Montag, 19. Oktober 2020

Eleonore Schilha sagt leise Servus

„20.15 Uhr, sagt Eleonore Schilha ins Mikro. Der Arbeitsplatz der Inspizientin ist nur über eine Leiter zu erreichen. Hier, neben dem Fenster, hat sie einen guten Überblick. Beim Freilicht, sagt sie, ist die Nervosität groß. Schon morgens hört sie im Halbstundentakt die Wettervorhersagen auf B5.“ (DONAUKURIER, 23. Juli 2001). Es ist ein unstetes Leben, das Leben der Theaterleute, vergleichbar mit dem der Zirkusleute. Spielstättenwechsel gehören zu einer Theaterbiographie. Wie auch das ewige Spiel in Gedanken, es beginnt beim Öffnen der Augen und endet mit dem Sinken in den Schlaf. Selbst der garantiert keine absolute Ruhe, Erholung, Abstand vom Spiel vor und hinter den Kulissen.
FotoQuelle: FLUGSCHRIFT Sept./Okt. 2020
Stadttheater Ingolstadt

Das war auch das Theaterleben der Inspizientin am Stadttheater Ingolstadt, Eleonore Schilha. Begonnen hat es am Deutschen Staatstheater Temeswar. Damals machte die junge Schauspielerin Lore Grün ihre ersten Gehversuche auf den berühmten Brettern, die die Welt bedeuten. Aber sie sollte eine eher unspezifische Repräsentantin dieses Metiers werden. Der Schriftsteller Thomas Stangl schrieb kürzlich in VOLLTEXT (2 / 2020) über den Schriftsteller Georges Perros: „Schon als junger Schauspieler (drei Jahre an der Comédie-Française, bevor er diesen Beruf aufgab) war Perros, wie er öfter erzählt, mehr an den Kulissen interessiert – daran, das Theater von dieser anderen Seite her kennenzulernen – als an der Bühne oder dem Publikum; dort wäre vielleicht das Geheimnis, das Wunder verborgen, allerdings sollte man sich scheuen, es aus dieser Verborgenheit grob ans Licht zu ziehen. Und wirklich findet er (wie er im Nachhinein sagt) hinter den Kulissen nichts.“ So ähnlich, aber doch ganz anders muss Eleonore Schilha irgendwann empfunden und gehandelt haben.

Auch sie wechselte die Perspektive – vielleicht aus den gleichen Beweggründen -, hat aber anscheinend, zum Unterschied von Perros, hinter den Kulissen einiges, wenn nicht gar sehr viel gefunden. Denn sie ist geblieben, nicht nur auf dem Inspizientenposten, sondern, auch das ein Unterschied zu vielen anderen Theatermenschen, viele Jahre lang am gleichen Theater, und sogar an einem der besten in Bayern. Sie war in der Spielzeit 1993/1994 über die Bühnen in Münster und Kaiserslautern mit ihrem Mann, dem Schauspieler und Regisseur Friedrich Schilha, auch ein Deutscher aus Rumänien, nach Ingolstadt gekommen.

1998 hat sie einem Zeitungsmenschen offenbart: „Wenn ich nicht in Rumänien geboren wäre, wäre ich Managerin geworden.“ Mit Management hat tatsächlich auch die Arbeit einer Inspizientin zu tun. Und dazu gehört noch eine gesunde Portion technischer Sachverstand. Ein Stück wird zwar von Regisseuren und Choreographen mit einem Theaterensemble einstudiert. Ihnen gehört die Probezeit. Aber wenn die Aufführung mit Publikum im Saal beginnt, schlägt die Stunde der Inspizienz, damit alle für die Zuschauer unsichtbaren Fäden zu einem gelungenen Theaterstück zusammenlaufen. 27 Spielzeiten lang hielt Eleonore Schilha so manches zum Davongaloppieren neigende Ensemble in Zaum. Ein bewegtes Theaterleben ohne Rampenlicht. „Das wollte ich so“, wird sie in einem Zeitungsartikel zitiert.

Ein Theatermensch durch und durch, der beide Seiten der Kulissen mit all ihren Facetten kennt: das ist Eleonore Schilha. Jetzt sagt sie leise Servus und verabschiedet sich in den wohlverdienten Ruhestand. Das Publikum – ausgenommen eingefleischter Theaterinsider - hat sie nie gekannt und wird sie, nach seiner Rückkehr aus der Coronaverbannung auch nicht vermissen. Umso mehr aber die Schauspieler und Techniker am Stadttheater Ingolstadt.

Anton Potche

Montag, 12. Oktober 2020

Radnaprozion mit Blechmusik

- Stichlerei im Johrmarker Dialekt -

Ich will jo net lästre, obwohl merr mer schun nohsaat, e Lästermaul zu sein, awwer mer fallt immer wedder uf, dass sich die Erinnerunge vun manche Leit, bsonders wann se älter werre, selbststännich mache, un iwer des därf merr doch redde odder schreiwe. Do passerts dann, dass in manche Käpp Gschichte entstehn, die wu so norr schwerlich odder gar net stattfunn hun. Un des passeert net norr in de Käpp vun de normale Mensche, sondern aah in de Großkoppete ehre Denkfabrike - ganz unabhängig vum Beruf. Sogar Geistliche känne vun so ooner Erinnerungsungenauichkeit betroff sein, un des nuff bis in Bischofskäpp. Des macht uns doch die geistliche Herre aah so menschlich, nett norr geistichi un körperlichi Grapscherei, vun der wu in de letzte Johre so vill verzählt werd.

Mer is do unlängst in der BANATER POST (15. September 2020) e Gschicht ufgfall, die wu mer als Exjohrmarker zumindest fraglich vorkumm is. Es handelt sich um e Interview mi'm pensioneerte Bischof Martin Roos. Wer des Interview gfeehrt hot, steht net gschrieb. Uf jede Fall hot der Gesprächspartner vun der Zeidung de pensioneerte, de herrisch Fachbegriff is emeritierte, Bischof gfroot, ob er sich noch an sei eerschte Bsuch in Maria Radna erinnre kann. Un was der heilich Mann geantwort hot, wär eigentlich aah e Stick forr in die Johrmarker Blechmusikgeschichte: "Meine erste Erinnerung bezieht sich auf die Pilgerreise von 1956 nach Maria Radna, an der ich als Kind teilgenommen habe. Ich erinnere mich aber auch lebhaft an die nächste Wallfahrt, im Jahre 1957, als ich am 2. August mit den Gläubigen von Jahrmarkt unter der Leitung von Sebastian Kräuter, damals Kaplan dieser Pfarrgemeinde und späterer Diözesanbischof, zum ersten Mal zu Fuß nach Radna ging. [...] Die Jahrmarkter Prozession bestand aus hunderten von Pilgern, vielleicht waren es sogar an die tausend Pilger. Begleitet wurde sie von der Blaskapelle. Da es damals drei davon im Dorf gab, spielten sie abwechselnd strophenweise und begleiteten die Gesänge der Pilger."

Asso ich muss gestehn, so oft hun ich noch nie e Interview geles. Die drei Blechmusikkapelle sin net wenicher wor. Es ware immer noch drei un sin's heit noch ... in der Zeidung. Des muss merr sich mol uf der Zung vergehn losse. In Johrmark, wu's nie e greeßri Gegnerschaft wie in der Musik gewwe hot, sin drei Kapelle, ich kann's net oft genuch soon, drei Kapelle!, mit ooner Prozion uf Radna gang. Wann se mit drei extra Prozione gepilgert wäre, kännt ich der Gschicht was abgewinne. Awwer alle drei mit ooner Prozion ...! (Kerweihe hun die Johrmarker ab 1974 jo aah so vill gemach, wivl Kapelle dass se grad ghat hadde.) Ich will jetzt net soon, dass ich des einfach net glaab, was de pensioneert Bischof do eme Zeidungsmann odder ooner Zeidungsfraa verzählt hot. Awwer forr Johrmarker Verhältnisse klingt des schlichtweg märchenhaft. Norr weil ich sowieso e unerschitterliche Glaawe hun, holl ich seiner Exzellenz die Gschicht ab – zumal der Mann aah e gschätzter Kerchehistoriker is.

Ich kann mer des alles norr so erkläre, dass de Wissenschaftler im Kerchemann uf Archive gstoß is, die wu bisher nimmand dorchgschaut hot, nemmol de Dr. Franz Metz aus München, der wu alles odder fast alles iwer die Kerchemusik im Banat waaß. Un Blechmusik bei der Prozion is jo aah Kerchemusik. Ich hun wirklich in meiner Kellerbibliothek nohgschaut, gsucht un gebläddert, bis ich was funn hun iwer die Kerche-Blechmusik.

In dem Buch Te Deum Laudamus – Contribuție la istoria muzicii bisericești din Banat - Beitrag zur Geschichte der Banater Kirchenmusik vum Franz Metz hun ich uf Seit 218 folgende Text funn: „De foarte mare importanță pentru cultura muzicală bănățeană a fost activitatea fanfarei Loris din Giarmata. Această orchestră a cântat la toate festivitățile besericești și la pelerinaje. [...] Peter Loris (*23 dec. 1876 Giarmata, 2 oct. 1952 Giarmata) a înființat în anul 1908 renumita orchestră Loris-Kapelle, care a cântat de multe ori și în cadrul unor mise festive în biserică. Fratele acestuia, Martin Loris (*6 martie 1885 Giarmata, 9 feb. 1966 Giarmata), a studiat la Szeged, după care a preluat un timp și conducerea fanfarei din comuna Săcălaz. […] Acești capelmaiștri au compus și câteva coruri bisericești cu acompaniament de fanfară, care au fost interpretate la Giarmata și Săcălaz.

In der Festschrift 100 Jahre Loris-Kapelle hun ich geles: „Erst 1947 begann Martin Loris, inzwischen nach Jahrmarkt zurückgekehrt, zusammen mit Ignaz Loris, dem Sohn von Peter Loris, die Neuorganisierung der Kapelle. […] Im Winter 1947/48 begannen sie mit der Ausbildung von neuen Schülern, die erstmals im August 1948 bei der Wallfahrt nach Maria Radna spielten. [...] Nach und nach verließen die Musikanten ihre „Insel weit im Weltenmeer“ und die Kapellmeister folgten. Hans Kaszner im September 1983 und Martin Schütt übernahm die dezimierte Kapelle. Mathias Loris junior im Jahre 1984, Mathias senior im September 1986. Die zurückgebliebenen Mitglieder der Loris-Kapelle spielten unter der Leitung von Mathias Linz weiter. Ab Oktober 1986 schlossen sich die verbliebenen Musikanten beider Kapellen zusammen und spielten unter der Leitung von Mathias Linz bis August 1989, die Wallfahrt nach Maria Radna.Merr kännt fast soon: Mit Maria Radna hot noh em Kriech wedder alles ongfang un mit Maria Radna hotʼs endgiltich ufgheert. Un des is de best Beweis, dass mer Johrmarker net norr arich fleißich un talenteert ware – un nateerlich noch immer sin - sondern aah heilich ... manche meh un annre wenicher. Bei aller Heilichkeit vun der Johrmarker Blechmusik hun ich in dee zwaa Bicher awwer nicks vun der Radnaprozion im Johr 1957 funn.

Awwer wer mich kennt, waaß, dass ich net so schnell ufgeb. Ich hun noh noch iʼme Buch mit de Referate vun der „Kulturtagung 2012 Sindelfingen“, des wu de Landesverband Baden-Württemberg vun der Landsmannschaft der Banater Schwaben rausgebrung hot, nohgschaut. Dort is e Beitrach vum Loris Matz drin unner dem Titel Blasmusik in der Gemeinde Jahrmarkt – Ein Beispiel des Musiklebens in den Banater Dörfern vor dem Ersten Weltkrieg. Asso vor em Eerschte Weltkriech. Do hätt ich doch gar net ninschaue misse. Awwer der wisst schun, mei Forschergeist un mei Wissensdrang hun mer ka Ruh geloss. Ich war so faszineert vun dee drei Johrmarker Blechmusikkapelle bei der Radnaprozion, dass ich sogar noh der berihmt Norl im Strohhaufe gsucht hun. Resultat? Nicks!

Noh is mer noch ingfall, dass es jo aah des Buch Jahrmarkt im Banat – Das Dorf rings um den Großen Brunnen gebt. Vleicht dort, hun ich mer gedenkt. Hoffnung hot mer die Artikeliwerschrift Kirche, kirchliche Einrichtungen, gschrieb vum Frombach Hans, gemach. Awwer ... nicks! Noo finn ich doch tatsächlich im näckste Kapitel, Von der Wiege bis zur Bahre, vum gleiche Verfasser e Text miʼm Titel Wallfahrt. Ka Silb vunʼre Blechmusik! Awwer dafür schun im eerschter Satz: „Die Wallfahrt nach Maria Radna findet für die Jahrmarkter vom 14. bis 16. August statt.“ Hoppla! Verzählt de pensioneert Bischof Roos net vunʼre Johrmarker Prozion am 2. August? Gut, es hot e klooni Prozion am 2. August aah gewwe. Awwer mit Blechmusik? Un glei drei Kapelle, die wu sich stropheweis im gleiche Lied abgewechselt hun?

Asso ich glaab net, dass der Mann uns heit, 63 Johr späder, e Bär ufbindle will mit seine Erinnerunge. Was machtʼn des forr e Sinn? Ich sin mer ganz sicher, der Kerchemann un Historiker stitzt sich uf Schrifte, die wu außer ehm nimmand kennt. (Ab 'me gewisse Alter kann merr Erlebtes un Gelesnes schun mol dorchnanner bringe, waaß sogar ich schun aus eigner Erfahrung.) Awwer irgendwu muss es die Archivschrift jo gewwe. Ich hun mer fest vorgholl, so lang nohzuforsche, in alle Archive uf dere Welt, bis ich beweise kann, dass de pensioneert Bischof Martin Roos recht hot. Des hot er forr sei Johrmarker Radnaprozionblechmusikgschicht aah wirklich verdient.

[Uf der Schanz, 2020]

Berns Toni


Montag, 5. Oktober 2020

Rede zum Tag der Deutschen Einheit im Livestream

In Ingolstadt wird der Tag der Deutschen Einheit seit 23 Jahren mit einem Festakt begangen, der unter dem Motto Reden zur Einheit Deutschlands steht. Die Liste der bisherigen Redner ist beeindruckend: Andrzej Szczypiorski, Lutz Rathenow, Rainer Eppelmann, Freya Klier, Claus Detjen, Matthias Biskupek, Daniela Dahn, Werner E. Ablaß, Wolfgang Leonhard, Richard Schröder, Helmut Kohl, Friedrich Schorlemmer, Joachim Gauck, Thomas Brussig, Lothar de Maizière, Theo Waigel, Zoltán Balog, Klaus von Dohnanyi, Horst Teltschik, Gesine Schwan, Heinrich Bedford-Strohm, Kurt Biedenkopf und Melinda Crane. Die Politiker sind in diesem Feld zahlenmäßig die stärksten, gefolgt von Herren und Damen der schreibenden Zunft, Theologen, Publizisten und einem Historiker. Heuer war Dr. phil. Armin Nassehi, Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, als Gastredner eingeladen, ein „begnadeter Kommunikator“, wie Oberbürgermeister Christian Scharpf, der einleitend einen Einblick in die geschichtlichen Vorereignisse der Deutschen Einheit gab, ihn dem Publikum im Festsaal des Stadttheaters vorstellte.

Dr. phil. Armin Nassehi
Screenshot: Anton Delagiarmata
Ein Soziologe also, einer der weniger gestaltet, sondern
vielmehr beobachtet, wie er selber sagt. Und bedenkt man, dass er seinen Vortrag unter dem Titel Krise als Normalität? Warum wir nie zur Ruhe kommen und warum das nicht nur ein Nachteil ist dem Auditorium ankündigt, dann kann man sich leicht vorstellen, dass man zu diesem Vortrag gut ausgeschlafen kommen sollte. 
Armin Nassehi gesteht den Zuhörern das Recht zu, diesen Titel als „zynisch“ zu empfinden, besonders „wenn es um den Anlass geht“. Dieser Anlass, also die Deutsche Einheit, soll aber gar nicht im Mittelpunkt seines Vortrages stehen, sondern vielmehr das Phänomen „Krise“. Er streift aber dann doch mit wenigen Sätzen den Anlass dieses Abends – der in Ingolstadt immer am Vorabend der Deutschen Einheit (2. Oktober) stattfindet - und steigt mit der Aufzählung der letzten Krisen in sein Thema ein: „die Finanzkrise [...], Pegida und Äquivalente […], die Flüchtlingskrise [...] und die Covidkrise [...]“. Keine dieser Krisen ist mit einfachen Erklärungen und schon gar nicht mit simplifizierten Mitteln zu lösen. Das haben sie, die Krisen,
nämlich gemein. 

Niemand weiß, wie man eine solche Krise los wird. „All diese Krisen verweisen auf das, was wir soziologisch Komplexitätsprobleme nennen.“ Man greift in solchen Zeiten gerne auf Gremien zurück oder gründet gar welche. Die Sinnhaftigkeit solchen Tuns wird von Armin Nasseh bezweifelt, obwohl er selber oft in verschiedenen Gremien sitzt. Schon darum, weil solche Expertenrunden in der Regel sehr langsam arbeiten und keine Entscheidungen treffen. In Krisenzeiten ist jedoch oft schnelles Handeln gefragt. Das Problem liegt darin, dass es ja meistens nicht nur einen Entscheidungsträger gibt. Und die haben jeder seinen eigenen Blickwinkel und seine eigenen Interessen. Beim vortragenden Soziologen heißtdas Ergebnis so: „Und dann sehen wir, dass in einem solchen Gremium alle recht haben und das geradezu eine Parabel für eine moderne Gesellschaft ist, […] von der ich sagen würde, dass sie von verteilter Intelligenz geprägt ist.“

Livestreem
Foto: Anton Delagiarmata
Dr. phil. Armin Nassehi  ist nicht nach Ingolstadt  gekommen, um  Lösungen für unlösbare Probleme, also  Krisen, zu präsentieren. Sein Fach beinhaltet primär die  Lehre von den Gesetzen und Formen des menschlichen  Zusammenlebens, wie man aus Nachschlagewerken erfährt. Und er macht das auch öfter deutlich, wie zum Beispiel in der Feststellung: „Es gibt keine Lösung für Perspektivendifferenzen.“

So arbeitet der Soziologe sich Schritt für Schritt durch ein auf den ersten Blick ermüdendes, sperriges und theorielastiges Thema. Aber er tut es so, dass der Zuhörer seinen Theorien mit steigender Aufmerksamkeit folgt. Beispiele aus dem Alltag, dem universitären, dem medizinischen, dem familiären, wirtschaftlichen usw., tragen dazu bei, dass sein Vortrag eine angenehme Kurzweiligkeit entwickelt. Der Mann spricht frei, untermalt seine Aussagen mit Schlagwörtern auf einer großen Leinwand, ist selber in ständiger Bewegung und postiert sich nicht hinter ein Rednerpult. Pllötzlich macht uns dann „Krise“ gar keine Angst mehr. Und zwar darum, „weil die Welt immer in der Krise ist, weil die Lösungskonzepte aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich aussehen und weil es Zielkonflikte gibt“. Eine Welt ohne Krisen hat etwas mit „Utopie“ zu tun. Eigentlich steuern Lösungen im Alltag immer schon „auf das nächste Problem zu“.

Und dann kommt der studierte Erziehungswissenschaftler und Philosoph auf die aktuelle Krise zu sprechen. Als Mitglied in verschiedenen Beratungsgremien zur Covid-Krise hat er Einblicke in die Gegensätzlichkeiten erlangt, die diese Pandemie erst zur weltumspannenden Krise machen. Existierende „Zielkonflikte“ schließen sich gegenseitig aus. Armin Nassehi greift auch hier in sein reiches Beispielarsenal. „Wie passen maximale medizinische Sicherheit und Marktdynamik zusammen?“ So öffnet der Wissenschaftler eine Tür zu den Berichterstattungen, Zeitungsartikeln, Essays, Kommentaren usw., denen wir täglich beim Einschalten oder Aufschlagen eines Nachrichtenmediums begegnen. Und der aufmerksame Zuhörer kann dem Referenten noch besser folgen als bisher. „In Krisen neigen wir dazu monokausal zu denken“, sagt uns der Fachmann. Das heißt, als Schuldigen eines als negativ empfundenen Problems jeweils einen Sündenbock zu finden. Etwa: „der Migrant, die da oben, Bill Gates“.

Es gibt bei aller Komplexität der Krisen-Problematik aber auch Lichtblicke. Wenn wir sie nur wahrnehmen wollen. Etwa das Lernen, Lernen aus der Krise. Was ist wichtig, um die Krise zu überleben? „Dass Europa ein Hort von Stabilität ist, ist kein Zufall. Das freie Spiel der Kräfte hat große Kosten und die totale Sicherheit produziert hohe Kosten. Da brauchen wir eher eine Gesellschaft, die lieber zugibt, dass sie eigentlich permanent in der Krise ist, nämlich dass man diese Dinge immer neu justieren muss.“

Malik Diao Trio
Screenshot: Anton Delagiarmata

Dann intoniert das Malik Diao Trio eine nach einigen Takten erkennbare Melodie und alle Anwesenden im Saal erheben sich. Mitsingen kann man die verjazzte Nationalhymne nicht. Und ich gebe zu, den musikalischen Ausklang dieses Ingolstädter Festaktes zum 30. Tag der Deutschen Einheit vor meinem PC sitzend erlebt zu haben. Livestream hat es möglich gemacht und YouTube hat mir dabei sogar gezeigt, wie viele Menschen diese Veranstaltung mit mir am Bildschirm verfolgt haben. Die Einschaltzahl schwankte zwischen 8 und 25. Immerhin ... ich war nie allein.

Anton Potche


Mittwoch, 30. September 2020

Giarmata in den Medien - September 2020

Absehbare Verzögerungen
aus TimișPlus.ro, Timişoara / Temeswar, 04.09.2020
Die Verbreiterungsarbeiten an der Kreisstraße DJ 691 sollen demnächst beginnen. Warum zuerst an der Straße bei Giarmata und dann erst in Dumbrăvița gebaut werden soll, hat auch damit zu tun, dass mit EU-Geldern realisierte Investitionen mindestens fünf Jahre Bestand haben müssen. Die Trolleybus-Masten in Dumbrăvița sind eine solche Investition und noch keine fünf Jahre alt. Sie müssen aber für den vierspurigen Autobahnzubringer weichen, mit dessen Ertüchtigung „das Planungsdesaster der viel zu weit von Temeswar weg verlaufenden Autobahn korrigiert“ werden soll.
+ + + Brüssel zahlt auch für Till-Eulenspiegel-Streiche. + + +

Übereinkunft
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters, Giarmata / Jahrmarkt 07.09.2020
- Sechs positive Corona-Fälle hat die Gemeinde zu verzeichnen. Laut Bürgermeister Virgil Bunescu sind alle ohne Krankheitssymptome. 
- Am 14. September ist Schulbeginn. Von einer Klasse wird die Hälfte der Schüler im Klassenzimmer unterrichtet und die andere Hälfte bleibt zu Hause und macht Onlin-Unterricht. Und das geht so im Wochenturnus weiter. Die feierliche Schuleröffnung fällt aus.
- Die Bauarbeiten an der Erweiterung des Autobahnzubringers Timișoara – A1 bei Giarmata sind freigegeben. Der erste Bauabschnitt grenzt an Giarmata.
- Die Ruga, das größte Fest des Dorfes (8. September) findet heuer coronabedingt nicht statt.
- Die Bohrungen für Thermalwasser am „Strand“ sind genehmigt.
- Gaslieferfirma, Post und Kommunalbetriebe werden in ein Gebäude in der Strada Bătrână einziehen – wenn Strom angeschlossen ist.

Autorennen auf der Route Giarmata - Pișchia
aus OpiniaTimișoarei, Timişoara / Temeswar, 07.09.2020
Das Rally-Card-Rennen zwischen den zwei Ortschaften in der Banater Hecke hat bereits Tradition. Heuer fuhren zum ersten Mal auch zwei Konkurrenten in der Klasse Truck-Race: ein Scania und ein Iveco. Einer der beiden ist schon in der afrikanischen Wüste gefahren.
+ + + So viel Staub wie in der Wüste wird er zwischen Giarmata und Pi
șchia ja wohl kaum aufgewirbelt haben. + + +

Finanzhilfe vom Staat
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 12.09.2020
Die Regierung hat 1,34 Milliarden Lei für kommunale Sofortinvestitionen bereitgestellt. 48,99 Millionen wurden im Kreis Timiș/Temesch an 99 Ortschaften verteilt. Timișoara / Temeswar hat 9.000.000 Lei bekommen ... Giarmata 200.000 Lei.
+ + + Man kann dem Artikel entnehmen, dass von PSD-Bürgermeister  geführte Gemeinden bei der Verteilung nicht so gut abgeschnitten hätten. Es ist Wahlkampf im Lande – also kann man das als Außenstehender auch glauben. + + +

Wahlkampf auf allen Kanälen
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt 14.09.2020
- Virgil Bunescu nutzt die sozialen Medien nach allen Regeln der Kunst, um im Amt zu bleiben.
Die Kommunalwahlen finden am 27. September statt. Seine Facebookpräsents ist bemerkenswert. Auch am 14. September hat er sich an „seine“ Mitbürger gewandt.
- Vier Personen aus der Gemeinde sind in Corona-Quarantäne – ohne Krankheitserscheinungen.
- 14. September hieß in Rumänien Unterrichtsbeginn. In Giarmata ging alles ruhig über die Bühne. Originalton Bunescu: „Sie, die Kinder, sind unser größter Reichtum.“
- Ein beliebtes Wahlkampfthema in Giarmata ist der Öffentliche Nahverkehr. In und um die Banater Metropole Timișoara / Temeswar wird er als „Metropolitanverkehr“ wahrgenommen.
- 53 Personen erhalten in einer Giarmataer Küche für Sozialschwache täglich ein warmes Essen – aber „ohne Getränke“.
- In der Gemeinde bekommt auch jedes neugeborene Kind 500 Lei aus der Gemeindekasse.

Corona
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 19.09.2020
In den letzten 24 Stunden wurden im Landkreis 61 Personen positiv auf Corona getestet. Eine stammt aus Giarmata. Laut des gleichen Internet-Portals vom Vortag soll es sich um eine Kindergärtnerin handeln. Sie ist in Hausquarantäne. Der ganze Kindergarten wird desinfiziert und auch die Kinder der einen Gruppe bleiben zu Hause. Getestet wurden insgesamt 1072 Personen.
+ + + Es hört und hört nicht auf. + + +

Letzte Sitzung vor den Wahlen auch auf Facebook
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt 23.09.2020
- 15 Gemeinderäte sind in Giarmata vor vier Jahren in die Legislaturperiode gestartet. 13 sind noch kurz vor der Kommunalwahl am 27. September 2020 in Amt und Würden. Im Laufe des Monats September wurde der Gemeinderat Adamescu Florinel vom Präfekten des Kreises Timiș seines Amtes enthoben. Seine Kollegen – 12 waren in dieser Sitzung per ZOOM zugeschaltet – haben diese Maßnahme einstimmig abgenickt, ohne Diskussion, so dass die Gründe seiner Amtsenthebung nicht bekannt sind.
- Fünf Punkte standen auf der Tagesordnung, plus Anträge aus der Bürgerschaft und Verschiedenes.
- Beim dritten Tagesordnungspunkt ging es um eine Unterstützung der katholischen Kirche. 180.000 Lei sollen für Drainagearbeiten an der Kirche, einen Blitzableiter, Innenrestaurierung der Sakristei sowie Reparaturen am Turm und der Fassade bereitgestellt werden. Der Antrag ging einstimmig durch.
- Auch die orthodoxe Kirche in Cerneteaz soll mit 170.000 Lei bedacht werden.
- Im Primăverii-Viertel ist ein Grundstück für den Bau einer orthodoxen Kirche reserviert. Jetzt hat sich herauskristallisiert, dass die Fläche zu klein ist, und man versucht, im gleichen Viertel zwei benachbarte Grundstücke zusammenzulegen, um die von den Architekten verlangte Fläche bereitzustellen.
- Bearbeitet wurden mehrere Anträge von Bürgern der Gemeinde. Eine 82-jährige Frau hat eine Finanzhilfe von 15.000 Euro aus einem angeblich existierenden Staatsfond beantragt, zum Reparieren ihres Hauses. Der Antrag wurde mit dem Hinweis abgelehnt, dass die Gemeinde nicht zuständig ist für einen vom Staat eingerichteten Hilfsfond. Eine andere Frau hat eine Hilfe von 2568 Lei beantragt, um ihre Mietrückstände für ein Atmungsgerät zahlen zu können. Einstimmig genehmigt. (Natürlich werden bei allen Anträgen die Situationen vor Ort von den zuständigen Kommissionen des Gemeinderates geprüft.)
- Auch zum Ausklang der Legislaturperioda gab es natürlich wieder ein Wortgefecht höchster Güte zwischen Bunescu und Delvai.
+ + + Ach ja. Das gibt’s auch noch zu berichten: Der Gemeinderat Ciprian Jurgi
(ein junger Bursche) hat die ganze Zeit gegessen und geknabbert. Über eine Stunde lang. Wie dem sein Kiefer das nur ausgehalten hat. Eine schöne Performance, würde ich sagen. Ansonsten … schau mer mal nach der Wahl. + + +

Corona im Kindergarten
aus OBSERVATORdeTIMIȘ.ro, Timișoara, 24.09.2020
Drei Angestellte des Kindergartens in Giarmata, keine Erzieherinnen, wurden vom Coronavirus heimgesucht. Das hat zu verschärften Schutzmaßnahmen in der Einrichtung geführt, die Gefährdungsampel wurde von Gelb auf Rot geschaltet. Was das genau bedeutet, wird in dem Artikel nicht näher erläutert.
+ + + In fast jedem Podcast des Bürgermeisters (und den gibt es jetzt schon seit vielen Monaten), hat
Virgil Bunescu am Ende seines Monologs, den Herrgott drum gebeten, Giarmata mit dem Virus zu verschonen. Aber irgendwie ... + + +

Es geht los
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 24.09.2020 – 25.09.2020
- Die Arbeiten an der Verbreiterung der Kreisstraße Timișoara – Dumbrăvița – Giarmata – A1 haben begonnen. Ausgeführt werden sie von der Firma Tehnocer, die in 30 Monaten mit den Arbeiten fertig sein soll. Der erste Bauabschnitt liegt hinter Giarmata.
+ + + Jetz werre wahrscheinlich aah die letzte Akaze-  un Maulbeerebeem an „unsrer“ altehrwürdich Landstroß verschwinne. Stick forr Stick verwandelt sich unser Johrmarker Vergangenheit in Giarmataer Gegenwart. Was bleibt is die Erinnerung. Awwer dee abgedroschne Satz kenne mer jo, un er werd uns mit jedem Tach gegenwärticher. In unser Käpp spillt sich e Lewe ab, des wu norr unser is, un uns im schlimmste Fall norr  vun der Demenz weggholl werre kann. (http://deutsch.agonia.net/index.php/technique/13934788/Zrick_gehn) + + +

Claudiu Mihălceanu
im Wahlkampf

FotoQuelle: TION.ro
 Das zwei Tage vor der Kommunalwahl veröffentlichte Werbeinterview mit Claudiu Mihălceanu, Kandidat für das Bürgermeisteramt und seit acht Jahren Vizebürgermeister, wirft ein Licht auf die vergiftete Atmosphäre in Giarmata. Originalton Mihălceanu: „Leider hatte Giarmata das Pech, Bürgermeister gehabt zu haben, die die junge Generation in ihrer Entwicklung nicht unterstützt haben, sie ließen nichts neben sich gedeihen, im Gegenteil, sie hatten Angst vor den Initiativen anderer, weil die ihnen eines Tages den Platz hätten streitig machen können. […] Leider hat der Bürgermeister alles, was ich getan habe, als seine Leistung beansprucht, ja noch schlimmer, er hat mir Stolpersteine in den Weg gelegt und verhindert, dass ich wenigstens meine Projekte zu Ende bringe. […] Ich habe von meinen Mitbewerbern, besonders die von der PSD und der PNL, sehr viele Lügen, Aggressivität und Hass erfahren! […] Ich habe viele Projekte, die ich den Bewohnern von Giarmata und Cerneteaz schon vorgestellt habe, ich habe Ideen für jede Straße, weil ich mit den Menschen gesprochen und ihnen zugehört habe und weiß, wo sie der Schuh drückt.“

Wahlkampf³
aus FOAIA de GIARMATA, Timişoara / Temeswar; September 2020 
Das Blatt enthält Fotos und einen Titelsatz von … Bürgermeister Virgil Bunescu: „Wenn auch du die Ernte meiner Arbeit sehen willst, die ich für meine Landsleute geleistet habe, spaziere durch die Gemeinde.“
+ + + Das machen auch die politischen Gegner. + + +

Und das sind die Kandidaten für den Stuhl des Bürgermeisters
aus ZIARE.com, București / Bukarest; 25.09.2020
Für den Bürgermeisterposten in Giarmata kandidieren acht Personen:
Ana-Minodora Stefănescu [Uniunea Salvați România - Partidul Libertate, Unitate și Solidaritate (USR-PLUS) = Union Rettet Rumänien – Partei Freiheit, Einigkeit und Solidarität]
Claudiu Mihălceanu [Partidul Mișcare Populară (PMP) = Partei Volksbewegung] –  gegenwärtiger Vizebürgermeister von Giarmata
Daniel Neagu [Partidul RE:START România = Partei Neustart Rumänien]
Marcel Iancău-Deac [Partidul Național Liberal (PNL) – Nationalliberale Partei]
Mariana Magyar [Partidul Republican din România (PRR) – Republikanische Partei aus Rumänien]
Miroslav Mioc [Pro Românai (PRO) = Für Rumänien]
Traian Dejeu [Partidul Ecologist România (PER) = Ecologische Partei Rumänien ]
Virgil Bunescu [Partidul Social Democrat (PSD) = Sozialdemokratische Partei] – aktuell Bürgermeister von Giarmata

Freilauf für Virgil Bunescu
aus PressAlert.ro, Timişoara / Temeswar; 27.09.2020
Die Bürgermeister von Giarmata, Virgil Bunescu, und Dumbrăvița, Victor Malac, beide PSD, haben ihre kürzlich angeordnete häusliche Quarantäne verlassen und sich in der Öffentlichkeit gezeigt. Sie hatten Kontakt mit dem unlängst auf Covid-19 positiv getesteten Kreisvorsitzenden Călin Dobra (PSD). Das Kreiszentrum zur Koordination und Leitung der Intervention (Centrul Judeţean de Coordonare şi Conducere a Intervenţiei Timiş - CJCCI) hat beiden Kommunalpolitikern aber einen Ausgehschein für die Kommunalwahl ausgestellt. Die Ausgabe dieser Dokumente soll von der Direktion für Öffentliche Gesundheit Timiș (Direcția de Sănătate Publică Timiș – DSP) genehmigt worden sein. Danach hat man diese Entscheidungen aber revidiert mit der Begründung, CJCCI wäre gar nicht befugt gewesen, einen solchen Freigehschein – er war angeblich nur für den Wahltag 27. September gedacht – auszustellen. Die Geschichte könnte einem oder mehreren Beamten den Arbeitsplatz kosten. Sogar die Polizei ermittelt.
+ + + Dumm gelaufen. + + +

Und das ist das Ergebnis der Bürgermeisterwahl in Giarmata
aus ZIARE.com, București / Bukarest; 28.09.2020
1.) Claudiu Mihălceanu (PMP) – 1748 Stimmen
2.) Virgil Bunescu (PSD) – 1066 Stimmen
3.) Marcel Iancău-Deac (PNL) – 755 Stimmen
4.) Ana-Minodora Stefănescu (USR-PLUS) – 179 Stimmen
5.) Miroslav Mioc (PRO) – 44 Stimmen
6.) Traian Dejeu (PER) – 34 Stimmen
7.) Mariana Magyar (PRR) – 22 Stimmen
8.) Daniel Neagu (Partidul RE:START România) – 21 Stimmen
+ + + Diese Zahlen sind nicht garantiert, andere Medienprodukte haben andere Ergebnisse veröffentlicht. Die meisten Quellen geben für Mihălceanu 1301 Stimmen an.
Fest steht aber, dass Giarmata einen neuen Bürgermeister hat. Laut HOG Jahrmarkt (http://www.jahrmarkt-banat.de/Aktuelles_Events.html) war Claudiu Mihălceanus Großvater "Postbote" in Giarmata. Also müssten einige ausgewanderte Deutsche die Familie noch kennen. + + +

Montag, 21. September 2020

Bekannte und Vergessene

Siegfried Unseld (Hg.): Die Achtziger Jahre – Ein Suhrkamp Lesebuch; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1990; ISBN 3-518-09780-6; bei Amazon erhältlich für Preise zwischen 1,94 € und 9,00 € (Stand 13.09.2020)

Als der Suhrkamp Verlag im Jahre 1990 seinen 40. Geburtstag feierte, brachte er vier Sammelbände jeweils für die fünfziger, die sechziger, die siebziger und achtziger Jahre heraus. Die zeitgenössischen Autoren (oder nur einige?), die ihre literarischen Arbeiten Suhrkamp anvertrauten, sind mit je einem kurzen Text oder einigen Gedichten in diesen Sammelbänden vertreten.

Zeitgenossenschaft ist von Kurzlebigkeit geprägt, sowohl was die Präsenz vieler Schriftsteller in den Bücherregalen als auch ihre Rezeption beim Lesepublikum betrifft. Wer spricht heute noch von einem Reinhold Batberger, Silvio Blatter, Hans Christoph Buch, Jürg Federspiel und vielen anderen der hier versammelten 62 Literatinnen und Literaten.

Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, sind wiederum diejenigen, deren Namen auch heute, knapp 30 Jahre später, noch im Gedächtnis einiger Leser vorhanden sind – wenn auch oft nur vage und nicht unbedingt mit einem Werk assoziiert. Mario Vargas Llosa, Cees Nooteboom, Adolf Muschg oder Friedericke Mayröcker können stellvertretend für die noch nicht Vergessenen aus dieser Anthologie genannt werden. Was eine solche Blumenlese dem Leser dann inhaltlich bietet, ist äußerst breit gefächert und kann von Lesegenuss bis zu Irritationen und sogar scharfer Ablehnung führen.

Der Einstieg in diese so unterschiedlichen Literaturstücke mutet klassisch an: Verse in braven Reimen von Thomas Brasch (1945 – 2001). Auch inhaltlich ist das eine angenehme Lektüre: „Nacht oder Tag oder jetzt / Will ich bei dir liegen / Vom schlimmsten Frieden gehetzt / Zwischen zwei Kriegen“. (Schlaflied für K.)

Man stößt dann aber auch auf Texte, die von Belanglosigkeit nur so strotzen. Julio Cortázar (1914 – 1984) hat seine Suche nach Maga in den Straßen von Paris ziemlich langweilig gestaltet. Zum Glück finden nur kurze Texte Eingang in eine Anthologie.

Da kann man sogar einem Essay über Bücherwelt und Weltbuch des Philosophen Hans Blumenberg (1920 - 1996) mehr abgewinnen. Überhaupt wenn er schlichte Tatsachen so schön philosophisch formuliert wie etwa: „Es gibt so etwas wie die Arroganz der Bücher durch ihre bloße Quantität, die schon nach einer gewissen Zeit schreibender Kultur den überwältigenden Eindruck erzeugt, hier müsse alles stehen und es sei sinnlos, in der Spanne des ohnehin allzu kurzen Lebens noch einmal hinzusehen und wahrzunehmen, was einmal zur Kenntnis genommen und gebracht worden war.“ Wie wahr! Auch ich werde es nicht schaffen, meine in den Jahren herbeigeschafften Bücher in diesem Leben zu lesen. Und an ein solches nach dem Tode glaube ich nicht. Eigentlich schade – aber unvermeidbar.

Bodo Kirchhoff (*1948) gehört zu den bekannt gebliebenen Achtzigern. Und er schreibt noch immer. Ob dabei auch solche Texte wie der hier veröffentlichte über die Unnatürlichkeit der Lust sind? Sex wohin man schaut. Auch Perversion.

Auch geschichtliche Texte entstanden in den Achtzigern. Man liest hier mit viel Erkenntnisgewinn ein Politisches Idyll in Straßburg von Hans Mayer (1907 – 2001). Wie sich Vorgänge in der Geschichte wiederholen. Ich musste an die Madjarisierungsbestrebungen der Ungarn im Banat und den Schnurrbart meines Urgroßvaters denken, als ich in diesem Essay las: „Die französische Administration befand sich erst seit knapp fünfzehn Jahren in einem Land, das fast ein halbes Jahrhundert lang, zwischen 1871 und dem November 1918, ein Reichsland Elsaß-Lothringen gewesen war. Wer im Jahre 1919, wie jener Studienrat am Kölner Schiller-Gymnasium, für Deutschland optiert hatte, mußte auswandern. Wer hingegen, aus welchen Gründen immer, im Lande und bei den Franzosen bleiben wollte, wurde nun einer brüsken Umerziehung unterworfen.“

Man wird in einer Anthologie oft mit Überraschungen konfrontiert. Diese hier macht keine Ausnahme. Marianne Fritz (1848 – 2007), eine Österreicherin, bedient sich in ihrer Erzählung Unter ihrem Kittel, drei Beutel einer diffusen Sprache. Vielleicht etwas für Linguisten.

Der Soziologe Ulrich Beck (1944 – 2015) kümmert sich in seinem Essay Risikogesellschaft um die atomare Zerstörung und die Ohnmacht der Zivilisation mit all ihren Regeln, Gesetzen, Regelwidrigkeiten, Gesetzesverstößen und, und, und …

Der wohl stärkste Text (für mich) in diesem Buch ist ein Theaterfragment von Franz Xaver Kroetz (*1946): Heimat in der Kirche. Leben auf dem Land. Adieu Idylle. Da stehen dir beim Lesen die Haare zu Berge.

Es gibt auch ganz verrückte Sachen, die wieder mal unterstreichen, dass es in der sogenannten Literatur nichts gibt, was es nicht gibt. So macht Andreas Neumeister (*1959) sich in seinem Text Gnafna die Milchfrau Gedanken über das Schicksal seiner Fäkalien. Das stinkt doch zum Himmel. Siegfried Unseld (1924 – 2002) muss ihn aber genossen haben – den Geruch. Ich habe den Text immerhin auch bis zum Ende gelesen.

Was mir bei Abschied von Menzenmang Punch nicht gelungen ist. Hermann Burger (1942 -1989) hat diese Sätze zu Papier gebracht und in mir eine Reaktion ausgelöst, die ich eigentlich bisher so gar nicht kannte, nämlich einen Text, wie erbärmlich auch immer, nicht bis zum Ende zu lesen.

Doch, das ist meiner Wenigkeit in dieser Anthologie sogar ein zweites Mal passiert. Und zwar bei dem viel gefeierten und ebenso umstrittenen Peter Handke (*1942). Also wirklich, es gibt in der Literatur anscheinend immer eine Steigerung für sinnloses Gekritzel. Dieser Text von P. H. ist ein leuchtendes Beispiel dafür: Von der letzten Müdigkeit. Ich wurde beim Lesen so müde , dass ich das Ende nicht geschafft habe. Nur auf das letzte Wort fiel beim Weiterblättern noch mein Blick: „Müdigkeit“.

Bevor die mich jetzt wieder übermannt, will ich noch kurz anmerken, warum ich mir dieses Buch überhaupt gekauft habe. Es gibt in ihm nämlich auch einen rumänischen Achtziger: Mircea Dinescu (*1950). Fünf Gedichte von ihm sind in der Übersetzung von Werner Söllner (*1951) zu lesen: künstlerdomizil, exil im pfefferkorn, die verträumte guillotine, absurde schachpartie und der zeichendeuter. Schön!

Anton Potche