Man hört in Gesprächen mit
Landsleuten oft die Frage: Was bleibt von unserem Leben in der alten
Heimat? Von unserem vergangenen Leben dort in der alten Heimat,
müsste man eigentlich präzisieren. Und man kann diese Fragestellung
problemlos sogar geographisch einordnen. Es handelt sich vorwiegend
um Fragende aus Südosteuropa, noch genauer meistens um Banater
Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Ich kenne persönlich Menschen
der Nachkriegsgeneration aus dem Sudetenland, schon hier in
Deutschland geboren, und stelle immer wieder fest, wie locker ihre
Bindung zur Heimat ihrer Eltern, also zur alten Heimat, mittlerweile
ist.
Bei
diskutierenden ausgewanderten Rumäniendeutschen fallen oft Begriffe
wie Friedhof und Kirche. Wie lange die Gebräuche der wenigen noch in
Rumänien lebenden Deutschen im Zusammenwirken mit den dort in den
letzten 40, 50 Jahren angesiedelten Rumänen aufrechterhalten werden
können, wird die Zukunft uns vielleicht schneller vor Augen führen,
als wir denken. Das deutsche Element kann seiner musealen und
literarischen Zukunft nicht entgehen. Und diese Zukunft könnte eher
in rumänischen als in deutschen Köpfen noch einige Zeit überleben.
Das wird spätesten dann der Fall sein, wenn die ausgewanderten
Deutschen in ihrer neuen Heimat das Jenseits kennengelernt haben
werden und ihre Kinder und Enkelkinder eine genauso vernebelte
Erinnerung wie Sudetendeutsche, Schlesier und andere
Vertriebenengruppen zu den längst fremden Gefilden ihrer Vorfahren
pflegen.
Ja,
hier könnten die erwähnten rumänischen Köpfe eine Rolle spielen.
Sie könnten ein eventuell existierendes deutsches Element in ihrer
Biografie konservieren, handelt es sich doch um Erinnerungen mit
Seltenheitswert, die nicht in vielen rumänischen, längst
einheimischen Familien im Banat oder in Siebenbürgen schlummern.
Wie
ich mir das vorstelle? Ungefähr so wie es mir jüngst zum
wiederholten Male, widerfahren ist. Und das kann einem passieren,
wenn er sich durch rumänische Zeitschriften, vorwiegend
literarische, klickt und wischt. (Analog in rumänischen
Printausgaben zu schmökern, ist hier in deutschen Landen kaum
möglich.) Ich hatte die in Temeswar in rumänischer Sprache
erscheinende Literaturzeitschrift ORIZONT vom November letzten Jahres
auf Seite 18 vor mir im Laptop. Der Titel eines Artikels verkündete
nichts Sensationelles. Aber dann las ich beim Überfliegen folgenden
Textabschnitt: „Ich war Kind, als ich begann, Türen und Schachteln
zu öffnen. Aus Langeweile oder auf der Suche nach Süßigkeiten. So
lange wir bei Omi in den Ferien weilten, war für uns klar: Um 13
Uhr, wenn im Lautsprecher die Erkennungsmelodie der deutschen Sendung
von Radio Temeswar erklang, setzten wir uns an den Tisch zum
Mittagsmahl. Um 14 Uhr, beim Erklingen der Melodie zum Beginn der
ungarischen Sendung, schaltete Großmutter das Radio aus und wir
legten uns hin zum Schlafen bis um 17 Uhr. Natürlich versuchten wir,
so oft wie möglich zu tricksen.“
Sollte
das jemand nach Jahren oder Jahrzehnten lesen, dann wird er wissen,
dass der Autor dieses Textes nicht nur rumänische Vorfahren, sondern
mit großer Wahrscheinlichkeit deutsche und dem Text im Detail
folgend auch ungarische Ahnen gehabt hatte. Vielleicht werden
katholische, also deutsche, Kirchen und Friedhöfe nicht mehr
existieren, wenn des Schriftstellers Alexandru Potcoavă
(*1980) Erinnerung an seine Omi jemand in die Hände fällt, der sich
dann vielleicht wundern wird, wie groß und weitverzweigt
Familienstammbäume im Banat waren und wie in diesem Fall immer noch
sind.
Anton
Potche
