Dienstag, 30. Juni 2020

Juni 2020 - Giarmata in den Medien


 Keine Schulabschlussfeier
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt 03.06.2020
- Es gibt in der Gemeinde keinen Covid-19-Pazienten.
- 10 Personen sind in Quarantäne. Am 30. Mai hat sich die bisher letzte Person in Quarantäne begeben.
- Die traditionelle Schulabschlussfeier musste wegen Corona abgesagt werden.
- „Ich hoffe in Anbetracht des anstehenden Wahlkampfes auf eine zivilisierte Zeit – wenn man bei den Rumänen von so etwas sprechen kann!“ (Originalton: Virgil Bunescu.)
- Wenn der Bürgermeister aus dem Nähkästchen plaudert, kann es schon auch Sachen zum Schmunzeln geben. So erzählte er, dass er sich mit den besten Schlichtungsabsichten in einen Giarmataer Nachbarschaftsstreit eingeschaltet hatte – mit dem Resultat, dass beide Kontrahenten ihm Prügel androhten.
- Die unendliche Geschichte mit dem Busverkehr Timișoara - Giarmata geht so weiter: Die Gemeinde hat von der Busfirma eine Rechnung von 43.000 Lei bekommen – für den Monat Mai. Benutzt wurde das Busangebot nur von 220 Bürgern Giarmatas. Der Abrechnungsmodus sieht vereinfacht so aus: Das Busunternehmen kalkuliert alle Fahrten auf dieser Linie so, als wären alle Plätze in den Bussen besetzt. Von der daraus resultierenden Summe, werden die Einnahmen aus den gelösten Fahrkarten und Abonnements abgezogen. Was übrig bleibt, wird von der Gemeinde eingefordert.
+ + + Till Eulenspiegel lässt grüßen.  + + +

Afrikanische Schweinepest
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt, 04.06.2020
Das Rathaus von Giarmata wurde (wie andere Rathäuser im Umland von Temeswar auch) informiert, dass in der Umgebung zwei tote Wildschweine aufgefunden wurden, die Viren der Afrikanischen Schweinepest hatten. Das Veterinäramt des Kreises Temesch / Timiș hat ein Informationsblatt mit Verhaltensregeln für die Halter von Schweinen veröffentlicht, um der Ausbreitung der Schweinepest auf den Dörfern um Temeswar vorzubeugen. Positiv ist bei der Geschichte nur die Tatsache, dass laut Amtsblatt „die Afrikanische Schweinepest nicht auf den Menschen übertragbar ist.“

Beklagenswertes Umeltbewusstsein einiger Bürger
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt 09.06.2020
- Eine Million Euro wird die Ausstattung der neuen Schule kosten. Sie soll im Herbst fertiggestellt sein.
- Weitere 46 Bauplätze wurden an junge Häuslebauer vergeben – kostenlos, solange die Besitzer in den neuen Häusern wohnen. Nach spätestens drei Jahren müssen die Flächen bebaut sein. O-Ton Bunescu: „Mir ist kein gleichwertiges Projekt in Rumänien bekannt.“ 100 weitere Bauplätze wurden verkauft.
- Ein Lehrer aus Giarmata hat das Verbrennen von Müll im Umfeld der Gemeinde gefilmt und das Video der Umweltbehörde des Kreises geschickt. Die Behörde hat daraufhin die Verwaltung der Gemeinde mit einer Strafe beglückt und nicht den Verursacher des Feuers. Das hat den Bürgermeister ziemlich geärgert, und er hat den Lehrer öffentlich eines „sonderbaren Staatsbürgerverständnisses“ bezichtigt. Ehrlicher wäre es gewesen, wenn der Lehrer sich mit seiner Feststellung zuerst an die Gemeinde gewandt hätte, damit man „gemeinsam“ gegen die Umweltsünder hätte vorgehen können.
+ + + Wo Bunescu recht hat, hat er recht. + + +

Keine Covid-19-Kranke
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 10.06.2020
Bürgermeister Virgil Bunescu hat die Bürger von Giarmata & Cerneteaz zur Wachsamkeit aufgerufen: „Benutzt Masken beim Weggehen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, bei den Behörden, in den Kaufläden. Haltet euch weiterhin an die Hygenemaßnahmen, damit wir Erkrankungen vermeiden.“ An 12 Personen in häuslicher Quarantäne richtet er die Botschaft: „Wenn Ihr etwas braucht vom Rathaus, vom Arzt, wendet euch an den Bürgermeister.“

Entschädigungen für enteigneten Besitz
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt, 16.06.2020
Zwischen dem 29. Juni und dem 7. Juli 2020 tagt die Kommission zur Überprüfung von Eigentumsrechten und Entschädigungen für Privatflächen, die zum Ausbau der Kreisstraße DJ 691 in den Besitz des Kreises Timiș / Temesch überführt wurden. Für Ackerland gibt es 62,25 Lei/m² und für Baugrund 124,5 Lei/m². Betroffen von den Enteignungsmaßnahmen sind 74 Giarmataer Bürger und Firmen sowie die Gemeinde.

Bürgermeister im Wahlkampfmodus
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt 16.06.2020
- Coronastatistik: keine Covid-Erkrankte, 9 Personen in häuslicher Quarantäne.
- Abschlussprüfungen für die 8-Klässler verlaufen gut.
- 4,6 Tonnen Elektroschrott wurden in der Gemeinde eingesammelt.
- Es gibt von der EU finanzierte Hygienepäckchen für bedürftige Personen.
- Die neue Metropolitan-Buslinie nach und von Temeswar wird langsam von den Bürgern angenommen. Ein Problem: Die Leute fahren viel zu oft schwarz und die Gemeinde muss die Fahrten begleichen.
- Originalton Bunescu: „Mit dem Abklingen des Coronavirus steigt die Wahlkampftemperatur.“ Dann legt er los. Hauptangriffspunkt ist sein Vorgänger im Amt, Ion Delvai.

Stau
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 17.06.2020
Stoßstange an Stoßstange stehen die Autos oft auf dem Autobahnzubringer bei Giarmata. So auch an diesem 17. Juni, wie Betroffene dem Internet-Portal meldeten.
+ + + Dabei haben die Arbeiten für die Verbreiterung der Straße noch gar nicht begonnen. + + +

Hygienepäckchen für Bedürftige
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 17.06.2020
In Giarmata werden für hilsbedürftige Menschen von der EU und der rumänischen Regierung finanzierte Päckchen mit Hygienemittel verteilt. Die Päckchen enthalten je fünf Zahnbürsten, fünf Tuben Zahnpaste, zwei Fläschchen Flüssigseife, ein Shampoo und zwei Päckchen Waschpulver.
+ + + Die Päckchen sind Geschenke.  + + +

Abschlussprüfungen für die 8-Klässler
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt 23.06.2020
- Die Schüler der 8. Klasse haben ihre Abschlussprüfungen absolviert. In Giarmata waren 46 Kinder zur Prüfung zugelassen. Leider haben sich nur 34 zur Prüfung eingefunden. Von ihnen haben 82,35 % das Examen bestanden.
- 10 Personen sind in der Gemeinde in Quarantäne. Der Bürgermeister hat sich mit neun von ihnen unterhalten. Die 10. Person hat sich nicht am Telefon gemeldet.
- Starke Regenfälle haben die Straßenbauarbeiten in der Gemeinde in den letzten 10 Tagen ausgebremst.
- Die Arbeiten am Kulturheim waren für zwei Wochen unterbrochen, weil viele Arbeiter in Corona-Quarantäne waren.
+ + + O-Ton Bunescu: „Es ist bei uns nicht so einfach, einen Geldautomaten zu installieren. Die könnten schnell in die Luft fliegen.“ + + +

Ohne Führerschein unterwegs
aus TION.ro, Timișoara / Temeswar, 26.06.2020
Die Polizei hat am Dienstag um die Mittagszeit einen Autofahrer in der Giarmataer Morii-Straße kontrolliert. Der Mann hatte keinen Führerschein und muss jetzt mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.
+ + + Pech gehabt. + + +

Gelsenplage in Giarmata
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt 29.06.2020
- Corona-Nachrichten: 13 Personen in Quarantäne, keine erkrankten Menschen in der Gemeinde.
- Nach starken Regenfällen, gefolgt von großer Hitze haben die Stechmücken sich ausgebreitet. Die Gemeinde will dagegen mit Desinfektionsmittel vorgehen. Auch die Ambrosia, eine giftige Unkrautpflanze, profitiert von dem Wetter und wächst überall dort, wo man sie am wenigsten haben will. Ihre Ausbreitung soll durch eine Mähaktion eingedämmt werden.
- Mehrere Bürger des Primăverii-Viertels haben sich in einer Petition an den Bürgermeister gewandt und sich über den schlechten Zustand der Straßen ihres Viertels beklagt. Leider finden dort gleichzeitig auch Gas-, Wasser- und Kanalarbeiten statt. Der Bürgermeister sagt, er könne auch keine Wunder vollbringen, und beklagt sich, dass die Situation von anderen Bürgern der Gemeinde politisch instrumentalisiert wird. (Die wahrscheinlich im September stattfindenden Kommunalwahlen rücken immer näher.)
- Bunescu bleibt auch kein Ungemach erspart. Der Baubeginn zur Verbreiterung der dann vierspurigen Landstraße von Temeswar nach Giarmata soll sich um zwei bis drei Monate verzögern, weil aus Giarmata ein Umweltgutachten fehlt. O-Ton Bunescu: „Hat bisher niemand gewusst, dass man dieses Gutachten benötigt? [...] Es könnte sogar passieren, dass versprochene EU-Gelder gefährdet werden. [...] Wer dann wohl dafür gerade stehen wird?“
+ + + Virgil Bunescu hat diesmal seine Facebook-Bürgersprechstunde im Izvor-Park abgehalten. Dort, wo früher die Deutschen ihre Kirchweihfeste und die Schulkinder ihre Abschlussfeiern abgehalten haben. Wer einen nostalgischen Hauch von Heimat verspüren will, kann ja mal reinschauen. Bei mir hielt sich das Heimweh wieder mal in Grenzen. + + +

Bunescu omnipräsent
aus FOAIA de GIARMATA, Timişoara / Temeswar; Juni 2020 
- Die Seite enthält ein Interview mit Bürgermeister Virgil Bunescu, in dem er die von der Gemeinde iniziierten Schutzmaßnahmen gegen die grassierende Pandemie erläutert.
- Der Vorsitzende des Kreisrates Temesch Călin Dobra äußert sich kurz zur neu asphaltierten Straße (DC 58), die von Cerneteaz westwärts auf den neuen, noch nicht gebauten Autobahnzubringer Temeswar – A1 führt: „Așa da! – So ja!“
+ + + In Giarmata ist das Projekt sehr umstritten. Aber Bunescu ist dafür. + + +

Montag, 22. Juni 2020

Von Ovid zu Dinescu


Die heurigen Tage der deutschsprachigen Literatur, auch unter dem Namen Bachmann-Preis bekannt, sind Vergangenheit. Es waren die 44-sten. Und sie waren weiß Gott nicht normal – wie so viel in diesen Tagen von Corona und Covid. Sie gingen am vergangenen Wochenende in Klagenfurt über die Bühne. Das kann man zwar so sagen, weil man es nicht anders kennt. Der Wahrheit entspricht es aber mitnichten oder, im besten Fall, nur zum Teil. Denn die Protagonisten waren zu Hause, Autoren wie Juroren. Im Studio waren leere Zuschauerreihen, ein Moderator und ein Justiziar – schließlich und endlich war ja auch das ein Wettbewerb oder Bewerb, wie die Österreicher sagen, wie in allen anderen Jahre zuvor auch. So gesehen, war viel nicht normal. Aber nach vier Tagen Zuschauen (von Donnerstag bis Sonntag) fiel mir der Unterschied gar nicht mehr auf. Videokonferenzen und unzählige Kultur-YouTube -Formate wurden im ersten Halbjahr 2020 Normalität. Also ward die Abnormalität auch hier zur Normalität: die ersten digitalen Tage der deutschsprachigen Literatur (TddL).

Und siehe da, es war doch auch in diesem Jahr wie immer. Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben gelesen und Literaturkritiker haben anschließend über das Vorgelesene gesprochen: sachlich, hitzig, objektbezogen, ausschweifend, theoretisierend, lobend, verwerfend, kritisch und – man höre und staune – sogar selbstkritisch. Und die Texte? Na ja. Geschmackssache. Wie eh und je. Neun Frauen und vier Männer haben ihre Texte vorgelesen, von zu Hause. Außer der autobiographischen Erzählung von Helga Schubert (80 Jahre alt) würde mich kein vorgetragener Text zwecks eventuellem Erwerb zum Geldausgeben bewegen. Das wäre selbst bei etwaigem Interesse auch gar nicht nötig, denn die Texte sind auf der Homepage des Bachmann-Preises als PDF-Datei einsehbar.

Leonhard Hieronymi
liest in Klagenfurt
FotoQuelle - Videoausschnitt; 
https://bachmannpreis.orf.at/stories/ondemand/
So kann man auch die Arbeit von Leonhard Hieronymi (*1987) lesen. Er schreibt über drei junge Männer, die sich in den Kopf gesetzt haben, das Grab Ovids im fernen (aus deutscher Sicht) Tomis zu besuchen. (Der Autor benutzt den selten gebrauchten Namen Tomi.) Ihr Besuch erschöpft sich dann in der lapidaren Textpassage:Nachdem wir von den Uferpromenaden aus einen Balkon bestiegen hatten, sahen wir sie endlich, die eingerahmten Ruinen von Tomi. Eine gräuliche, nur wenige hundert Quadratmeter umfassende Ansammlung von zerfallenen Mauern; ein weißes Wärterhäuschen am Rand und ein Schild, das verblichen und mit Asterix und Obelix-Schrift auf die Überreste hinwies. Man konnte, einfach so, ein kleines Tor öffnen und über die Reste von Tomi hüpfen, niemand hielt uns auf, der Wärter in seinem Häuschen kaute gelangweilt an irgendetwas herum. Marius, Pascal und ich sagten kein Wort.“ Das war‘s dann auch schon. Mehr gibt dieser Ort anscheinend auch gar nicht her. 

Und die Sehnsucht nach der Antike schien sich bei dem Ich-Erzähler sowieso in Grenzen zu halten, denn er wechselte ziemlich brüsk in die doch (zumindest aus der Sicht eines Gourmets) etwas verträglichere Gegenwart. Und zwar so: „Vergangenes Jahr war ich Gast in der Sommerresidenz des rumänischen Schriftstellers, Revolutionsführers und Fernsehkochs Mircea Dinescu gewesen, der Ende 1989 bei der Stürmung des Fernsehsenders Studio 4 dabei gewesen war und den Sturz Ceaușescus verkünden durfte. An einem Abend feierte er im Erdgeschoss mit dem Vorstand der rumänischen Raiffeisenbank seinen Geburtstag nach. Es gab Kaviar, gegrillten Donaukarpfen und bergeweise Fleischröllchen mit hausgemachtem Senf und Champagner.“

Und so geht es weiter mit der Erkundung Rumäniens durch einige (wenige) Erlebnisse, die gekürzt und mit der Nachsicht eines Feuilletonchefs für eine Reisereportage ausreichen könnten, aber keineswegs den Ansprüchen eines etablierten Literaturwettbewerbs genügen können. Dementsprechend fielen dann auch die Urteile der Juroren aus (vier Männer & drei Frauen). Ich war erstaunt, dass keinem aufgefallen ist, wie sorglos der Autor mit historischen Namen gleich zu Beginn seines Textes umgeht. Das ist nicht mehr als ein erneuter Beweis dafür, wie weit Südost- von Westeuropa entfernt ist. Wenn man doch schon weiß, dass man vor einem Fernsehpublikum (es würde mich freuen, sagen zu können: vor einem Millionenpublikum) lesen wird, dann sollte man sich doch wenigstens die Mühe machen, Wörter mit diaktrischen Zeichen aus dem rumänischen Alphabet korrekt (wenn auch mit fremdem Akzent) auszusprechen. Brâncoveanu als Brancoveanu zu erwähnen, macht den Text für die Zuhörer nicht zugänglicher. Vielleicht würde das bei einer rein literarischen, mit fiktiven Elementen bestückter Prosa noch durchgehen, aber in einer Reportage wirkt es sehr gekünstelt. Und mehr als eine Reportage – ohne diese Gattung gegenüber der epischen Erzählung abwerten zu wollen – ist dieser Text nun mal nicht. Trotzdem hat er mir, grob betrachtet, gefallen. Wen wundert‘s? Bei meiner Biografie? Und einen Text durch eine wie auch immer geartete regionalpatriotische Brille zu betrachten, ist für mich als Leser immer eine erfrischende Herangehensweise an einen Text. Das die Literaturexperten, das dann oft ganz anders sehen als ich, kann ich meistens auch nachvollziehen. So war es auch diesmal.

Leonhard Hieronymi kam nicht in die engere Wahl der Jury. Darüber habe ich mich nicht gewundert und war auch nicht enttäuscht. Umso mehr habe ich mich über die Hauptpreisträgerin gefreut, und das nicht nur wegen ihrer vorgetragenen Lesung, sondern weil ich schon während des Wettbewerbs auf Helga Schubert gesetzt hatte. Wenn sich das jetzt nach Eigenlob anhört, so gibt es dafür einen plausiblen Grund. Tja, den gleichen oder ähnlichen literarischen Geschmack wie Hubert Winkels (Köln / Berlin), Nora Gomringer (Bamberg), Klaus Kastberger (Graz), Brigitte Schwens-Harrant (Wien), Philipp Tingler (Zürich), Michael Wiederstein (Zürich) und Insa Wilke (Frankfurt) zu haben, lässt mich vor Stolz erröten.

Und weil es so unsäglich schwer ist, einen Text zu beenden, ohne ihn überhaupt mit dem Anfang begonnen zu haben, möchte ich das Versäumte hier nachholen. Wie jeder TddL-Wettbewerb hatte auch dieser mit einer Rede zur Literatur begonnen. Gehalten hat sie Sharon Dodua Otoo, Preisträgerin 2016. Und sie, die Rede, bestand aus einer einzigen rhetorischen Titel-Frage, Dürfen Schwarze Blumen Malen?, versehen mit vielen Sätzen, Nebensätzen und zum Schluss befriedigt mit einer einfachen Antwort: „Ja. Je mehr desto besser.“ ... Würde ich auch sagen.

Also so gesehen, war das für mich durchaus ein erfreuliches Wochenende … Wäre da nicht diese Nachricht vom Tode eines Schulkollegen aus meinen Kinder- und Jugendjahren … Und damit verbunden die bei mir immer häufiger auftretende Erkenntnis, dass man sich diesem gewissen Ende nähert … Unausweichlich … Wie jeder Text … Ob jugendfrisch oder altersschwach.

Anton Potche

Montag, 15. Juni 2020

Bolnavi unanim - Einhellig Kranke


Bolnavi unanim
Adrian Păunescu
(1943 - 2010)

Și ce-ar fi dacă,
Într-o zi blestemată
Ne-am îmbolnăvi cu toții
Deodată?
Și medici, și pacienți,
Și părinți, și copii?

Ce-ar fi, ce-ar fi
Dacă, brusc,
Ne-am îmbolnăvi,
Dacă n-ar avea
Cine pe cine să mai trateze,
Bandaje și paranteze?

Ce-ar fi dacă,
În urma dreptului legitim
De a ne îmbolnăvi,
Chiar ne-am trezi,
Că ne-am îmbolnăvit
Și n-avem cui ne adresa,
N-avem pe cine chema?

Ce-ar fi dacă
Într-o zi blestemată
Ne-am îmbolnăvi
Cu toții
Deodată ?



Einhellig Kranke

Und was wäre, wenn
Eines verfluchten Tages
Wir alle erkranken würden
Auf einmal?
Auch Ärzte, und Patienten,
Und Eltern, und Kinder?

Was wäre, was wäre,
Würden wir, brüsk,
Erkranken,
Und es könnte niemand
Niemand mehr behandeln
Mit Klammern und Verband?

Was wäre, wenn
Nach unserem legitimen Recht,
Krank zu werden,
Wir wirklich feststellen,
Dass wir erkrankt sind,
Ohne uns an jemand wenden,
Jemand rufen zu können?

Was wäre, wenn
Eines verfluchten Tages
Wir erkranken würden,
Alle
Zur gleichen Zeit?


[aus dem Rumänischen von Anton Potche]
Ingolstadt, 24.05.2020

(Die Originalfassung ist am 21.01.2002 
in der rumänischen Zeitschrift 
FLACĂRA lui ADRIAN PĂUNESCU erschienen.)

Mittwoch, 3. Juni 2020

Weltmeister

- Skizze -

Ich hatte mal ein Akkordeon, ein Weltmeister-Akkordeon.
Tja, Weltmeister, du warst mir stets ein treuer Freund. 
Und Weltmeister, das warst du im wahrsten Sinne des Wortes. 
Du hast Grenzen und Zeitenwenden im Hürdenlauf überwunden. 
Wo ist deine einstige Heimat DDR? 
Vergangen sind selbst die Lichtjahre Ceaușescus
Zeitentrückt sind aber auch unsere Nächte auf den Bühnen der Banater Schwabendörfer. 
Und wo sind unsere gemeinsamen Freunde, der Hans mit seiner weinenden Posaune, und der Helmut mit seiner jubelnden Trompete, und all die anderen? 
Warum nur, warum war ich so ungerecht zu dir, Weltmeister? 
Damals hab’ ich dich auf dem Ocsko-Piață verscherbelt
Die Auswanderungsagonie hatte auch mich ergriffen
Für dich, Weltmeister, war die Umstellung bestimmt nicht einfach, da wir uns doch immer so prächtig verstanden haben, wenn wir gemeinsam erzählten: „In einem Schwabendörfchen, da wohnte einst ein Mädchen, / es (sie) war so schön, es (sie) war das allerschönste Kind ...“ 
Das allerschönste Kind im Dörfchen. „Aber nein, aber nein“, sprach sie, „ich bleibe nicht“. 
Und heute? Wie klingst du heute, Weltmeister? Vielleicht so? ...


[Ingolstadt, 1995]
Anton Potche