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Sonntag, 12. Juli 2026

Eine bekannte Landsmännin bei den Deutschen Literaturtagen in Reschitza

 
Wenn von Kultur- und besonders Literaturveranstaltungen die Rede ist, fällt oft der Name Katharina Kilzer, die nach Jahrmarkter Brauch den Spitznahmen Bernads Kathi trägt – was aber meistens nur Exjahrmarkter, also ausgewanderte Banater Schwaben aus Jahrmarkt wissen. Am vergangenen Mittwoch gab es wieder eine Gelegenheit, in der deutschen Sendung von Radio Timișoara / Temeswar der bekannten „Vorlesestimme“ von Katharina Kilzer zu lauschen.

Mittwochs ist diese einstündige deutsche Sendung von Temeswar in der Regel kulturellen Themen vorenthalten. Das heißt für mich oft, dem runden Assistanten an unserer Küchenwand um 19:00 Uhr MEZ den Befehl zu geben „Hey Google … Radio Timișoara”. So auch vorige Woche am 8. Juli. Zehn Minuten nach Sendebeginn hieß es Kulturspiegel. „Die 36. Auflage der Deutschen Literaturtage in Reschitza fand im Zeitraum 26. - 29. März in der deutschen Bibliothek „Alexander Dietz“ statt. […] In den nächsten Wochen empfangen Sie mittwochs Auszüge aus den Lesungen und Buchpräsentationen innerhalb dieser 36. Auflage. Zum Auftakt der Veranstaltung wurde das Zeitzeugenbuch Die Banater Deutschen und ihre Geschichten vorgestellt, mit Beiträgen von Katharina Kilzer und Smaranda Vultur. Hier die Aufzeichnung der Präsentation von Journalistin, Übersetzerin und Herausgeberin Katharina Kilzer.“ ... Soweit die Redakteurin Hannelore Neurohr.

Was folgte, war ein interessanter Vortrag inklusive Lesung von Katharina Kilzer, die zuerst ihre Freude über die Teilnahme bei diesen Literaturtagen bekundete, indem sie wörtlich sagte: „Ich freu’ mich, dass ich wie jedes Jahr immer nach Reschitza kommen darf, es ist sehr schön hier und ich genieße das. Wir kommen aus Temeswar.“ Die mittlerweile im rumänischen und deutschen Literaturbetrieb bekannte Literaturaktivistin schilderte zuerst die Entstehung dieses Buches und las anschließend einen Text daraus vor. In dem Buch kommt auch der schon verstorbene Banater Bischof Sebastian Kräuter vor. Katharina Kilzer erinnert sich noch an ihn mit den Worten: „Einer der wichtigsten Zeitzeugen ist Sebastian Kräuter aus Nitzkydorf. Er war der erste Bischof 1990 und er erzählt auf mehr als 40 Seiten aus seinem Leben. Auch sehr interessant. Sebatian Kräuter war 45 Jahre lang Pfarrer in meinem Heimatdorf, in Jahrmarkt, wo ich geboren bin, also ich kenne ihn von klein auf als Kind und habe ihn in den Religionsstunden erlebt. Er war ein sehr Gebildeter, er hatte die größte Bibliothek des Dorfes und wenn wir etwas lesen wollten, gingen wir als Schüler zu ihm und durften uns immer in einem großen Buch eintragen und die Bücher ausleihen. Also ich hab’ auch einige persönliche Erinnerungen an ihn.“

Ja wann ich des gewisst hätt … Ich moon des mit de Bicher … Awwer ob der gut Mann aah Karl-May-Bicher ghat hat? … Jetz hun se sei Pharrhaus sowieso abgeriss – mit odder oone de Karl May.

In dieser Sendung kam auch der bekannte Kolumnist der ALLGEMEINE DEUTSCHEN ZEITUNG FÜR RUMÄNIEN, Werner Kremm, zu Wort. Er stammt aus Großsanktnikolaus und lebt noch heute dort – ja sogar in seinem Geburtshaus. Er hat zusammen mit Dietlinde Huhn und Anton Sterbling das Buch Großsanktnikolaus – Stadt- und Kirchengeschichte verfasst und voriges Jahr im Temeswarer Cosmopolitan Verlag veröffentlicht. Kremm ist nicht nur ein guter Schriftsteller und Zeitungsredakteur sondern auch ein guter Erzähler. Dem entsprechend wurde auch seine Vorstellung des Buches mit spürbarem Interesse von den Teilnehmern der deutschen Reschitzaer Literaturtage verfolgt.

Heute und morgen ist die Sendung noch über den Podcast https://www.funkforum.net/audio/deutsch/?titel=3 empfangbar. Wer sich die Mühe zum Zuhören macht, wird wie ich kaum von der Sendung enttäuscht sein und auch in den folgenden Mittwochsausgaben der deutschen Sendung von Radio Temeswar zuhören. Das geht mit der obigen www-Adresse auch am PC und nicht unbedingt über so Hörspielzeuge wie ein Google-Asistant.

Deutsche Literaturtage in Reschitza
v.l.: Katharina Kilzer, Christina Arnold,
Heinrich Eckehard Höchstmann,
Horst Samson

Screenshot: Anton Potche
Mittlerweile kann man die bisher letzten deutschen Literaturtage von Reschitza auch auf Facebook anschauen. Wer Interesse an dieser Veranstaltung hat, sollte genügend Zeit mitbringen, um je weniger von den Vorträgen zu verpassen. Hier sind sie: https://www.facebook.com/Demokratisches.Forum.der.Banater.Berglanddeutschen/?ref=aymt_homepage_panel .
Anton Potche

Montag, 8. Juni 2026

Es Bernads Kathi im Interview

 
An Phingste hadde die Banader Schwowe wedder in Ulm ehre Treffe. Heimattage nenne se des un halle ’s e jeds zwattes Johr ab. Des war desjohr aah so. Un weil ’s unner de Landsleit aus ’m Banat aah Leit gebt, die wu sich mit Literatur auskenne, gebt ’s seit paar Johr uf dem Treffe e Lesung. So aah desmol. Die Idee un aah die Organisation forr die Bicherpräsentation stammt vum Bernads Kathi, e Journalistin un Publizistin aus Johrmark. Na gut, des klingt jetz e bissje iwerholl, weil ’s Kathi wie alle onstänniche Johrmarker schun lang nemmi in Johrmark lebt.

Uf so ’re Literaturveranstaltung kann merr aah gude Interviews mache. Un des hun zwaa Deitschi-Sendung-Redakteere vun Radio Timișoara in Ulm aah gemach. Odder war ’s norr ooner? Sicher is, dass schun vier Täch noh dem Treffe in Ulm (23. & 24. Mai) de Radio aus Temeswar in seiner deitsch Sendung glei zwaa Interviews mi ’m Bernads Kathi ausgstrahlt hot.

Es eerscht hot de Adi Ardelean sei Fragen gstellt. Awwer net norr em Kathi, sondern aah noch annre Protagoniste, wie des uf Hochdeitsch haaßt, die wu halt aah an der Lesung mitgemach hun. Awwer die will ich jetz net verrode. Wer ’s wisse will soll sich die BANATER POST, e Halbmonatszeidung aus München, kaafe. Dort steht des bestimmt alles ausführlich drin.

Noo hot ’s noch e zwattes Interview mi ’m Bernads Kathi gewwe. Awwer ob des aah beim Treffe in Ulm vum Daniel Spătaru, so wie ’s in der Ankündigung haaßt, ufgholl is wor, odder ob ’s vleicht aus ’re schun etwas ältrer Sendung dazugschniet is, waaß ich net. Awwer als Radioheerer därf merr schun aah sei Zweiwel hun. Uf jede Fall war des, was es Bernads Kathi em Temeswarer Journalist verzählt hot sehr intressant. Norr dass es sich net um die Bicher aus der Lesung ghandelt hot, sondern meh um die Zeitgeschichte vun de Banader Schwowe ... un vun der literarisch Aufarbeitung vum Faschismus un Kommunismus in Deitschland un in Rumänien.

Wie aah immer, so Sendunge im Radio sin sehr lehrreich. Schad is awwer, dass die deitsche Sendunge vun Radio Timișoara norr acht Täch abrufbar sin. Un zwar do: https://www.funkforum.net/audio/deutsch/
Berns Toni

Sonntag, 26. April 2026

Das Tagebuch

 - Erzählung -

I


Jonathan kannte Dr. Szekely schon seit seiner Abgeordnetenzeit in Straßburg. Der weißhaarige Allgemeinmediziner galt bei vielen Mitarbeitern des Europäischen Parlaments als die Graue Eminenz in Gesundheitsfragen. Er wurde von vielen Abgeordneten als Blitzableiter für Probleme jeglicher Art geschätzt. Seine Ruhe und Zuversicht ausstrahlende Art bewog besonders junge, ehrgeizige und stressgeplagte Frauen und Männer, ihn in seiner Praxis im letzten Obergeschoss des imposanten Parlamentsgebäudes aufzusuchen.

Jonathan hatte sich wieder mal von Dr. Szekely untersuchen lassen; eine ganz normale Vorsorgeuntersuchung, wie er sie regelmäßig durchführen ließ. Doch heute war damit fast eine Stunde vergangen. Das war mehr als sonst.

Der nur vom Äußeren her greise Doktor strahlte stets gute Laune aus. Die graphischen Aufzeichnungen von Jonathans Herzaktionsströmungen hatten ihm eine launige, auf Liebe anspielende Bemerkung entlockt. Auch das Resultat der Elektroenzephalographie hatte ihn veranlasst, über Hirngespinste zu witzeln.

Als Jonathan sich dann einer Kernspintomographie unterziehen musste, dachte er sich noch, von der Laune des Arztes angesteckt, der Alte wolle ihn wohl in Atome zerlegen. Dr. Szekely war dann aber beim Prüfen seines Blutbildes ernst und ernster geworden.

Jetzt saß der junge Parlamentarier im tiefen Ledersessel vor dem Schreibtisch des Doktors und wartete gespannt auf die Diagnose. Eine leise Vorahnung sagte ihm, dass es diesmal nicht mit ein paar Tabletten und dem üblichen, zur Mäßigung mahnenden erhobenen Zeigefinger ausgehen würde.


Der Arzt hatte schon vor der Untersuchung ungewöhnlich viele Fragen gestellt. Hatte er einen Verdacht? In den letzten Wochen ging es ihm, Jonathan, nicht besonders gut. Er war oft müde, unkonzentriert, lustlos und manchmal sogar tiefsinnig, obwohl es kaum einen Anlass dazu gab.

Dr. Szekely sagte lange nichts. Dann drehte er sich plötzlich auf seinem Bürostuhl und tat, was Jonathan bei ihm noch nie gesehen hatte. Er griff ins Bücherregal und entnahm ihm ein in abgegriffenes Leder gebundenes Buch. Sehr konzentriert, so als ob er Jonathans Anwesenheit längst vergessen hätte, blätterte er darin. Es verging mindestens eine Viertelstunde, ehe er seine Brille abnahm und in die fragenden Augen des knapp dreißigjährigen Mannes schaute.

Sie leiden an chronisch myeloischer Leukämie“, beendete der Arzt die spannende Ruhe.
Was ist denn das?“
Eine Krankheit, bei der die roten Blutkörperchen von den weißen vernichtet werden. Das hört sich lebensgefährlich an, ist es beim heutigen Stand der Medizin aber nicht mehr. Ihr Gesundheitszustand selbst ist es auch gar nicht, der mir Kopfzerbrechen bereitet. Mir ist das bloß alles rätselhaft, weil es diese Krankheit seit fast 200 Jahren auf der Erde gar nicht mehr gibt. Wie kommt die jetzt plötzlich in Ihren Körper? Es scheint so, als hätte sich irgend ein hartnäckiger Erbfaktor über Jahrhunderte durch die Leiber Ihrer Vorfahren geschlichen, um jetzt bei Ihnen seine verheerende Wirkung zu beginnen. Ich hatte auch den Tomographiecomputer während der Kernspintomographie angeschlossen.
Der konnte nur mit Mühe den Krankheitsauslöser annähernd identifizieren. Eine Überdosis radioaktiver Strahlen, wahrscheinlich Caesium 137 oder Jod 131, hat den Krankheitserreger produziert.“
Da kann ich mich ja auf eine langwierige Behandlung gefasst machen“, meinte Jonathan. 
Die Antwort Dr. Szekelys ließ dem jungen Mann dann die Ernsthaftigkeit seiner Lage bewusst werden.
Die Medizin kennt kein Arzneimittel gegen diese Krankheit. Im 21. Jahrhundert sind Millionen Menschen an ihr gestorben. Man muss bei Ihnen eine totale Bluttransfusion vornehmen. Kein einziger Tropfen Blut darf in Ihrem Körper bleiben. Ich habe die Computerdaten bereits ans Hospital als Anhaltspunkte für weitere Analysen gefaxt. Das Team von Professor Concales ist eines der besten in Europa. Sie können sich natürlich auch ein anderes Krankenhaus aussuchen. Die Transfusion muss aber auf jeden Fall durchgeführt werden. Sonst haben Sie keine Chance. Ich weiß, wie hart das für Sie ist. Es würde Ihnen aber nicht dienen, wenn ich an der Wahrheit vorbeireden würde.“

II

Der glänzende Vogel kam mit Überschallgeschwindigkeit direkt aus der Sonne.
Das ist er!“
Das ist Papi!“
Die zwei Kinder hüpften vor Freude und klatschten in die Hände. Jonathan setzte seinen Jet gekonnt auf die Landebahn. Es war erst Mittwoch, aber die Parlamentarier hatten schon ihre Osterferien angetreten.

*

Die Sonne stand tief überm Horizont. Jonathan sog die reine Abendluft mit Genuss in die Lunge. Er hätte allen Grund gehabt, glücklich zu sein. Das Häuschen am Stadtrand von Ingolstadt war fertig. Vera machte einen zufriedenen Eindruck. Die Kinder mussten nichts entbehren.

Wäre da nicht diese Geschichte mit der Leukämie. Seine Frau soll, ja muss alles erfahren, und zwar sofort. Allein würde er mit dieser Last über die Ostertage nicht fertig werden.

Jonathans Stimme zitterte leicht, als er dem Geschehenen der letzten Wochen einen sprachlichen Zusammenhang gab. Es fiel ihm nicht leicht, war es doch das erste Mal, dass er seiner Frau so lange ein Problem verschwiegen hatte.

Sie saßen in ihrer eingegrünten Gartenlaube und Vera hielt seine Hand. Sie unterbrach ihn nicht, denn die Angst, die sie am Anfang seiner Worte befallen hatte, wurde von der steigenden Gewissheit abgeschwächt. Zuversicht gewann die Oberhand. Die Medizin wird schon alles richten.

*

Jonathan atmete ruhig. Es war ihm um vieles leichter. Der abgeworfene Stein hatte seine Seele befreit und seine Sinne konnten die Umwelt wieder wahrnehmen.

Der Mond war schon aufgestiegen. Hundegebell zeugte von Nachbarschaft. Ein unruhiger Stern zog am Großen Wagen vorbei.

Schau, ein Raumgleiter, dort, vor dem Großen Wagen“, riss Jonathan seine Frau aus ihren Gedanken. Vera war ihm dankbar dafür, denn ihre rege Phantasie hatte sie schon in ein großes, fremdes Hospital entführt.

III

Jonathan war schnell eingeschlafen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in gleichmäßigem Rhythmus.

Vera blickte in das ruhende Antlitz. Nur ihre Nachtlampe verbreitete spärliches Licht und verlieh Jonathans Gesicht einen blassen Schein.

Irgendwo am Schwarzen Meer waren sie sich eines Abends begegnet. Und es war Liebe auf den ersten Blick. Auf einer einsamen, im Schilf verborgenen Insel des Donaudeltas haben sie sich ihr Jawort gegeben. Ein Pope mit schneeweißem Bart hatte ihnen den Segen seiner Kirche erteilt. Die Sterne hingen in jener Nacht fast greifbar tief und die Frosch- und Grillensymphonie war das Göttlichste, was sie jemals gehört hatten.


Jonathan studierte damals in München und sie arbeitete in einem Prager Kaufhaus. Die erste Zeit hatten sie sich in Englisch verständigt. Erst nachdem sie zusammengezogen waren und in einem Münchner Vorort ein Appartement bewohnten, lernte sie Deutsch und er Tschechisch.

Nach dem Studium arbeitete Jonathan als Anwalt. Dann zog es ihn in die Politik. Das kleine, ein wenig reparaturbedürftige Häuschen in Ingolstadt hatten sie sich gekauft, weil er im Parlament nicht alt werden wollte. In der Stadt seiner Kindheit, wo seine Vorfahren schon immer gelebt haben, wollte er eines Tages arbeiten.

Dann waren die Kinder gekommen. Sie füllten Veras Leben aus, wenn Jonathan in Straßburg weilte.

Und jetzt? Was ist das für eine geheimnisvolle Krankheit? Wird die Bluttransfusion gelingen? Wenn aber die medizinischen Geräte gerade dann versagen?

Vera spürte, wie eine zerstörende Beklommenheit ihr Herz zu umklammern versuchte. Sie sah einen gesichtslosen Arzt. Seine Stimme kam hinter der großen, weißen Gestalt hervor. Sie klang weich, aber unpersönlich: ‚Es tut mir so leid. Unglückliche Zufälle haben dazu geführt ...‘

Oh Gott! Vera biss sich auf die Lippen, um nicht aufzuschluchzen. Wirre, konturlose Gestalten und Dinge beherrschten ihre Gefühle.

*

Der vom Schmerz überwältigten Frau waren die Augenlider längst zugefallen. Da stand ein riesiger Sarg in einem tür- und fensterlosen Raum. Die Wände rückten auseinander. Der Sarg wurde immer kleiner. Eine anfangs erkennbare Melodie ging in einen unendlichen Hall über. Finsternis. Stille. Veras Schlaf stieg in die Traumlosigkeit. Auf ihren Wangen trockneten Tränen. Niemand hat jemals von ihnen gehört.

IV

Jonathan und Vera hatten beschlossen, den Jahreswechsel zu Hause zu verbringen. Seit die Kinder da waren, verbrachten sie die Silvesterabende stets im warmen Wohnzimmer. Heuer lag ihnen besonders viel daran.

Drei Monate hatte Jonathan in der Privatklinik Professor Concales’ verbracht. Nicht so sehr seine erfolgreiche Behandlung, als vielmehr die Ursache der ungewöhnlichen Krankheit hatte für Schlagzeilen in den europäischen Medien gesorgt.

Die Vermutung Dr. Szekelys über die möglichen Krankheitserreger haben unter den Genspezialisten widersprüchliche Aussagen hervorgerufen. Vorübergehend war der Begriff Radioaktivität und damit verbunden die Kernenergie, eine selbst aus den Schulbüchern schon seit Jahren verschwundene Energieform, wieder Gesprächsstoff in den Kreisen der Mediziner und Wissenschaftler geworden. Fast hundert Jahre nach ihrem Ausdienen für die Menschheit hätte sie beinahe ein weiteres Menschenopfer für ihre Dienste gefordert.

Jonathan genoss das Glück seiner Genesung. Die Kinder hingen noch mehr als vorher an ihm und Vera verwöhnte ihn nach allen Regeln der Kunst. Er hatte schon am Nachmittag eine Flasche Krimsekt kaltgestellt. Jetzt frönte er dem Nichtstun, eine Beschäftigung, die er vor seinem Krankenhausaufenthalt nicht kannte, die er jetzt aber um so mehr schätzte. Vieles in seinem Leben hat eine neue Gewichtigkeit erfahren. Mit dankbarem Blick verfolgte er Veras Bewegungen, die sich am Elektroherd zu schaffen machte. Im Hintergrund kamen aus dem Radio weit unterhalb einer normalen Zimmerlautstärke soeben die 22-Uhr-Nachrichten.

Im Hobbyraum ist es aber merkwürdig still“, unterbrach der glückliche Familienvater die angenehme Ruhe. Ich schau mal nach, was die Kinder da unten machen.“

Nach einer Viertelstunde kam Jonathan zurück. Er wirkte etwas angespannt. Fast andächtig legte er ein in schwarzes Kunstleder gebundenes Heft auf den Tisch.

Wolfgang hat Michaela aus diesem Heft vorgelesen. Es scheint ein Tagebuch zu sein“, befriedigte er die fragenden Blicke Veras.

Dann setzten sich beide an den Wohnzimmertisch und begannen, die schon leicht vergilbten Seiten durchzublättern. Die Kinder hatten das in gut leserlicher deutscher Handschrift geführte Tagebuch aus dem Koffer genommen, den Jonathans Vater vor einem Monat aus der Wohnung seines verstorbenen Großvaters gebracht hatte, und der schon wieder vergessen in einer Ecke des Hobbyraumes stand. Auf dem Einband war eine Jahreszahl eingeprägt: 1986. Eine Jahrhunderte zurückliegende Welt tat sich für Vera und Jonathan auf.

*

Donnerstag, 1. Mai 1986

Wir sind heute aus Rumänien zurückgekommen. In der alten Heimat sieht es traurig aus. Die Auswanderungsagonie grassiert unter den Deutschen im Land. Ceauşescu bastelt am kommunistischen Einheitsmenschen. Angst, Grauen und Hoffnungslosigkeit haben sich auf die Seelen der Menschen gelegt. Viele leben schon stumpfsinnig vor sich hin, nur noch die eigenen Überlebenschancen im eingeschränkten Blickfeld wahrnehmend. Wir müssen Gott dankbar sein, dass wir diesem Seeleninferno rechtzeitig entrinnen konnten. Die Medienzensur hat das Land vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Erst heute in den frühen Morgenstunden, als wir uns in Jugoslawien der österreichischen Grenze näherten, erfuhren wir aus den Nachrichten des Österreichischen Rundfunks, dass in der Nacht vom 25. auf den 26. April in einem Kernkraftwerk nördlich der sowjetischen Stadt Kiew eine Explosion Teile des Kernreaktors zerstört hat und radioaktive Strahlungen freigesetzt wurden.

Freitag, 2. Mai 1986

Wir machen uns Sorgen. Es wird hier so viel über diesen Unfall in Tschernobyl geredet und geschrieben. Die Regenwolken sollen die radioaktiven Elemente bis nach Bayern transportiert haben. Überall hört man Warnungen. Die Kinder sollen nicht mehr im Sand spielen. Obst und Gemüse sind verseucht. Auch die Milch von den Bauernhöfen sei mit Radioaktivität belastet. Am vergangenen Wochenende sind über das Banat schwere Oststürme gezogen. Es hat sintflutartig geregnet. Am Montag, Dienstag und Mittwoch war dann wieder das schönste Wetter. Wolfgang hat die ganze Zeit draußen gespielt. Er ist mit den Nachbarskindern durchs ganze Dorf gerannt. Gleich nach den Gewitterregen haben sie Dämme in den Wassergräben gebaut. Evi ist schwanger. Sie hat dort unten nur frische Kuhmilch getrunken. Die Kühe werden täglich auf die Weide getrieben. Das Banat liegt immerhin 1000 Kilometer näher zum Unglücksort als Bayern.

Samstag , 3. Mai 1986

Wir sind sehr beunruhigt. Ich habe beim Roten Kreuz angerufen und unsere Situation geschildert. Dort ist man anscheinend ratlos. Man hat uns geraten, beim Strahleninstitut in München anzurufen. Auch dort wurden wir nicht gescheiter. Die haben uns geraten, einen Frauen- und einen Kinderarzt aufzusuchen. Wir könnten aber unbesorgt sein, denn eine akute Gesundheitsgefährdung sei zu keiner Zeit vorhanden gewesen, wahrscheinlich auch nicht im Banat. So ein Schwachsinn. Warum kann man dann außer Warnungen vor radioaktiver Verseuchung nichts mehr lesen und hören?

Wortlos überflogen sie Zeile um Zeile, um immer wieder auf den 1. Mai zurückzukommen. Mehr als eine Stunde war so vergangen. Dann fragte Vera plötzlich: „Hast du Dr. Szekely auch zu Neujahr geschrieben?“ Jonathan glaubte, einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen.
Nein. Ich wollte ihn morgen früh über die Web-Kamera kontaktieren und mich ein wenig länger mit ihm unterhalten. Aber ich werde ihm sofort eine Mail schicken und diese drei Tagebuchseiten gleich mit.“

Jonathan ging in sein Arbeitszimmer und sandte des Rätsels endgültige Lösung, versehen mit den herzlichsten Neujahrswünschen der ganzen Familie, an Dr. Szekely.

Erst dann fiel sein Blick auf die alte Wanduhr: 23:30 Uhr. Daneben hing schon der neue Kalender mit der Umschlagaufschrift PROSIT 2255!


[Ingolstadt, 1991]

Anton Potche

- aus dem Buch von Anton Potche: Kurzprosa aus der Hecke und dem Spind; BoD-Norderstedt; 2017


Montag, 13. April 2026

Eine Koryphäe ist gegangen, ein Nachfolger schickt sich an, eine zu werden

 Zum Tode von Cornel Ungureanu

Cornel Ungureanu
FotoQuelle: ORIZONT, Timișoara
Am 3. August 1943 hat Cornel Ungureanu das Licht der Welt erblickt, das für ihn am 19. November 2025 erloschen ist. Mit ihm hat einer der rumänischen Literaturkritiker des alten Formats, ich denke hier an Nicolae Manolescu (1937 – 2024), die literarische Bühne des Banats verlassen. Cornel Ungureanu hat diese Bühne mit großem Sprachtalent, Wissen, Fleiß und Einfühlungsvermögen bespielt. Die Anzahl seiner vorwiegend literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen ist beeindruckend. Seit 1975 hat er Bücher im Bereich der Literaturkritik und -geschichte sowie Essays geschrieben. Sein Œvre bildet ein Kaleidoskop der rumänischen und europäischen Literatur. Viele Dichter und Schriftsteller der rumänischen autochthonen Literaturszene haben von seinen ihren Werken vorangestellten Vorwörtern profitiert. So manches Buch fand seinen Weg in die Verlage und Buchhandlungen auch dank eines Einleitungstextes von Cornel Ungureanu.

Sein Leben für die Literatur bedeutete aber mehr als Analysieren, Forschen und Schreiben. Seit 1990 war Cornel Ungureanu Vorsitzender der Filiale Temeswar der Union der Schriftsteller Rumäniens, eine Organisation, in deren Reihen auch mehrere rumäniendeutsche oder deutsch schreibende Schriftsteller (gebliebene und ausgewanderte) zu finden sind: Johann Lippet, Annemarie Podlipny-Hehn, Petra Curescu, Julia Schiff, Eleonora Ringler Pascu, Adriana Cârcu, Loretta Persem Brădiceanu, William Totok, Simion Dănilă, Rodica Binder, Ilse Hehn, Horst Samson, Balthasar Waitz, Herta Müller, Josef Erwin Ţigla, Lucian Emanuel Vărşăndan, Anton Palfi, Traian Pop Traian und Kristiane Kondrat (bürg. Name: Aloisia Bohn). Für die Korrektheit dieser Aufzählung kann ich natürlich keine Gewähr übernehmen. Sie alle werden Cornel Ungureanu mehr oder weniger vermissen. 

Seit dem 12. Februar 2026 hat die Temeswarer Filiale der organisierten Schriftsteller einen neuen Vorsitzenden: Robert Șerban (*1970). Man kann also von einem Generationenwechsel an der Temeswarer Filiale sprechen. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Und doch gibt es einen bemerkenswerten Unterschied. Und der liegt in den Genres, die der Vorgänger gepflegt hat und der Nachfolger jetzt pflegt. Die Nachfolge des Literaturwissenschaftlers übernimmt ein Dichter und Schriftsteller. Aber auch der hat literarische Aktivitäten aufzuweisen, die neben der kreativen Seite auch viel mit Organisation und Präsentation zu tun haben.

GAZETA DIN VEST zitiert Robert Șerban, den neuen Vorsitzenden der Temeswarer Filiale des rumänischen Schriftstellerverbandes mit einer Stellungnahme unmittelbar nach der Wahl: „Ich fühle mich geehrt, dass meine Kollegen mich für diese Funktion gewählt haben, die in erster Reihe eine größere Implikation meinerseits in das Leben der Filiale bedeutet. […] Es ist eine Stelle, die verpflichtet, ein Posten, auf dem man viele schöne Sachen machen kann.“ Geleitet wurde die Sitzung von Varujan Vosganian, dem Vorsitzenden der Union der Schriftsteller Rumäniens.

Viel Erfolg!
Anton Potche

Montag, 23. März 2026

Mein Buchmesseabenteuer

 
Ich war auf der Buchmesse in Leipzig. In der ersten Reihe habe ich gesessen. Schon am Abend des ersten Tages, als der Preis des Deutschen Buchhandels im Gewandhaus an den kroatisch-bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergović verliehen und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ausgepfiffen und ausgebuht wurde, spürte ich, dass mir die folgenden vier Messetage nicht langweilig werden. So und nicht anders sollte es dann auch kommen, wo ich doch während meines ganzen Aufenthaltes auf der Buchmesse in der ersten Reihe saß ... bei ARD, ZDF, 3sat und anderen Streamingdiensten. So bekam ich auch mit, wie der Literat vom Balkan in seiner Dankesrede von weltbewegenden Hausschlappen las. Das erinnerte mich an Herta Müllers Taschentuch. 

Dieser erste Messetag (noch nicht geöffnet für das Publikum) nahm überhaupt kein Ende. Er überschritt lesend die Mitternachtsgrenze. Marathonlesung nennt man ein solches Messeformat. Juli Zeh hat einen schweren Romanschinken mit dem Titel Unterleuten geschrieben und ca. 70 Personen haben seinen Inhalt von 18:00 Uhr des 18. März bis zur Mittagsstunde des folgenden ersten fürs Publikum geöffneten Messetages mit den Augen verzehrt. Hoffentlich sättigend.

* * *

Wie immer bei solchen Veranstaltungen halte ich Ausschau nach rumänischen und rumäniendeutschen Farbtupfern. Und freue mich (manchmal kindisch – was wohl meinem Alter zuzuschreiben ist), wenn ich einen finde. Und siehe da: In der großen Glashalle der Messe, wo die Öffentlich Rechtlichen ihre Literaturbühne aufgebaut hatten – für Kritikerschwergewichte wie Denis Scheck benötigt man eben Platz –, las am ersten Publikumsmessetag schon vor Mittag die aus Rumänien stammende und in der Schweiz beheimatete Schriftstellerin, Germanistin und Nederlandistin (laut Wikipedia) Dana Grigorcea. Leider blieb  sie mit ihren Gestalten aus Bușteni den Tag über der einzige Farbtupfen im Fokus der großen deutschen Fernsehanstalten auf der Literaturbühne.


In einem weiteren Programmpunkt hat Lena Gorelik in den frühen Nachmittagsstunden den Preis der Literaturhäuser 2026, dotiert mit 20.000 EURO, entgegengenommen. Sie ist eine russisch-deutsche Schriftstellerin jüdischen Glaubens. Ihr letztes Buch heißt Alle meine Mütter. Lena Gorelik hat bei der Preisverleihung erzählt, dass ihre Mutter ihr nach dem Erscheinen des Romans gesagt hat, sie habe ihn jetzt einmal als Mutter gelesen und werde ihn ein zweites Mal mit literarisch-kritischem Blick lesen.

Der Höhepunkt dieses faktisch ersten Messetages war sicherlich die Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse. Katerina Poladjan wurde in der Sparte Belletristik für ihren Roman Goldstrand ausgezeichnet. Die Protagonisten ihres Buches bewegen sich im südöstlichen Europa, also an oder im Umfeld der Donau. Ebenso wie die realen Menschen in Marie-Janine Calics’ Buch Balkan-Odyssee, wofür sie den Sachbuchpreis bekam. Über den Übersetzerpreis konnte der Österreicher Manfred Gmeiner sich für die Übertragung des Romans Unten leben aus dem Spanischen ins Deutsche, geschrieben vom peruanischen Autor Gustavo Faverón Patriau, freuen.

Heuer sollte zum ersten Mal kein Gastland die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich ziehen, sondern ein Motto. Und das war die „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“. Also da müsste doch meine Farbtupfersuche Erfolg haben. Laut Programm waren einige der von mir Gesuchten auf dieser Buchmesse unterwegs. Die Frage war bloß, ob sie auch von Kameras und Mikrofonen als fernseh- und radioreif wahrgenommen würden. Also habe ich mich diesbezüglich auf die Suche begeben.

Stephan Ozsváth
Foto: rbb / Gundula Krause
Und siehe da, es gab im großen Fernsehen ein Interview mit dem Kurator des oben erwähnten Mottos: Stephan Ozsváth. In der im deutschen Sprachraum sehr goutierten Kultursendung 3sat sprach der Ideengeber dieses Formats von seinen Beweggründen. Da durften Hinweise auf Rumänien und das Delta mit der Nachbarschaft zur Ukraine nicht fehlen. Er erwähnte, dass in letzter Zeit im Südosten Europas mehr als früher von Deportationen der Zivilbevölkerung gesprochen und geschrieben wird. 

* * *

Am Freitag war viel los auf der Literaturbühne. ARD, ZDF und 3sat hatten im Rahmen ihres Mittagsmagazins mehrere Liveschaltungen nach Leipzig getätigt. Zielgruppe war hier eindeutig die Jugend und ihre Trends, Manga, Coming of Age, New Adult u. a..

Danach kamen wieder Autoren auf die Bühne. Zum Glück kann man streamen. Es ging in den Nachmittag und eine Schriftstellerin bot den Zuschauermassen – das darf man ohne Übertreibung so nennen – beste Unterhaltung. Ildikó von Kürthy stellte ihr neuestes Buch, Alt genug, vor. Sie stamme zur Hälfte aus Nordrhein-Westfalen und zur Hälfte aus Ungarn, sagte sie und erzählte dem erheiterten Auditorium, wie das mit dem Altern so ist. 

Danach wurde es aber ernst. Es ist wahrlich nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass es abzüglich des entfernten Hallengeräusches vor der Lesebühne mäuschenstill war. Vier Damen, drei Autorinnen und eine Moderatorin, hatten die Bühne betreten und ihr Thema generierte bei so manchem Lauscher große Nachdenklichkeit. Die Diskussion stand unter dem Motto „Demokratie unter Druck“. Schon die Titel der drei Bücher lassen aufhorchen. Sally Lisa Starken: Wenn der rechte Rand regiert; Angelique Geray: Undercover unter Nazis; Ruth Hoffmann: Raubzug von Rechts. Und als Moderatorin Cécile Schortmann zum Schluss sinngemäß die rhetorische Frage stellte, wie das wohl sei, wenn man sieht, dass hier vier Frauen über dieses Thema sprechen, brauste ein lang anhaltender Beifall auf. 

* * *

Für das Motto „Donau – unter Strom und zwischen Welten“ wurde auf der Buchmesse eine eigene Donaubühne eröffnet. Nur wo war sie? Ich habe sie nicht gefunden und das fast schon schicksalhaft empfunden, hoffte ich doch, dort meine Literaturstars, die ich kenne (sie mich nicht, nur ich sie), vorzufinden. Dabei gab es doch so viele Programmanbieter, die sich auf der Literaturbühne abwechselten, um Autorinnen und Autoren mit ihren Büchern sowie einer sehr vielfältigen Thematik zu präsentieren. Am Samstag gehörten neben den schon genannten Sendungen der öffentlich rechtlichen Sender (Kulturzeit, Literarisches Quartett oder Best of druckfrisch) auch NDR kultur, aspekte, BR 2, SWR Literatur, rbb radioeins, Deutschlandfunk Kultur, Buchlounge, mdr aktuell. 18 Programmpunkte enthielt der laut Messeleitung ausverkaufte Samstag. Sofern ich nicht gerade im Garten war oder beim Wasserholen oder beim Saubermachen, habe ich von den Stars der Donaubühne nichts gesehen. Und wenn ich dann schon einen Blick auf die gestreamte Literaturbühne warf, sah ich nicht zum ersten Mal Denis Scheck, der immer die gleichen Bücher im Schnelldurchlauf besprach. Ein Austausch mit der Donaubühne wäre da bestimmt nicht unpassend gewesen.

Der Lesetag war vorbei. Und ich unzufrieden. Weil ich keinen Zugang zur Donaubühne gefunden hatte. Alles in mir sträubte sich, den Laptop auszuschalten. Also klickte und wischte ich weiter. Bis, ja bis ich bei der Adresse mdr.de/kultur/buchmesse/leipzig/ strandete. Hier fand ich das Fünfminuteninterview, dass mir dann doch den ausklingenden Freitag versüßte. Stephan Ozsváth (*1965), selbst gelernter Journalist, war auch diesmal der Interviewte. Und er erzählte gleich zum Beginn der Aufnahme von seiner Motivation, sich in diesem Projekt zu engagieren. „Persönlich verbindet mich mit der Donau, dass mein Vater aus Ungarn stammte, und ich hab' noch einen Stiefvater, der war Deutscher aus Rumänien, dessen Vater wiederum war Bergwerksdirektor in Reschitza, ein k.u.k.-Beamter, also ich hab’s sozusagen im Blut.“ Und der mdr-Reporter griff Ozsváths kurzen Einstieg in die eigene Geschichte mit der Ergänzung auf: „Also die Donau als Straße der Hoffnung für Auswanderer, aber auch als Deportationsroute. Da geht es um die Salpeterer, Freibauern aus dem Schwarzwald, die um ihre Rechte kämpften. Kirche und Krone verbannten sie im 18. Jahrhundert ins Banat auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Unter Maria Theresia wiederum waren so genannte liederliche Frauenzimmer von der Keuschheitskommission ins Banat gebracht worden. Eine Rolle spielt auch die Donau als nasses Grab mit Morden und Selbstmorden sowie als Grenzfluss zwischen Ost und West.“ […] Stephan Ozsváth betonte im Interview, dass sein Ziel mit diesem Programm war, eine Themenvielfalt zu gestalten. Von den zahlreichen Autorinnen, die „ihre persönlichen Blicke auf die Donau haben“, wurden vom Interviewer Ulrich Böhme die drei folgenden genannt: Nadine Schneider, Muri Darida und Katherina Braschel. Auch ohne bewegende Bilder von der Donaubühne, war der Tag – Pardon: Abend - für mich gerettet.

* * * 

Wenn ich schon bei mdr gelandet war, wollte ich auch am Sonntag, dem 22. März 2026 dabei bleiben. Schon um 7:03 Uhr gab es einen Morgengruß von einer charmanten Sprecherin. Und darin hieß es dann auch: „Wer europäische Literatur neu entdecken will, muss zur Halle 4. Hier findet an allen Messetagen das Programm zum Fokusthema >Donau – Unter Strom und zwischen Welten< statt, das es in diesem Jahr an Stelle eines Gastlandes gibt. Die Veranstaltungen widmen sich Geschichten aus zehn Donauländern von Deutschland bis zur Ukraine. Migration, Kultur, Identität und Zeitgeschichte spielen hier eine große Rolle.“

So hat der Buchmesse-Ticker vom Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) mich also trotz anfänglicher Enttäuschung bis zur letzten Messestunde am Sonntag, dem 22. März 2026, auf Trab gehalten. Es war schön auf der Leipziger Buchmesse, auch wenn ich versucht habe, mich vorwiegend in einer Buch-Themennische (die ich aber hier nicht nur auf das diesjährige Motto bezogen wissen will) zu bewegen. Letztendlich war mein Versuch mit Erfolg gekrönt.
Anton Potche

Mittwoch, 11. Februar 2026

Erinnerungen an eine deutsche Sendung

 
Man hört in Gesprächen mit Landsleuten oft die Frage: Was bleibt von unserem Leben in der alten Heimat? Von unserem vergangenen Leben dort in der alten Heimat, müsste man eigentlich präzisieren. Und man kann diese Fragestellung problemlos sogar geographisch einordnen. Es handelt sich vorwiegend um Fragende aus Südosteuropa, noch genauer meistens um Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Ich kenne persönlich Menschen der Nachkriegsgeneration aus dem Sudetenland, schon hier in Deutschland geboren, und stelle immer wieder fest, wie locker ihre Bindung zur Heimat ihrer Eltern, also zur alten Heimat, mittlerweile ist.

Bei diskutierenden ausgewanderten Rumäniendeutschen fallen oft Begriffe wie Friedhof und Kirche. Wie lange die Gebräuche der wenigen noch in Rumänien lebenden Deutschen im Zusammenwirken mit den dort in den letzten 40, 50 Jahren angesiedelten Rumänen aufrechterhalten werden können, wird die Zukunft uns vielleicht schneller vor Augen führen, als wir denken. Das deutsche Element kann seiner musealen und literarischen Zukunft nicht entgehen. Und diese Zukunft könnte eher in rumänischen als in deutschen Köpfen noch einige Zeit überleben. Das wird spätesten dann der Fall sein, wenn die ausgewanderten Deutschen in ihrer neuen Heimat das Jenseits kennengelernt haben werden und ihre Kinder und Enkelkinder eine genauso vernebelte Erinnerung wie Sudetendeutsche, Schlesier und andere Vertriebenengruppen zu den längst fremden Gefilden ihrer Vorfahren pflegen.

Ja, hier könnten die erwähnten rumänischen Köpfe eine Rolle spielen. Sie könnten ein eventuell existierendes deutsches Element in ihrer Biografie konservieren, handelt es sich doch um Erinnerungen mit Seltenheitswert, die nicht in vielen rumänischen, längst einheimischen Familien im Banat oder in Siebenbürgen schlummern.

Wie ich mir das vorstelle? Ungefähr so wie es mir jüngst zum wiederholten Male, widerfahren ist. Und das kann einem passieren, wenn er sich durch rumänische Zeitschriften, vorwiegend literarische, klickt und wischt. (Analog in rumänischen Printausgaben zu schmökern, ist hier in deutschen Landen kaum möglich.) Ich hatte die in Temeswar in rumänischer Sprache erscheinende Literaturzeitschrift ORIZONT vom November letzten Jahres auf Seite 18 vor mir im Laptop. Der Titel eines Artikels verkündete nichts Sensationelles. Aber dann las ich beim Überfliegen folgenden Textabschnitt: „Ich war Kind, als ich begann, Türen und Schachteln zu öffnen. Aus Langeweile oder auf der Suche nach Süßigkeiten. So lange wir bei Omi in den Ferien weilten, war für uns klar: Um 13 Uhr, wenn im Lautsprecher die Erkennungsmelodie der deutschen Sendung von Radio Temeswar erklang, setzten wir uns an den Tisch zum Mittagsmahl. Um 14 Uhr, beim Erklingen der Melodie zum Beginn der ungarischen Sendung, schaltete Großmutter das Radio aus und wir legten uns hin zum Schlafen bis um 17 Uhr. Natürlich versuchten wir, so oft wie möglich zu tricksen.“

Sollte das jemand nach Jahren oder Jahrzehnten lesen, dann wird er wissen, dass der Autor dieses Textes nicht nur rumänische Vorfahren, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit deutsche und dem Text im Detail folgend auch ungarische Ahnen gehabt hatte. Vielleicht werden katholische, also deutsche, Kirchen und Friedhöfe nicht mehr existieren, wenn des Schriftstellers Alexandru Potcoavă (*1980) Erinnerung an seine Omi jemand in die Hände fällt, der sich dann vielleicht wundern wird, wie groß und weitverzweigt Familienstammbäume im Banat waren und wie in diesem Fall immer noch sind.

Anton Potche

Montag, 26. Januar 2026

Gedichte für die Passanten

 
Robert Șerban ist Dichter, Schriftsteller und Redaktionsmitglied der in Temeswar monatlich erscheinenden Literaturzeitschrift ORIZONT. Und er hatte im September vergangenen Jahres eine Idee. Wie wäre es wohl, wenn man sich auf die Straße sitzt und jedem vorbeigehenden Menschen spontan, aus der momentanen Intuition heraus ein Gedicht schreiben würde und es dem interessierten Passanten natürlich mit der eigenhändigen Unterschrift schenkt ... sofern er das wünscht? Selbstbefragung und Tat lagen anscheinend nah beieinander. Am 27. September 2025 setzte Robert Șerban sich auf die in Temeswar bekannte Terrasse D’Arc und begann seine Idee in die Tat umzusetzen. Als Werkzeug benutzte er natürlich Schreibpapier und die nicht mehr neueste Schreibmaschine seines Vaters. Und siehe da, der öffentliche Lyrikmarathon setzte sich in Bewegung. Ob die Geschichte vorher in lokalen Medien angekündigt war, ist mir nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass der fleißige Poet von 10.00 bis 19.30 Uhr in die Tasten klopfte und zum Schluss 42 Texte mit holographischer Unterschrift an (wahrscheinlich) glückliche und dankbare Poesiefans aushändigte.

Einige dieser Gedichte füllen eine Seite in der ORIZONT-Oktoberausgabe. Und siehe da, der Name sagt mir doch etwas. Eines dieser Lyrikproduktionen im Schnellverfahren trägt die Widmung pentru Clorela Hengelman. (Alle Kreationen enthalten statt eines Titels den entsprechenden Namen des Passanten.) Der Familienname ist mir doch bekannt. Ein Schulkollege hieß so. Nun weiß ich nicht, ob es sich um eine Verwandtschaft oder um eine zufällige Namensgleichheit handelt. Jedenfalls war bei mir ein Stück Erinnerung an meine Schulzeit vor etwas mehr als 50 Jahren in Temeswar geweckt und ich startete sofort einen Versuch das Werk Robert Șerbans für Clorela Hengelman in meine Muttersprache zu übersetzen. Und das sieht heute so aus:

pentru Clorela Hengelman
un vis povestit
e ca fluturele cu boldul înfipt între aripi
pe care nu doar că-l privești plin de uluială
ci sufli înspre el
și tot sufli
până când
începe să zboare
bucată
cu
bucată

für Clorela Hengelman
ein erzählter traum
ist wie der schmetterling mit dem schmerz zwischen den flügeln
den du nicht nur voller staunen betrachtest
sondern nach ihm bläst
und bläst
bis er
zu fliegen beginnt
flügelschlag
für
flügelschlag


[übersetzt ohne ki-hilfe aus dem rumänischen]
anton potche

Montag, 20. Januar 2025

Ein fremdes Zuhause oder Warum ich keine Bücher mehr schreibe

 
Ein fremdes Zuhause

Im Jahre 1923, tief in den Weiten des Banats, lag das kleine Dorf Kleinhof, dessen Häuser sich wie Perlen entlang einer staubigen Straße reihten. Hier lebten die Banater Schwaben, Nachfahren deutscher Siedler, die vor über 200 Jahren in dieses fruchtbare, aber fremde Land gerufen worden waren.

Katharina, eine junge Frau mit einem Gesicht, das vom Leben gezeichnet war, stand an ihrem kleinen Gemüsebeet hinter dem Haus. Ihre Hände waren rau, ihre Haare von der Sonne ausgeblichen, doch ihre Augen trugen einen Glanz, den keine Mühsal löschen konnte. Heute war ein besonderer Tag. Der erste Sonntag nach der Erntezeit – Kirchweihfest.

Das ganze Dorf war in Bewegung. Die Männer zogen ihre besten Westen an, die Frauen trugen handbestickte Trachten, und die Kinder rannten mit roten Wangen durch die Gassen. Katharina hatte ihr Kleid in der Truhe aufbewahrt, sorgsam gefaltet zwischen Tüchern, die nach Lavendel dufteten. Es war das einzige Kleid, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, und jeder Stich darin erzählte von einer anderen Jahreszeit, die gekommen und gegangen war.

In der Kirche, umgeben von den mächtigen Eichenbalken, spürte Katharina die Kraft der Gemeinschaft. Die Lieder, die auf Deutsch gesungen wurden, trugen die Sehnsucht nach einer Heimat, die niemand von ihnen je gesehen hatte. Sie hatten die Geschichten gehört, von den Feldern entlang des Rheins und den dunklen Wäldern, die ihre Vorfahren verlassen hatten. Doch das Banat war nun ihr Zuhause, so fremd es manchmal auch erschien.

Nach der Messe zog der Festzug durch das Dorf. Katharina hielt sich im Hintergrund, beobachtete die bunten Bänder und die jungen Leute, die tanzten. In ihrer Brust pochte ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte. Sie liebte dieses Land – die endlosen Felder, die im Sommer wie Gold glänzten, und die weiten Himmel, die nachts voller Sterne hingen. Doch manchmal fühlte sie auch die Wurzeln, die in der Ferne lagen, wie eine leise Stimme, die sie rief.

Am Abend, als das Fest seinen Höhepunkt erreichte, setzte sich Katharina auf eine Bank am Dorfrand. Neben ihr saß Herr Franz, der älteste Mann im Dorf, dessen Augen so klar waren wie ein Herbstmorgen.

Katharina“, begann er, „weißt du, warum wir hierhergekommen sind?“


Sie schüttelte den Kopf.

Unsere Vorfahren suchten ein besseres Leben. Aber egal, wo wir sind, wir tragen unsere Heimat in uns. Die Erde hier mag anders sein, aber wir haben sie zu unserem eigenen gemacht. Das Banat ist unser Zuhause – weil wir es dazu gemacht haben.“


Katharina sah hinüber zu den leuchtenden Fenstern des Dorfes. Sie spürte die Wärme der Worte des alten Mannes. Ja, dachte sie, das Banat war nicht nur ein fremdes Zuhause. Es war ihr Zuhause geworden.

In der Ferne erklang ein letztes Festlied, und Katharina wusste, dass auch sie ein Teil dieser Geschichte war – eine Brücke zwischen den Wurzeln ihrer Vorfahren und der Erde, die sie heute nährte.

Anton Potche

Warum ich keine Bücher mehr schreibe


Wir saßen am zweiten Weihnachtstag zusammen, eine Lehrerin, ein Lehrer, ein IT-Fachmann und ich. Irgendwann kam das Gespräch auf die in letzter Zeit allgegenwärtige KI, also Künstliche Intelligenz. Während der Computerfachmann mehr den technischen Aspekt dieser neuen Technologie in den Vordergrund stellte, klammerten die zwei Lehrer sich an der Texttauglichkeit und besonders an der möglichen Textschummelei der KI fest. Beide Lehrkräfte (Gymnasium) kannten schon Fälle von KI-Texten, die ihnen von Schülern als eigene Arbeiten vorgelegt wurden. Die Texte, ja zum Teil ganze Referate, waren so gut, dass sie als Lehrer Mühe hatten, diese als das Produkt eines Sprachmodells zu entlarven, und letztendlich froh waren, dass die Schüler nach intensiven Gesprächen sich geständig – aber nicht reumütig – zeigten.

Während der IT-ler die Diskussion ganz gelassen führte, konnten die Lehrer eine gewisse Gereiztheit nur schwer verbergen. Irgendwann könnten sie die Kontrolle über ihre Schüler verlieren, und das, obwohl besonders einer der beiden eher positiv zur Einführung der KI in den Unterricht stand. Auch der Buchwissenschaftler Christoph Bläsi mahnt zu Gelassenheit bei diesem Thema. Er denkt aber zum Unterschied der zwei Lehrkräfte eher aus marktwirtschaftlicher Sicht. Und da kann er noch nicht erkennen, dass es ein Problem ist (oder wird), wenn KI-Werkzeuge voraussagen können, welches Buch sich besser und welches sich schlechter verkaufen wird. Die Geschäftsführerin des Marktforschungsunternehmens Media Control, Ulrike Altig, spricht von Tools, die innerhalb von Sekunden taugliche Absatzprognosen für verschiedene Warengruppen, also auch Bücher, erstellen können. Eigentlich befinden wir uns immer noch im Bereich der Ökonomie. Und es geht nur um „Effizienz und Daten – nicht um die Inhalte“, wird Frau Altig im DONAUKURIER vom 3. Januar 2025 in einem Artikel zitiert.

Wirklich? In dem Gespräch meiner drei KI-Protagonisten vom zweiten Weihnachtstag gab es eine plötzliche Wende. Natürlich hatten alle drei wie heute üblich ihre Smartphones vor sich auf dem Tisch liegen. Einer der Lehrkräfte griff zu seinem Gerät, tippte etwas ein und reichte es mir über den Tisch. Eintippen und Weiterreichen des Smartphones dauerte weniger als 5 Sekunden. Und was konnte ich dort lesen? „Ein fremdes Zuhause“. Alle drei KI-Streiter haben zwar Banater Wurzeln, aber keiner wäre in der Lage, einen nur ansatzweise emotionalen Text über diese südosteuropäische Region zu schreiben. Und das auch noch über einen Volksstamm, den es im Gedächtnis der dort lebenden Rumänen kaum noch gibt.

Wo kommt der Text her?“, habe ich spontan gefragt.
Von ChatGPT“, bekam ich als Antwort.
Und was hast du eingetippt?“
Schreibe eine Kurzgeschichte zu den Banater Schwaben.“

So viel zum Thema „Inhalte“. Ich wurde erst ab jetzt wirklich hellhörig. Vier Bücher habe ich in meinem Leben geschrieben – zu einer Zeit, als Intelligenz noch reine Menschensache war. Wie einfach das heute geht. Du lässt dir einen Text schicken, suchst ihn nach grammatikalischen Ungereimtheiten ab und textest ihn nach deinem Geschmack um, unterschreibst ihn mit deinem Namen, und schon bist du ein Schriftsteller – vielleicht irgendwann sogar ausgezeichnet mit einem Nobelpreis. Nicht mehr und nicht weniger ist obige Kurzgeschichte „Ein fremdes Zuhause“– inklusive gefälschter Unterschrift. Das hier ist nur die Entstehungsgeschichte dieser „Kurzgeschichte“. Aber ich kann mir gut vorstellen, sie als Grund dafür herzunehmen, keine Bücher mehr zu schreiben – ganz abgesehen von meinem dafür sowieso schon fortgeschrittenen Alter.
Anton Potche

Montag, 19. August 2024

Jugendjahre in Jahrmarkt

Das Dorf Jahrmarkt im Banat hatte nicht viele dort geborene Schriftsteller. Mit Franz Frombach (1929 - 1999) und Marianne Ebner (1920 - 2007) war diese Kultursparte in der alten Heimat eigentlich abgedeckt. Dazu kommen noch zwei damals hinzugezogene Literaten: Aegidius (auch Egidius) Haupt (1861 – 1930) und Hans Pape (1919 – 2009). Zählt man die aus Jahrmarkt stammenden und heute in Deutschland lebenden Literaten (Autoren & Kritiker & Feuilletonisten) Luzian Geier (*1948), Peter Grosz (1947 - 2024) und Katharina Kilzer (*1959) sowie den vor einem Jahr in Erscheinung getretenen Romanautor Mathias Kaiser (*1959) dazu, so kann man das einerseits rein zahlenmäßig bei ca. 5000 Einwohnern als bescheiden und andererseits in Anbetracht der nicht besonders literaturaffinen Landbewohner als durchaus guten Schnitt darstellen.

Berta Kácser
FotoQuelle: Verlag marsTT
Neulich las ich in einer Zeitung aus dem Jahre 1903 von einer weiteren Schriftstellerin, die einen Teil ihrer Kindheit und Jugend in Jahrmarkt verbracht hat. Leider wurde der Artikel zum Anlass ihres Todes verfasst. Sie hieß Berta Kácser und erblickte am 12. Juni 1860 in Temeswar das Licht der Welt. Auch ihr Mann, Leopold Kácser (1853 - 1939) war ein anerkannter Schriftsteller. Das sehr produktive Ehepaar hat viel zusammengearbeitet. Da beide auch oft unter dem gleichen Pseudonym schrieben, kann man einige ihrer Werke bis heute nicht dem richtigen Verfasser zuschreiben.

Mag. Dr. Susanne Blumesberger von der Universität Wien hat sich eingehender mit Berta und Leopold Kácser befasst. Ihre Forschungsarbeit hat sie unter den Titel Berta Katscher – Einblicke in ihr Leben und Schreiben gestellt. Kácser ist die ungarische Schreibweise von Katscher. Es gibt noch andere ungarisch gefärbte Schriftarten dieses Namens. Schließlich lebte sie in der Zeit der Magyarisierung. Sie war aber keine regional festzumachende Persönlichkeit, sondern eindeutig eine Weltbürgerin. Ihre Jugendjahre verbrachte sie in Ungarn, der Türkei und in der Herzegowina, um nach ihrer Heirat in London, Berlin, Baden bei Wien, Wien und Budapest zu leben. Also eine Kosmopolitin par excellence. Das kann man nicht nur aus ihrer Biografie sondern auch aus ihrem Œvre schließen. Sie hat journalistische Texte, Reiseberichte, Buchkritiken, Übersetzungen aus dem Englischen und Ungarischen, ethnographische Skizzen und andere Feuilletonbeiträge hinterlassen.

Roman von
Berta Katscher
FotoQuelle: WIKIPEDIA
Auch belletristische Arbeiten gehören zu ihrem Gesamtwerk: Humoresken, Novellen, Erzählungen, Kindergeschichten und ein Märchen. Zwischen 1882 und 1894 hat Berta Katscher in mehr als 76 Zeitschriften veröffentlicht und drei Bücher geschrieben, wobei sie sich auch der Pseudonyme Ludwig Ungar, Albert Kellner, Ludwig Kölle und Ludmilla Kölle bediente. Die Germanistin Susanne Blumesberger schreibt ihr 121 Beiträge verschiedener Gattungen zu und analysiert eine Reihe von Texten, meistens kurze Prosa, die in Zeitschriften und Anthologien erschienen sind. So erfährt man auch, dass in dem Aufsatz Die Schwaben im Banat von „schwäbischen Bräuchen“ die Rede ist.

Eine besondere Bedeutung misst Susanne Blumesberger der Beziehung zwischen der Familie Katscher und der Pazifistin, Friedensforscherin, Schriftstellerin und erste Friedensnobelpreisträgerin überhaupt (1905), Bertha von Suttner, bei. „Bertha von Suttner war Rednerin und Teilnehmerin an allen Weltfriedenskongressen, in internationalen Diskussionsforen und interparlamentarischen Konferenzen“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin.

Es gibt in Berta Katschers Schriften auch Texte, die einen lesenden Banater Schwaben unschwer an die Weite der Banater Heide, die auch eine gewisse Sehnsucht nach Ferne impliziert, denken oder sich erinnern lassen. In der Erzählung für Kinder Guck-in-die-Welt, ist zum Beispiel die Rede von Jancsi (Hansi), der „in einer einfachen Bauernfamilie mit zahlreichen Geschwistern im Flachland Ungarns“ aufwächst. In der Erzählung Die Lebensretterin „ist das Stadtkind Elschen zu Besuch bei seinem strengen Onkel am Bauernhof und verübt dort zahlreiche Streiche“.

Das sind eigentlich Indizien dafür, dass Berta Katscher das Leben auf dem Lande um Temeswar kannte. Und wenn ich jetzt Susanne Blumesbergers Forschungsarbeit verlasse und mich dem eingangs zitierten Artikel aus der Temesvarer Zeitung vom 19. September 1903 zuwende, dann fühle ich mich in dieser Annahme bestätigt. Da kann man anlässlich Berta Katschers Tod nämlich lesen: „Die Verstorbene war eine Temesvárerin von Geburt, eine Schwester des hiesigen Journalisten Herrn Romulus Kácser, dem aus diesem Anlasse zahlreiche Beileidskundgebungen zugegangen sind. Ihre Jugendjahre verbrachte sie theils hier, theils in Temes=Gyarmatha und Bálincs, wo sie Verwandte und Freunde besaß, die jetzt mit aufrichtiger Trauer die Nachricht von dem Ableben der genialen Frau vernehmen werden.“

Sollten aber jemand berechtigte Zweifel an dem Mädchennamen Bertas, nämlich Katscher, (Vater: Joseph Katscher, Mutter: Therese Blumgrund) und dem ihres Ehemannes, auch Katscher, aufkommen, dem sei die Forschungsarbeit Susanne Blumesbergers empfohlen. Dort heißt es nämlich im 2. Kapitel: „[…] ihr Mann, ihr Cousin Leopold Katscher (1853 – 1939), den sie am 17. Mai 1881 in der Synagoge von Temesvár/Timișoara heiratete, war stolz darauf, eine Schriftstellerin zur Frau zu haben.”
Anton Potche