea, Voitec und Giarmata. Dazu schreibt ZIUA DE VEST: „Das multiethnische Banat wird sich von seiner schönsten Seite mit ungarischen, deutschen, kroatischen und romanischen Tänzen und Liedern, sowie mit Kunstausstellungen und traditioneller Gastronomie präsentieren.”

Giarmata hat seinen ersten Landesmeistertitel
aus PrimăriaGiarmata  – FACEBOOK; Giarmata / Jahrmarkt; 03.04.2022
In Făgăraș fanden die Karate-Junioren-Landesmeisterschaften statt. Die Mannschaft von CSC Millenium Giarmata hat sich hervorragend geschlagen und viele Preise mit nach Hause gebracht.
Țuț Denisa hat gleich drei Medaillen gewonnen: Platz 1 in der Disziplin Kumite Einzeln, Platz 3 in der Disziplin Kata Einzeln, Platz 2 in der Disziplin Kata Mannschaft.
Champions aus Giarmata
FotoQuelle: FACEBOOK, Giarmata
Die anderen Mädchen und Buben aus Giarmata haben wie folgt abgeschnitten:
Bordoaga Selene – Platz 2 – Kata Einzeln
Pârvu Giulia – Platz 3 – Kumite Einzeln
Trăilă Ramona - Platz 2 – Kata Mannschaft
Dănilă Darius – Platz 3 – Kata Mannschaft
Trainiert werden die Jungen und Mädchen von Peagu Viorel.
+ + + Felicitări!
+ + +

Digitalisierung
aus ZIUAdeVEST.ro, Timişoara / Temeswar; 13.04.2022
Das Portal hat eine Pressemitteilung des Rathauses Giarmata veröffentlicht, die vom Abschluss eines einjährigen Projektes zur Digitalisierung der Giarmataer Schulen berichtet. Mit der stattlichen Summe von 1.082.687 Lei wurden 463 Tablets, 23 interaktive Tafeln, 35 Laptops und zwei Webcams angeschafft, die den Schülern und Lehrern kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Ein Großteil des Geldes stammt aus einem europäischen Entwicklungsfond und muss nicht rückerstattet (finanțare nerambursabilă) werden.
+ + + Hut ab! + + +

Heimniederlage
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 16.04.2022
Fußball – D-Liga  – Timiș / Temesch - 26. Spieltag
CSC Millenium Giarmata – CS Progresul 1906 Ciacova  0:1
Torschützen: Andrei Luca (Min. 88)
Aufstellung CSC  Millenium: NarițaDincă, Ursu, Stemate, Goia, Brădean, Pîrvulescu, Oprea, Stoica, Moroșan, Nichifofrel.
Reservespieler: Florescu, Sofronea, Vlăduți, Natanticu, Semco, Găină, Cengher, Francescu.
Tabellenplatz: 8  CSC Millenium Giarmata  42
+ + + In der 70. Minute hat Bogdan Moroșan von den Gastgebern leider nur die Latte getroffen. In der Torschützenliste liegt Moroșan mit 13 Treffern auf Plat
z 9. + + +

Auswärtssieg
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 16.04.2022
Fußball - Liga V Timiș – Serie II – 20. Spieltag
Unirea Uivar - CS Unirea Cerneteaz  1:2
Tabelle: 2  Unirea Cerneteaz  39
+ + + AS Juventus Pișchia liegt vorne mit 47 Punkten ... Na schau her, die Brikenaer!
+ + +

Investitionen
aus ZIUAdeVEST.ro, Timişoara / Temeswar; 18.04.2022
Seit 2013 stellt die Firma Hamilton Central Europe in Giarmata hochsensible Medizin- und Laborutensilien wie etwa Spritzen, Nadeln,  Verdünnungsspender, Pipetten und vieles mehr her. Die Firma gehört zur Hamilton Company mit dem Hauptsitz in Reno / Nevada / USA. Zurzeit sind in dem Werk in Giarmata 300 Angestellte beschäftigt. Nachdem die Firma erst kürzlich 4,5 Millionen Euro für eine mechanische Zerspanungsfertigung (prelucrări mecanice prin așchiere) investiert hat, soll jetzt ein Presswerk auf dem neuesten Stand der Technik errichtet werden.
+ + + Wann ich denk, dass ich bei Audi als Zerspanungsmechaniker gearwet hun, no … Was no, saat mei bessri Hälft, nicks do, e Motorblock is doch ka Spritz … Asso wedder nicks mim Zrickgehn … + + +
 
Unentschieden nach den orthodoxen Ostern
aus SportTim.ro, Timişoara / Temeswar; 26.04.2022
Fußball – D-Liga  – Timiș / Temesch - 28. Spieltag
CSC Millenium Giarmata – CS Unirea Sânnicolau Mare  2:2 (1:1)
Torschützen: Alexandru Nichoifor (Min. 10) und Florin Natanticu (Min. 61) für die Gastgeber sowie Flavius Tulcan (Min. 42) und Andrei Cărpinișan (Min. 82) für die Gäste
Aufstellung CSC  Millenium: GakosDincă (Min. 70, Vlăduți) Ursu (Min. 85, Sofronea), Stemate, Cenghel, Brădean, FrancescuOprea, Stoica (Min. 70, Semco), Moroșan (Min.46, Natanticu), Nichifofrel.
Reservespieler: Narița, Găină, Pârvulescu
Trainer: Cosmin Goia
Tabellenplatz: 8 CSC Millenium Giarmata  46
+ + + Der Trainer nach dem Spiel: „Seit ich in Giarmata bin, hatten wir noch nie so viele Torchancen.” + + +

Eine kurze Gemeindertssitzung
aus PrimăriaGiarmata  – FACEBOOK; Giarmata / Jahrmarkt; 27.04.2022
Etwas weniger als eine Stunde dauerte die Gemeinbderatssitzung in Giarmata. Neun Tagesordnungspunkte galt es abzuarbeiten. Exbürgermeister Virgil Bunescu hatte die Leitung inne. Es ging zügig mit der Abarbeitung der Punkte voran. / Neun Dossiers des bekannten Gesetzes 15 wurden genehmigt. / Am Ende der Strada Carol wollen drei Personen ein Grundstück von 12.325 m² von der Gemeinde erwerben, um drei Häuser und eine Pension zu bauen. Der Antrag wurde mit Auflagen genehmigt. Die Anwärter müssen innerhalb von 48 Monaten mit ihrer Investition starten. / 16.000 Lei hat das Rathaus für hilfsbedürftige Bürger der Gemeinde bereitgestellt. Alles was darüber hinaus benötigt wird, muss durch den Gemeinderat. / Auch der Giarmataer Schulsportverein Asociația Sportivă Comunală Giarmata darf sich über eine Unterstützung von 50.000 Lei freuen. / Im Rahmen der Kulturagenda 2022 wurden 10.000 Lei umgeschichtet. / Die Pfingstkirche (biserica penticostală) benötigt neue Stühle und Fenster. Die Gemeinde hilft mit 100.000 Lei. Hier gab es eine längere Diskussion. Irgendwie traut man in dem Gemeindegremium den Kirchen im Allgemeinen nicht. Bürgermeister Claudiu Mihălceanu hat die Diskussion mit der Feststellung beendet, dass man „alle Kirchen in der Gemeinde“ auch in Zukunft unterstützen wird. / Am ersten Maiwochenende feiern die Zorner ihre Ruga.
+ + + Ganz wichtig! Gemeinderat Virgil Bunescu war gut aufgelegt.“ 

Unwetterwarnung
aus TION.ro; Timișoara / Temeswar; 27.04.2022
Für ein Gebiet, zu dem auch Giarmata gehört, wurde für den Nachmittag des 27. April eine Unwetterwarnung herausgegeben. Die Feuerwehren der betreffenden Ortschaften wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Starker Wind, Hagel, erhöhte Blitzaktivität und Wolkenbrüche mit 15 bis 25 l/m² Wassermassen sind prognostiziert.