-
Erzählung -
I
Jonathan
kannte Dr. Szekely schon seit seiner Abgeordnetenzeit in Straßburg.
Der weißhaarige Allgemeinmediziner galt bei vielen Mitarbeitern des
Europäischen Parlaments als die Graue Eminenz in Gesundheitsfragen.
Er wurde von vielen Abgeordneten als Blitzableiter für Probleme
jeglicher Art geschätzt. Seine Ruhe und Zuversicht ausstrahlende Art
bewog besonders junge, ehrgeizige und stressgeplagte Frauen und
Männer, ihn in seiner Praxis im letzten Obergeschoss des imposanten
Parlamentsgebäudes aufzusuchen.
Jonathan
hatte sich wieder mal von Dr. Szekely untersuchen lassen; eine ganz
normale Vorsorgeuntersuchung, wie er sie regelmäßig durchführen
ließ. Doch heute war damit fast eine Stunde vergangen. Das war mehr
als sonst.
Der
nur vom Äußeren her greise Doktor strahlte stets gute Laune aus.
Die graphischen Aufzeichnungen von Jonathans Herzaktionsströmungen
hatten ihm eine launige, auf Liebe anspielende Bemerkung entlockt.
Auch das Resultat der Elektroenzephalographie hatte ihn veranlasst,
über Hirngespinste zu witzeln.
Als
Jonathan sich dann einer Kernspintomographie unterziehen musste,
dachte er sich noch, von der Laune des Arztes angesteckt, der Alte
wolle ihn wohl in Atome zerlegen. Dr. Szekely war dann aber beim
Prüfen seines Blutbildes ernst und ernster geworden.
Jetzt
saß der junge Parlamentarier im tiefen Ledersessel vor dem
Schreibtisch des Doktors und wartete gespannt auf die Diagnose. Eine
leise Vorahnung sagte ihm, dass es diesmal nicht mit ein paar
Tabletten und dem üblichen, zur Mäßigung mahnenden erhobenen
Zeigefinger ausgehen würde.
Der
Arzt hatte schon vor der Untersuchung ungewöhnlich viele Fragen
gestellt. Hatte er einen Verdacht? In den letzten Wochen ging es ihm,
Jonathan, nicht besonders gut. Er war oft müde, unkonzentriert,
lustlos und manchmal sogar tiefsinnig, obwohl es kaum einen Anlass
dazu gab.
Dr.
Szekely sagte lange nichts. Dann drehte er sich plötzlich auf seinem
Bürostuhl und tat, was Jonathan bei ihm noch nie gesehen hatte. Er
griff ins Bücherregal und entnahm ihm ein in abgegriffenes Leder
gebundenes Buch. Sehr konzentriert, so als ob er Jonathans
Anwesenheit längst vergessen hätte, blätterte er darin. Es verging
mindestens eine Viertelstunde, ehe er seine Brille abnahm und in die
fragenden Augen des knapp dreißigjährigen Mannes schaute.
„Sie
leiden an chronisch myeloischer Leukämie“, beendete der Arzt die
spannende Ruhe.
„Was
ist denn das?“
„Eine
Krankheit, bei der die roten Blutkörperchen von den weißen
vernichtet werden. Das hört sich lebensgefährlich an, ist es beim
heutigen Stand der Medizin aber nicht mehr. Ihr Gesundheitszustand
selbst ist es auch gar nicht, der mir Kopfzerbrechen bereitet. Mir
ist das bloß alles rätselhaft, weil es diese Krankheit seit fast
200 Jahren auf der Erde gar nicht mehr gibt. Wie kommt die jetzt
plötzlich in Ihren Körper? Es scheint so, als hätte sich irgend
ein hartnäckiger Erbfaktor über Jahrhunderte durch die Leiber Ihrer
Vorfahren geschlichen, um jetzt bei Ihnen seine verheerende Wirkung
zu beginnen. Ich hatte auch den Tomographiecomputer während der
Kernspintomographie angeschlossen.
Der
konnte nur mit Mühe den Krankheitsauslöser annähernd
identifizieren. Eine Überdosis radioaktiver Strahlen, wahrscheinlich
Caesium 137 oder Jod 131, hat den Krankheitserreger produziert.“
„Da
kann ich mich ja auf eine langwierige Behandlung gefasst machen“,
meinte Jonathan.
Die
Antwort Dr. Szekelys ließ dem jungen Mann dann die Ernsthaftigkeit
seiner Lage bewusst werden.
„Die
Medizin kennt kein Arzneimittel gegen diese Krankheit. Im 21.
Jahrhundert sind Millionen Menschen an ihr gestorben. Man muss bei
Ihnen eine totale Bluttransfusion vornehmen. Kein einziger Tropfen
Blut darf in Ihrem Körper bleiben. Ich habe die Computerdaten
bereits ans Hospital als Anhaltspunkte für weitere Analysen gefaxt.
Das Team von Professor Concales ist eines der besten in Europa. Sie
können sich natürlich auch ein anderes Krankenhaus aussuchen. Die
Transfusion muss aber auf jeden Fall durchgeführt werden. Sonst
haben Sie keine Chance. Ich weiß, wie hart das für Sie ist. Es
würde Ihnen aber nicht dienen, wenn ich an der Wahrheit vorbeireden
würde.“
II
Der
glänzende Vogel kam mit Überschallgeschwindigkeit direkt aus der
Sonne.
„Das
ist er!“
„Das
ist Papi!“
Die
zwei Kinder hüpften vor Freude und klatschten in die Hände.
Jonathan setzte seinen Jet gekonnt auf die Landebahn. Es war erst
Mittwoch, aber die Parlamentarier hatten schon ihre Osterferien
angetreten.
Die
Sonne stand tief überm Horizont. Jonathan sog die reine Abendluft
mit Genuss in die Lunge. Er hätte allen Grund gehabt, glücklich zu
sein. Das Häuschen am Stadtrand von Ingolstadt war fertig. Vera
machte einen zufriedenen Eindruck. Die Kinder mussten nichts
entbehren.
Wäre
da nicht diese Geschichte mit der Leukämie. Seine Frau soll, ja muss
alles erfahren, und zwar sofort. Allein würde er mit dieser Last
über die Ostertage nicht fertig werden.
Jonathans
Stimme zitterte leicht, als er dem Geschehenen der letzten Wochen
einen sprachlichen Zusammenhang gab. Es fiel ihm nicht leicht, war es
doch das erste Mal, dass er seiner Frau so lange ein Problem
verschwiegen hatte.
Sie
saßen in ihrer eingegrünten Gartenlaube und Vera hielt seine Hand.
Sie unterbrach ihn nicht, denn die Angst, die sie am Anfang seiner
Worte befallen hatte, wurde von der steigenden Gewissheit
abgeschwächt. Zuversicht gewann die Oberhand. Die Medizin wird schon
alles richten.
*
Jonathan
atmete ruhig. Es war ihm um vieles leichter. Der abgeworfene Stein
hatte seine Seele befreit und seine Sinne konnten die Umwelt wieder
wahrnehmen.
Der
Mond war schon aufgestiegen. Hundegebell zeugte von Nachbarschaft.
Ein unruhiger Stern zog am Großen Wagen vorbei.
„Schau,
ein Raumgleiter, dort, vor dem Großen Wagen“, riss Jonathan seine
Frau aus ihren Gedanken. Vera war ihm dankbar dafür, denn ihre rege
Phantasie hatte sie schon in ein großes, fremdes Hospital entführt.
III
Jonathan
war schnell eingeschlafen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in
gleichmäßigem Rhythmus.
Vera
blickte in das ruhende Antlitz. Nur ihre Nachtlampe verbreitete
spärliches Licht und verlieh Jonathans Gesicht einen blassen Schein.
Irgendwo
am Schwarzen Meer waren sie sich eines Abends begegnet. Und es war
Liebe auf den ersten Blick. Auf einer einsamen, im Schilf verborgenen
Insel des Donaudeltas haben sie sich ihr Jawort gegeben. Ein Pope mit
schneeweißem Bart hatte ihnen den Segen seiner Kirche erteilt. Die
Sterne hingen in jener Nacht fast greifbar tief und die Frosch- und
Grillensymphonie war das Göttlichste, was sie jemals gehört hatten.
Jonathan
studierte damals in München und sie arbeitete in einem Prager
Kaufhaus. Die erste Zeit hatten sie sich in Englisch verständigt.
Erst nachdem sie zusammengezogen waren und in einem Münchner Vorort
ein Appartement bewohnten, lernte sie Deutsch und er Tschechisch.
Nach
dem Studium arbeitete Jonathan als Anwalt. Dann zog es ihn in die
Politik. Das kleine, ein wenig reparaturbedürftige Häuschen in
Ingolstadt hatten sie sich gekauft, weil er im Parlament nicht alt
werden wollte. In der Stadt seiner Kindheit, wo seine Vorfahren schon
immer gelebt haben, wollte er eines Tages arbeiten.
Dann
waren die Kinder gekommen. Sie füllten Veras Leben aus, wenn
Jonathan in Straßburg weilte.
Und
jetzt? Was ist das für eine geheimnisvolle Krankheit? Wird die
Bluttransfusion gelingen? Wenn aber die medizinischen Geräte gerade
dann versagen?
Vera
spürte, wie eine zerstörende Beklommenheit ihr Herz zu umklammern
versuchte. Sie sah einen gesichtslosen Arzt. Seine Stimme kam hinter
der großen, weißen Gestalt hervor. Sie klang weich, aber
unpersönlich: ‚Es tut mir so leid. Unglückliche Zufälle haben
dazu geführt ...‘
Oh
Gott! Vera biss sich auf die Lippen, um nicht aufzuschluchzen. Wirre,
konturlose Gestalten und Dinge beherrschten ihre Gefühle.
*
Der
vom Schmerz überwältigten Frau waren die Augenlider längst
zugefallen. Da stand ein riesiger Sarg in einem tür- und
fensterlosen Raum. Die Wände rückten auseinander. Der Sarg wurde
immer kleiner. Eine anfangs erkennbare Melodie ging in einen
unendlichen Hall über. Finsternis. Stille. Veras Schlaf stieg in die
Traumlosigkeit. Auf ihren Wangen trockneten Tränen. Niemand hat
jemals von ihnen gehört.
IV
Jonathan
und Vera hatten beschlossen, den Jahreswechsel zu Hause zu
verbringen. Seit die Kinder da waren, verbrachten sie die
Silvesterabende stets im warmen Wohnzimmer. Heuer lag ihnen besonders
viel daran.
Drei
Monate hatte Jonathan in der Privatklinik Professor Concales’
verbracht. Nicht so sehr seine erfolgreiche Behandlung, als vielmehr
die Ursache der ungewöhnlichen Krankheit hatte für Schlagzeilen in
den europäischen Medien gesorgt.
Die
Vermutung Dr. Szekelys über die möglichen Krankheitserreger haben
unter den Genspezialisten widersprüchliche Aussagen hervorgerufen.
Vorübergehend war der Begriff Radioaktivität und damit verbunden
die Kernenergie, eine selbst aus den Schulbüchern schon seit Jahren
verschwundene Energieform, wieder Gesprächsstoff in den Kreisen der
Mediziner und Wissenschaftler geworden. Fast hundert Jahre nach ihrem
Ausdienen für die Menschheit hätte sie beinahe ein weiteres
Menschenopfer für ihre Dienste gefordert.
Jonathan
genoss das Glück seiner Genesung. Die Kinder hingen noch mehr als
vorher an ihm und Vera verwöhnte ihn nach allen Regeln der Kunst. Er
hatte schon am Nachmittag eine Flasche Krimsekt kaltgestellt. Jetzt
frönte er dem Nichtstun, eine Beschäftigung, die er vor seinem
Krankenhausaufenthalt nicht kannte, die er jetzt aber um so mehr
schätzte. Vieles in seinem Leben hat eine neue Gewichtigkeit
erfahren. Mit dankbarem Blick verfolgte er Veras Bewegungen, die sich
am Elektroherd zu schaffen machte. Im Hintergrund kamen aus dem Radio
weit unterhalb einer normalen Zimmerlautstärke soeben die
22-Uhr-Nachrichten.
„Im
Hobbyraum ist es aber merkwürdig still“, unterbrach der glückliche
Familienvater die angenehme Ruhe. Ich schau mal nach, was die Kinder
da unten machen.“
Nach
einer Viertelstunde kam Jonathan zurück. Er wirkte etwas angespannt.
Fast andächtig legte er ein in schwarzes Kunstleder gebundenes Heft
auf den Tisch.
„Wolfgang
hat Michaela aus diesem Heft vorgelesen. Es scheint ein Tagebuch zu
sein“, befriedigte er die fragenden Blicke Veras.
Dann
setzten sich beide an den Wohnzimmertisch und begannen, die schon
leicht vergilbten Seiten durchzublättern. Die Kinder hatten das in
gut leserlicher deutscher Handschrift geführte Tagebuch aus dem
Koffer genommen, den Jonathans Vater vor einem Monat aus der Wohnung
seines verstorbenen Großvaters gebracht hatte, und der schon wieder
vergessen in einer Ecke des Hobbyraumes stand. Auf dem Einband war
eine Jahreszahl eingeprägt: 1986. Eine Jahrhunderte zurückliegende
Welt tat sich für Vera und Jonathan auf.
*
Donnerstag,
1. Mai 1986
Wir
sind heute aus Rumänien zurückgekommen. In der alten Heimat sieht
es traurig aus. Die Auswanderungsagonie grassiert unter den Deutschen
im Land. Ceauşescu bastelt am kommunistischen Einheitsmenschen.
Angst, Grauen und Hoffnungslosigkeit haben sich auf die Seelen der
Menschen gelegt. Viele leben schon stumpfsinnig vor sich hin, nur
noch die eigenen Überlebenschancen im eingeschränkten Blickfeld
wahrnehmend. Wir müssen Gott dankbar sein, dass wir diesem
Seeleninferno rechtzeitig entrinnen konnten. Die Medienzensur hat das
Land vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Erst heute in den
frühen Morgenstunden, als wir uns in Jugoslawien der
österreichischen Grenze näherten, erfuhren wir aus den Nachrichten
des Österreichischen Rundfunks, dass in der Nacht vom 25. auf den
26. April in einem Kernkraftwerk nördlich der sowjetischen Stadt
Kiew eine Explosion Teile des Kernreaktors zerstört hat und
radioaktive Strahlungen freigesetzt wurden.
Freitag,
2. Mai 1986
Wir
machen uns Sorgen. Es wird hier so viel über diesen Unfall in
Tschernobyl geredet und geschrieben. Die Regenwolken sollen die
radioaktiven Elemente bis nach Bayern transportiert haben. Überall
hört man Warnungen. Die Kinder sollen nicht mehr im Sand spielen.
Obst und Gemüse sind verseucht. Auch die Milch von den Bauernhöfen
sei mit Radioaktivität belastet. Am vergangenen Wochenende sind über
das Banat schwere Oststürme gezogen. Es hat sintflutartig geregnet.
Am Montag, Dienstag und Mittwoch war dann wieder das schönste
Wetter. Wolfgang hat die ganze Zeit draußen gespielt. Er ist mit den
Nachbarskindern durchs ganze Dorf gerannt. Gleich nach den
Gewitterregen haben sie Dämme in den Wassergräben gebaut. Evi ist
schwanger. Sie hat dort unten nur frische Kuhmilch getrunken. Die
Kühe werden täglich auf die Weide getrieben. Das Banat liegt
immerhin 1000 Kilometer näher zum Unglücksort als Bayern.
Samstag
, 3. Mai 1986
Wir
sind sehr beunruhigt. Ich habe beim Roten Kreuz angerufen und unsere
Situation geschildert. Dort ist man anscheinend ratlos. Man hat uns
geraten, beim Strahleninstitut in München anzurufen. Auch dort
wurden wir nicht gescheiter. Die haben uns geraten, einen Frauen- und
einen Kinderarzt aufzusuchen. Wir könnten aber unbesorgt sein, denn
eine akute Gesundheitsgefährdung sei zu keiner Zeit vorhanden
gewesen, wahrscheinlich auch nicht im Banat. So ein Schwachsinn.
Warum kann man dann außer Warnungen vor radioaktiver Verseuchung
nichts mehr lesen und hören?
Wortlos
überflogen sie Zeile um Zeile, um immer wieder auf den 1. Mai
zurückzukommen. Mehr als eine Stunde war so vergangen. Dann fragte
Vera plötzlich: „Hast du Dr. Szekely auch zu Neujahr geschrieben?“
Jonathan glaubte, einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen.
„Nein.
Ich wollte ihn morgen früh über die Web-Kamera kontaktieren und
mich ein wenig länger mit ihm unterhalten. Aber ich werde ihm sofort
eine Mail schicken und diese drei Tagebuchseiten gleich mit.“
Jonathan
ging in sein Arbeitszimmer und sandte des Rätsels endgültige
Lösung, versehen mit den herzlichsten Neujahrswünschen der ganzen
Familie, an Dr. Szekely.
Erst
dann fiel sein Blick auf die alte Wanduhr: 23:30 Uhr. Daneben hing
schon der neue Kalender mit der Umschlagaufschrift PROSIT 2255!
[Ingolstadt,
1991]
Anton
Potche
-
aus dem Buch von Anton Potche: Kurzprosa aus der Hecke und dem Spind;
BoD-Norderstedt; 2017
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