Mittwoch, 17. Februar 2021

Die Kaschpersch Wess Mrian uf Radiowelle aus der alt Heimat

Schun seit Johre horch ich die deitsch Sendung vun Radio Temeswar. Die werd alle Tach ausgstrahlt un merr kann 
se sogar noch siwe Täch noher heere uf 
http://www.funkforum.net/audio/deutsch/ . Länger awwer net. Es sei denn, merr lad se sich runner, des geht aah. Nateerlich horch ich net jede Tach, awwer zwaa Schwerpunkte hun sich in meine Guste rauskristalliseert, so dass ich proweer, die zwaa Sendunge net zu verpasse: mittwuchs die Kultursendung un sunntachs die Unnerhaltungssendung mit Beiträch im schwowische Dialekt. Des erinnert mich immer e bissje an die PIPATSCH aus unsrem Lewe vun gester.

In dem Winter war des wegen dem Corona-Miststick sogar etwas leichter, weil merr halt meh dahoom sein hot misse. Do kummt am jo so allerhand in de Kopp. Gehst mol hoom, hun ich mer a‘me Sunntach gedenkt, awwer wirklich hoom, nunner hoom, dort wu du es eerschte Mol e Mädche gekisst host. Wer war des norr? Ja Herrschaft, sin ich schun so vergesslich? Ich war momentan so verärjert, dass ich schun druf un dron war, mei Fraa zu frooe, wer des denn war. Awwer noo hun ich doch druf verzicht un mer die deitsch Sendung vun Temeswar uf‘m Computer onkorcht.

Un des hot sich an dem Sunntach noo aah wirklich ausgezahlt. Mer is während der Sendung zwar nicks vun meim eerschte Kuss ingfall, awwer ich hun mich an die Kaschpersch Wess Mrijan erinnert, die Johrmarker Heimatdichterin, die wu mer selmols im ʼ72er mei Kerweihspruch gschrieb hot.

Es war am 4. Advent. Die Temeswarer Redakteerin Helen Alba hot in der Rubrik Daheim und unterwegs - Durchs Banat mit Helen Alba i‘me Fietscher (herrisch haaßt des Radio-Feature) an die Kaschpersch Wess Mrijan erinnert. Uf die Idee hot de Geier Luzi se gebrung. Wortwärtlich hot die Frau Alba, sie is jo aah Dialektdichterin un -schriftstellerin un macht heit noch die PIPATSCH in der Temeswarer BANATER ZEITUNG, gsaat: „Unlängscht han ich e Schreiwes kriet vum Vedder Luzian Geier. Der is Journalist in Deitschland, awwer er stammt aus Johrmark. Un er schreibt: Die Ebnersch Wess Marjan wär desjohr 100 wor. Die Johrmarkerin hot frieher zu de fleißiche Mitarweiter vun der alt PIPATSCH gheert. Gedichter, Gsetzle, Sprich, Gschichte, Lieder un sogar e greeßres Theaterstick hat se gschrieb. Des is aah gspillt gin. Schreiwe war forr des Dorfkind e Stick vun ihrem Lewe, in dem se halt drin war. Die Kleenheislertochter is am 5. Mai 1920 gebor un 2007 hat se sich verabschied vun dere Welt in Deitschland in Crailsheim. Gschrieb hat se bis zuletscht, immer in ihrer Muttersproch.“ Noh hot die Helen Alba noch e Gedicht vun der Wess Mrijan vorgeles: Zum Advent.

Scheen! Merr hot wedder mol gsiehn, wie eigenstännich e Dialekt is. Die Helen Alba stammt aus Bogarosch, un des heert merr sofort an ehrem Dialekt. Er klingt nateerlich net so wie de Johrmarker. Un aus der Wess Mrijan is die Wess Marjan wor, un aus der Kloonheislertochter die Kleenheislertochter. Un die Kaschpersch Wess Mrijan war uf mol die Ebnersch Wess Marjan. Awwer vun wu soll die Bogaroscher Dichterin des alles wisse. Des sin halt die dorfinterne Besonderheide, die wu uns Johrmarker vun alle annre Banader Schwowe unnerscheide … un sie vun uns.

Noo war die Sendung rum. Ich war dehoom … awwer wer des Mädche war, waaß ich bis heit net. Ich moon, ich froo doch noch mei Fraa, weil in Johrmark hot doch e jeder gewisst, wer grad wemm sei Gatschika oder wer wemm sei Haber is. So, jetz gehn ich un froo se. Passeert was passeert ...

Berns Toni

Montag, 8. Februar 2021

Welt voller Widersprüche – auch in der Literatur

Eugen Barbu: Der Fürst (aus dem Rumänischen von Klaus Bochmann); Kriterion Verlag, Bukarest & Verlag Volk und Welt, Berlin, 1981; 495 Seiten; bei Online-Händlern verfügbar.

Die Fürstentümer Moldau und Walachei wurden von 1712 bis 1821 von den Phanarioten, einer griechischen Oberschicht, die im Stadtteil Phanar der osmanischen Hauptstadt Konstantinopel zu Hause war, regiert. Es war eine der dunkelsten Perioden in der Geschichte der beiden Fürstentümer. Die große Mehrheit dieser fremden Herrscher beutete die Fürstentümer erbarmungslos aus, um sich in je kürzerer Zeit so weit wie nur möglich zu bereichern oder sich längere Herrschaftszeiten von der Pforte zu erkaufen. In den 109 Jahren ihrer Herrschaft wechselten sich in der Walachei 40 Fürsten auf dem Thron ab und in der Moldau 36. Constantin Mavrocordat (1711 – 1769) schaffte es sogar sechsmal auf den walachischen und viermal auf den moldauischen Thron.

Nun wäre aber gerade er der unpassendste Phanariot für Eugen Barbus namenlose Fürstengestalt in seinem Roman Der Fürst. Von Constantin Mavrocordat berichten die Geschichtsbücher nur Gutes. Man kann von einem gelehrten und für Reformen offenen Fürst lesen.

Eugen Barbu hingegen hat es auf die Bösen abgesehen, ohne allerdings Namen zu nennen. Sein Fürst ähnelt Herrscherfiguren wie Constantin Hangerli (1760 – 1799), Nicolae Mavrogheni (? - 1790), Alexandru Suțu (1758 - 1821) und anderen. Er ist auf jeden Fall eine fiktive und oft obskure Mischung aus diesen Figuren. Mit Constantin Hangerli teilt er zum Beispiel sein unrühmliches Ende: Ein vom Pascha beauftragter Henker enthauptet ihn. Er, Eugen Barbus Fürst, ist wie Nicolae Mavrogheni – der ließ die Hörner der vor seine Kutsche gespannten Hirsche vergolden – vom Geld besessen. Alexandru Suțu soll besonders gegen Ende seiner Herrschaft skrupellos Reichtümer angesammelt haben. Alle diese und andere negative Eigenschaften sind in Barbus Roman oft bis zum schwer Erträglichen zugespitzt und ergeben das Bild einer total verkommenen Herrscherschicht. Nicht nur der Fürst ist voller Laster, sondern auch seine Umgebung.

Die Bojaren werden als eine liederliche Gesellschaft, feige, charakterlos, unterwürfig und heuchlerisch dargestellt. Sie geben den passenden Rahmen ab für einen Herrscher, der unter dem Einfluss eines aus Italien stammenden Schamanen, Alchimisten, Scharlatans mit sexuellen Perversionen steht. Das Buch beginnt mit der Pest und baut sich von Gräueltat zu Gräueltat auf, bis ein monströses Gesellschaftsgemälde vor dem geistigen Auge des Lesers steht.

Eugen Barbu (1924 – 1993) hat von 1962 bis 1969 an diesem Roman gearbeitet. Man mag zu seinem linientreuen Agieren im kommunistischen Rumänien noch so kritisch stehen, seine literarischen Werke sollte man unabhängig davon lesen. Und es fällt nicht schwer, Spaß an dieser Lektüre zu finden. (Einmal davon ausgehend, dass es sich nicht um ein Plagiat handelt. Ein solcher Vorwurf gegen Barbu hat zu einem der größten Skandale in der jüngeren Literaturgeschichte Rumäniens geführt.)

Neben dem Spaß bahnt sich beim Lesen aber auch Ärger an. Zumindest mit diesem von mir gelesenen Exemplar. Es hat nämlich sieben unbeschriebene Seiten. Ich musste sie mir zusammenreimen. Sie sind ab Seite 449 ins Buch gerutscht – nicht am Stück, sondern immer mal eine oder zwei Seiten. (Satz und Druck, polygraphischer Betrieb Crișana, Oradea, Sozialistische Republik Rumänien). Jetzt stehen dort einige von mir mit Bleistift geschriebene Sätze: „Messer Ottavianos Leiche ist verschwunden. Das macht den Fürsten rasend. / Einweihung der Kirche, die der Fürst für Messer Ottaviano bauen ließ. / Das Innere der Kirche muss etwas Schreckliches beherbergt haben. / Der Fürst schlittert in den Wahnsinn. / Anscheinend ist der verrückte Fürst in diesem Haus zu Tode gekommen.“ Der letzten leeren Seite folgt dann das Kapitel Das Ende des Fürsten. Hier wird eine Chronistenschilderung (von denen Barbu mehrere in die Fiktion eingestreut hat – mit kursiver Schrift) wiedergegeben.

Ja, und es mag eine Ironie des Schicksals sein, dass es in diesem Buch, besonders im Kapitel Gli uomini si debbono vezzeggiare o spegnere (Die Menschen müssen schmeicheln oder auslöschen) Sätze und ganze Abschnitte gibt, die einem Menschen, der im Nationalkommunismus Ceaușescus gelebt hat, sehr vertraut vorkommen dürften. Etwa so: „Lazăr Scriba von Trapezunt, ein ruhmrediger Schreiber und heimlicher Verfasser von Denunziationen, dessen Lügenmaul wie eine Müllgrube stank, […] lobte den mächtigen Geist des Herrschers über die Maßen.“

So schrieb ein Herder-Preisträger (1978), aber auch stellvertretendes Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei Rumäniens (1969) wie auch Mitbegründer der ultrarechten Partei România Mare (1991). Unsere Welt war, ist und bleibt eben voller Widersprüche – auch im Literaturbetrieb.

Anton Potche

Sonntag, 31. Januar 2021

Januar 2021 – Giarmata in den Medien

Rathaus geschlossen
aus deBanat.ro; Timişoara / Temeswar; 04.01.2021
Wegen aufgetretenen Covid 19-Infektionen wird der Publikumsverker im Rathaus von Giarmata erst am 8. Januar 2021 wieder aufgenommen.

Corona-Hotspot im Rathaus Giarmata
aus BanatulMeu.ro, Timişoara / Temeswar; 06.01.2021
Im Rathaus wurden fünf Personen positiv getestet. Die Mitarbeiter werden „beobachtet“. Details zu dieser Angabe werden nicht gemacht.
+ + + Wahrscheinlich ist damit eine Quarantäne gemeint. + + +
 
Schwerlaster umgekippt
aus PressAlert.ro, Timişoara / Temeswar; 13.01.2021
Beim Autobahnanschluss Giarmata zur A1 ist ein Schwerlaster von der Fahrbahn abgekommen und umgekippt. Die Bergung hat mehrere Stunden gedauert und Verkehrsprobleme verursacht.
 
Gemeinderatssitzung
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 18.01.2021
Der Bürgermeister von Giarmata hat für den 21. Januar eine Gemeinderatssitzung einberufen. Hauptthema: Gebührenordnung der Gemeinde.
+ + + Gebühren müssen erhoben werden – auch in Pandemiezeiten. + + +

Hygieneartikel
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 21.01.2021
Anticorona-Hygieneartikel werden im Rathaus von Montag bis Freitag in der Zeitspanne 10:00 – 15:00 ausgegeben.
+ + + Zu welchen Konditionen wird nicht mitgeteilt. + + +
 
Gemeinderat einberufen
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 22.01.2021
Für den 28. Januar hat Bürgermeister Claudiu Mihălceanu für diesen Monat schon zum zweite Mal den Gemeinderat einberufen.
Sieben Tagesordnungspunkte sind abzuhandeln. Der erste Punkt enthält die Beschlussvorlage zur Anwendung des aus dem Haushalt 2020 übriggebliebene Geldes und eine provisorische Investitionsliste für das Jahr 2021.
Ferner geht es um soziale und Immobilienprobleme.
Der Haushaltsüberschuss der Gemeinde beträgt sage und schreibe 9.832.998 Lei. Davon sollen heuer 6.084.501 Lei für die Entwiklung (dezvoltare) der Gemeinde ausgegeben werden.
Für den Abriss der „vila-corp contabilitate IAS” sollen 25.000 Lei und für einen provisorischen Zaun an der Straßenseite des Grundstücks weitere 10.000 Lei bereitgestellt werden.
Man kann auch nachlesen, dass die Sozialhilfeempfänger zu Hilfsarbeiten in der Gemeinde herangezogen werden sollen. Zu ihren Aufgaben gehört auch „die Instandhaltung der Friedhofszonen”. 
+ + + 113 Seiten enthält die Tagesordnungsvorlage. Reichlich Lesestoff für sechs Tage.  + + +
In der Sitzung vom 28. Januar erregte dann ein ganz anderes Problem die Gemüter: und zwar die Kommunalbetriebe der Gemeinde. Das ist ein Wirtschaftsunternehmen, an dem die Gemeinde als Mehrheitseigner beteiligt ist, aber die dort seit Jahren existierende Misswirtschaft nicht in den Griff bekommt. Auf jeden Fall war der Diskussion auch die Information zu entnehmen, dass die Müllentsorgung für die zwei Friedhöfe Giarmatas und die katholische Kirche zurzeit 330 Lei/Monat kostet.
 
Prüfungen für vakante Stellen
aus PrimăriaGiarmata - FACEBOOK, Giarmata / Jahrmarkt, 25.01.2021
- Zur schriftlichen Prüfung für die Stelle eines Inspektors I. Klasse, hoher Grad im Bereich Taxen & Steuern wurden Kașai Adela-Violeta und Medrea Roxana-Mihaela zugelassen. Die Prüfung findet am 2. Februar statt.
+ + + Viel Glück! + + +
- Den Wettbewerb für den Posten eines Inspektors I. Klasse, hoher Grad im Bereich Publikumsverkehr konnte Țaran Corina-Lucica für sich entscheiden.
+ + + Glückwunsch! + + +
 
Infektionsrate
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 24.01.2021
Am 22. Januar 2021 lag die Infektionsrate in Giarmata bei 2,28/1000 Einwohner.
 
Baustelle auch im Winter
aus BanatulAzi.ro, Timişoara / Temeswar; 28.01.2021
Kreisratsvorsitzender Alin Nica hat zum wiederholten Male die Baustelle an der Kreisstraße DJ 691 besucht. Nach seiner Meinung könnte die Strecke zwischen der A1 und Dumbrăvița schon im September laufenden Jahres fertig sein. Probleme bereiten zurzeit nur die Verlegung elektrischer Kabel ins Erdreich und technische Schwierigkeiten am vorgesehenen Kreisverkehr bei Giarmata.

Infektionsrate in Giarmata
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 31.01.2021
Die Corona-Infektionsrate kumuliert für die letzten 14 Tage beträgt in Giarmata 2,03 Infizierte pro 1000 Einwohner.

Gheorghe Miron im Gespräch mit Claudiu Mihălceanu
aus FOAIA de GIARMATA, Timişoara / Temeswar; Januar 2021
Der Journalist Gheorghe Miron nennt den Giarmataer Bürgermeister Claudiu Mihălceanu einen „für den Dialog offenen Menschen und freundlich zu Gästen wie zu allen Bürgern, die seine Büroschwelle überschreiten“. Es ging in dem Gespräch um ein neues Baugebiet, das für 200 Bauparzellen ausgewiesen werden soll und unweit des Primăverii-Viertels liegt. 150 Interessenten haben sich schon gemeldet. Die Plätze sollen vorwiegend an junge Familien aus der Gemeinde vergeben werden – nach dem gleichen System wie im Primăverii-Viertel (Gesetz Nr. 15 aus dem Jahre 2015).
Zur Herstellung des Parks Eugeniu de Savoia stehen 700.000 Euro zur Verfügung. Betreffend den Großen Brunnen sagt der Bürgermeister: „Das ist ein von der alten Administration unter der Leitung von Herrn Bürgermeister Bunescu Virgil begonnenes Projekt. [...] Wir werden einen artesischen Brunnen machen. Der dort fließende Bach wird nachts beleuchtet sein. Wir wollen, dass der Brunnen Eugeniu de Savoia seine ursprüngliche Form behält, sie ist sehr schön und wird abends esthetisch beleuchtet sein.”
+ + + Ob des noch was werd? + + +

Montag, 18. Januar 2021

Seppi und Peppi unterhalten sich über die Söder-Maske

Seppi und Peppi stehen, vor Kälte zitternd, vor ihrem geschlossenen Bahnhofscafé.

- Hast du schon eine Söder-Maske?
- Nein, brauch ich auch keine.
- Das wird den Söder nicht interessieren. Verordnung ist Verordnung.
- Den interessiert auch meine Gesundheit nicht, sonst hätte er seine Maske nie ganz Bayern verordnet.
- Was redest du da für einen Schmarrn? Die sollen uns doch schützen, uns zwei, einer vor dem anderen, und den Söder vor uns und uns vor dem Söder.
- Das ist schon darum ungerecht, weil er uns verpflichten kann, seine Maske zu tragen und wir ihn nicht, seine Maske nicht zu tragen.
- Ist deine Argumentation nicht ein bisschen kompliziert.
- Mag sein. Es geht aber auch einfacher.
-Zum Beispiel?
- Die Söder-Maske ist gesundheitsschädlich.
- Wie kommst du da drauf?
- Ich gar nicht, aber andere, kompetente Leute. Sogar dem Söder sein Gesundheitsminister gibt das zu.
- Von wo weißt du das?
- Hier steht es in der Zeitung: „Diese Masken seien belastend und brächten haufenweise Risiken mit sich. Nicht umsonst sei im Arbeitsschutzgesetz vorgeschrieben, nach zweistündigem Tragen eine Pause einzulegen.“
- Wie heißt denn der Verschwörungstheoretiker, der das behauptet?
- Andreas Podbielski. Und er ist Direktor am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene an der Universität Rostock.
- Hoch im Norden
- Stimmt. Und Söders neuer Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) gibt ihm recht. Tief im Süden.
- Das steht in der Zeitung? Ja, nur etwas verklausuliert.
- Zeig mal her … Aber da steht doch: „Nach Ansicht des Ministeriums sind die diskutierten Nachteile der FFP2-Masken nicht so relevant.“
- Und was heißt „nicht so relevant“?
- Dass sie schon relevant sind, nur halt „nicht so“.
- Gut gemacht. Schlauer Bursche. Aber les‘ nur weiter. Und laut, bitte.
- „Die aus der Arbeitswelt bekannte Begrenzung der Tragedauer und der erhöhte Atemwiderstand durch die Maske spielten daher nur eine untergeordnete Rolle.“
- Sehr gut. Und was heißt das?
- Ja, dass der Atemwiderstand schon eine Rolle spielt … nur halt „eine untergeordnete“.
- Bravo!
- Also meinst du …?
- Ja, das meine ich, diese Söder-Masken sind nur für den medizinischen Gebrauch gedacht und nicht für Seppis und Peppis.
- Und warum macht der Söder das dann mit uns?
- Weil auch der lupenreinste Demokrat mal zum Autokraten werden kann ... wenn er nur lange genug von je mehr Abnicktypen umgeben ist.
- Und von wo weißt du Schlaumeier das?
- Weil ich selber lange genug in einer Diktatur gelebt habe.
- Ah, ja. Hast du was zum Aufwärmen dabei?
- Ja, zwei Flachmänner.

Dieser Winter ist hart, sehr hart. Hoffentlich ersticken wir nicht unter den Lasten der Verordnungen.

Montag, 11. Januar 2021

Eine Online-Veranstaltung für lange Wintertage

Und wo sind eigentlich all diejenigen geblieben, frage ich mich, die nicht besessen sind von der Gegenwart und von der Zukunft, wie so viele momentan, sondern die sich auch für die Vergangenheit und für Biografien, also für die Frage danach, wer wir aufgrund von unserer Vergangenheit sind, interessieren?

(Zelda Biller, geb. 1997 )


Ich gestehe, obige Zeilen in DIE LITERARISCHE WELT (19. Dez. 2020) gefunden und hier als Motto eingesetzt zu haben, nachdem ich den folgenden Text schon zu schreiben begonnen hatte. Was eigentlich mein Anliegen war, passt gut als Antwort auf diesen Leitgedanken von Zelda Biller

Das vergangene Jahr hatte es in sich. Es war ein besonderes Jahr. Das haben wir nun wahrlich oft genug gehört. Und vor allem, es ist ja nicht vorbei. Das Jahr als Zeiteinheit schon, aber nicht das Ungemach, das uns in ihm beschert wurde, und zwar von einem winzig kleinen, unsichtbaren Mistvieh, das die Wissenschaftler SARS-CoV-2 getauft haben und das bei uns Menschen die Krankheit COVID-19 auslöst. In Ermangelung eines effizienten Abwehrmittels blieb unseren Politikern nichts anderes übrig, als das öffentliche Leben in den Keller zu fahren. Dort schmachtet es heute noch nach dem Tageslicht … und denkt sich allerlei Auswege aus seiner misslichen Lage aus. Und siehe da, der Mensch wurde in allen Bereichen seiner Existenz von einer neuen Kreativwelle erfasst.

Es gibt dabei sogar Gewinner. Unter anderem auch Erkenntnisgewinner. Die Beispiele dafür sind unzählig, und sie werden täglich mehr. Ich greife hier mal eins aus dem Vereinsleben auf, genauer aus der Kulturtätigkeit der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Ein Kreisverband dieses Vereins, nämlich der aus Baden-Württemberg, organisiert seit nunmehr 56 (sechsundfünfzig) Jahren Kulturtage. Dabei ging es immer um die weitere und nähere Vergangenheit dieser Volksgruppe aus dem Banat und deren Auswirkungen auf die Gegenwart, was ja aus kulturellen Gesichtspunkten durchaus auch möglich ist. Das grobe Gerüst dieser Veranstaltungen blieb über Jahre das gleiche: Vorträge von Referenten, Diskussionen und ein musikalischer Teil. Also etwas zum Zuhören, Lernen und Gespräche führen, aber auch Zusammenkunft mit Gleichgesinnten - bei  Volksgruppen ganz wichtig.

Im vorigen Jahr war dem nicht so. Aber „Vorträge von Referenten, Diskussionen und ein musikalischer Teil“ hieß noch lange nicht: keine Vorträge von Referenten, keine Diskussionen und kein musikalischer Teil. Alles war wie gehabt, Zuhören, Lernen und Gespräche führen, aber auch Zusammenkunft mit Gleichgesinnten war möglich, nur eben virtuell, also über PC und andere Kommunikationsgeräte. Und bei etwas gutem Willen kann man sogar Vorteile in dieser Art von Kulturtagen finden, sind sie doch manchmal noch Monate später (oder sogar Jahre) abrufbar. Der hier erwähnte Landsmannschaftsverband hat die Beiträge der Organisatoren, Referenten und Musiker in Wort & Ton auf seiner Homepage veröffentlicht. Dazu gibt es noch ein Angebot auf YouTube von Brunhilde Forro, die eigentlich für diese Video-Serie verantwortlich zeichnet.

Das erste Video zeigt uns Richard S. Jäger, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Der Inhaber dieser Funktion mit dem sperrigen Namen führt in einer etwas zu lange geratenen Begrüßung in die Veranstaltung ein.

Halrun Reinholz ist es vorbehalten, als Moderatorin die Thematik zu erläutern. Es soll in den folgenden Referaten um das Thema der Auswanderung der Deutschen aus dem Banat gehen. „Uf Deitschland gehn“, hieß das bei den Banater Schwaben. Der Ausdruck war wortwörtlich „in aller Munde“. Die Moderatorin stellt die Themenschwerpunkte der einzelnen Referate kurz vor, bevor es im dritten Video ans Eingemachte geht.

Der in Hatzfeld geborene, pensionierte Lehrer Hans Vastag stellt sein Impulsreferat unter das Motto Grenze und Über die Grenze. „In einem Impulsreferat legt der Referent in höchstens zwanzig Minuten kurz und prägnant die Kerndaten und absolut wichtigsten Fakten zu einem bestimmten Themenkomplex, einer Sachlage dar und stellt die sich daraus ergebenden Thesen vor, um relativ schnell zu einer fruchtbaren, möglichst kontroversen Diskussion zu gelangen“, habe ich bei Wikipedia gelesen. An diese Definition hat der Referent sich zumindest zeitnah gehalten – 24,43 Minuten. Zum Diskutieren gab es keine Gelegenheit und die doch sehr theorielastige „biographisch-essayistische Annäherung“ (Vastag) ist eigentlich so präzise verfasst, dass es auch jetzt im Nachhinein gar nicht so einfach ist, kontrovers zu diesem Thema zu diskutieren. Grenzen sind nun mal abscheuliche Gebilde.

Ernst Meinhardts Beitrag ist mit dem Titel überschrieben Schmiergeld für die Ausreise – Für viele noch immer ein Tabuthema. Der Journalist befasst sich seit Jahren mit diesem Thema und begründet sein Engagement zur Aufklärung eines dunklen Kapitels in der neueren Geschichte der Banater Schwaben gleich zu Beginn seines Referats, gab es doch durch diese illegalen Schmiergeldzahlungen Streitereien bis in dahin intakte Familien- und Verwandtschaftsstrukturen. Originalton Meinhardt: „Solange unsere Landsleute hartnäckig schweigen, solange werden wir noch nicht einmal ein ungefähres Bild vom Ausmaß der Schmiergeldzahlungen bekommen.“ Was er uns erzählt in seinem Referat (nur Ton untermalt mit Bildern), kommt einer Analyse des Verschweigens in diesem speziellen Fall, nämlich der Auswanderung der Banater Schwaben, gleich. Und das sind nach seiner Recherche die „Gründe für das Schweigen“: Dankbarkeit, schlechtes Gewissen, Angst vor dem langen Arm der Securitate und Angst vor Strafverfolgung. Es lohnt sich reinzuschauen, um zu hören, wie der Referent diese Gründe im Detail erläutert. Aber bitte nicht vor dem Selbsterkennen zurückschrecken. So waren und sind wir Banater Schwaben nun mal – also nicht besser oder schlechter als andere auch.

Der Historiker für neuere und neueste sowie osteuropäische Geschichte Georg Herbstritt hat unter anderem auch die zusammen mit Stejărel Olaru verfassten Bücher Stasi și securitatea, Bukarest 2005 und Vademekum Contemporary History Romania. A Guide through Archives, Research Institutions, Libraries, Societies, Museums and Memorial Places. Berlin, Bukarest 2004 veröffentlicht. Bei der virtuellen Kulturtagung der Banater Schwaben (28. November 2020) hat er das Referat Ein Tor in den Westen? Wie DDR-Bürger versuchten, über Rumänien in die Bundesrepublik zu gelangen gehalten. Er sagt gleich zu Beginn seiner Ausführung, dass es sich um das in Historikerkreisen bekannte Phänomen der „verlängerten Mauer“ handelt. Sein kurzer Beitrag, 11.01 Minuten, ist eigentlich der beste Beweis dafür, dass es selbst in den dunkelsten Zeiten des Kalten Krieges keine absolute Abschottung gab – besonders nicht für mutige, freiheitsliebende Menschen.

Der aus Jahrmarkt stammende und in Augsburg lebende Journalist und Banater Heimatkundler Luzian Geier hat seinem Referat den Titel Die Entwurzelung, die Familienzusammenführung und der Druck „von unten“ gegeben. Er findet, „dass viele Aspekte, nicht nur Unwesentliches, nicht aufgezeichnet sind und auch nicht in den Archivakten stehen, manches, gerade subjektive oder emotionale Aspekte sind nicht gut fassbar bei der Gewichtung des Ursachenbündels für die Auswanderungen aus Nachkriegsrumänien.“ Das ist schon mal ein vielversprechender Einstieg für neugierige Zuhörer. Es könnte ja in diesem Themenkomplex doch noch etwas geben, das man nicht kennt. Das müssen gar nicht die Statistiken sein, die Geier vorlegt, sondern vielmehr die geschichtlichen Zusammenhänge, die letztendlich zur „Familienzusammenführung“ hinführten. Ich weiß natürlich nicht, mit welcher Intention der Referent hier ans Werk gegangen ist. Auf jeden Fall ist es ihm gelungen, überzeugend darzustellen, dass nicht allein materielle Gründe die Auswanderung der Deutschen aus Rumänien bewirkt haben, sondern dem Phänomen ein gewichtiger soziokultureller Aspekt zugrunde liegt.

Geschichtliche Ereignisse finden oft früher oder später den Weg in die Literatur. So auch das Verschwinden der deutschen Minderheit aus Rumänien. Dass dieses Ereignis die größtmögliche literarische Würdigung durch den Nobelpreis für Herta Müller erfahren hat, ist nur ein Aspekt dieser Literaturwerdung. Wer sich in der Szene ein wenig umschaut, wird unschwer erkennen, dass es mittlerweile unzählige literarische Arbeiten, viele abseits der ausgetretenen Verlagspfade, zu diesem Thema gibt. Natürlich hat man das längst auch bei den Initiatoren der banatschwäbischen Kulturtage aus dem Ländle erkannt und demzufolge einen Buchautor zu einer Lesung eingeladen. Herbert-Werner Mühlroth liest aus seinem Buch Eine Eisenbahn in meinem Traum. Meine Flucht aus dem kommunistischen Rumänien. (Video Nr. 7). Natürlich ein autobiographischer Text; wie könnte es auch anders sein bei einem aus Hatzfeld / Jimbolia stammenden Germanisten, Romanisten und Philosophen mit literarischer Neigung und gesunder Fantasie. Wir sind doch schon ewig alle weg. Aber eine Portion Spannung und Gänsehaut schadet nie.

Und das Sahnehäubchen kommt zum Schluss wie bei jeder gelungenen Torte: Das traditionelle Samstagskonzert der KulturtagungWilfried Michl (Bariton), Eva Maria Wagner (Violine) und Franz Metz (Klavier & Orgel) präsentieren Werke der Klassik und von Banater Komponisten. Das einstündige Konzert ist ja noch nicht beendet, es beginnt bei jedem Klick von vorne. Wer musikalische Darbietungen (dazu gehört auch Information) in Reinkultur erleben will, sollte sich auch dieses letzte Video der 56. Landes-Kulturtagung der Banater Schwaben aus dem Ländle anschauen.

Liebe Zelda Biller, es gibt sie noch (wenn auch nur sporadisch in Erscheinung tretend), die Menschen, „die sich auch für die Vergangenheit und für Biografien, also für die Frage danach, wer wir aufgrund von unserer Vergangenheit sind, interessieren.“ Man könnte auch mit einem vom rumänischen Historiker Adrian Cioroianu gerne benutzten Satz auf die eingangs zitierte Frage antworten: „Istoria rămâne cea mai frumoasă poveste ... pentru oameni inteligenți.” („Die Geschichte bleibt die schönste Erzählung … für intelligente Menschen.“)

Anton Potche