Montag, 17. August 2026

Zu viel des Guten

 
Er geisterte seit Tagen durch diverse Medien: Odysseus. Wie so oft, steigerte sich meine Neugierde. War da nicht Helena von Troja oder Die schöne Helena oder gar Der Untergang von Troja? Aber wer war das Mädchen an meiner Seite? Für mich ging es nur um sie. Und nicht um Helena, die schönste Frau der Antike. Händchenhalten. In einem rumänisch untertitelten Film, von dem ich nicht besonders viel verstand. Also musste es ausgangs der 1960er Jahre gewesen sein. Und wo? Im Jahrmarkter Kulturheim oder in einem Temeswarer Lichtspielhaus? Auf jeden Fall war jetzt, viele Jahrzehnte später, meine Lust auf die Antike geweckt. Und ich wollte einer der ersten Ingolstädter sein, der Die Odyssee sehen konnte, frisch auf die Leinwand gebannt. Das war ich dann auch, denn es waren gerade mal 10 Zuschauer in dem großen Saal des Ingolstädter CineStar.

Man schrieb den 16. Juli 2026. Heiß. Schwül. Als das Licht um 16:40 Uhr gedimmt wurde, ging es erst mal los mit 20 Minuten Werbung. Dann kam der Film. Die Odyssee startete mit einem donnerähnlichen Grollen. Mir fielen die Ohrenstöpsel aus meiner Audi-Zeit ein. Ich musste mich an den Lärm gewöhnen, um überhaupt der Erzählung folgen zu können. Erst die Schlachten! Als wären es Drohnen unserer Zeit. Und warum so lange? Es ist soviel Gewalt in diesem Film. Gewalt braucht Lärm, furchtbaren Lärm. Und Ekel.

Die mythologische Antike lebt in diesem Film von der Steigerung, auch im Ekel … wenn Krieger zu Schweinen werden. Echte Schweine, domestizierte Haustiere zum Schlachten. Und erst die Kreatur mit dem Stirnauge! Fürchterlich! Nur im Vergleich zu der ekelhaften Schweinewerdung noch eher erträglich. Aber märchentauglich auf keinen Fall. Und das unabhängig von dem, was Homer so alles in die Welt gesetzt hat.

Odysseus war lange auf der Heimfahrt nach Ithaka. Wenn ich mir das Feuilleton anschaue, dann war das für so manchen Zuschauer keine besonders grandiose Fahrt. Da heißt es am Tag des Odyssee-Film-Starts zum Beispiel, dieser Film sei „keine ruhmreiche Heldenstory, sondern ein düsterer Horrortrip durch eine Albtraumwelt“. Recht hat der Kritiker David Steinitz in der SZ. Es war halt oft zu viel des Guten in den drei Stunden Kampf um die Erinnerung.

Und wer war das Mädchen mit dem Händchenhalten und meinen Schmetterlingen im Bauch, damals vor bald 60 Jahren. Ich weiß es - wie Odysseus - nicht mehr. Aber sie war schön, schöner als die Schönste der Antike oder die tapfer wartende Gemahlin Odysseus’.

Die Odyssee Film, 1926; Regie & Drehbuch: Christopher Noland; Musik: Ludwig Göransson; Kamera: Hoyte van Hoytema; Darsteller: Matt Damon (Odysseus), Anne Hathaway (Penelope), Tom Holland (Telemachos), Robert Pattinson (Antinoos) u. a.
Anton Potche

Montag, 10. August 2026

Wo kommen die vielen sozialistischen Menschen dann alle her?

 
Wladimir Kaminer: Es gab keinen Sex im Sozialismus; Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2009; kartoniert, 236 Seiten; ISBN 978-3-442-54265-9; € 8,95 [D], € 9,20 [A].

Wieso gab es keinen Sex im Sozialismus? Natürlich gab es den. Nur ist er in diesem Buch ein gekappter Satz. Er wurde zwar ausgesprochen, aber nicht bis zum Schluss von seinen Adressaten gehört. Der Satz. Nicht nur der Sex. Tatort war eine „Telebrücke“, die im September 1982 einmalig zwischen der Sowjetunion und Amerika aufgebaut wurde. Bürger beider Staaten sollten miteinander kommunizieren, und zwar über das Medium Fernsehen. In diesem sehr unterhaltsam wiedergegebenen russisch-amerikanischen Bürgertreffen kam es auch zu folgender Situation: „Das Gespräch ging jedoch nicht wirklich voran. Die erfolgreichen Ernten und die Fortschritte im Maschinenbau interessierten die amerikanischen Freunde nicht, stattdessen kamen sie gleich zur Sache. Ein großer Blonder in einem Holzfällerhemd wollte wissen, wie es mit dem Sex in der Sowjetunion sei. Unsere Antwort auf diese hinterhältige Frage kam von einer molligen Dame mit einer komplizierten Frisur, die sich im entscheidenden Moment auch noch verhaspelte. Sie wollte dem Amerikaner eigentlich sagen, dass bei uns kein Sex im Fernsehen gezeigt wird, schaffte aber nur den halben Satz: ‚Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex, äh – äh.‘“ Das ist O-Ton Kaminer. Und der hält sich auf ähnlichem Level durch das ganze Buch.

Diese Parodien des sowjetischen Alltags hat Wladimir Kaminer in 32 Kapitel gegliedert und versucht, je mehr vom Leben in der UdSSR preiszugeben. Für Leser mit Ostblockerfahrungen ist viel von dem Festgehaltenen normal, während Westmenschen viel skurril finden. Dass Kaminer ein Großer seines Metiers ist, zeigen die gleichen oder ähnlichen Reaktionen der Leser von drüben als auch jener von hüben.

Der Autor hat nicht nur seine ehemalige russische Heimat ins Visier genommen, sondern auch andere Teile des Ostblocks. In dem Prosastück Die Helden des vorigen Jahrhunderts erweist er auch Dracula die Ehre, ja positioniert ihn sogar vor Juri Gagarin: „Mein persönlicher Favorit unter den Flughelden war jedoch Graf Dracula.“


Kaminer klärt in diesem Buch „Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts (Untertitel) auf. Wie er das tut, lohnt sich, zu diesem Buch zu greifen. Das ist ein sehr unterhaltsames Stück leichte Literaturkost. Wohl bekomms!
Anton Potche

Freitag, 31. Juli 2026

Juli 2026 – Giarmata in den Medien


Fertige Kanalisation in Giarmata
aus deBANAT.ro; Timişoara / Temeswar; 02.07.2021
Das größte Infrastrukturprojekt in Giarmata und Cerneteaz, Wasserleitung und Abwasserkanal, ist beendet. Jetzt können die Bürger ihre Wohneinheiten ans Gemeindenetz anschließen lassen. Man kann seinen Anschluss in Eigenregie oder vom Handwerker ausführen lassen. Der Antrag muss bei der Firma Aquatim eingereicht werden. Er kostet ca. 85 Lei. Der fertige Anschluss muss dann von der Firma abgenommen werden. Für Grabungsarbeiten auf Gemeindegebiet muss eine Genehmigung vom Rathaus eingenommen werden. Für den Anschluss bekommt der Gemeinderat „keine“ Gebühren. Wer die bekommt, steht nicht im Artikel.
+ + + Wahrscheinlich die Aquatim. So wäre es logisch. Aber ...“

Alt gegen Jung in Cerneteaz

aus deBANAT.ro; Timişoara / Temeswar; 05.07.2021
Die Zorner Fotbaliste
 - stehend zwatti vun rechts
is Frau Lenuta Tiuch

FotoQuelleSaved Pictures
Es ist Tradition în Cerneteaz, dass sich bei Saisonende die ehemaligen und jetzigen Fußballer des Dorfes zu einem Fußballspiel in der „Groapă”, also in der „Kaul“, wie die Cerneteazer ihren Fußballplatz nennen, treffen. Die Initiative zu diesem Dorfereignis lag wie seit Jahren in den Händen der Giarmataer Gemeinderätin Lenuța Tiuch. Es wurde hartnäckig um den Sieg gekämpft und das Endergebnis konnte gar nicht anders ausfallen – 4:4, obwohl die Aktiven mit je einer Mannschaft in der Promoţie Timiș - Seria III Municipal 1 Timişoara und in der höherklassigen Liga V Timiș – Serie II, in der Pause mit drei zu null Toren vorne lagen.
+ + + Is doch scheen, wann merr die Alte ehrt. Die hun in ehre beste Johre sogar mol in der D-Liga gspillt. Un des ware die Torschitze: Ionuț Kalanyos (2), Daian Jivan un Nenad Vlaicov forr die noch Aktive un Laviniu Stănescu, Darius Obreja, Adi Ganea un Cosmin Pleșescu forr die Veterane. + + +

Rezension von Katharina Kilzer
aus ADZ.ro; Timișoara / Temeswar; 11.07.2026
Die ALLGEMEINE DEUTSCHE ZEITUNG FÜR RUMÄNIEN (ADZ) hat eine Rezension des historischen Romans Der Musikant des Sultans (Noack & Block Verlag, Berlin, 2026) von Wolfgang Günter Lerch veröffentlicht. Gelesen und unter dem Titel Dimitrie Cantemir, Vermittler zwischen Orient und Okzident besprochen hat das 146 Seiten umfassende Buch unsere aus Giarmata, ehemals Jahrmarkt, stammende Landsmännin Katharina Kilzer. Der Ich-Erzähler des Romans ist der „Universalgelehrte, der 11 Sprachen beherrschte, seit 1714 Mitglied der Brandenburgischen Wissenschaftlichen Akademie war“, Dimitrie Cantemir. Die geographischen Koordinaten, auf denen dieser Roman fußt, sind Rumänien, damals Fürstentum Moldau, Ukraine, damals Russland und Türkei, damals Osmanische Reich. Die Rezensentin schreibt zu dem Werkaufbau Wolfgang Günter Lerchs: „Die Entscheidung, Cantemir rückblickend selbst erzählen zu lassen, ist wirkungsvoll, birgt aber auch eine Grenze. Der Roman nähert sich seiner Figur mit großer Achtung; dadurch entsteht ein ruhiger, reflektierender Ton, der zur Gelehrtenbiografie passt, manchmal jedoch erzählerische Spannung zurücknimmt.“ Zum Schluss vergisst sie nicht, auf Cantemirs Präsenz in unseren rumänischen Schulbüchern hinzudeuten, die „so in den Geschichtsstunden des Systems im Kommunismus nicht vermittelt wurde.“
+ + + Des gfallt mer, weil oons vun de Bicher, die wu ich vor meiner Ausreise aus Rumänien in e paar Packeder vum Temeswarer Hauptbohnhof aus uf Ingolstadt gschickt hun – des war im Herbst 1984 -, war Dimitrie Cantemir: Beschreibung der Moldau – Faksimiledruck der Originalausgabe von 1771 - Nachwort von Constantin Măciucă; Kriterion Verlag Bukarest, 1973. Un nateerlich steht des Buch heit noch in meim Bicherschrank. + + +

Schweigeminute in der Gemeinderatssitzung

aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 30.07.2026
- Die gestrige Sitzung des Giarmataer Gemeinderats hat mit einer Gedenkminute für den ehemaligen Bürgermeister Gavril Roșian begonnen. Der verstorbene Politiker war von 1996 bis 2008 Bürgermeister von Giarmata – drei volle Legislaturperioden.
- Der folgende Sitzungsverlauf benötigte dann anschließend satte 53 Minuten. Die Themen waren die übrigen. Es gab auch dieses Mal Anfragen nach Grundstücken. Eine Firma aus Pitești hätte zum Beispiel gerne ein 40.000 m² umfassendes Grundstück für ihre pharmazeutische Tätigkeit.
- Zum Schluss war es dann gerade der sehr aktive Gegenspieler des Bürgermeisters Claudiu Mihălceanu im Gemeinderat, Andrei Berta (PSD), der dem Rathauschef zu seinem Karrierestart gratulierte. Mihălceanu wurde kürzlich zum ersten PNL-Stellvertreter des Kreises Temesch gewählt. Er bedankte sich schmunzelnd bei Berta und versicherte ihm, dass ihre Scharmützel auch weiterhin dem Gemeinderat erhalten bleiben.
- So soll es auch sein in einem demokratischen Gremium, auch in Rumänien und natürlich in Giarmata … weil schließlich un endlich sin die Johrmarker Musikante jo schun längst iwwer alle Berche. + + +
Anton Potche

Montag, 20. Juli 2026

Sie sind noch immer da!

 
Und das ist gut so. Ich meine die Egerländer Musikanten und damit das Musikgenre, das nicht nur Jahrzehnte bereits überdauert, sondern anscheinend sogar die zweite Jahrhundertmarke anpeilt. Diese Blaskapelle – die beste der Welt – hat das Recht, sich weiterhin Das Original zu nennen. Nicht nur wegen den traumhaft guten Blasmusikern, die sich hier immer wieder, jetzt schon seit 70 Jahren, zusammenfinden und eine Musikgattung pflegen, die sich immer wieder neu erfindet und trotzdem einem Klang treu bleibt, der scheint, für die Ewigkeit bestimmt zu sein. Es heißt in Musikantengesprächen oft: Dafür, also um diese Musik gattungsgerecht spielen zu können, musst du geboren sein. Was ist daran so sonderbar? Es hat anscheinend etwas mit den Klangbildern zu tun, die selbst in den virtuosesten Vortragsvarianten noch einer ergreifend schönen Melodielinie folgen. Diese aus dem Böhmerwald stammende Melodik hat etwas Zeitloses inne. Man hat den Einruck, sie besteht nur aus Ohrwürmern.

Seit heuer leitet der dritte Dirigent diesen Klangkörper. Das Interessante ist, dass die Ausdrucksstärke dieser Musik seit dem Bestehen der Kapelle im Jahre 1956 immer die Gleiche geblieben ist und dabei trotzdem einem steten Wandel von Ernst Mosch (1925 - 1999) zu Ernst Hutter (*1958) und bereits jetzt spürbar zu Alexander Wurz (*1985) unterlag und wohl auch weiterhin unterliegen wird. Man kann das dank der Audiomedien (LP, Musikkassette, CD, USB usw.) sehr gut nachvollziehen.

Die erste Studioeinspielung unter der Federführung und dem Dirigat von Alexander Wurz liegt jetzt vor: Wir sagen Danke – 70 Jahre Egerländer Musikanten. Und man wird die Fans wieder schwärmen hören: Musik von einem anderen Stern. Zu recht, muss ich sagen, nachdem ich diese neue Einspielung aus dem bewährten Bauer-Studio unzählige Male rauf und runter abgespielt habe.

Und doch: Ich bin enttäuscht und frage mich immer noch, wie man ein so düsteres, kryptisches, an Mystik heranreichendes, ja sogar einem symbolträchtigen Geheimbundsiegel ähnelndes Booklet - ich denke an Dan Browns Illuminati - gestalten kann, wo wir es doch mit einer Musik zu tun haben, die auf einem wohlklingenden Harmoniefundament steht und dank eines sturmsicheren Rhythmusgerüstes lebensfreudige Variationen in allen Instrumentengruppen ermöglicht. Laut Impressum soll für Produktion & Label die Firma HUTTERMUSIK.GMBH verantwortlich sein. Ohne eine (sehr gute) Lupe hatte ich kaum eine Chance, herauszufinden, wer die Inhalte der 14 Tracks komponiert, arrangiert, getextet und vor allem eingespielt und 

-gesungen hat. Es ist meine Bewunderung für diese Musiker, die mich dann schließlich und endlich doch dazu veranlasste, ihre Namen in dem höhlenartigen Inneren des Booklets zu entziffern. Sie haben es trotz meiner zum Schluss vor Anstrengung tränenden Augen verdient. Dafür ist ihre Musik zu gut, viel, viel zu gut.

Und das sind sie, die Tonkünstler dieses Albums:

Klarinette – Alfred Wurm, Peter Jenal, Thomas Backhaus, Jörg Kleidl
Flügelhörner – Franz Tröster, Markus Privat, Helmut Kassner, Rüdiger Ruf, Michael Sperer, Nick Loris
Trompete – Martin Hutter
Posaune – Andreas Joos, Gerd Fink, Patrick Raatz
Tuba – Peter Laib, Siegfried Jung
Tenorhorn & Bariton – Alexander Wurz, Carsten Ebbinghaus, Edgar Wehrle, Michael Müller, Andreas Schmidt, Florian Metzger.
Schlagzeug: Holger Müller
Gesang: Katharina Praher, Nick Loris, Alexander Wurz

Der Schriftsteller Alexandru Bulucz hat kürzlich zum 70. Geburtstag seines rumänischen Dichterkollegen Mircea Cărtărescu in der FAZ einen Artikel unter dem Titel „Diese Literatur ist resistent gegen Verfall“ veröffentlicht. Das Gleiche kann man zum 70-jährigen Jubiläum der Egerländer Musikanten – Das Original sagen. Es reicht, wenn man „Literatur“ mit „Egerländermusik“ austauscht.

Anton Potche