Sonntag, 26. April 2026

Das Tagebuch

 - Erzählung -

I


Jonathan kannte Dr. Szekely schon seit seiner Abgeordnetenzeit in Straßburg. Der weißhaarige Allgemeinmediziner galt bei vielen Mitarbeitern des Europäischen Parlaments als die Graue Eminenz in Gesundheitsfragen. Er wurde von vielen Abgeordneten als Blitzableiter für Probleme jeglicher Art geschätzt. Seine Ruhe und Zuversicht ausstrahlende Art bewog besonders junge, ehrgeizige und stressgeplagte Frauen und Männer, ihn in seiner Praxis im letzten Obergeschoss des imposanten Parlamentsgebäudes aufzusuchen.

Jonathan hatte sich wieder mal von Dr. Szekely untersuchen lassen; eine ganz normale Vorsorgeuntersuchung, wie er sie regelmäßig durchführen ließ. Doch heute war damit fast eine Stunde vergangen. Das war mehr als sonst.

Der nur vom Äußeren her greise Doktor strahlte stets gute Laune aus. Die graphischen Aufzeichnungen von Jonathans Herzaktionsströmungen hatten ihm eine launige, auf Liebe anspielende Bemerkung entlockt. Auch das Resultat der Elektroenzephalographie hatte ihn veranlasst, über Hirngespinste zu witzeln.

Als Jonathan sich dann einer Kernspintomographie unterziehen musste, dachte er sich noch, von der Laune des Arztes angesteckt, der Alte wolle ihn wohl in Atome zerlegen. Dr. Szekely war dann aber beim Prüfen seines Blutbildes ernst und ernster geworden.

Jetzt saß der junge Parlamentarier im tiefen Ledersessel vor dem Schreibtisch des Doktors und wartete gespannt auf die Diagnose. Eine leise Vorahnung sagte ihm, dass es diesmal nicht mit ein paar Tabletten und dem üblichen, zur Mäßigung mahnenden erhobenen Zeigefinger ausgehen würde.


Der Arzt hatte schon vor der Untersuchung ungewöhnlich viele Fragen gestellt. Hatte er einen Verdacht? In den letzten Wochen ging es ihm, Jonathan, nicht besonders gut. Er war oft müde, unkonzentriert, lustlos und manchmal sogar tiefsinnig, obwohl es kaum einen Anlass dazu gab.

Dr. Szekely sagte lange nichts. Dann drehte er sich plötzlich auf seinem Bürostuhl und tat, was Jonathan bei ihm noch nie gesehen hatte. Er griff ins Bücherregal und entnahm ihm ein in abgegriffenes Leder gebundenes Buch. Sehr konzentriert, so als ob er Jonathans Anwesenheit längst vergessen hätte, blätterte er darin. Es verging mindestens eine Viertelstunde, ehe er seine Brille abnahm und in die fragenden Augen des knapp dreißigjährigen Mannes schaute.

Sie leiden an chronisch myeloischer Leukämie“, beendete der Arzt die spannende Ruhe.
Was ist denn das?“
Eine Krankheit, bei der die roten Blutkörperchen von den weißen vernichtet werden. Das hört sich lebensgefährlich an, ist es beim heutigen Stand der Medizin aber nicht mehr. Ihr Gesundheitszustand selbst ist es auch gar nicht, der mir Kopfzerbrechen bereitet. Mir ist das bloß alles rätselhaft, weil es diese Krankheit seit fast 200 Jahren auf der Erde gar nicht mehr gibt. Wie kommt die jetzt plötzlich in Ihren Körper? Es scheint so, als hätte sich irgend ein hartnäckiger Erbfaktor über Jahrhunderte durch die Leiber Ihrer Vorfahren geschlichen, um jetzt bei Ihnen seine verheerende Wirkung zu beginnen. Ich hatte auch den Tomographiecomputer während der Kernspintomographie angeschlossen.
Der konnte nur mit Mühe den Krankheitsauslöser annähernd identifizieren. Eine Überdosis radioaktiver Strahlen, wahrscheinlich Caesium 137 oder Jod 131, hat den Krankheitserreger produziert.“
Da kann ich mich ja auf eine langwierige Behandlung gefasst machen“, meinte Jonathan. 
Die Antwort Dr. Szekelys ließ dem jungen Mann dann die Ernsthaftigkeit seiner Lage bewusst werden.
Die Medizin kennt kein Arzneimittel gegen diese Krankheit. Im 21. Jahrhundert sind Millionen Menschen an ihr gestorben. Man muss bei Ihnen eine totale Bluttransfusion vornehmen. Kein einziger Tropfen Blut darf in Ihrem Körper bleiben. Ich habe die Computerdaten bereits ans Hospital als Anhaltspunkte für weitere Analysen gefaxt. Das Team von Professor Concales ist eines der besten in Europa. Sie können sich natürlich auch ein anderes Krankenhaus aussuchen. Die Transfusion muss aber auf jeden Fall durchgeführt werden. Sonst haben Sie keine Chance. Ich weiß, wie hart das für Sie ist. Es würde Ihnen aber nicht dienen, wenn ich an der Wahrheit vorbeireden würde.“

II

Der glänzende Vogel kam mit Überschallgeschwindigkeit direkt aus der Sonne.
Das ist er!“
Das ist Papi!“
Die zwei Kinder hüpften vor Freude und klatschten in die Hände. Jonathan setzte seinen Jet gekonnt auf die Landebahn. Es war erst Mittwoch, aber die Parlamentarier hatten schon ihre Osterferien angetreten.

*

Die Sonne stand tief überm Horizont. Jonathan sog die reine Abendluft mit Genuss in die Lunge. Er hätte allen Grund gehabt, glücklich zu sein. Das Häuschen am Stadtrand von Ingolstadt war fertig. Vera machte einen zufriedenen Eindruck. Die Kinder mussten nichts entbehren.

Wäre da nicht diese Geschichte mit der Leukämie. Seine Frau soll, ja muss alles erfahren, und zwar sofort. Allein würde er mit dieser Last über die Ostertage nicht fertig werden.

Jonathans Stimme zitterte leicht, als er dem Geschehenen der letzten Wochen einen sprachlichen Zusammenhang gab. Es fiel ihm nicht leicht, war es doch das erste Mal, dass er seiner Frau so lange ein Problem verschwiegen hatte.

Sie saßen in ihrer eingegrünten Gartenlaube und Vera hielt seine Hand. Sie unterbrach ihn nicht, denn die Angst, die sie am Anfang seiner Worte befallen hatte, wurde von der steigenden Gewissheit abgeschwächt. Zuversicht gewann die Oberhand. Die Medizin wird schon alles richten.

*

Jonathan atmete ruhig. Es war ihm um vieles leichter. Der abgeworfene Stein hatte seine Seele befreit und seine Sinne konnten die Umwelt wieder wahrnehmen.

Der Mond war schon aufgestiegen. Hundegebell zeugte von Nachbarschaft. Ein unruhiger Stern zog am Großen Wagen vorbei.

Schau, ein Raumgleiter, dort, vor dem Großen Wagen“, riss Jonathan seine Frau aus ihren Gedanken. Vera war ihm dankbar dafür, denn ihre rege Phantasie hatte sie schon in ein großes, fremdes Hospital entführt.

III

Jonathan war schnell eingeschlafen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in gleichmäßigem Rhythmus.

Vera blickte in das ruhende Antlitz. Nur ihre Nachtlampe verbreitete spärliches Licht und verlieh Jonathans Gesicht einen blassen Schein.

Irgendwo am Schwarzen Meer waren sie sich eines Abends begegnet. Und es war Liebe auf den ersten Blick. Auf einer einsamen, im Schilf verborgenen Insel des Donaudeltas haben sie sich ihr Jawort gegeben. Ein Pope mit schneeweißem Bart hatte ihnen den Segen seiner Kirche erteilt. Die Sterne hingen in jener Nacht fast greifbar tief und die Frosch- und Grillensymphonie war das Göttlichste, was sie jemals gehört hatten.


Jonathan studierte damals in München und sie arbeitete in einem Prager Kaufhaus. Die erste Zeit hatten sie sich in Englisch verständigt. Erst nachdem sie zusammengezogen waren und in einem Münchner Vorort ein Appartement bewohnten, lernte sie Deutsch und er Tschechisch.

Nach dem Studium arbeitete Jonathan als Anwalt. Dann zog es ihn in die Politik. Das kleine, ein wenig reparaturbedürftige Häuschen in Ingolstadt hatten sie sich gekauft, weil er im Parlament nicht alt werden wollte. In der Stadt seiner Kindheit, wo seine Vorfahren schon immer gelebt haben, wollte er eines Tages arbeiten.

Dann waren die Kinder gekommen. Sie füllten Veras Leben aus, wenn Jonathan in Straßburg weilte.

Und jetzt? Was ist das für eine geheimnisvolle Krankheit? Wird die Bluttransfusion gelingen? Wenn aber die medizinischen Geräte gerade dann versagen?

Vera spürte, wie eine zerstörende Beklommenheit ihr Herz zu umklammern versuchte. Sie sah einen gesichtslosen Arzt. Seine Stimme kam hinter der großen, weißen Gestalt hervor. Sie klang weich, aber unpersönlich: ‚Es tut mir so leid. Unglückliche Zufälle haben dazu geführt ...‘

Oh Gott! Vera biss sich auf die Lippen, um nicht aufzuschluchzen. Wirre, konturlose Gestalten und Dinge beherrschten ihre Gefühle.

*

Der vom Schmerz überwältigten Frau waren die Augenlider längst zugefallen. Da stand ein riesiger Sarg in einem tür- und fensterlosen Raum. Die Wände rückten auseinander. Der Sarg wurde immer kleiner. Eine anfangs erkennbare Melodie ging in einen unendlichen Hall über. Finsternis. Stille. Veras Schlaf stieg in die Traumlosigkeit. Auf ihren Wangen trockneten Tränen. Niemand hat jemals von ihnen gehört.

IV

Jonathan und Vera hatten beschlossen, den Jahreswechsel zu Hause zu verbringen. Seit die Kinder da waren, verbrachten sie die Silvesterabende stets im warmen Wohnzimmer. Heuer lag ihnen besonders viel daran.

Drei Monate hatte Jonathan in der Privatklinik Professor Concales’ verbracht. Nicht so sehr seine erfolgreiche Behandlung, als vielmehr die Ursache der ungewöhnlichen Krankheit hatte für Schlagzeilen in den europäischen Medien gesorgt.

Die Vermutung Dr. Szekelys über die möglichen Krankheitserreger haben unter den Genspezialisten widersprüchliche Aussagen hervorgerufen. Vorübergehend war der Begriff Radioaktivität und damit verbunden die Kernenergie, eine selbst aus den Schulbüchern schon seit Jahren verschwundene Energieform, wieder Gesprächsstoff in den Kreisen der Mediziner und Wissenschaftler geworden. Fast hundert Jahre nach ihrem Ausdienen für die Menschheit hätte sie beinahe ein weiteres Menschenopfer für ihre Dienste gefordert.

Jonathan genoss das Glück seiner Genesung. Die Kinder hingen noch mehr als vorher an ihm und Vera verwöhnte ihn nach allen Regeln der Kunst. Er hatte schon am Nachmittag eine Flasche Krimsekt kaltgestellt. Jetzt frönte er dem Nichtstun, eine Beschäftigung, die er vor seinem Krankenhausaufenthalt nicht kannte, die er jetzt aber um so mehr schätzte. Vieles in seinem Leben hat eine neue Gewichtigkeit erfahren. Mit dankbarem Blick verfolgte er Veras Bewegungen, die sich am Elektroherd zu schaffen machte. Im Hintergrund kamen aus dem Radio weit unterhalb einer normalen Zimmerlautstärke soeben die 22-Uhr-Nachrichten.

Im Hobbyraum ist es aber merkwürdig still“, unterbrach der glückliche Familienvater die angenehme Ruhe. Ich schau mal nach, was die Kinder da unten machen.“

Nach einer Viertelstunde kam Jonathan zurück. Er wirkte etwas angespannt. Fast andächtig legte er ein in schwarzes Kunstleder gebundenes Heft auf den Tisch.

Wolfgang hat Michaela aus diesem Heft vorgelesen. Es scheint ein Tagebuch zu sein“, befriedigte er die fragenden Blicke Veras.

Dann setzten sich beide an den Wohnzimmertisch und begannen, die schon leicht vergilbten Seiten durchzublättern. Die Kinder hatten das in gut leserlicher deutscher Handschrift geführte Tagebuch aus dem Koffer genommen, den Jonathans Vater vor einem Monat aus der Wohnung seines verstorbenen Großvaters gebracht hatte, und der schon wieder vergessen in einer Ecke des Hobbyraumes stand. Auf dem Einband war eine Jahreszahl eingeprägt: 1986. Eine Jahrhunderte zurückliegende Welt tat sich für Vera und Jonathan auf.

*

Donnerstag, 1. Mai 1986

Wir sind heute aus Rumänien zurückgekommen. In der alten Heimat sieht es traurig aus. Die Auswanderungsagonie grassiert unter den Deutschen im Land. Ceauşescu bastelt am kommunistischen Einheitsmenschen. Angst, Grauen und Hoffnungslosigkeit haben sich auf die Seelen der Menschen gelegt. Viele leben schon stumpfsinnig vor sich hin, nur noch die eigenen Überlebenschancen im eingeschränkten Blickfeld wahrnehmend. Wir müssen Gott dankbar sein, dass wir diesem Seeleninferno rechtzeitig entrinnen konnten. Die Medienzensur hat das Land vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Erst heute in den frühen Morgenstunden, als wir uns in Jugoslawien der österreichischen Grenze näherten, erfuhren wir aus den Nachrichten des Österreichischen Rundfunks, dass in der Nacht vom 25. auf den 26. April in einem Kernkraftwerk nördlich der sowjetischen Stadt Kiew eine Explosion Teile des Kernreaktors zerstört hat und radioaktive Strahlungen freigesetzt wurden.

Freitag, 2. Mai 1986

Wir machen uns Sorgen. Es wird hier so viel über diesen Unfall in Tschernobyl geredet und geschrieben. Die Regenwolken sollen die radioaktiven Elemente bis nach Bayern transportiert haben. Überall hört man Warnungen. Die Kinder sollen nicht mehr im Sand spielen. Obst und Gemüse sind verseucht. Auch die Milch von den Bauernhöfen sei mit Radioaktivität belastet. Am vergangenen Wochenende sind über das Banat schwere Oststürme gezogen. Es hat sintflutartig geregnet. Am Montag, Dienstag und Mittwoch war dann wieder das schönste Wetter. Wolfgang hat die ganze Zeit draußen gespielt. Er ist mit den Nachbarskindern durchs ganze Dorf gerannt. Gleich nach den Gewitterregen haben sie Dämme in den Wassergräben gebaut. Evi ist schwanger. Sie hat dort unten nur frische Kuhmilch getrunken. Die Kühe werden täglich auf die Weide getrieben. Das Banat liegt immerhin 1000 Kilometer näher zum Unglücksort als Bayern.

Samstag , 3. Mai 1986

Wir sind sehr beunruhigt. Ich habe beim Roten Kreuz angerufen und unsere Situation geschildert. Dort ist man anscheinend ratlos. Man hat uns geraten, beim Strahleninstitut in München anzurufen. Auch dort wurden wir nicht gescheiter. Die haben uns geraten, einen Frauen- und einen Kinderarzt aufzusuchen. Wir könnten aber unbesorgt sein, denn eine akute Gesundheitsgefährdung sei zu keiner Zeit vorhanden gewesen, wahrscheinlich auch nicht im Banat. So ein Schwachsinn. Warum kann man dann außer Warnungen vor radioaktiver Verseuchung nichts mehr lesen und hören?

Wortlos überflogen sie Zeile um Zeile, um immer wieder auf den 1. Mai zurückzukommen. Mehr als eine Stunde war so vergangen. Dann fragte Vera plötzlich: „Hast du Dr. Szekely auch zu Neujahr geschrieben?“ Jonathan glaubte, einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen.
Nein. Ich wollte ihn morgen früh über die Web-Kamera kontaktieren und mich ein wenig länger mit ihm unterhalten. Aber ich werde ihm sofort eine Mail schicken und diese drei Tagebuchseiten gleich mit.“

Jonathan ging in sein Arbeitszimmer und sandte des Rätsels endgültige Lösung, versehen mit den herzlichsten Neujahrswünschen der ganzen Familie, an Dr. Szekely.

Erst dann fiel sein Blick auf die alte Wanduhr: 23:30 Uhr. Daneben hing schon der neue Kalender mit der Umschlagaufschrift PROSIT 2255!


[Ingolstadt, 1991]

Anton Potche

- aus dem Buch von Anton Potche: Kurzprosa aus der Hecke und dem Spind; BoD-Norderstedt; 2017


Montag, 20. April 2026

1 iunie

- haiku -

unsere fabrik
ist gegangen lange nach -
es war liebesschmerz


[ingolstadt, 2026]
anton potche

Montag, 13. April 2026

Eine Koryphäe ist gegangen, ein Nachfolger schickt sich an, eine zu werden

 Zum Tode von Cornel Ungureanu

Cornel Ungureanu
FotoQuelle: ORIZONT, Timișoara
Am 3. August 1943 hat Cornel Ungureanu das Licht der Welt erblickt, das für ihn am 19. November 2025 erloschen ist. Mit ihm hat einer der rumänischen Literaturkritiker des alten Formats, ich denke hier an Nicolae Manolescu (1937 – 2024), die literarische Bühne des Banats verlassen. Cornel Ungureanu hat diese Bühne mit großem Sprachtalent, Wissen, Fleiß und Einfühlungsvermögen bespielt. Die Anzahl seiner vorwiegend literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen ist beeindruckend. Seit 1975 hat er Bücher im Bereich der Literaturkritik und -geschichte sowie Essays geschrieben. Sein Œvre bildet ein Kaleidoskop der rumänischen und europäischen Literatur. Viele Dichter und Schriftsteller der rumänischen autochthonen Literaturszene haben von seinen ihren Werken vorangestellten Vorwörtern profitiert. So manches Buch fand seinen Weg in die Verlage und Buchhandlungen auch dank eines Einleitungstextes von Cornel Ungureanu.

Sein Leben für die Literatur bedeutete aber mehr als Analysieren, Forschen und Schreiben. Seit 1990 war Cornel Ungureanu Vorsitzender der Filiale Temeswar der Union der Schriftsteller Rumäniens, eine Organisation, in deren Reihen auch mehrere rumäniendeutsche oder deutsch schreibende Schriftsteller (gebliebene und ausgewanderte) zu finden sind: Johann Lippet, Annemarie Podlipny-Hehn, Petra Curescu, Julia Schiff, Eleonora Ringler Pascu, Adriana Cârcu, Loretta Persem Brădiceanu, William Totok, Simion Dănilă, Rodica Binder, Ilse Hehn, Horst Samson, Balthasar Waitz, Herta Müller, Josef Erwin Ţigla, Lucian Emanuel Vărşăndan, Anton Palfi, Traian Pop Traian und Kristiane Kondrat (bürg. Name: Aloisia Bohn). Für die Korrektheit dieser Aufzählung kann ich natürlich keine Gewähr übernehmen. Sie alle werden Cornel Ungureanu mehr oder weniger vermissen. 

Seit dem 12. Februar 2026 hat die Temeswarer Filiale der organisierten Schriftsteller einen neuen Vorsitzenden: Robert Șerban (*1970). Man kann also von einem Generationenwechsel an der Temeswarer Filiale sprechen. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Und doch gibt es einen bemerkenswerten Unterschied. Und der liegt in den Genres, die der Vorgänger gepflegt hat und der Nachfolger jetzt pflegt. Die Nachfolge des Literaturwissenschaftlers übernimmt ein Dichter und Schriftsteller. Aber auch der hat literarische Aktivitäten aufzuweisen, die neben der kreativen Seite auch viel mit Organisation und Präsentation zu tun haben.

GAZETA DIN VEST zitiert Robert Șerban, den neuen Vorsitzenden der Temeswarer Filiale des rumänischen Schriftstellerverbandes mit einer Stellungnahme unmittelbar nach der Wahl: „Ich fühle mich geehrt, dass meine Kollegen mich für diese Funktion gewählt haben, die in erster Reihe eine größere Implikation meinerseits in das Leben der Filiale bedeutet. […] Es ist eine Stelle, die verpflichtet, ein Posten, auf dem man viele schöne Sachen machen kann.“ Geleitet wurde die Sitzung von Varujan Vosganian, dem Vorsitzenden der Union der Schriftsteller Rumäniens.

Viel Erfolg!
Anton Potche

Mittwoch, 8. April 2026

So geht es einem

 
Heinrich Heini: Alte und neue Heimat – Stories aus dem Tage- und Nächtebuch eines Hermannstädters; Verlag BoD - Books on Demand, Nordersted, 2020; ISBN – 9783752896985; Kartoniert, 320 Seiten; 19,99 €.

Der Name des Autors deutet auf den deutschen Lyriker zwischen Romantik und Realismus, Heinrich Heine, hin. Liest man in Heinrich Heinis alten und neuen Heimatgeschichten und schlägt nebenbei ein seriöses Lexikon bei Heinrich Heine auf, so begegnet man in Letzterem Stichwörter wie „geistreiches Spiel“ (natürlich mit der Sprache), „Spott“, „romantische Ironie“, „Augenblickskunst“, „Scharfe Natur- und Lebensbeobachtung mit unerschöpflich spöttelndem Witz“ und nicht zuletzt „Reisebilder in sprunghaft - impressionistischem Plauderstil“. (Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur). Das lässt natürlich die Vermutung zu, dass Heini ein Pseudonym sein könnte, passen die Heine-Stichwörter doch auch in gewissem Maße zum Autor von Alte und neue Heimat.

Liest man sich dann vorwärts – es geht eigentlich recht flüssig -, wird man mit einer Kurzvita am Ende des Buches belohnt. Auch mit der Genugtuung, mit seinen anfänglichen Vermutungen richtig gelegen zu haben: Heinrich Heini ist Heinrich Ekkehardt Höchsmann oder umgekehrt.

Aber warum Heini? „Na so ein Heini!“ Dieses Bonmot ist mir doch geläufig. „Na so ein Heini!“ Aber wie, positiv oder negativ behaftet? Diesmal geht der Griff zum Wörterbuch (Mackensen) … und tatsächlich: Heini ist ein männlicher Vorname, der auf einen „albernen“, „komischen“ oder auch „dummen“ und „üblen“ Kerl hindeutet. Wer das Buch Heinrich Heinis bis zum Ende liest, darf sich eine dieser Charakteristiken aussuchen. Ich habe mich auf die ersten zwei festgelegt, wobei ich „albern“ gerne als „läppisch sein, lärmen, tollen“ (aus demselben Wörterbuch) verstehen würde.

Eigentlich haben wir es hier mit einer leicht dahinerzählten Autobiografie zu tun, die 1947 in Siebenbürgen beginnt und bisher ohne Ende in Deutschland und vielen anderen Ländern ihren oft lustigen, ja sogar skurrilen Lauf genommen hat. Seinen bisherigen, nicht an Aberwitz mangelnden Lebenslauf hat. H. H. in 77 Episoden beschrieben, die er in sechs chronologisch aneinandergereihten Kapiteln untergebracht hat: Alte Heimat 1947 – 1975, Sportstudium Bukarest 1965 – 1969, Freiburg 1975 – 1983, 30 Jahre Pharma 1983 – 2012, Reisen 1975 – 2020 und Neue Heimat 1975 – 2020.

Es liegt offen auf der Hand, dass H. H. nicht der bravste Schüler, Soldat und Student in seiner rumänischen Zeit war. Und dass er sich über alle diese Lebensphasen lustig macht, entspricht anscheinend einem heiteren und immer auf der Lauer nach Skurrilitäten liegenden Gemüt. In der Episode Von Ratten und Mördern, Trilogie II heißt es zum Beispiel: „Soldat T.R. Hosman, packen sie Zahnbürste und Rasierzeug ein und kommen sie mit. Getan wie befohlen, werde ich im gleichen Jeep abtransportiert wie 2 Tage zuvor aus Costinești.” Und worin sollte hier der Spott liegen, wo es sich doch um eine Einkerkerung bei der Militärstaatsanwaltschaft handelte? Da ist Lesen zwischen den Reihen angesagt. T.R. heißt „termen redus – verkürzte Militärzeit“. Davon profitierten die Studenten in Rumänien in der Ära Ceaușescu. Das Spötteln des Autors liegt aber nicht darin, sondern in der Aussprache des Namens. Der rumänische Militärbedienstete konnte den deutschen Namen des T.R.-Soldaten Höchsmann nicht aussprechen, so dass nur ein Hosman übrig blieb. Doch Vorsicht deutsche Leser: Wer liest, ohne sich vorher um den bürgerlichen namen des Autors bemüht zu haben, könnte ab Seite 67 meinen, er hätte es mit der Autobiografie eines Herrn Heinrich Hosman zu tun. Dem ist natürlich nicht so.

Hier und an vielen anderen Stellen dieses Buches spürt man, dass Heinrich Heini der Schalk im Nacken sitzt. Da schreibt einer, der seinen Humor feilbietet – für 19,99 EUR. Man sollte nach dieser leicht konsumierbaren Lektüre greifen, auch wenn das Satzbild ab und zu uneinheitlich daherkommt und einigen Wörtern Aktritzen guttun würden (ă, â, ș, ț).

Da wären dann noch die Erinnerungen eines Lesers, die ihm beim Lesen (wie so oft bei rumäniendeutschen Autoren) kamen. Irgendwo schreibt H. H. auf Seite 213: „Dulcea mea, meine Süße, oriunde ai fi, te voi găsi, wo immer du bist, meine Liebe trägt mich zu dir, schmalzen OZON, die Pop-Gruppe aus Moldawien, die mit ‚Mai achi, mai acho‘ europaweit die Nr. 1 wurde.“ Meine Frau und ich saßen am Mittagstisch. Im Hintergrund kam Musik aus dem Radio. Bayern 1. Dann plötzlich dieses Lied der Gruppe OZON. Ich musste in die Arbeit und durchlebte die ganze Spätschicht mit diesem Lied im Kopf. Jetzt ist es wieder da, zumindest einige Takte. So geht es einem, wenn man eine Alte und neue Heimat hat.
Anton Potche