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Montag, 22. Juni 2026

Jahrmarkt vor 100 Jahren - 1926 (1)

 
Das Wohl oder Wehe einer Wirtschaft wird bekanntermaßen auch von der Finanzsituation der Geldinstitute widerspiegelt. Die erste Bank, die im Jahre 1926 ihre „geehrten Aktionäre“ zur ordentlichen Generalversammlung „höflichst eingeladen“ hat, es war die zweiundzwanzigste, war die Erste Jahrmarkter Sparkassa Aktiengesellschaft. Die Einladung erschien in der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG (BDZ) vom 17. Januar 1926. Veröffentlicht wurde die Tagesordnung und das Bilanzkonto sowie das Gewinn- und Verlustkonto, beide Konten in deutscher und rumänischer Sprache. Der Abschluss konnte sich mit der Gewinnsumme von 534.848 Lei und 54 Bani sehen lassen. Auch die Namen der Direktionsmitglieder (12) sowie die der vier Aufsichtsräte werden genannt. Die federführenden Köpfe in der Bank waren laut der ausführlichen Einladung ein Triumvirat, bestehend aus Michael Berger (Direktor), Andreas Wilwerth (Buchhalter) und Andreas Wanyer (Kassier).

Zu Jahresbeginn haben auch andere Bankaktivitäten mit Jahrmarkter Tangens ihren Weg in die Zeitung gefunden. So konnte man am 20. Januar die Einladung des Temesgyarmataer Spar- und Kreditvereins als Aktiengesellschaft zur Generalversammlung in der BDZ lesen.

Am 6. Februar folgte die Einladung zur 31. ordentlichen Generalversammlung der Schwäbische Zentralbank A.=G. Sie soll am „28. Feber 1926, Sonntag, vormittags halb 11 Uhr in den Institutslokalitäten Timișoara, Innere Stadt, Piața Unirei, Domplatz 9“ über die Bühne gehen. Zu den 29 „Filialen und Exposituren“, bei denen bis spätestens acht Tage vor der Generalversammlung noch Aktien deponiert werden können, gehört auch der Jahrmarkter Spar- und Kreditverein als A.=G Jahrmarkt.

Zehn Tage später erschien in der BDZ ein „Akzienzeichnungsaufruf“ der Erste Jahrmarkter Sparkasso A. G. Es wird in dem Aufruf mitgeteilt, dass „die Erhöhung des Aktienkapitals diesmal von 105.000 Lei auf 315.000 Lei beschlossen“ wurde. Es werden auch verschiedene „Zeichnungsmodalitäten“ genannt. Die erste sieht vor, dass „nur rumänische Staatsbürger Akzien zeichnen können.“

Eine stabile Gesellschaft kann sich nicht nur auf ein starkes Bankwesen stützen, sondern auch auf aktive Vereine verschiedenster Orientierungen. Am 10. Dezember 1891 wurde in Temeswar der Schwäbische Landwirtschaftsverein gegründet. Die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG berichtete am 25. März 1926 vom 35. Jahrestag der Gründung dieses „grundwichtigen Vereins für unsere Landwirte“.

Eine wichtige Rolle spielen im Wirtschaftsleben die Ausstellungen. Das war schon vor 100 Jahren so. In der BDZ konnte man am 10. März 1926 in einem Artikel unter der Überschrift Die Weinausstellung im Deutschen Hause lesen: „Noch im Winter äußerten die Bakowaer Weinproduzenten den Wunsch, ihre Weine durch eine Weinausstellung im Deutschen Hause auch weiteren Kreisen bekannt zu machen. […] Die Weinausstellung wurde am 7. März, Sonntag, um 10 Uhr, von Herrn Vereinspräsidenten Prälat Blaskovics eröffnet.“ Es gab bei der gut besuchten Ausstellung viele Preisträger, auch aus Jahrmarkt. Einen zweiten Preis bei der Kategorie Neuweine – Allgemeine Gruppe erhielten Franz Wagner und je einen dritten Nikolaus Lorisz und Mathias Kronenberger. Bei der Gruppe Altweine Weiß konnten sich Nik. Schuld und Hieronymus Bittenbinder über zweite Preise freuen. Dritte Preise für ihre weißen Altweine bekamen Peter Klein und Johann Rosar. Für ihre Rotweine wurden Franz Wagner mit einem zweiten und Johann Potche mit einem dritten Preis ausgezeichnet. Bei den  Sortimentweinen belegte Georg Staß einen dritten Platz mit seinem Riesling. Besonders gut schnitten die Schnapsbrenner aus Jahrmarkt mit ihren Schnäpsen ab: 1. Preis – Johann Frombach und Franz Wagner sowie 2. Preis – Josef Wendling. Zum Schluss dieser Banater Weinmesse äußerte Prälat Blaskovics den Wunsch, „dass auch diese Veranstaltung dazu beitragen möge, in der Zukunft eine Zentralstelle zu schaffen zur weiteren Entwicklung unseres Weinbaues.“

Eine vitale Landwirtschaft generiert wie schon vor 100 und mehr Jahren auch stets Ver- und Zukäufe von Feld. Eine Anzeige dazu findet man in der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG vom 5. Februar 1926: „9 Joch prima Feld mit Wirtschaftsgebäuden fünf Minuten von der Eisenbahnstation Ueberland (Jahrmarkt) sind unter günstigen Zahlungsbedingungen preiswert zu verkaufen.“ Das Geschäft sollte über einen Kontaktmann im Temesvarer Hotel „Krone“ abgewickelt werden.

Auch Landwirtschaftsgeräte wechselten schon damals ihre Besitzer. In einer BDZ-Anzeige bot Franz Lux aus Jahrmarkt, Hausnummer 697, einen „Grasmäher in gutem Zustande“ zum Verkauf an.

Die eine oder andere Maschine wurde aber auch zur Not als Verkaufsobjekt angeboten. So konnte man am 16. September vor 100 Jahren in der BDZ folgende Anzeige lesen: „Eine kaum 3 Monate in Betrieb gewesene Wollschlumpe (Wollkrempelmaschine) [… ] „ist krankheitshalber sofort preiswert zu verkaufen bei Anton Schneider, Jahrmarkt Nr. 538“.

Nicht unbedingt weniger dramatisch hört sich eine Versteigerung in Jahrmarkt an. Angekündigt wurde sie in der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG in rumänischer Sprache: „Se fixează termen spre efectuarea licitației pe ziua de 9 Octombrie 1926 ora 4 d. m. în Giarmata începând în casa sub No. 67 și în continuare în casa sub No. 151 pe când și unde [se] vinde prin licitație obiectele secvestrate și anume: diferite mobile prețuite la suma de 8.400 Lei.” Versteigert wurden die Objekte von Ana Harnischfeger, geb Bibinger, Gattin des Ioan Harnischfeger.

Besser hört sich schon erfolgreiches Wirtschaften an. Und darin scheint Jahrmarkt vor 100 Jahren einen guten Namen erworben zu haben. Das kann man aus einem Artikel schließen, der am 25. September in der BDZ unter dem Titel Besuch einer deutschen Weinbau=Studien=Kommission im Banat erschienen ist. Die Gäste aus Deutschland wurden von Lehrer Zimmerer aus Jahrmarkt, Landwirt Andreas Korparics, Delegierter des Schwäbischen Landwirtschaftsvereins in Temeswar, und Direktor Brandrup von der Firma Romantl S. A. Temesvar „zunächst nach den Elisabethstädter Weingärten geführt“. Weiter hieß es: „Das nächste Ziel war Jahrmarkt, wo die Kommission mit herzlichen Worten von Herrn Johann Frombach empfangen und durch die 1080 Joch umfassenden Weingärten geleitet wurden. Nachher wurde in der gastfreundlichen Familie des Herrn Frombach ein Imbiß eingenommen, worauf Bruckenau besucht wurde.“

Am 6. Oktober 1926 stand in der BDZ-Rubrik Volkswirtschaft unter dem Titel Gründung der Weinbausektion des Schwäbischen Landwirtschaftsvereines ein ausführlicher Bericht, der auch das Resultat der abgehaltenen Wahlen zum Führungsgremium der Weinbausektion beinhaltete. Als Vorsitzender wurde Dr. Andreas Konrad aus Temeswar gewählt und als sein Stellvertreter Johann Frombach aus Jahrmarkt. Zu den gewählten „Ausschussmitgliedern“ zählte auch der Jahrmarkter Georg Staß.

Schon vor 100 Jahren haben die Banater Schwaben Kontakte zu ihrem Mutterland Deutschland gesucht und waren dabei lernwillig. Das konnte man einem Artikel aus der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG vom 8. Oktober 1926 entnehmen. Im jeweils „dicht besetzten“ Temeswarer Schülerheim „Banatia“ hielt der aus Oldenburg angereiste Ministerialrat Wegmann drei Vorträge, zwei wissenschaftliche und einen wirtschaftlichen. Die Zeitung schrieb zum dritten Vortrag unter dem Titel Die deutsche Agrarreform und die Lage des deutschen Bauernstandes einführend: „Nebst dem städtischen Publikum sahen wir Landwirte in Gruppen von je 18 – 22 Personen aus Neubeschenowa, Guttenbrunn, Jahrmarkt und kleinere Gruppen aus Billed, Grabatz, Lenauheim, Hatzfeld u. n. a.“
Anton Potche

Montag, 8. Dezember 2025

Jahrmarkt vor 100 Jahren – 1925 (6)

 
Das Kirchenleben in Jahrmarkt gehörte schon immer zu den anregendsten Gesellschaftsformen. Auch die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG berichtete im Jahre 1925 über das Geschehen in und um die Kirche in dieser Gemeinde.

So hieß es zum Beispiel in der BDZ, dass vom „29. Nov. bis 5. Dezember“ in Jahrmarkt sogenannte „Missionen“ abgehalten werden, und zwar von den „Wiener Redemptoristen=Patres Paul Tomicek und Dr. Franz Schnabl“. Feierlich beendet „werden die Missionen durch den apostolischen Administrator Augustin Pacha“. (Die Redemptoristen sind eine seit 1732 existierende römisch-katholische Ordensgemeinschaft, die sich um missionarische Seelsorge kümmern. Laut WIKIPEDIA waren im Jahre „2021 etwa 5000 Mitglieder in 82 Ländern weltweit tätig“.) 

Am Nikolaustag des Jahres 1925 wurde in Jahrmarkt geheiratet. In der Zeitung konnte man an diesem Tag lesen, dass „heute in Jahrmarkt die Eheschließung unseres geschätzten Volksgenossen Ingenieur Josef Beißer mit Frl. Elisabeth Waniss“ stattfindet. Die Trauung wird vom apostolischen Administrator Augustin Pacha vollzogen. (Im Ortssippenbuch der katholischen Pfarrgemeinde Jahrmarkt findet man zu diesem Ereignis folgenden Eintrag: B312 – Beißer Josef, geb. am 24.11.1887 in Gertianosch, hat am 05.12.1925 in Jahrmarkt Vaniss Magdalena, geb. am 16.12.1903, geheiratet. Weil der Nikolaustag 1925 ein Sonntag war, kann man davon ausgehen, dass der Hochzeitstag im Ortssippenbuch stimmt, hat man doch nach meinem Wissen in Jahrmarkt immer samstags geheiratet.)
Anton Potche

Montag, 10. November 2025

Jahrmarkt vor 100 Jahren – 1925 (5)

 
Die Vorkommnisse in einem Dorf sind je vielfältiger, je größer die Ortschaft ist. Und Jahrmarkt gehörte schon vor hundert Jahren zu den großen Dörfern des Banats. Es gab damals Vorfälle, auf die man nicht unbedingt stolz sein konnte.

Am 4. Juli 1925 veröffentlichte die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG (BDZ) einen in Erzählungsform (mit Dialog) geschriebenen Leserbrief, der den Titel trug Das Nachtquartier auf der Steintreppe und mit H. Bbr. signiert war. Der Autor berichtet von einer abendlichen Begegnung auf den Treppen eines Temeswarer Klosters mit einer obdachlosen Frau im ungefähren Alter zwischen 40 – 45 Jahren. „Die Arme erzählte mir“, schreibt er, „daß sie aus Jahrmarkt sei und keinen Dienst habe. Sie schläft bei Quartiersfrauen.“ Zum Schluss des Artikels oder Leserbriefes macht der Verfasser einen sozialpolitischen Exkurs in die Verhältnisse jener Zeit. Er schreibt von „massenhaft nach Temesvar kommenden schwäbischen Dienstmädchen“, die ein „willkommenes Ausbeutungsobjekt so mancher gewissenlosen »Gnädigen«“ geworden sind. Diese Mädchen vom Dorf sind „billig, fleißig und rein.“ Bei fortgeschrittenem Alter „verproletarisieren sie in der großen Stadt Temesvar. [...] Was geschieht dann mit ihnen?“, fragt sich der Autor des Textes zum Schluss.

Am 4. November 1925 hätte eine Jahrmarkter Witwe gerne ihrer Kuh ein Obdach geboten. Wenn … ja wenn die nicht weggelaufen wäre. Frau Roth hat daher eine Suchanzeige in der Zeitung veröffentlicht: „Seit 28. Oktober l. J. hat sich auf der Jahrmarkter Weide eine 6 jährige Kuh verlaufen. Bei Auffindung derselben wolle man dies Witwe Roth, Jahrmarkt, mitteilen.“ 

Am 19. November hatte die gute Frau ihre Kuh noch immer nicht gefunden und ihre etwas nebulöse Anzeige vom 4. November deutlicher formuliert. Hier scheint die Reaktion der BDZ behilflich gewesen zu sein, denn die Vermisstennachricht erschien nicht als bezahlte Anzeige, sondern in einer Kurzmitteilungsrubrik. Und zwar so: „Rotweiße Kuh verloren. Wer etwas weiß, wolle dies freundlichst mitteilen an Witwe Johann Roth, Jahrmarkt, Nr. 464.“ Ob die Frau ihre Kuh gefunden hat, ist bis heute in keiner Geschichtspublikation über die Gemeinde rund um den Großen Brunnen vermerkt.

Liebesräusche hat es in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Genüge gegeben. Nicht nur im mondänen Berlin, sondern auch in Jahrmarkt. Zumindest waren sie gut für eine Kolportage. Die BDZ berichtete am 28. November 1925 von Frau Sofia Pancia, dass sie die „nahezu 60 Lenze zählende“ Witwe Nr. wegen Liebedienerei angeklagt habe. Frau Nr. habe sich „glühende Liebesdienste“ mit Schnaps von „jungen Männern“ erkauft. Wahrheit oder nur Verleumdung? Die Geschichte landete vor dem Temeswarer Bezirksgericht. Bezirksrichter Dr. Fiala sah Verleumdung im Spiel und bestrafte Sofia Pancia mit einer Zahlung von 1000 Lei. Die Zeugen hatten sich für die Unschuld von Nr. ausgesprochen.

Da schickten im Dezember 1925 Leute Geld nach Hause und ein 30 Jahre alter Postbeamte konnte seinem Drang nach leicht erworbenem Weihnachtsgeld nicht widerstehen. Aurel Marinescu hieß der Postbeamte, und die Summen, die er unterschlagen hat, lagen bei 226 Doller und 130.000 Lei. Dazu kamen noch „größere Geldbeträge aus den Geldbriefen des Friedrich Sehl (Jahrmarkt), der Anna Sandu (Feheregyhaza) und des Anton Martin (Blumenthal)“. Die Geschichte mit dem Krug und dem Brunnen kennen wir ja. So war es auch hier. Aurel Marinescu wurde bei seiner „diebischen Manipulation“ ertappt und landete für ein Jahr im Gefängnis. Ich aber war neugierig – nicht damals, sondern jetzt – wer mein Landsmann Friedrich Sehl war. Das Ortssippenbuch Jahrmarkt nennt bloß einen Mann mit diesem Namen, der mit zwei Frauen 14 Kinder gezeugt hat und im Juli 1926 im gesegneten Alter von 80 Jahren verstorben ist – in Jahrmarkt. Das sagt mir, dass sein „Geldbrief“ wohl kaum aus den Vereinigten Staaten vom Amerika gekommen war wie einige der vom betrügerischen Postmitarbeiter unterschlagenen Sendungen. Aber g‘wiss ist nichts.

Für die Weihnachtszeit war das eine ganz schlechte Nachricht. Am 15. Dezember 1925 veröffentlichte die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG einen ausführlichen Bericht über die Folgen der in Bessarabien ausgebrochenen Hungersnot. Dort lebten viele Deutsche, und das ließ die Banater Schwaben nicht unberührt. Dörfer wie Kneß, Warjasch, Lenauheim haben Abgesandte nach Bessarabien geschickt, um von der Armut bedrohte Bessarabiendeutschen Arbeitsplätze in der Landwirtschaft im Banat anzubieten. Auch viele andere Ortschaften planten solche Hilfsmaßnahmen, unter ihnen auch Jahrmarkt. Ohne beidseitigen politischen und administrativen Einsatz ging das natürlich nicht. Wortwörtlich hieß das laut BDZ: „Diese Hilfsaktion leitet im Banate die Hauptstelle der Deutsch schwäbischen Volksgemeinschaft, während der Deutsche Volksrat in Tarutino unsere Entsendeten, die hauptsächlich die Gemeinden des Hungergebietes aufsuchen müssen, mit Rat und Tat unterstützt. […] Die Kneßer erzählen, daß die bessarabischen Schwaben trotz aller Not sich nur schwer zum Verlassen ihrer Heimat entschließen.“ Ja, ja, so ist das mit der Heimat!

Noch kurz vor Weihnachten wurden die Sitze der Bezirksgerichte und die zu ihnen gehörenden Gemeinden und Dörfer in der BDZ am 20. Dezember veröffentlicht. Die Beisitzer der Bezirksgerichte befanden sich in den Ortschaften Billed, Lugosch, Detta, Hatzfeld, Lippa, Rekasch, Großsanktnikolaus, Temesvar und Vinga. Jahrmarkt gehörte zum 2. Bezirksgericht der Stadt Temesvar. Dazu gehörten ferner „die in der Umgebung der Stadt liegenden Dörfer“. Zum ersten (1.) Bezirksgericht gehörte nur Temesvar.
Und weil dieses Jahr für Jahrmarkt irgendwie nicht mit einer guten Nachricht ausklingen wollte, sei noch erwähnt, dass die gleiche Nummer der BANATER DEUTSCHEN ZEITUNG unter der Rubrik Fern von der Heimat gestorbene Banater folgende Botschaft veröffentlichte: „Aus Chikago wird berichtet: Am Freitag, den 13. November, starb nach achtwöchentlichem schweren Leiden, das er sich durch einen Unfall zugezogen hat, der aus Jahrmarkt stammende Johann Loriß. Der Verstorbene stand im 47. Lebensjahre. Er wird von seiner Gattin und vier Kinder betrauert.“
Anton Potche

Montag, 20. Oktober 2025

Jahrmarkt vor 100 Jahren – 1925 (4)

1925 fand im Komitat Temesch=Torontal eine Verwaltungsreform statt. Von 11 wurde die Anzahl der Bezirke auf 14 angehoben. Das ging natürlich nur mit einer Neuaufteilung der Ortschaften. Jahrmarkt und Csernygehaz (heute Cerneteaz, von den Deutschen Zorn genannt) gehörten ab sofort zusammen mit 18 anderen Ortschaften zum Zentralbezirk mit der Verwaltung in Temeswar. Diese 20 Dörfer hatten damals zusammen 42.483 Bewohner. Das kann man nachlesen in der DEUTSCHEN BANATER ZEITUNG vom 28. Mai 1925. 

Menschen waren schon immer auch behördlicher Willkür ausgesetzt. Der aus Altringen stammende und in Jahrmarkt arbeitende Riemermeister Josef Zimmermann klagte bei der Zeitung, dass drei Gendarmen sich in seinem Haus in Altringen, das von einem alten Ehepaar bewohnt und gepflegt wird, breitgemacht hätten. Die Deutsch-Schwäbische Volksgemeinschaft hat den Fall dem stellvertretenden Präfekten Kornel Bejan gemeldet und der hat Abhilfe versprochen. „Darf sich so etwas in einem Staat mit geordnetem Rechtsverhältnis zutragen?“, stellt die DBZ vom 2. August 1925 zum Schluss des Artikels die Frage.

Nicht immer wurden die Rekruten (Einberufungsjahrgang) in Jahrmarkt mit Blasmusik (manchmal sogar mit zwei konkurrierenden Kapellen) zum Bahnhof begleitet, um mit dem Frühzug ins Temeswarer Militärkreiskommissariat zu fahren und dort eine Musterung (Militärtauglichkeit) über sich ergehen zu lassen, wie das in den 1960 und -70er Jahren noch üblich war. Vor 100 Jahren, also ca. acht Jahre nach dem I. Weltkrieg, hieß es in der BDZ vom 28. Oktober 1925 diesbezüglich so: „Wir meldeten bereits, dass mit dem 1. November die Vidierung des Militärbüchleins der in den Jahren 1878 bis 1900 geborenen Männer (Reservisten, gewesene Kriegsgefangene, Enthobene, frühere Invalide, die bei der letzten Überprüfung für Militär= oder Hilfsdienst tauglich befunden wurden), ferner die Überprüfung der Enthebungen beginnen werden. […] Die Kontrollversammlung der im Zentralstuhlbezirke wohnenden Männer findet in Temesvar, Elisabethstadt, im Michelsschen (früher Novotny) Gasthause in folgender Reihenfolge statt: [...] 11. - 12. Nov. Csernegyhas (damals gehörte dieses Dorf noch nicht zu Jahrmarkt, aber heute schon), […] 16. - 19. Nov. Jahrmarkt.“ 
Anton Potche

Montag, 15. September 2025

Jahrmarkt vor 100 Jahren – 1925 (3)

 
Wie schnell aus einer landesweit aktiven Landwirtschaftsorganisation, man nannte sie damals Kammer, ein Politikum wird, konnte man aus Artikeln in der BANATER DEUTSCHEN ZEITUNG erfahren. Landwirtschaft und Politik gehören besonders in einem Agrarstaat, wie Rumänien vor 100 Jahren einer war, zusammen.

Am 22. August erschien in der BDZ ein Aufruf zu den Landwirtschaftskammerwahlen. Sie waren anberaumt für den 25. August im Konzertsaal der städtischen Musikschule. „Nachmittag von 1 bis 6 Uhr waren [neben anderen Ortschaften] Csernegyhaza und Jahrmarkt programmiert. Die Wahlberechtigten mussten nach „Feststellung der Identität“ ihre von der Gemeinde ausgestellte Wahllegitimation vorlegen. Sollte jemandem seine Wahllegitimation abhandengekommen sein, so konnte er im Eilverfahren beim „zuständigen Gemeinderichteramte oder vom Temesvarer Bezirksgericht ein Duplikat erhalten“. Weiter heißt es: „Die Gemeinderichter und Notäre haben bei der Wahl anwesend zu sein, um eventuelle Mißbrauchversuche zu verhindern und die Wähler zu legitimieren.“ Also ich würde sagen, ein ganz schöner Aufwand für eine Bauernorganisation. 

Vier Tage später konnte man in dieser Zeitung einen ausführlichen Bericht zu den Wahlen mit der Überschrift lesen: Die Landwirtschaftskammerwahlen in Temesvar – Ruhiger Wahlvorgang – Starke Beteiligung der Wähler – Mißbräuche in Rekasch – Die Deutsch-Bentscheker Wähler dürfen nicht abstimmen. Aus dem Text konnte man dann schließen, dass ein „ruhiger Wahlvorgang“ durchaus auch als „ziemlich langsam“ verstanden werden kann. So gesehen „muß die Wahl voraussichtlich um 2 Stunden verlängert werden und die Abstimmung kann erst abends 8 Uhr abgeschlossen werden.“ Auch die Csernegyhazaer und Jahrmarkter waren für den Nachmittag vorgesehen. Und die Bentscheker? Die sollten in Rekasch ihre Stimmen abgeben, wurden aber von einem „Gendarmeriekordon“ daran gehindert. Wohlgemerkt: nur die Deutsch-Bentscheker nicht auch die Rumänisch-Bentscheker. Aus der Geschichte wurde ein politischer Skandal. Die „Schwäbische Volksgemeinschaft“ hat sich eingeschaltet. Bis zum Redaktionsschluss war noch nicht klar, ob die Deutsch-Bentscheker von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen konnten. 

Am Folgetag hieß es dann in der BANATER DEUTSCHEN ZEITUNG schwarz auf weiß: „Die gestrigen Landwirtschaftskammerwahlen endeten im Banate mit einer Niederlage der liberalen Liste. Trotz allen Terrors, trotz aller Drohungen und Versprechungen siegte die vereinigte Liste des Schwäbischen Landwirtschaftsvereines und des ‚Sindicatul Agricol‘ mit einer mehr als doppelten Mehrheit. Dabei ist zu erwähnen, daß im Zentralbezirke sechs von den besten unserer Gemeinden (Sackelhausen, Jahrmarkt, Schag, Sanktandres, Deutsch=Sankt=Michael und Kovatschi) infolge der vorgeschrittenen Zeit überhaupt nicht mehr abstimmen konnten, da die Gemeinden zufälligerweise unter den letzten eingereiht waren.“ Es gab nur zwei Wahllisten: die Pflugliste (Schwäbische Landwirteverein & Sindicatul Agricol) und die Kreuzliste (regierende Liberalen). Auch ohne die Stimmen der nicht zur Wahl gelangten Gemeinden haben die „landwirtschaftlichen Berufsorganisationen“ die Wahl für sich entschieden. Für die Pflugliste haben 13.653 Personen gestimmt, während sich die Liberalen auf der Kreuzliste mit 6.285 Stimmen zufrieden geben mussten. Der ausführliche Beitrag in der BDZ zeigt eindeutig, dass dieses Blatt eine oppositionelle Stimmungsmache gegen die in Bukarest regierenden Liberalen fuhr, wenn es z.B. hieß: „Dieser Wahlsieg hat in mehrfacher Beziehung große Bedeutung. Vor allem hat unser Volk durch diese Wahl wieder einmal eine Feuerprobe seiner Einmütigkeit und Diszipliniertheit erwiesen. Es hat den Beweis wieder einmal dafür geliefert, daß es ein Einheitsvolk ist, als solches fortleben und behandelt werden will.“ Im Sinne dieses Banater Deutschtums klingt eigentlich auch der auf der gleichen Seite dieser BDZ-Ausgabe erschienene Nekrolog, verfasst von Robert Reiter zum Tode von Ioan Slavici. Und was die Einmütigkeit und Diszipliniertheit“ der Banater Schwaben jener Zeit betrifft, … dazu kann man in Geschichtsbüchern auch andere Meinungen lesen. 

Am 28. August titelte dann die gleiche Zeitung: Voraussichtlicher Sieg der Opposition bei den Landwirtschaftskammerwahlen – Die endgültigen Ergebnisse in Temesch=Torontal – Teilergebnisse aus dem ganzen Lande. Und da erfährt man wieder, „dass in unserem Komitate [...] Gemeinden infolge Zeitmangel nicht mehr zur Abstimmung zugelassen werden konnten.“ Dazu gehörte aus dem Zentralbezirk auch Jahrmarkt.

Am 29. September 2025 hat die Erste Jahrmarkter Sparkasse Akt.-Ges. ihre Aktionäre zu einer ausserord. Generalversammlung für den 18. Oktober 1925, nachmittags 3 Uhr in die Institutslokalitäten höflichst eingeladen. Inseriert wurde folgende Tagesordnung: 1.) Wahl eines Präses ad hoc, 2.) Eröffnung der Generalversammlung durch den Präses, 3.) Wahl des Schriftführers, 4.) Abänderung der Statuten (§§ 17, 21).

Im Herbst waren Landwirtschaft und Politik dann in einigen Artikeln der BDZ schön säuberlich getrennt und man konnte am 6. Oktober auf Seite 6 lesen: Volkswirtschaft – Prämiierungen in der Landesviehausstellung. Die Auszeichnungen wurden in fünf Gruppen (mit verschiedenen Untergruppen) vergeben: Pferdegruppe, Rindergruppe, Schafgruppe, Schweinegruppe und Kleintierzuchtgruppe. Auch zwei Jahrmarkter wurden ausgezeichnet: In der Kategorie Zuchtstuten ohne Fohlen hat Anton Loris eine Bronzemedaille bekommen und in der Schafgruppe konnte Baron Ambrozy sich über eine Silbermedaille freuen. 

Um Politik ging es zum Jahresausgang, und zwar um Volkstumspolitik. Die BDZ vom 16. Dezember 1925 berichtete vom Besuch einiger Mitglieder des Deutsch-Schwäbischen Volksrates in Jahrmarkt und Bruckenau. In beiden Ortschaften standen Wahlen auf der Tagesordnung der jeweiligen Volksgemeinschaften. Zu Jahrmarkt hieß es: „In Jahrmarkt wurde an Stelle des bisherigen Ortsobmannes Schuldirektor Andreas Willwerth, der mit viel Umsicht und Arbeitsfreudigkeit das schwierige Amt des Ortsobmannes drei Jahre hindurch führte, von der Volksversammlung einstimmig und mit Begeisterung der beliebte Ortsgeistliche, Konsistorialrat Nikolaus Anton erwählt.“
Anton Potche

Montag, 11. August 2025

Jahrmarkt vor 100 Jahren – 1925 (2)

 
Am 15. Mai 1925 ist laut Wikipedia in der Banater Metropole Temeswar neben der TEMESVARER ZEITUNG ein zweites Tagesblatt erschienen: die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG. Sie ging aus der ab 1919 erscheinenden SCHWÄBISCHEN VOLKSPRESSE hervor. Glaubt man der digitalen Bibliothek DiFMOE (Digitales Forum Mittel- und Osteuropa), dann ist die erste Ausgabe schon am Sonntag, dem 12. April 1925 erschienen. Und sogar dieses Datum hält einigen Daten nicht stand. So wird die Ausgabe vom 12. April als Nummer 86 gezählt. Berücksichtigt man aber das erste Erscheinungsdatum der SCHWÄBISCHEN VOLKSPRESSE zusammen mit der von der rumänischen Wikipedia genannten „täglichen Erscheinung (a apărut zilnic)“ und nimmt man darauf Rücksicht, dass auch die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG täglich (auch am Sonntag) erschienen ist, dann müsste die erste BANATER DEUTSCHE ZEITUNG (BDZ) schon irgendwann im Januar 1925 im Vertrieb und Verkauf gewesen sein.

Wie auch immer, in den noch einsehbaren Zeitungen des Jahres 1925 wird das Dorf Jahrmarkt am 5. Mai zum ersten Mal, und zwar mit einem Wirtschaftsthema, erwähnt. Es handelt sich um eine Anzeige: Hyronimus Bittenbinder hatte eine „Erntemaschine fast neu zu verkaufen“. Nur vier Tage später hat der Jahrmarkter Michael Zeich in der BDZ inseriert. Er bot ein „Gasthaus [...] samt Inventar“ zum Verkauf an.

In der BDZ vom 23. Mai kann man eine Ausschreibung in rumänischer Sprache lesen. Die „Gemeinde Giarmata beabsichtigt, Asphaltierungsarbeiten mit Zyklop-Granit“ durchzuführen. So in der Ausschreibung. Dass es allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit keine Granit- sondern Pflastersteine waren, die hier verlegt werden sollten, und schon längst kein Asphalt in der damaligen Zeit, zeigt dann die folgende Auflage: „Deoarece comună eventual va da năsipul și va suporta cheltuielile de transport ale pietrei, ofertele se vor face întrun astfel de sens, dar se va îndica prețul oferit și pentru acel caz, dacă comuna n’ar suporta cele amintite anterior, prin urmare se va face două prețuri pe m².“ Also, kurz gefasst, die Gemeinde würde vielleicht sogar den Sand inklusive Transport der Steine zur Verfügung stellen. Weil das aber noch nicht schlüssig ist, müssen die Interessenten zwei Preisangebote vorlegen: mit und ohne Sand. Interessenten können ihre Angebote bis zum 20. Juni 1925, 4 Uhr im Gemeindehaus einreichen. Es gibt in der Ausschreibung noch einige Konditionen, die im Rathaus an den Öffnungszeiten einzusehen sind. Und noch etwas: Ich finde dieses Rumänisch aus jener Zeit, als es noch keine Kommunisten gab, ganz putzig. Einfach schön.

Am 5. Juni 1925 war eine Anzeige zu lesen, die „die geehrten Mitglieder der Jahrmarkter Zentral-Spiritus-Brennerei-Genossenschaft“ in die „Instituslokalitäten“ zu einer „ordentlichen Generalversammlung höflichst“ einlud. Im Geschäftsjahr 1923/1924 konnte die Genossenschaft ein Gewinnsaldo von 4759,68 Lei ausweisen. Zählt man noch „Aktienkapital, Reservefond, Produktenprämie und unbehobene Dividenten“ hinzu, ergibt sich ein Geschäftsvolumen von immerhin 131.471,07 Lei. Die gesamte Geschäftsbilanz wurde schon am 30. Juni 1924 aufgestellt, und zwar von Johann Besch, Buchhalter, Sebastian Tasch, Direktor, Präses, Nikolaus Mayer, Kassier, sowie den Direktionsräten Nikolaus Berger, Michael Berger, Michael Eckert, Josef Barth, Adam Loris, Peter Gross, Leopold Loris, Stefan Schmidt, Josef Seibert, Nikolaus Schneider, Mathias Wagner, Johann Schmalz und Jakob Kassnel. „Vorliegende Bilanz Verlust- und Gewinnkonto mit den Haupt- und Hilfsbüchern [wurde] verglichen, geprüft und richtig befunden“ vom Aufsichtsrat, bestehend aus den Herren Sebastian Schmidt, Sebastian Freiheit, Michael Mathis, Andreas Wanyer, Georg Breinich und Georg Rosner. Extra ausgewiesen wurde in der Einladung noch der „Branntweinkontoertrag“ mit 55.575,68 Lei. Prosit!

„In den schwäbischen Gemeinden“, schreibt die BDZ am 30. Juli, wurden „Probedrusche“ durchgeführt. Die Ernte war in jenem Jahr 1925 „über den Durchschnitt ausgefallen“. Grabatz führte die veröffentlichte Liste mit 14 – 15 Meterzentner pro Joch an. Das Schlusslicht hielt Jahrmarkt mit bescheidenen 8 Meterzentner pro Joch. Es gibt in dieser Nummer der BDZ aber eine noch viel schlechtere Nachricht: Die Brüder Florea und Todor Bakan waren in einer „Sandkaule“ beim Baden. Dabei ist der 18-jährige Florea tödlich verunglückt, nachdem er seinen in Not geratenen Bruder (23 Jahre alt) aus dem Wasser gezogen hatte. Er war dabei auf den Kopf gefallen und ins Wasser gestürzt.

Was die Schnapsbrenner können, bringen die Bänker schon längst fertig, nämlich das Einberufen einer „Ausserordentlichen Generalversammlung“. „Höflichst eingeladen“ wurden „die geehrten Aktionäre der Ersten Jahrmarkter Sparkassa Akt.-Ges. für den 13. September 1924, vormittags 11 Uhr in die „Institutionslokalitäten.“ Fünf Tagesordnungspunkte standen auf der Einladung. Die wichtigsten Themen waren „Die Wahl eines Präses ad hoc.“ sowie der „Bericht der Direktion über die erfolgte Aktienkapitalserhöhung von Lei 35.000 auf Lei 105.000 (1. Emision)“. Dazu wurden auch noch sieben Statuten abgeändert. (BDZ, 4. August 1925). Dass mit dem „13. September 1924“ wahrscheinlich der „13. September 1925“ gemeint war, beweist, dass es schon vor hundert Jahren Druckfehler gab.
Anton Potche

Montag, 23. Juni 2025

Jahrmarkt vor 100 Jahren – 1925 (1)

Jahrmärkte gab es schon viel länger als vor 100 Jahren. Auch „der“ vom Singular und einer (rein grammatisch gesehen) neutralen Artikel-Genuss-Symbiose geprägte Jahrmarkt ist schon älter. So gesehen hat auch „das“ Jahrmarkt ein paar Jahre mehr auf dem Buckel. Franz Junginger, der Autor des Ortssippenbuches der katholischen Pfarrgemeinde Jahrmarkt / Banat und ihrer Pfarrfilialen 1730 – 2007, stellt sein Vorwort in diesem Buch (drei Bände à 728, 792 und 735 Seiten) unter die Frage: Was sagen uns die Jahrmarkter Kirchenbücher? Vor allem überliefern sie uns Namen und Zahlen, Daten über das Werden, Heiraten und Sterben aus zurückliegenden Jahrhunderten. Man kann sich so manches zusammenreimen, ohne aber viele Details aus dem Leben, dem Alltag der Bewohner von Jahrmarkt zu erfahren. Dazu muss man sich schon auf eine eventuell existierende Ortsmonographie verlassen können. Der Jahrmarkter Heimatkundler und Journalist Luzian Geier schreibt in einem weiteren Vorwort des Jahrmarkter Ortssippenbuches „über eine frühe ethnographisch-topographische Ortsbeschreibung“ aus den Jahren 1864, die von mehreren Personen „aufgrund eines für damalige Zeiten wissenschaftlich angelegten Fragebogens“ verfasst und von „Kaspar Ruttner, Richter, Johann Müller, Kassier, Peter Bauer, Geschworener, und dem damaligen Notar“ auch signiert wurde. Vom Alltag ihrer Vorfahren können interessierte Jahrmarkter aus zwei weiteren wertvollen Broschüren, Temesgyarmat – Ein Beitrag zur Geschichte der Entstehung und Entwicklung dieser Gemeinde (Innsbruck, 1913) von Pfarrer Franz Demele und Temesgyarmat während der Kriegszeit 1914 – 1918 (Temesvar, 1919) ebenfalls von Pfarrer Franz Demele, einiges erfahren. Als originellstes Dokument zur deutschen Geschichte von Jahrmarkt kann man wohl die Quellenedition (1996) Die deutsche Besiedlung der Banater Großgemeinde Jahrmarkt – Jarmatha – in den Banater Akten des Hofkammerarchivs Wien von Franz Urban betrachten. Vorwiegend zeitgenössische Beiträge (Belletristik, Erinnerungen) zum Leben der Deutschen in Jahrmarkt, heute Giarmata, eine Großgemeinde nordwestlich von Temeswar, haben auch andere ehemalige Bürger dieser Ortschaft in Büchern und Zeitschriften veröffentlicht. Spontan fallen mir ein Franz Frombach, Marianne Ebner, Peter Oberle, Josef Goschy, Peter Grosz, Johann Probst, Katharina Kilzer, Mathias Kaiser, Mathias Loris u. a.. Die in Deutschland aktive Heimatortsgemeinschaft (HOG) hat auch schon mehrere Bücher (Anthologien) veröffentlicht, in denen Menschen aus Jahrmarkt von ihrem Leben in der „alten Heimat”, wie sie ihr in der „Banater Hecke” zurückgelassenes Dorf nennen, erzählen. Das alles zusammen ergibt den gebündelten Fokus vieler Blicke von innen.

Um den Fokus eines oder eines Bündels von Blicken von außen zu erhaschen, muss man versuchen, herauszufinden, ob überhaupt jemand sein Augenmerk auf dieses Dorf geworfen hat. Die besten, wenn auch nicht immer zuverlässigsten Quellen für ein solches Vorhaben, waren und sind heute noch die Medien. Vor hundert Jahren waren das auch im Banat Zeitungen und Kalender. Durch die Digitalisierung und Veröffentlichung solcher geschichtsträchtiger Datenträger können wir auch heute Einblicke in das Leben unserer Vorderen in Jahrmarkt gewinnen. Was hat sich 1925 dort unten, wo auch wir später noch eine Zeit gelebt haben, zugetragen. Was war den auswärtigen Blicken überhaupt eine Berichterstattung wert? Um auf diese Frage eine Antwort zu finden habe ich zwei damals in Temeswar erscheinende Zeitungen (digitalisiert) durchgeblättert (durchgeskrollt): die TEMESVARER ZEITUNG (erschien vom 15. Januar 1852 bis zum 24. April 1949) und die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG (15. Mai 1925 – 15. März 1941).

In der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG (BDZ) erschienen im Jahr 1925, also vor 100 Jahren, 26 Beiträge mit Hinweisen auf die Ortschaft Jahrmarkt im rumänischen Banat. In der TEMESVARER ZEITUNG (TZ) waren es hingegen nur zwei. Am 27. Mai wurde auf Seite 4 dieser Tageszeitung eine Neue Bezirkseinteilung des Komitates veröffentlicht, worin es heißt, dass „dem Rekaser Bezirk noch die Gemeinden Jahrmarkt, Ghisoda, Mosnitza und Bruckenau“ angehören; „die drei ersten bleiben beim Zentralbezirk, die Gemeinde Bruckenau aber beim Vingaer.“ Dass diese auch aus „topographischer“ Sicht vorgenommene Änderung selbst in der Hauptstadt Bukarest gutgeheißen werden mussten, zeigt die folgende Information im Artikel: „Präfekt Dr. Iulius Coste richtete aus Bukarest an den Subpräfekten Cornel Bejan ein Telegramm, laut welchem der Präfekt wahrscheinlich erst morgen Mittag aus der Hauptstadt hier eintrifft und sogleich die letzte Ueberprüfung der projektierten neuen Bezirkseinteilung vornimmt, um dann das ganze Material dem Innenministerium zu unterbreiten.“ Schon vor 100 Jahren galt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Genau drei Monate später, am 27. August konnte man eine ebenfalls sozial-politische Nachricht in der TZ auf Seite 3 lesen. Der Artikel trägt den Titel Die Wahlen für die Ackerbaukammer. – Die Liste der Opposition durchgedrungen – Resultat bei der Temeswarer Sektion. Als der Präses der Temeswarer Sektion, Bezirksrichter Agrariu, die Wahlen in der Ackerbaukammer um 20 Uhr als abgeschlossen erklärte, verkündete er auch, „daß zehn Gemeinden“, unter ihnen auch Jahrmarkt, „wegen Zeitmangel nicht an die Reihe kommen konnten, weshalb die Wähler dieser Gemeinden von der Abstimmung enthoben wurden.“ Die Sektionen der Ackerbaukammer waren anscheinend nicht mit den Bezirken des Komitats Temes-Torontal (nach der Reform im Mai 1925) identisch. Daraus und aus einer nicht eindeutigen Differenzierung zwischen den Begriffen „Bezirk“ und „Sektion“ darf man schließen, dass bei dieser Wahl die Jahrmarkter nicht zu „Rekas“ gehörten, sondern zum Bezirk / Sektion „Temesvar und Zentralbezirk“. Nach der Auszählung, die „bis halb 2 Uhr nachts“ dauerte, standen unter anderem auch folgende Ergebnisse fest: Rekas – Kreuzliste 442, Pflugliste 861, Annulliert 128; Temesvar und Zentralbezirk – Kreuzliste 728, Pflugliste 1441, Annulliert 156. Wie auch immer, die Jahrmarkter hatten keinen Beitrag zu diesem Ergebnis geleistet. Schade, handelte es sich doch um eine landesweite Wahl und nicht wie vielleicht vermutet um eine Regional- oder gar Vereinswahl. Zum Schluss heißt es in dem Artikel: „Aus Bukarest wird telegraphiert: Die Wahlen in die Ackerbaukammern sind – soweit bisher bekannt – im ganzen Lande, abgesehen von einigen bedeutungslosen Zwischenfällen, ruhig verlaufen.“
Anton Potche

Montag, 17. März 2025

Dorscht in Johrmark

 
Wein un Racki hun die Johrmarker schun immer gemach. Un des ganz legal – in der Witikol un am Rakikessel – un norr halwer legal aah de Hoom. Ich meecht gar net wisse, wievl Rackikessle in Johrmarker Heiser ehre Dienst geleist hun. Do kann sogar ich mich noch dron erinnre. Awwer Bier gebraut?

Des hun ’se anscheinend aah, obwohl ’s schun lang her is. Un des sogar illegal. Weil selmols war ’s Bierbraue verbott in der Habsburger Monarchie. Aus der Zeit stammt nämlich e Verordnung vum 19. Mai 1726, wu drinn steht, „dass trotz des bestehenden Verbotes dennoch in Gyarmatha die deutschen Ansiedler selber Bier und Branntwein erzeugen, weßhalb die dazu gehörigen Requisiten und Naturalien zu sequestriren wären“, wie merr noch im Johr 1911 in ’re Temeswarer Zeidung lese hot känne.

Do sieht merr, dass unser Ahne ehre Wisse, wu se bei der Ansiedlung mitgebrung hun, aah ongewenndt hun. Des war aah selmols net ganz gerecht, muss merr schun soon, dass norr die Ziviliste ka Bier trinke hun selle. In der Zeidung kann merr nämlich aah lese, dass „die Vermuthung nahe liegt, daß auch die Temesvárer Bierbrauerei in den ersten Jahren von der Militärverwaltung in eigener Regie geleitet wurde.“

Wie aah immer. Vum Raki- un Weinmache hun die Johrmarker etwas verstann. De Johrmarker Heimatkundler Geier Luzi hot vor gut drei Johr e ausfeerliche Bericht iwer ’s Brenne un Trinke in dem Dorf gschrieb. (ADZ / BANATER ZEITUNG, Temeswar, 9. Februar 2022). Ob die heidiche Bewohner des aah so mache, is noch net jurnalistisch odder literarisch ufgearwet. Sie hädde uf jede Fall so die Meeglichkeit, e Johrhunnerti aldi Tradition aus der Maria-Theresia-Zeit ufrecht zu halle odder wedder inzufeehre. Vleicht sogar es Bierbraue.

Berns Toni

Mittwoch, 20. November 2024

E Johrmarker Onsager im DEITSCHLANDFUNK


Wann is merr iwerhaupt e Johrmarker? Muss merr in Johrmark gebor sein, um sich Johrmarker zu nenne? Odder langt ‘s, wann merr in Temeswar gebor is, awwer die Eltre, Großeltre (odder wenichstens e Taal davun) und die Urgukandl, in dem Dorf nordwestlich vun Temeswar seit ewiche Zeide gelebt hun? Ich moon, entscheidend is, wie merr dazu steht.

Dass es grad e Musikant is, der wu sich ohne Scheu zu seiner Johrmarker Abstammung bekennt, werd wohl nimand un schun längst net die unner uns, die wu selwer schun Kinn, Engelskinn un Urengelcher hun, verwunnre. Der Mann, vun dem wu ich do schreib, is selwer schun iwer 40, un wann mer in Johrmark geblieb wäre, wär der Musikant heit e Onsager uf oom vun de Musikantebäler, odder sogar uf alle zwaa. Merr waaß jo nie, was die Zeit so alles mit sich bringt.

Uf die Idee wär ich nateerlich gar net kumm, wann mer net e Kummrad aus meiner Johrmarker Nochberschaft un Schulzeit e Link fun ‘re Radiosendung vum DEITSCHLANDFUNK gschickt hätt. Er hot bloß dazu gschrieb: „Ich denke, dieser Link könnte dich interessieren. Viel Spaß. Ignatz.“ Zis și făcut, saat de Rumäner, wann etwas ka Aufschub vertraat. Ich hun dee Link angeklickt un glei uf der eerscht Seit geles, um was es sich do handelt: „Die Tuba ist Instrument des Jahres 2024. Sie sei >ein vollwertiges Soloinstrument<, sagt Siegfried Jung. In Klassik-Pop-et cetera stellt er ihre Bandbreite vor und unterstreicht vor allem die zarten Seiten des Tieftöners.“

Mer Johrmarker vun anno dazumal wisse noch genau, wie des war, wann die Blechmusikkapelle mit ehrer letzt Reih Bäss dorch die Dorfgasse marscheert sin. Dort is ka Gras meh gewachs, besonders bei de Spitziche. Un jetz die Benennung forr de Bass: „die zarten Seiten des Tieftöners“. Ich hun sofort meiner Fraa geruf un em gsaat, dass ich forr die nächste 54 Minutte un 5 Sekunde net erreichbar sin, ganz gleich wer onruft. So lang werd die Sendung nämlich daure, hot ‘s dort gschrieb gstann.

Asso ich muss des glei klorstelle, dass ka Missverständnisse entstehn. Wie ich so in die Sendung ninghorcht hun, is mer glei ufgfall, dass es net norr um ‘s Bassblose geht, sondern aah um de Wech, der wu zu so ‘me große un schwere Blechinstrument feehrt, un dass de Siegfried Jung die ganz Sendung onsoon werd, so wie selmols vor langer, langer Zeit die Onsagerinne un Onsager uf der Biehne im Johrmarker Kamin des aah gemach hun. Norr is des do schun, soon merr mol, e klooni Klass besser. Awwer des macht jo nicks, es Kamin is jo aah net de DEITSCHLANDFUNK un die Onsager vun selmols sin aah net gleichzusetze mit de Moderatore vun heit. Awwer trotzdem hat ich so beim Horche de Eindruck ghat, dass de Jung Sig jun., so meecht er heit in Johrmark genennt wärre, die Fußstapfe vun de Johrmarker Onsager doch etwas ausgetret hot – im gude Sinn, nateerlich.

Walter Hilgers dirigeert die
Philharmonie George Enescu.
Solist an der Tuba is de
Siegfried Jung
Ich meecht jetz net die ganz Moderation protokolleere, sondern norr e korze Iwerblick iwer die Sendung gewwe, handelt es sich doch in dem Fall um e Johrmarker Landsmann. Wer des waaß, werd sich aah net wunnre, wann die Sendung mi ‘me Blechmusikstick vum Ernst Mosch onfangt. De Siegfried Jung verzählt no vun seim musikalische Werdegang, der wu alles annre als gradlinich war. Es is schun bemerkenswert, wie de Siegfried (als Johrmarker därf ich ne bestimmt beim Vornome nenne, ohne dass er sich ärjert) sei Wech in die professionell Musikwelt mit familiäre Ereignisse un em Versuch, sei Instrument als mit annre Instrumente gleichwertiches zu etableere, schildert. Ich moon, des is ehm sehr gut gelung.

Ich waaß net, wie lang die Sendung noch beim DEITSCHLANDFUNK abrufbar is, awwer momentan steht se noch im Internet. Es zahlt sich wirklich aus, se sich onzuhorche. Un zwar do: https://www.deutschlandfunk.de/klassik-pop-et-cetera-100.html .

Montag, 9. September 2024

E Johrmarker Kuratorin un e multiethnisches Dorfmuseum

Es gebt vill Ortschafte, ob Städt odder Därfer, dee ehre Mitt is viereckich, meistens quadratisch odder rechteckich. Manche, wie zum Beispiel Herrnhut in der Oberlausitz, hun sogar noch e Kerch in der Mitt. Es handelt sich bei der Onsiedlungsweise um sogenannte „Plansiedlungen“, die wu asso vum Grundriss uf so geplont un ufgebaut sin. Herrnhut ist 1772 uf em Grund un Boden vum Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700 – 1760) gebaut wor, un zwar vun de „Böhmischen Brüder“, e in Böhmen und Mähren onsässichi protestantischi Bruderschaft, die wu am Onfang vum 18. Johrhunnert aus der Habsburger Monarchie vor der Gegenreformation flichte hot misse un do Zuflucht funn hot. Selbstverständlich bestehn so Ortschafte nett ewich aus ehrem architektonisch spezifische Mittelpunkt. Der bleibt awwer oft als Markenzeichen vun ‘re Ortschaft erhall, ganz gleich wie die sich ins Umland entwickelt.

Seltener sin so Ortskere rund. Es gebt se awwer. So leit zum Beispiel uf der Ostseeinsel Rügen e klooni Stadt mi ‘m Nome Putbus. Die hot e „Circus“. Gemoont is e runder Platz, umgewwe vun „16 blendendweißen Kavaliershäusern mit Rosenstöcken davor“, wie merr i ‘me Reiseführer lese kann. Fürst Wilhelm Malte I. (1783 – 1854) hot de Auftrag forr de Bau vun der wirklich beeindruckend „klassizistische Anlage“ gewwe. 1808 hot de Architekt Johann Gottfried Steinmeyer (1780 – 1851) ongfang mit seiner Arwet un noh 40 Johr war er fertich. Awwer net norr mi ‘m Circus, sondern aah mi ‘me herrliche Schloss, dem wu die owwre DDR-Zehntausend 1962 de Garaus gemach hun, un oom 75 ha große Schlosspark.

Charlottenburg im Banat
FotoQuelle: Lapasturistic
In der gleich Zeit is aah im Banat e rundi Wohnanlage entstann, awwer ka Stadtzentrum odder Taal vun ‘re Residenzstatt odder vu ‘me Badeort, sondern e Dorf. Ja, e rundes Dorf, un des gebt ‘s heit noch im Banat: Charlottenburg. In dem vun der Landsmannschaft vun de Bander Schwowe 2011 rausgebrungne Buch Städte un Dörfer kann merr lese, dass „die Ansiedlung sich unter Baron Samuel Neumann Edler von Buchholt vollzog“. Des is in de Johre 1770 / 1771 passeert. De Carl Samuel Neumann Edler von Buchholt (1722 – 1782) is 1764 zum Baron geadelt wor un hot sich stärk forr die Kolonisation vum Banat ingsetzt. Bei WIKIPEDIA kann merr vun 24 Ortschafte lese. Charlottenburg war aah dabei. 1780 hot de Gelehrte un Geschichtsschreiwer Francesco Griselini (1717 – 1787) in seim Buch Versuch einer politischen und natürlichen Geschichte des temeswarer Banats in Briefen an Standespersonen und Gelehrte aah iwer Charlottenburg gschrieb, un des gar net schlecht: „Die Anlage Charlottenburg , welche ein Kreis um eine im Mittelpunkt befindliche Maulbeerpflanzung macht, will mir besonders gefallen.“

Gfalle tot des Dorf bestimmt aah em Bernads Kathi (*1959) aus Johrmark. Mei Johrmarker Landsleit wisse jo, vun wemm ich do schreib. Es Kathi angascheert sich in Deitschland un in Rumänien als Journalistin, Germanistin, Autorin, Iwersetzerin, politischi Aktivistin, Jurymitglied, Rausgewwerin un jetz aah noch als Kuratorin . . . und des grad in Charlottenburg, im runde Dorf im Banat, gelee zwischen Fiwisch, Blummethal, Altringen, Buzad, Lichtenwald un Keenichshof.

Die Deitsch Sendung vun Radio Timișoara / Temeswar hot am 18. Juni e langes Interwiu mi ‘m Bernads Kathi ausgstrahlt. Unser Johrmarker Landsmännin – odder saat merr vleicht Landsfraa? - hot nämlich in Charlottenburg e Museum ufgemach, net loonich, awwer schun als wichtichi Mitiniziatorin, kennt merr soon. Des Museum haaßt Schwabenland. Do kann merr sich vorstelle, was in dem un um des Haus so alles drinn leit, hängt un steht. Nateerlich hun mer Banader Schwowe schun einiche vun de Heimatstuwwe im Banat un aah in Deitschland – in Ulm sogar e zentrales Donauschwowe-Museum. Awwer do dafun kann merr jo net genuch hun, hot ‘s Kathi sich gedenkt un an die Arwet gemach, aah wann die Landsmannschaft nicks dazu beitroon hot wolle. (Originalton Bernads Kathi: „Von da kam kein Echo.“)

Es handelt sich um ‘s Haus Nr. 12. Un die frischgeback Kuratorin is net mied wor, 20 Minute lang zu verzähle, wie des Dorfmuseum entstann is un was letztendlich draus wor is. Sorin Prada haaßt de jetzich Eigentümer un eigentlich Hauptkurator. Er hot sich sehr vill Mieh gewwe un vill vun de ausgstellte Sache gsammelt un sogar kaaft. Frieher, wie die Deitsche noch in dem Dorf gelebt hun, hot des Haus der Rosalia un em Ernest Schmidt gheert. Ich will des Interwiu jetz net Wort forr Wort ufschreiwe, awwer eich, liewe Landsleit, e paar Stichwärter gewwe, die wu ‘s Bernads Kathi benutzt hot: ursprünglich, Keller, Backstube, Küche, „Paradizimmer, wie die Schwowe sagten“, Weinfässer, alte Waschmaschine, Dreschmaschine, Schubkarren, „Hambar“ (verwandelt in eine Bar), Kutsche aus 1880, „Fayanzen“ von früher, „Kredenz“ mit den „Sodaflaschen“, die Tracht „von meiner Oma mit dem Leibl“, die „gstrickte Patsche“, Butterfass, Jägerbild von meinem Opa und noch vill, vill meh.

Vergesse sellt merr vleicht net, dass des anscheinend sehr lewendich Dorfmuseum aah vill Sticker (zum Beispiel Wandteppiche) vun anre Nationalitäte, die wu heit im Dorf un in der Gegend lewe, vorzuweise hot: Rumänre, Ungare un Serwe. Asso e multiethnisches Dorfmuseum. Mit dem is awwer gar net genuch. Im Nochberschhaus gebt ‘s sogar e Jägermuseum. Asso forr so e kloones, rundes Dorf is des schun ganz scheen vill Kultur.
Berns Toni

Mittwoch, 22. Mai 2024

Romantische Liebe zum Wasser

Was dort im Jahrmarkter Dorfpark wie ein Bunker aus dem Weltkrieg anmutete, wurde von uns Kindern immer nur als die Bühne apostrophiert. Es gab auf der Südseite dieses Betonklotzes auch zwei oder gar drei Türen. Die führten aber, soweit ich mich erinnere, nicht in ebene Räumlichkeiten, sondern in die Tiefe, deren Sohle immer, Winter wie Sommer, mit mal mehr, mal weniger Wasser bedeckt war, wie das bei vernachlässigten Bauten eben so ist. Verirren konnte man sich in dem Klotz nicht, denn es gab in ihm keine einzige Wand. Ganz mutige Zeitgenossen, zu denen ich nicht gehörte, rutschten auf herbeigeschafften oder herumliegenden Balken schon mal in die von immerwährendem Halbdunkel beherrschte Tiefe.

Unsere Bühne im Jahrmarkter Dorfpark, begrenzt von einem Bach, der sein Wasser aus dem berühmten Prinz-Eugen-Brunnen speist, und umgeben von stattlichen, sich in Demut dem vorbeirauschenden Wasser zuneigenden Weiden, war zu meiner Schulzeit – die Schule thronte nebenan auf der höher gelegenen Dorfstraße – für den einen oder anderen Mitschüler ein ersehnter Ort. Wer am Schulabschlussfest die Stiege auf den Betonklotz hinaufsteigen durfte, gehörte zu den Prämierten, den Ausgezeichneten, den besten Schülern des soeben beendeten Schuljahres. Dort oben stand eine lange Reihe von mit Büchern beladenen Tischen, den Preisen für die Besten der Besten.

Hans Kaszner sen. dirigiert
seine Blaskapelle im
Jahrmarkter Dorfpark (1972)
Foto: Archiv der Kaszner-Kapelle
Was viele (ich inklusive) in dieser Zeit (1950 - 1980) nicht wussten oder auch gar nicht neugierig waren, lag in der Geschichtsträchtigkeit dieses Ortes. Ich surfte kürzlich mal wieder durch alte Zeiten und fand eine Annonce vom 28. September 1902. Dort wurde nämlich ein Pächter für das „Sommer=Gasthaus ‚Mayerling‘ sammt Bad auf 6 Jahre“ gesucht. Präzisiert wurde noch die Lage des Gasthauses, und zwar „inmitten eines Parkes“. Das muss es also gewesen sein, unsere Bühne – auch Platz für die Blaskapellen an Kirchweihfesten – war kein Bunker, aber ein zubetoniertes Schwimmbad. Und daneben irgendwann mal das Gasthaus mit dem tragischen, ja fast mystischen Namen „Mayerling“. Die von meiner Generation vorgefundene Tanzfläche vor der Bühne wurde wahrscheinlich nach der Stilllegung des Bades angelegt und bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts genutzt.

Sie haben ihren Großen-Brunnen und sein spendendes Nass stets über alles geliebt, die Jahrmarkter. Der Graben, also der Bach, hat sie immer zu neuen Schwimmbadideen inspiriert. Nach dem Ende des Bades im Park hat man in den 60er Jahren eine badähnliche Anlage in der Nähe der mittlerweile berühmt berüchtigten IAS-Zentrale angelegt, um dann im folgenden Jahrzehnt den weit über Jahrmarkt hinaus bekannten „Strand“ zu bauen. Dabei rückten die Anlagen immer weiter von der Quelle weg. Heute wissen wir: Auch dieses Projekt ist gescheitert. Und trotzdem: Auch die jetzigen Bewohner der Gemeinde Giarmata, früher Temes=Gyarmatha und danach Jahrmarkt sowie Johrmark, wollen es trotz aller bisher tragisch endenden Versuche nicht aufgeben.


Vielleicht haben schon die ersten Schwimmbadbauer im damaligen zu Österreich-Ungarn gehörenden Dorf eine gewisse Romantik in ihrem Vorhaben gespürt: ein Ende im Glück, in der großen Liebe. So wie das Ende Rudolfs, Kronprinz von Österreich und Ungarn, und seiner großen Liebe Baroness Mary Vetsera … auf Schloss Mayerling. Das Schloss in Niederösterreich gibt es heute noch, das Gasthaus in Jahrmarkt wurde vom Schicksal seiner Bäder längst eingeholt, ja ist ihnen sogar vorausgeeilt.

Anton Potche

Montag, 22. April 2024

Wie alt sie wohl wirklich war?

Bettlerinnen oder Bettler waren mir aus Jahrmarkt nicht bekannt. Und doch soll es eine Bettlerin gegeben haben, auch wenn sie nicht in ihrem und später auch meinem Heimatdorf zu meiner Zeit lebte. Die Polizei hat in der Nähe des Temeswarer Hauptbahnhofs „ein altes Mütterchen, welches kaum noch gehen konnte, aufgegriffen“. Die Frau hieß Nanette Klemencz und war eine geborene Benneritz. Sie erzählte den erstaunten Polizeibeamten, dass sie 102 Jahre alt sei und die letzten 70 Jahre ihres Lebens in Gyarmatha, wie Jahrmarkt früher hieß, und in Temeswar als Witwe gelebt habe. Allein auf der Welt war die „arme Alte […] in sehr defektem Zustand“ laut Zeitungsbericht aber nicht.

Sie erzählte den wahrscheinlich verdutzten Polizisten, dass ihre 104 Jahre alte Schwester in Bessenyö lebe und es auch noch einen Bruder gibt, der „erst 92 zählt“. Wie auch immer, die Jahrmarkter Bettlerin war meine Landsfrau, auch wenn sie etliche Jahre vor mir „in Gyarmatha im Jahre 1797 geboren sei“. Um auf solche Geschichten zu treffen, muss man in alten Zeitungen schmökern. Ich habe diesen Artikel kürzlich in der TEMESVARER ZEITUNG vom 10. Oktober 1899 gelesen und gleich in der Jahrmarkter Ortsmonographie nach Nanette Klemencz gesucht. Leider ohne Erfolg. Ob die alte Dame sich noch genau erinnern konnte, darf man natürlich bezweifeln. In unsere Jahrmarkter Geschichte sollte sie trotzdem aufgenommen werden, denn neben den nicht vergessenen Baronen von der Spitze der Sozialpyramide dieses Dorfes – und nicht nur dieses - hat auch ein Stein, ein Bettlerstein, aus dem Pyramidensockel eine Erinnerung verdient.

Anton Potche

Montag, 25. März 2024

Ich moon, so saat merr des herrisch

Do unlängst hun ich in der ADZ, des is die ALLGEMEINE DEUTSCHE ZEITUNG FÜR RUMÄNIEN, geles, dass es desjohr wedder e „Rolf Bossert“-Preis gebt. De Rolf Bossert war e Dichter. Er hot aah Gedichter in seim Reschitzaer Dialekt gschrieb. Des is awwer schun lang her. Noch net ganz so lang her is, dass er sich in Deitschland es Lewe gholl hot. Er war eerscht 34 Johr alt, wie er des 1986 gemach hot.

Rolf Bossert
Screenshot: Berns Toni
Schad, wirklich schad. Wannst awwer gude Freinde host, die wu dich aah noh em Tod noch ehre un schätze, noo kriest wennichstens e materielles odder e ideelles Denkmal gsetzt. De Rolf Bossert hot so Freinde. Die hun uf Initiative vum siebenbürgisch-sächsische Dichter Hellmut Seiler de „Rolf Bossert“-Freundeskreis gegrind. Un der Freundeskreis hot de „Rolf Bossert“-Gedächtnispreis ausgschrieb. Des war im Johr 2020. Asso gebt ‘s dee Preis desjohr zum finefte Mol. Norr dee kriet merr net einfach norr so, weil merr ne gehre will. Merr muss schun was dafor ton. Un zwar muss merr de sogenannte „Rolf Bossert“-Lyrikwettbewerb gewinne. Des hoost, merr muss siwe Gedichter – selwer gschriebne – inschicke. Un wann merr die schennste un beste – asso drunner geht nicks – Gedichter gedicht hot, noo hot mer gewunn un kriet forr sei Mieh 2000 Euro.

Un jetz, Leit, halt eich fest! Ich hun mer gedenkt, zu so ‘me Gedichterwettbewerb werre so zwischen 20 un 30 Poeten, wie merr uf Hochdeitsch zu de Gedichterschreiwer saat, mitmache. Do hucke se un hun Hietcher uf! Forr dee Verse-Konkurs sin – wann die ADZ net liet – 137 Einsendunge ingang. Wie ich des gsiehn hun, sin ich mei Taschenrechner holle gang, weil so uf ‘m Papier krien ich des nemmi hin. Asso des sin 959 Gedichter. Herrgot steh mer bei! Wer soll denn die all lese? Un wann do noch vun dee moderne aah dabei sin, wu merr net waaß wu forre un hinne is, noo is merr gebenedeit unner de Gedichter.

Asso lese misse se die Mitglieder vun ‘re Jury. Des sin Weiwer un Männer, wu sich mit so etwas auskenne; so wie die Verkoster bei Kochkonkurse. Es beste Esse (noh ‘m Gschmack vun de Jurore) werd noo forr die Lyrikwelt – asso die Gedichterschreiwer un –leser – ufgetraa. Wie so e preisgekröntes Gedichteresse schmeckt, kann merr in dem Zeidungsartikel lese, weil do sin siwe vum Gewinner seine Gedichter abgedruckt. Der Poet haaßt Dietrich Machmer un kummt aus Hamburg.

Wie gsaat, des Ganze bleibt e Gschmacksach. De Jurore scheint ‘s gschmeckt zu hun. Des gilt wennichstens beim Gewinner seiner Dichtkunst. De Preis werd am 27. April in Reschitza, wu vum 26. bis zum 28. April zum 34ste Mol die Deutschen Literaturtage in Reschitza stattfinne, iwerreicht. Dort kumme se noo all zamm, die wu irgendwie etwas mit Literatur zu ton hun - aah die Jurore vum desjähriche „Rolf Bossert“-Gedächtnispreis: Hellmut Seiler, Dr. Olivia Spiridon, Werner Kremm, Bastian Kienitz un’s Bernads Kathi.

Asso, do muss ich schun soon, als Johrmarker känne mer mol wedder stolz sein. Mer hun als Landsmännin e „Literaturkennerin von Format“. Ich moon, so saat merr des herrisch. (Wie's Bernads Kathi herrisch haaßt, wisse die Johrmarker bestimmt - wennichstens die nemmi ganz junge.)

Berns Toni

Montag, 13. November 2023

Fremdenlisten einsehbar für alle

Es war in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Meine Frau erinnert sich noch genau an jene Episode im Banater Dorf Jahrmarkt, noch konkreter, an jenen Besuch der befreundeten Familie Schlesier aus Zwickau. Wir waren systemverwandt: sie Bürger der DDR (Deutsche Demokratische Republik) und wir Bürger der SRR (Sozialistische Republik Rumänien). Und doch … es war keine tiefe Bruderfreundschaft. Honecker war drüben an der Macht und Ceaușescu hüben. Das wäre bei gleichen oder ähnlichen Staatsapparaten eigentlich kaum der Rede wert gewesen, wenn … ja wenn Letzterer nicht an einem schrecklichen Größen- und Verfolgungswahn gelitten hätte. Das hatte zur Folge, dass ausländische Besucher nicht mehr bei befreundeten Familien übernachten durften, sondern nur in Hotels, wo man glaubte, sie besser bespitzeln zu können. Irgendwann war der Spuck dann weg.

Mehr als hundert Jahre vorher spielten sich in Ungarn ähnlich paranoide Geschichten ab. Jahrmarkt gehörte damals zu Ungarn und hieß Gyarmatha. In Temesvar, das w kam später in den Namen der Banater Bezirkshauptstadt, residierten alle wichtigen Ämter. Von überall her kamen Menschen mit ihren Problemen in diese Stadt. Und übernachteten dort. Wo genau, ist heute in alten Zeitungen noch nachzulesen. So zum Beispiel veröffentlichte die TEMESVARER ZEITUNG regelmäßig die Rubrik Fremdenliste, worin alle auswärtigen Gäste, die in der Stadt übernachtet hatten, sauber aufgelistet waren. Sogar Gäste in Privatwohnungen mussten gemeldet werden.

Hundert Jahre später hatte mein Schwiegervater es aber versäumt, seine Gäste aus der DDR anzumelden, was ihm die Ehre eines Besuchs von Polizeichef Cură eingebracht hat. Und die DDR-ler verbrachten ihre Nächte in einem Temeswarer Hotel. Natürlich gut behütet. Nur dass ihre Namen nicht in der Lokalpresse erschienen wie zu Zeiten der Magyaren. Ihre Schicksalsgenossen aus dem 19. Jahrhundert haben aber dank dieser Fremdenlisten bis heute namentlich überlebt.

Schon 1852 wurden in der TEMESVARER ZEITUNG Übernachtungen von Menschen aus Gyarmatha in Temesvar verzeichnet. Unserem (also meinem) Voyeurismus sind trotzdem Grenzen gesetzt, denn über die Gründe der Übernachtungen wird nicht berichtet. Andererseits genießt unsere (also meine) Fantasie großzügigen Freilauf, auch wenn es sich bestimmt nicht immer um amouröse Geschichten handeln könnte.

1852 blieben vier Gyarmathaer über Nacht in Temesvar: Emerich von Balya, Gutsbesitzer, im Gasthaus zum gold. Hirsch (zweimal); Herr Franz Sternhard, Geschäftsleiter, im Hotel (oder Gasthaus) Zur neuen Welt; und J. Guraly, Privatier, im Hotel Zum Trompeter.

Im Februar 1856 übernachtete der Arzt Stern aus Gyarmatha in einem Temesvarer Privatquartier.

Baron v. Ambrozy, Gutsbesitzer von Gyarmatha, wird in einer Fremdenliste aus dem Jahre 1860 genannt. Er hat am 21. April im Zum goldenen Hirschen übernachtet. Am 24. August hat ein weiterer Gutsbesitzer von Gyarmatha im gleichen Hotel gastiert: Baron von Radossovits. Am 26. November hat Karl Baron von Ambrozy eine Nacht im Zu den sieben Kurfürsten zu Temesvar verbracht – schlafend, nehme ich an.

TEMESVARER ZEITUNG,
9. März 1863

Screenshot: Anton Potche
Man schrieb den 17. März 1863 als Baron Georg von Ambrozy, Gutsbesitzer, im Zum goldenen Hirschen „In der inneren Stadt“ eine Nacht verbracht hat. „In der Vorstadt Fabrik“ hatte sich Salamon Deutsch, Productenhändler aus Gyarmatha, im Zum kleinen Casino am 21. Juli des gleichen Jahres eingemietet.

Im folgenden Jahr findet man nur eine Fremdenliste mit einem Gyarmathaer Eintrag. Am 15. Dezember verbrachte Baron v. Ambrozy die Nacht im Zum gold. Hirschen. Dann war einige Jahre Schluss mit diesen ominösen Listen.

Aber 18 Jahre später waren sie wieder da in der TEMESVARER ZEITUNG, und damit auch Gyarmathaer Bürger – wahrscheinlich meistens gutbetuchte. Am 24. Januar 1882 eröffnete M. v. Baich, Hußaren=Lieutenant aus Gyarmatha, den Reigen von Übernachtungen Gyarmathaer in Temesvarer Unterkünften. Er hatte im Hotel goldener Hirsch eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Bis zum 30. Dezember, als Br. Ambrósi als Gast im Hotel goldener Hirsch in der Fremden-Liste der Zeitung genannt wird, tauchen Bürger aus Gyarmatha in weiteren 26 Ausgaben dieser Zeitung auf: J. Augenfeld, Gutsbesitzer, (7 mal); Baron Bela Ambrozy (6); Vogl Wilma, Gutsbesitzerin, (4); Salamon Löwy, Oekonom, (2); sowie je einmal M. v. Baich; C. Kuzmanovits, Lehrerin; Dr. Deutsch, Bezirksarzt; Szacsvay, k. k. Hußaren=Lieutenant; W. Kafka, Hußarenlieutenant; P. Kamergießer, Vice-Notär; W. Hoffbauer, Apotheker; Adolf Friedmann, Kaufmann; K. Rosenthal, Oberlieutenant; Graf Rumeskirchen, k. k. Hußaren=Oberlieutenant; Szkonty, k. k. Rittmeister; S. Vißkelety, Notär.

Auch im Jahre 1883 kann man in den Fremdenlisten Namen von Menschen mit Gyarmathaer Wohnsitz finden. In 21 Listen treffen wir auf altbekannte Namen wie auch auf bisher unbekannte wie etwa: Frau von Vißkelety, Notärsgattin; R. Vogl, Student; Rech, Kfms=Gattin; Bratanov, Lehrer; Schwarz, Gutspächter; Lock, Apotheker. 

Diese Fremdenlisten waren keine Temesvarer Spezialität. Am 19. Juni 1883 veröffentlichte die TEMESVARER ZEITUNg zum Beispiel die Kurliste Nr. 2 des Badeortes Buziás. Da findet man auch den Eintrag „Graf Zdenko Rumeskirch, k. k. Oberlieutenant aus Gyarmatha“.

Aber wir Jahrmarkter, als Nachkommen der Gyarmathaer, haben mit diesen Fremdenlisten aus dem 19. Jahrhundert sowieso nichts zu tun, denn fast alle Namen, die darin als Bürger aus Gyarmatha auftauchen, sind in den drei Bänden des Ortssippenbuches der katholischen Pfarrgemeinde Jahrmarkt / Banat und ihrer Pfarrfilialen, 1730 – 2007 von Franz Junginger nicht aufzufinden; sie haben also nur vorübergehend in diesem Dorf gewohnt. Einige Ausnahmen bestätigen allerdings auch diese Regel: Ambrozy, Sternhard, Stern, Bratanov oder Schwarz. Aber auch das sind nur Namensgleichheiten, die nichts mit den entsprechenden Namensträgern im Ortssippenbuch zu tun haben. (Die Schreibweise der Namen von Personen und Lokalen habe ich unverändert aus der jeweiligen TEMESVARER ZEITUNG übernommen.)


Ab 1883 wurde die Veröffentlichung dieser Listen dann eingestellt. Dass sie zum Ausspionieren von Hotel- und Kurgästen dienten, ist nachvollziehbar, gab es doch immer wieder Regime, die sich dieser Informationen bedienten, um die eigenen und fremden Bürger zu kontrollieren. Sowohl die Jahre der Magyarisierung im 19. Jahrhundert als auch jene des Kommunismus im 20. Jahrhundert waren solche Zeiten. Sicher ist lediglich, dass man den heute so gerne in die Waagschale geworfenen Datenschutz (du willst alles von anderen, aber andere sollen nichts von dir wissen) damals noch nicht kannte.

Anton Potche