Montag, 18. Mai 2020

Magische Gestalten der Zwischenkriegszeit

Mircea Eliade: Auf der Mântuleasa-Straße; Aus dem Rumänischen von Edith Horowitz-Silbermann; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1972; ISBN 3-518-01328-9; bei Amazon gibt es Exemplare von 6,56 € bis 18,00 € (Stand 18.05.2020)

Täsch ist eine Gemeinde im deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis in der Schweiz. Hier beginnt der rumänische Religionswissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Mircea Eliade an einer Prosaarbeit zu schreiben: Auf der Mântuleasa-Straße. Das war im August 1955. Im November 1967 bekommt das epische Kunststück seinen letzten Satz … in Chicago.

Zwölf Jahre Arbeit an einem Roman. Wer nun auf einen 1000-Seiten-Schinken tippt, wird enttäuscht. Der Roman ist nicht mehr als eine umfassende Erzählung, die es aber auf 167 Seiten in sich hat. Irrungen und Wirrungen ohne Ende. Was dazu führte, dass Kritiker auch von einer „fantastischen Novelle“ reden. Die zwölf Jahre Schreibzeit sollen auch von einer oder mehreren Schreibunterbrechungen gekennzeichnet gewesen sein. Vielleicht konnte der in jungen Jahren faschistisch gesinnte Eliade sich nur schwer zwischen der Siguranța (Geheimdienst der Antonescu-Diktatur) und der Securitate (Geheimdienst der kommunistischen Diktatur) entscheiden. Die Ehre bekam dann die Securitate. Der wiederum hat diese Wertschätzung gar nicht gefallen, so dass der in 15 Sprachen übersetzte Text zuerst in Französisch und Deutsch als Buch herauskam, bevor er in der Anthologie În curte la Dionis (Im Hof bei Dionysos) – mir ist davon keine deutsche Fassung bekannt – in seiner Originalsprache Rumänisch veröffentlicht wurde. Es ist staunenswert genug, dass das Buch überhaupt noch zur Regierungszeit Ceaușescus erscheinen konnte, und zwar 1981 im Bukarester Verlag Cartea Românească.

Im Zentrum der Handlung steht der pensionierte Schuldirektor einer Schule in der Mântuleasa-Straße, und um ihn scharen sich verschiedene Figuren aus Geheimdienst und Behörden. Alle wollen von ihm jeweils anderes, ihren eigenen Interessen entsprechendes Wissen. Und alle werden von dem alten Mann vorgeführt. Nicht genug, dass seine Schilderungen sich auf Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen, stützen und seine Protagonisten zum Teil Personen mit magischen Eigenschaften sind; seine Art, von einem Detail ins andere zu gleiten, bringt die ihn Verhörenden auch um die letzte Portion Geduld. Bei Schuldirektor a. D. Zaharia Fărâmă klingt das dann so: „Aber das ist nichts, gemessen an dem, was ich in Câmpulung gesehen habe.“ Und schon ist er auf einer anderen Schiene. Und die, die Ausdauer der Vernehmer strapazierenden, Ausschweifungen rechtfertigt er dann so: „Wie soll ich Ihnen die Fortsetzung erzählen, ohne zurückzugreifen und über Lixandru und Darvari zu sprechen, über die neuen Freundschaften, die sie in Fănică Tunsus Schenke geschlossen haben? Denn es ist eine lange Geschichte, und um sie zu verstehen, müßten Sie wissen, was Dragomir und Zamfira passiert ist.“ Das sind köstliche Passagen, wenn man sich dabei die ungeduldigen Fratzen der Fragesteller vorstellt.

Während dieser „langen Geschichten“ kollidieren die Interessen der den Alten ausforschenden Personen. Es kommt zu gegenseitigen Verdächtigungen, einer Amtsenthebung und sogar zu einem Selbstmord. Nur Fărâmă bleibt zum Schluss mit seinen fantastischen Erzählungen von einer Parallelwelt unter den Straßen Bukarests ohne größeren Schaden zurück - vielleicht wegen den Verhören und den vielen Schreibereien schneller gealtert.

Alle diese handelnden Figuren wirken ziemlich blass im Vergleich zu denen aus Fărâmăs Erinnerungen. Da schillert es nur so von magischem Realismus, wenn es an einer Stelle heißt. „So waren alle Zeuge, wie Oana mit flatternden Haaren nackt über den Bergkamm rannte und der Stier hinterdrein. Sie sahen, wie Oana plötzlich im Laufen innehielt, sich vornüber beugte und dann laut aufschrie, wenn der Stier in sie eindrang. Der Stier schlug mit den Hufen aus und brüllte ohrenbetäubend, während er sie besprang. Eine ganze Weile blieben die beiden so vereint, und die Leute aus dem Dorf begafften sie.“ Immerhin faszinierend genug, damit eine Ministerin sich für diese 2,42 Meter große Frauenperson interessierte. Und zwar so hartnäckig, bis sie ihren Posten los war.

Hier hat ein Schriftsteller seiner Fantasie ungehemmt freien Lauf gelassen. Und was herauskam, fasziniert heute noch so manchen Leser, auch wenn das Thema der griechischen Mythologie entlehnt ist. Wenn man von einem magischen Realismus spricht, sollte man aber immer neben der irrealen Welt auch die reale, aus der das Irrationale sich speist, sehen, sprich, die autobiografische Nuance eines Textes im Auge behalten. Mircea Eliade hat die hier literarisch verewigte Schule in der Mântuleasa-Straße von 1914 bis 1917 besucht. Und wer sich der Mythenwelt seines Haupthelden Fărâmă hingibt, wird die damit zugebrachte Zeit bestimmt nicht bereuen. Dass Mircea Eliade die Securitate eigentlich nie direkt kennengelernt hatte wie etwa Herta Müller und die Aktionsgruppe Banat, schmälert die literarische Qualität dieses Buches schon darum nicht, weil die Protagonisten des Apparats sowieso nur Statistenrollen ausfüllen. Die magischen Kräfte entfalten sich in den Gestalten der Zwischenkriegszeit, die in Zaharia Fărâmăs Geschichten reüssieren.

Anton Potche

Montag, 11. Mai 2020

Merr soll am beste nicks verschiewe


Verschiebe nicht auf morgen, was du heute kannst versorgen“, saat e Sprichwort. Un recht hotʼs. Mer gehtʼs oft so, dass ich mich zu spät an des Sprichwort erinner. Umso schänner is es noo, wann ich zufällich uf etwas stoß, was ich schun längst vergess hatt. Ich hun in meim Computerordnerchaos – vill is schun uf auswärtiche Speicherpladde ausgelagert – do unlängst mol noh etwas gsucht un de Ordner „Feuilleton“ ufgemach, un vun dort weider de Ordner „Jahrmarkt“, un noo de Ordner „Giarmata – Jahrmarkt – Johrmark – Erwähnungen.“ Uf dem is so allerhand gspeichert, wu merr was iwwer Johrmark erfahre kann. Was ich eigentlich gsucht hun, is gar net so wichtich. Mer is beim Iwerflieje vun dee 25 dort gspeicherte Dateie e Titel ins Aue gfall: Momente emotionante langa Timisoara. Familia venita tocmai din Brazilia sa descopere locurile in care s-au nascut bunicii, la Giarmata.

Ich holl jetz do e bissje weider aus, dass Dehr aah wisst, wu ich iwerhaupt naus will. De Peter-Dietmar Leber, des is de Vorsitzende vun der Landsmannschaft der Banater Schwaben, hot in seim Rechenschaftsbericht uf der Hauptversammlung vun dem Verein (Ulm, 8. Fewer 2020) gsaat: Seit März 2018 trägt das Bundesministerium des Inneren die zusätzliche Bezeichnung für Bau und Heimat. Vor allem Letzteres hat dem amtierenden Minister Horst Seehofer in der Anfangszeit viel Häme und Spott eingebracht. Mittlerweile sind die Kritiker verstummt, denn zunehmend wird erkannt, dass gerade in unserer globalisierten Welt die Menschen eine Bezugsgröße benötigen, die unter dem Begriff Heimat fällt. Damit ist noch nichts über die Definition, aber sehr wohl etwas über die Bedeutung des Begriffs Heimat gesagt. Auch in diesem Ministerium macht man sich Gedanken darüber, wie es mit den Vertriebenen und den Landsmannschaften weitergeht. Bleiben Strukturen bestehen, tragen Spätaussiedler jetzt solche der Vertriebenen, wie wirken sich offene Grenzen und neue europäische Institutionen auf dieses Gefüge aus? Das sind Fragen, die immer wieder auftreten. Und vor allem, wie geht die Generation der Enkel mit dieser Thematik um?“

Asso der Artikel, dee wu ich vor schun ball zwaa Johr uf der Homepage vun der Internetzeidung OPINIA TIMIȘOAREI funn hun, kännt ooni vun meh Antworte uf die Frage mit de Engelskinn un ehrem Umgang mit „unsrer Heimat, die wuʼs nateerlich norrr meh in unser Käppmanche soon aah in unsre Herzer – gebt, sein. Asso ich gheer jo net zu dee, dee wu die alt Heimat so am Herz leit, un meine Kinn schun längst net. Awwer vleicht mol meine Engelskinn. Wer waaß? De Peter-Dietmar Leber hot aah ka Antwort druf. E paar Beispiele, wieʼs sein kännt, hatt er schun parat ghat. Awwer des sin un bleiwe halt Einzelfälle. So e Fall is aah deer aus der rumänisch Zeidung.

Do hot im Summer 2018 e Familie aus Sao Paulo in Brasilien in Johrmark Spure vun ehre Vorfahre gsucht. Gschrieb hot dee Artikel de Radu Trifan. Er moont aah glei am Onfang vun seim Bericht: „Auf den Spuren der Vorfahren zu wandeln, um unsere Vergangenheit zu entdecken, ist ein Unterfangen, dem nur wenige frönen, aber das uns dazu verhelfen kann, herauszufinden, wer wir wirklich sind und wie wir dorthin gelangt sind, wo wir sind.“ Aah der rumänisch Journalist hatt asso des Gfiehl ghat, dass des, was er in Johrmark miterlewe hot därfe, nicks Alltägliches is.

Die Protagoniste vun der Spuresuche ware de Marcelo Zwecker, sei Fraa Paula un sei Motter Dulce Fisler. Sie hun „Details vom Ursprung ihrer Familie und den Gründen für die Auswanderung in den 20er Johren“ finne wolle. Die Motter vun der Dulce un die Oma vum Marcelo war die am 10. April 1922 in Johrmark geborni Margaret Retter Fisler.
Familie Retter 
in Brasilien in den
1920er oder 1930er Jahren

Die Gäst aus Brasilien hun im Gemeindehaus uffne Ohre funn un in de Archive suche därfe. Was se dort entdeckt hun, schildert de Zeidungsreporter so: „Bei dieser Gelegenheit hat das Ehepaar Zwecker erfahren, dass ihre Großeltern Joan Retter und Suzanna Kramer hießen und Deutsche waren, die nach dem Ersten Weltkrieg aus Deutschland nach Rumänien ausgewandert sind. Sie wurden in Jahrmarkt sesshaft und betrieben Landwirtschaft. Sie hatten eine Tochter, die Margaret, und weil es extrem schwere Zeiten waren, haben sie beschlossen, den Versuch zu wagen, ihr auf der anderen Seite des Ozeans ein besseres Leben zu ermöglichen.“ Die Margaret hot in ehrer nei Heimat e gewisse Fisler gheirat – merr muss sich beim Lese vun dem Artikel schun einiges zammreime -, un e Mädche uf die Welt gebrung, des wu Dulce getaaft is wor un (laut Artikel) bis heit e Fisler geblieb is. Dulce Fisler hot drei Seehn: Marcelo, Mauricio un Christofor. (Forrwas de Marcelo sich jetz awwer Zwecker schreibt, waaß ich net. Vleicht hot er de Nome vun seiner Fraa ongholl odder sei Vatter haaßt aah so.) Zum Schluss erfahrt de Leser noch, dass Margaret Fisler im Johr 2003 gstorb is, „ohne ihre Heimat wiedergesehen zu haben“

Des is doch e scheene Artikel forr uns Johrmarker, aah wann dem rumänische Zeidungsmann des oone odder annre ausʼm Rudder gelaaf is. Ich moon, des mit der Einwanderung uf Johrmark noo em Eerschte Weltkriech muss merr nemmi kommenteere. Ich hun liewer mol im Johrmarker Ortssippebuch nohgschaut.

Un des hun ich funn: R308 - Retter Johann, * Jm. 13.04.1888 (Paul R. u. Anna Bäumchen) HNr. 661, > R294 < Jm. 24.11.1921 Krämer Susanna, *Jm. 16.01.1895 (Tv. Kristof K. u. Elisabeth Kräuter) HNr. 756, > K1475< // Kind in Jm. geb. Margareta, *10.04.1922.

Aus dee Daten kann merr schun e paar Schlüsse ziehe. Als Eerschtes kann merr soon, dass die Familie forr die, soon merr mol, Johrmarker Nohkriegsgeneration – un dabei denk ich an de Zwatte Weltkriech – unbekannt war. Obʼs noch sporadische Kontakte zu Verwandte im Dorf gewwe hot, kännt merr norr rausfinne, wann merr noch weitlaafiche Freindsleit frooe kännt. Um die ausfinnich zu mache, misst merr sich im Ortssippebuch vun Johrmark weider dorcharwete. De Retter Johann hat nämlich noch sechs Gschwister ghat. Er war es jingste Kind. Sei ältsti Schwester war 18 Johr älter wie er un is 1943 in Johrmark gstorb. Alle annre sin net alt wor. Un vun der Seit hat es Margareta eigentlich norr oone Kusin ghat. Des war de Reck Michael. Awwer dem sei Spur vleert sich aah noh seiner Hochzet im Johr 1902 mit der Jung Johanna. Des haaßt de facto, dass es Margaret Retter Fisler vun seiner Vatterseit so gut wie sicher ka Verbindung meh noh Johrmark ghat hatt.

Un wie schautʼs mit der anner Seit aus? Schun etwas besser. Krämer Susanna, in Johrmark wahrscheinlich es Krämer Susje, war‘s siwete Kind vun nein in seiner Familie. Finef vun dee hunʼs heiratsfähiche Alter erreicht. Wieʼs Margareta, in Johrmark war des es Margretche, im Johr 1922 uf die Welt kumm is, hatʼs finef Kusincher un Kusine ghat. Merr sollʼs jo net moone, awwer es is so, dass aah vun der Linie noh meiner Recherche wahrscheinlich norr meh wenich Persone lewe. Ich hun in der Linie es  Inge Krämer, gebor 1977 uf‘m Iwerland, funn. Wieʼs heit haaßt, waaß ich net, un obʼs Familie un Kinn hot aah net. Die wäre noo die letzte lebende Verwandte vun de Familien Zwecker un Fisler aus Sao Paulo. Es kännt aah sein, dass em Inge sei Eltre noch lewe: de Krämer Josef, 1936 in Johrmark gebor, un sei Fraa Anna, e geborni Kästner, aus Eichenthal im Banater Bergland. Awwer Genaues hun ich im Ortssippebuch net rausfinne känne. 

Wann merr sich des jetz so dorch de Kopp gehn losst, noo muss merr schun zugewwe, dass des ganz scheen wenich is, was do vun ooner Johrmarker Verwandtschaft iwrich geblieb is. Erkläre losst sich des mit der am Onfang vum 20. Johrhunnert noch ziemlich groß Kinnersterblichkeit, mit de Folgen vun zwaa Weltkrieche un der oon odder anner Heirat in annre Ortschafte. Des kann merr alles scheen zammstelle, wann merr sich die Zeit hollt un im Johrmarker Ortssippenbuch Schritt forr Schritt die dort in Zahle festghallne Schicksale verfollicht.

Un dabei werd merr aah net verläugne känne, dass es forr die Generation vun de Engelskinn gar net so leicht is, noh ehre Vorfahre in alte odder neie Archive (Ortssippenbicher) zu suche. Merr muss do schun e Portion Neigeer un vill, vill Geduld mitbringe. Awwer wann merr dabei aah noch mit der richtich Portion Fantasie ausgstatt is, noo kann so e Nohforsche spannend wie e gut gschriebne Roman sein. Wichtich is, dass merʼs Nohsuche net zu lang verschiebt, sunst gerotʼs schnell wedder in Vergessenheit.

Anton Potche

Montag, 4. Mai 2020

Seppi und Peppi unterhalten sich über Coronaschäden

Seppi und Peppi sitzen im Park auf einer Bank … 1,5 m Abstand voneinander.

- Mir ist meine Gesundheit lieber als ʼne Maske.
- Spinnst du jetzt? Das ist Gesetz.
- Vom Söder.
- Von der bayerischen Regierung.
- Damit ich gesund bleibe?
- Nein, vor allem damit die anderen gesund bleiben. Schon mal was gehört von Solidarität?
- Aha, sterben fürs Vaterland. Ja, könnte passen.
- Ja, sagʼ mal. Was ist denn los mit dir?
- Ich wärʼ fast verreckt beim Einkaufen. Habʼ plötzlich keine Luft mehr bekommen. Und nichts mehr gesehen wegen der angelaufenen Brille. Hast du dir die Leute schon mal angeschaut? Die haben plötzlich alle so schöne rote Backen.
- Meinst du wegen Corona?
- Schmarrn, weil sie keine Luft kriegen unter diesen Söderfetzen.
- Aber das machen doch jetzt alle.
- Weil Corona alle verrückt macht. Besonders die Alten.
- Wegen den Masken meinst du?
- Nicht nur. Auch weil alles zu ist. Sogar die Banken.
- Brauchst du Geld? Es gibt doch die Automaten.
- Ich nicht, aber mein Nachbar. Der nimmt sein Geld immer an der Kasse.
- Hat er keine Girokarte?
- Doch, aber er hat keine Geheimzahl mehr und ist mit dem Geldautomaten sowieso überfordert.
- Ist er krank?
- Nein, aber alt.
- Wie alt?
- 95.
- Und hat er jetzt kein Geld zum Leben?
- Doch, wahrscheinlich mehr als wir zwei zusammen.
- Wo liegt dann das Problem?
- Er befürchtet, dass sein Geld jetzt verloren ist, wenn er es nicht wie schon immer zum Monatsbeginn an der Kasse der Sparkassenfiliale abhebt und zu Hause in einer Schublade deponiert.
- Musst ihm halt erklären, wie das mit einem Girokonto funktioniert.
- Hab ich ja, aber er kapiert es nicht. Er stammt aus Osteuropa und kennt es nicht anders. Früher: Lohn in der Tüte. Und jetzt: Sich die Rente an der Kasse auszahlen lassen. Er glaubt sogar, dass er seine Rente von der Sparkasse bekommt.
- Und jetzt? Hat er Angst um seine monatlichen Einkommen?
- Und wie!
- Der Arme!
- Ich habʼs dann mit dem Schubladenprinzip probiert.
- ??
- Ja, ich habʼ ihm erzählt, dass jeder Kunde der Sparkasse dort in einem ganz großen Seif im Keller eine Schublade hat, wo sein Geld reinkommt, und das dort für ihn aufbewahrt wird, bis die Bank für ihre Kunden wieder öffnet. Also brauch er sich keine Sorgen machen. Auch sein Geld liegt dort in einer Schublade mit seinem Namen, genauso wie zu Hause.
- Hm! Und hat er das kapiert?
- Keine Ahnung! Ein bisschen komisch hat er schon geschaut.
- Sollten wir vielleicht …
- Ja, ich habe zwei Flachmänner dabei.

Was ist denn das für ein Frühlingswetter? Corona scheint alles auszutrocknen. Wirklich alles.

Donnerstag, 30. April 2020

April 2020 – Giarmata in den Medien

Spenden aus Giarmata
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 02.04.2020
Der Gemeinderat hat in seiner Sitzung vom 31. März beschlossen an die Temeswarer Klinik Dr. Victor Babeș 20.000 Lei und an das Institut für Herzerkrankungen im Jagdwald 15.000 Lei als Spenden zu überweisen. Damit soll die Anschaffung von medizinischem Gerät und Desinfektionsmittel unterstützt werden.
+ + + Hut ab! + + +

3. Militärordonanz in Kraft 
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt, 03.04.2020 
Das Rathaus gibt durch Aushang bekannt, wie die Bürger sich in Sterbefällen und Eheschließungen zu verhalten haben. Die detailiert geschilderten Vorgehensweisen sind im Notstandsdekret des Staatspräsidenten und in der 3. Militärordonanz verankert.

Keine an Covid-19 erkrankte Personen in Ingolstadt 
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt 06.04.2020 
40 Minuten dauerte der Kontakt des Bürgermeisters Virgil Bunescu auf Facebook mit den interessierten Bürgern von Giarmata. Auch Vizebürgermeister Claudiu Mihălceanu war mit von der Partie und schaltete sich aktiv in die Diskussion ein. Hauptthema war natürlich die Coronakrise. In Giarmata sind drei Personen in Quarantäne. Erkrankte sind keine zu verzeichnen. Trotzdem werden die Vorsichtsmaßnahmen verstärkt. Der Publikumsverkehr im Rathaus wird über einen Schalter (Fenster) im Hof des Rathauses abgewickelt. Die Bürger werden ersucht, soweit wie möglich die Kommunikation mit den Behörden über Internet und Telefon zu führen. Die Freiwillige Feuerwehr wird die Straßen, Kinderspielplätze, Bushaltestellen und Stiegenhäuser in den Wohnblocks desinfizieren. 
Zu allem Unglück sind auch noch zwei Hausbrände in Cerneteaz ausgebrochen. 
In dem Dorf wurden auch Baugeräte und eine Kuh gestohlen. 
Das Tragen von Schutzmasken wird nicht angeordnet – in Rumänien hat das Militär die Kontrolle über die Anticoronamaßnahmen übernommen - , aber vom Bürgermeiser empfohlen.


Verkehrsstrafen
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt, 09.04.2020
Es ist in Rumänien guter Brauch, dass die Regierung mit Eilverordnungen (ordonanțe de urgență) regiert. Daher wundert es niemand mehr, dass fast täglich neue Verordnungen erlassen werden. (Das nimmt jetzt in der Coronazeit durch Militärverordnungen noch stärkere Ausmaße an.) Auf jeden Fall müssen (oder müssten) die Gemeinden ihre Bürger über all diese Maßnahmen per Aushang und andere Kommunikationsmittel informieren. Die Giarmataer Behörden geben sich da ziemlich staatstreu. So verkündeten sie ihren Gemeindemitgliedern am 9. April, dass laut der Eilverordnung Nr. 34 vom 26. März 2020 (Regierungsverordnung) die Strafgelder für die Nichteinhaltung der durch die Militärverordnungen eingeführten Straßenverkehrsrestriktionen nicht den Gemeinden zugutekommen, sondern dem Staat.
+ + + Tja, wer verordnet, darf auch kassieren. Denn Militär und Staat sind sich dort aus kommunistischen Zeiten noch viel näher, als man es im Westen kennt. + + + 

Desinfektionsmaßnahmen
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 09.04.2020
In Giarmata und Cerneteaz hat man mit umfangreichen Desinfektionsmaßnahmen begonnen. Bespritzt werden die „Staatsinstitutionen, die Treppenhäuser in den Wohnblocks, die Kinderspielplätze, die nähere Umgebung der Geschäfte und Apotheken sowie anderer stark frequentierter Plätze“, heißt es in dem Artikel.
+ + + In Deutschland hält man nicht viel von solchen Maßnahmen. + + + 

Geschenke für den Staat
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt, 10.04.2020
Für Montag den 11. April ist eine Gemeinderatssitzung anberaumt. Fünf Tagesordnungspunkte stehen auf der Einladung. Bei Punkt 1 und 2 soll über die Schenkung (donație) von zwei Grundstücken an die Gemeinde verhandelt werden. (Die Gemeinde soll dann in einem weiteren Verfahren die Flächen dem Kreis Temesch zur Verfügung stellen.) Es handelt sich in den zwei Fällen um 427 m² und 513 m², die zum Bau eines Kreisverkehrs an der Kreisstraße DJ 691 benötigt werden. Die Spender der 427 m² sind Chirea Gheorghe und Chirea Rodica. Die andere Fläche wird von der Firma SC LEONARD COLLECTION SRL zur Verfügung freigegeben. In den Schenkungsverträgen wird der Gemeinde / dem Kreis zur Auflage gemacht, den Kreisverkehr innerhalb von 24 Monaten mit jeweils einem Zugang zu den zwei Grundstücken zu bauen.
+ + +  Ich habe nochmal im Wörterbuch nachgeschaut. „Donație“ heißt wirklich „Schenkung“ und nicht „Verkauf“ oder „Enteignung“. + + +

Saisonarbeiter
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters,  Giarmata / Jahrmarkt –14.04.2020
Bürgermeister Virgil Bunescu hat zurzeit keine Information, dass es in Giarmata Personen gibt, die sich im Ausland als Saisonarbeiter verdingen wollen. Sollte das trotzdem jemand machen wollen, möge er sich doch bitte an die gesetzlichen Vorgaben in dem entsprechenden Land halten.

Der Bürgermeister ruft zu Disziplin in der Pandemie auf
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 14.04.2020
Die Site veröffentlicht einen Aufruf des Giarmataer Bürgermeisters Virgil Bunescu an seine Mitbewohner. Darin heißt es unter anderem: „Wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Die Infektionen werden sich in den kommenden Tagen häufen. [...] Wir haben zurzeit im Gemeindegebiet keine Isolations- und Infektionsfälle. Das darf uns aber nicht unvorsichtig werden lassen.“

Gemeindegebühren
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 16.04.2020
Ab sofort können die Bürger der Gemeinde Giarmata ihre anfallenden Gebühren online an die Gemeinde übermitteln.
+ + + Das sei doch mal etwas Positives in der Pandemiezeit, meint der Verfasser des Artikels im OBSERVATOR DE TIMIȘ. + + +

Masken
aus ObservatorDeTimiș.ro, Timișoara, 23.04.2020
Die Gemeinde hat 10.000 Atemschutzmasken bestellt, die an die Bevölkerung verteilt werden soll.
+ + + Auch die rumänische Regierung hat Maskenpflicht in einigen öffentlichen Räumen verordnet. + + +

Gemeinderatssitzung am 30. April 2020
aus PrimăriaGiarmata.ro, Giarmata / Jahrmarkt – 24.04.2020
Für den letzten Apriltag wird der Gemeinderat für 16 Uhr einberufen. Auf der Tagesordnung stehen 7 Punkte. Bei Nr. 5 soll eine Beschlussvorlage diskutiert werden, die besagt, dass an dem Haus in der Strada Nouă (Neugasse) Nr. 64, Eigentum des Șandru Grigore, ein großer Brandschaden entstanden ist und dafür eine finanzielle Soforthilfe von der Gemeinde zur Verfügung gestellt werden soll. In der Beschlussvorlage wird die Summe von 14.316, 39 Lei genannt. Das am 23. Mai ausgebrochene Feuer - durch „offenes Feuer in geschlossenen Räumen“ (foc deschis în spații deschise) – hat das Gebäude zu 70 – 80 Prozent zerstört.
+ + + Uff, mei Elternhaus hot die Nummer 65. Asso muss es sich beim abgebrennte Haus ums „Draxlerschhaus“ handle – wann die Hausnummre noch die gleiche wie in de 1980er Johre sin.+ + +

Corona & Dürre
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast des Bürgermeisters, Giarmata / Jahrmarkt –28.04.2020
Bürgermeister Virgil Bunescu hat sich wieder 45 Minuten lang zum Internet-Talk mit den interessierten Bürgern Giarmatas getroffen. Dabei wurden unter anderen auch folgende Informationen vermittelt:
- Sieben Personen sind in Giarmata wegen dem Coronavirus in häuslicher Isolation. Vier Bewohner der Gemeinde sind in anderen Ortschaften in Quarantäne.
- Giarmata wird Maßnahmen ergreifen, um den Unterrichtsbeginn für Schüler der 8. & 12. Klassen (Abschlussprüfungen) am 1. Juni zu gewährleisten.
- Es deutet sich eine „dramatische Dürre“ in Rumänien an. Die Regierung versucht jetzt schon gegenzusteuern. Auch Landwirte aus Giarmata können ab sofort Unterstützung beim Staat beantragen.
- Giarmata hat eine „große Gruppe von Roma oder Zigeunern“. Die Gemeinde versucht sie zu unterstützen, wo es notwendig zu sein scheint. Bisher gab es aber „keine großen Probleme“.
- Der Bürgermeister hofft, bis im Herbst eine Hausmüllsammelstelle in der Gemeinde einzurichten – auch für Gartenabfälle.
- Es wurde in der Gemeinde Kritik laut, weil man der orthodoxen Kirche finanzielle Mittel für Renovierungsarbeiten genehmigt hat. Es hätte für dieses Geld „bessere Verwendungen“ gegeben.

Flächenproblem gfelöst
aus ZiuaDeVest.ro, Timişoara / Temeswar; 30.04.2020
Die Gemeinde Giarmata wird der Kreisverwaltung die zum Bau eines zweiten Kreisverkehrs benötigten Flächen an der bald auf vier Spuren ausgebauten Kreisstraße DJ 691 zur Verfügung stellen. Dieser neu in die Planung aufgenommene Kreisverkehr geht auf eine Initiative des Giarmataer Gemeinderats zurück.
+ + + Den Pkw-Fahrern aus der Gemeinde soll so eine günstigere Auffahrt auf die Kreisstraße, die Timișoara mit der Autobahn A1 verbindet gewährleistet werden. + + +

Flächenproblem gfelöst
aus ZiuaDeVest.ro, Timişoara / Temeswar; 30.04.2020
Die Gemeinde Giarmata wird der Kreisverwaltung die zum Bau eines zweiten Kreisverkehrs benötigten Flächen an der bald auf vier Spuren ausgebauten Kreisstraße DJ 691 zur Verfügung stellen. Dieser neu in die Planung aufgenommene Verkehrskreisel geht auf eine Initiative des Giarmataer Gemeinderats zurück.
+ + + Den Pkw-Fahrern aus der Gemeinde soll so eine günstigere Auffahrt auf die Kreisstraße, die Timișoara mit der Autobahn A1 verbindet gewährleistet werden. + + +

Sitzung des Gemeinderats
aus PrimăriaGiarmata.ro, Podcast der Gemeinde, Giarmata / Jahrmarkt –  30.04.2020
Rund 100 Minuten lang haben die Giarmataer Gemeinderäte diskutiert und nicht wenig gestritten – in einer Telekonferenz. Die Finanzhilfe für Herrn Șandru Grigore wurde einstimmig genähmigt.
+ + + Wer mehr wissen will, kann sich die Sitzung hier ansehen: https://www.facebook.com/Primaria-Comunei-Giarmata-826621574375152/?hc_ref=ARSTUX-2m5FDTubf5wAsZ8ckgukpZ8WPJda-Mk1mVFfzI6eJ1osIEm_qWFRxpidmrZU&ref=nf_target&__tn__=kC-R . Dabei kann er sogar den nackten Oberkörper eines Gemeinderats bewundern. Der gute Mann hatte sich aus der Konferenz kurz verabschiedet, um sich zu rasieren. Aber ohne beim Verlassen seines Platzes vor dem Computer das Gerät auszuschalten. + + +

Viele Lobesworte
aus FOAIA de GIARMATA, Timişoara / Temeswar; April 2020  
8. März-Ball in Giarmata
Foto: FOAIA de GIARMATA
Der Journalist Gheorghe Miron hat fünf Giarmataer Frauen zum 8. März-Ball in der Sporthalle der Gemeinde befragt. Allen hat es sehr gut gefallen, und sie sind sich einig, dass sie diese und andere ähnliche Veranstaltungen in der Gemeinde Bürgermeister Virgil Bunescu zu verdanken haben. 
+ + +  Des Bild erinnert mich ans letzte Johrgangstreffe vun de Johrmarker 53er. Dort hun die Weiwer aah all so gut ausgschaut. Un mer Männer … na ja. + + +

Montag, 20. April 2020

Den Faden nicht verlieren


Heidrun Hamersky, Ilse Hehn, Wolfgang Schlott (Hg.): „Die Sehnsucht, die ist mir so leicht“ - Schreiben im Exil; POP-Verlag, Ludwigsburg, 2016; 282 Seiten; ISBN 978-3-86356-131-4; 19,90 € [D], 20,50 € [A]

„Wie ein entfesselter Strom ergießt sich seit einigen Jahren ein Chaos von Büchern über die Köpfe der erschrockenen, verschüchterten, hilflosen Zeitgenossen. Es wimmelt von neuen Namen und geschraubten Titeln.“ Das ist kein Zitat aus einem Feuilleton von heute oder gestern. Es ist gut 104 Jahre alt und entstammt einer Nummer der Wiener Zeitschrift DIE FACKEL. Aktuell ist es aber nach wie vor. Und es schreckt Gerneleser auch heute nicht ab, sich immer wieder in dieses „Chaos von Büchern“ zu stürzen. Ob mit oder ohne geistigen Gewinn ist sowohl „von [den] neuen Namen und geschraubten Titeln“ als auch von jedem Leser selber abhängig.

Mein kleines, aber langsam unüberschaubar werdendes Bücherchaos hat kürzlich eine Bereicherung erfahren. Die Sehnsucht, die ist mir so leicht – Schreiben im Exil heißt die Anthologie, die jetzt, nachdem ich sie gelesen habe, irgendwo in diesem Chaos verschwinden wird – doch ohne aus mir einen „erschrockenen, verschüchterten, hilflosen Zeitgenossen“ zu machen. Und auch nicht, um auf (meine) Lebzeiten dort zu verschwinden. Das Haus verliert nichts, weiß der Volksmund. Und ein nicht verlorenes Buch behält die Chance, irgendwann mal wieder in die Hand genommen zu werden. Das gilt verstärkt für Anthologien, die sich doch so schön zum Schmökern eignen.

Dass an dem Titel und besonders dem Nomen „Exil“ herumgeschraubt wurde, war mir schon klar, als ich das Inhaltsverzeichnis überflog und unter den vielen neuen Namen auch altbekannte antraf. Und die alle sollen Exilanten sein, also von den Umständen gezwungen hier in Deutschland leben und sich literarisch betätigen?

Exil, lehrt mich der Duden, kommt von dem lateinischen exilium. Ex(s)ul heißt „in der Fremde weilend, verbannt; Verbannter“. Und wahrlich, man findet in dieser Anthologie Namen wie Shahla Aghapour aus Teheren, Ali Akondoh aus Togo, Karel Kukal-Beyeler (1927 – 2016) aus der Tschechoslowakei oder Helîm Yûsiv aus Syrien. Dazu kommen noch Autoren aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, Polen und dem Balkan, die den Status eines Exilanten für sich in Anspruch nehmen. Sie alle sind Mitglieder im „Exil-P.E.N. deutschsprachiger Länder“. (Gemeint sind Autoren, die in deutschsprachigen Ländern im Exil leben.) Und sie alle, darf man annehmen, wurden in ihren Ländern verfolgt oder gar von dort „verbannt“. Sie „weilen“ also „in der Fremde“ wie weiland der große Römer Ovid.

Aber die vielen Rumäniendeutschen oder deutsch schreibende Rumänen, die diese Anthologie bevölkern? Von 50 Autoren dieses Buches kommen immerhin 18 aus Rumänien. Wie viele von ihnen „verbannt“ wurden und jetzt mit gebrochenem Herzen in Deutschland leben müssen (natürlich sehnsüchtig einer Rückkehr in die geliebte Heimat harrend) oder wie viele ihren Obolus entrichtet haben, um in das ökonomisch prosperierende Deutschland zu gelangen, ist den Kurzvitas nicht zu entnehmen. Unangefochten muss angesichts dieser offenen Fragen aber bleiben, dass ein Mitglied eines Exilvereins sich wahrscheinlich auch als Exilant fühlen wird. Also tut man als Leser gut daran, die hier versammelten Autoren auch als solche zu betrachten, sonst könnte man versucht sein, sich Zweifel ob des wahren Status des ein oder anderen Exil-P.E.N.-Literaten hinzugeben.

Also lassen wir stellvertretend einige Texte sprechen. Lyrik, Prosa und Schwarzweißreproduktionen von gemalten Bildern, für die Shahla Agapour und Ilse Hehn signiert haben, füllen diese Blumenlese.

Die Autorinnen und Autoren gewähren uns Einblick in ihr Seelenleben (besonders in den Gedichten), in ihre alte Heimat und in ihre Anpassungsmühen im „Exil“. Ab und zu wird man beim Lesen auch an selbst Erlebtes erinnert. Hans Bergels Sage Die drei Tode des Prinzen führte mir den Busfahrer in den Ostkarpaten vor Augen, der den Touristen ähnliche Geschichten erzählte. Lang, lang istʼs her.

Henrike Brădiceanu-Persem schreibt über Die nackte Angst. Traum und Wahn, das ist keine gute Symbiose. Wolfgang Davids Reisereportage Malta-Erfahrungen endet eigentlich zurück in Berlin und der Autor bekommt auf seine Frage, ob der Bus an einer gewissen Straße halte, die Antwort: „Wieso? Seh ick so aus?“

Dagmar Dusils Prager Variationen sind Liebeserklärungen an „Stein gewordene Erinnerungen“. Muss man vertrieben, verschleppt oder gar Abkömmling von Ermordeten sein, um einen Ort als Tourist so intensiv erleben zu können? Anscheinend ja. Ich bemühe mich auch immer um Empathie für meine (freiwillig!) verlassene Heimat. Aber irgendwie will es mir nicht so richtig gelingen.

Das kafkaeske Element wird nie mehr aus der Literatur verschwinden. Vadim Fadins Geschichte mit glücklichem Ende ist so ein Beweis dafür. Skurril, grotesk. Von Ilse Tschörtner stammt die Übersetzung dieses Textes aus dem Russischen.

Steliana Huhulescu hat einen Brief an Adrian verfasst. So sehen Rechtfertigungsschriften aus. Die Form, hier ein Brief, ist unerheblich. Ihre Inhalte transportieren in der Regel Hilflosigkeit.

Einen Auszug aus einer umfangreicheren Erzählung mit dem Titel Sehnsuchtsstreifen hat Katharina Kilzer zu dieser Anthologie beigesteuert. Eine Fluchtgeschichte, deren Ausgang wir hier nicht erfahren. Sie spielt an der rumänisch-jugoslawischen Grenze. Besonders Banater Schwaben werden ihr viel abgewinnen können. So oder so ähnlich haben es viele von ihnen selbst erlebt.

Und so arbeitet man sich von Prosastück zu Prosastück und von Gedicht zu Gedicht vorwärts. Eine interessante Idee, einige der Gedichte in Originalschrift (arabisch, kyrillisch) abzudrucken und seitenparallel die deutsche Übersetzung. Poesie kann auch etwas für das Auge sein.

Diese Blumenlese ähnelt doch sehr der Zeitschrift MATRIX, die auch vom POP-Verlag in Ludwigsburg herausgebracht wird. Die Unterbringung von so vielen Autoren, war eigentlich nur möglich, weil man keine langen Texte aufgenommen hat. Für viele Leser gilt sowieso: In der Kürze liegt die Würze. Du kannst beim Lesen kaum den Faden verlieren.

Anton Potche