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Montag, 17. August 2026

Zu viel des Guten

 
Er geisterte seit Tagen durch diverse Medien: Odysseus. Wie so oft, steigerte sich meine Neugierde. War da nicht Helena von Troja oder Die schöne Helena oder gar Der Untergang von Troja? Aber wer war das Mädchen an meiner Seite? Für mich ging es nur um sie. Und nicht um Helena, die schönste Frau der Antike. Händchenhalten. In einem rumänisch untertitelten Film, von dem ich nicht besonders viel verstand. Also musste es ausgangs der 1960er Jahre gewesen sein. Und wo? Im Jahrmarkter Kulturheim oder in einem Temeswarer Lichtspielhaus? Auf jeden Fall war jetzt, viele Jahrzehnte später, meine Lust auf die Antike geweckt. Und ich wollte einer der ersten Ingolstädter sein, der Die Odyssee sehen konnte, frisch auf die Leinwand gebannt. Das war ich dann auch, denn es waren gerade mal 10 Zuschauer in dem großen Saal des Ingolstädter CineStar.

Man schrieb den 16. Juli 2026. Heiß. Schwül. Als das Licht um 16:40 Uhr gedimmt wurde, ging es erst mal los mit 20 Minuten Werbung. Dann kam der Film. Die Odyssee startete mit einem donnerähnlichen Grollen. Mir fielen die Ohrenstöpsel aus meiner Audi-Zeit ein. Ich musste mich an den Lärm gewöhnen, um überhaupt der Erzählung folgen zu können. Erst die Schlachten! Als wären es Drohnen unserer Zeit. Und warum so lange? Es ist soviel Gewalt in diesem Film. Gewalt braucht Lärm, furchtbaren Lärm. Und Ekel.

Die mythologische Antike lebt in diesem Film von der Steigerung, auch im Ekel … wenn Krieger zu Schweinen werden. Echte Schweine, domestizierte Haustiere zum Schlachten. Und erst die Kreatur mit dem Stirnauge! Fürchterlich! Nur im Vergleich zu der ekelhaften Schweinewerdung noch eher erträglich. Aber märchentauglich auf keinen Fall. Und das unabhängig von dem, was Homer so alles in die Welt gesetzt hat.

Odysseus war lange auf der Heimfahrt nach Ithaka. Wenn ich mir das Feuilleton anschaue, dann war das für so manchen Zuschauer keine besonders grandiose Fahrt. Da heißt es am Tag des Odyssee-Film-Starts zum Beispiel, dieser Film sei „keine ruhmreiche Heldenstory, sondern ein düsterer Horrortrip durch eine Albtraumwelt“. Recht hat der Kritiker David Steinitz in der SZ. Es war halt oft zu viel des Guten in den drei Stunden Kampf um die Erinnerung.

Und wer war das Mädchen mit dem Händchenhalten und meinen Schmetterlingen im Bauch, damals vor bald 60 Jahren. Ich weiß es - wie Odysseus - nicht mehr. Aber sie war schön, schöner als die Schönste der Antike oder die tapfer wartende Gemahlin Odysseus’.

Die Odyssee Film, 2026; Regie & Drehbuch: Christopher Noland; Musik: Ludwig Göransson; Kamera: Hoyte van Hoytema; Darsteller: Matt Damon (Odysseus), Anne Hathaway (Penelope), Tom Holland (Telemachos), Robert Pattinson (Antinoos) u. a.
Anton Potche

Montag, 16. Februar 2026

Ich werde ihn nicht los

 
Das kann man wohl so sagen: Ich werde ihn nicht los. Dieses Mal habe ich drei Stunden gewartet, um ihn in der altbekannten Manier sterben zu sehen. Rollins, der Bandenchef, hatte Old Shatterhand im Visier und Winnetou warf sich in die Schussbahn. Ende, ein grausames Ende für Millionen Winnetou-Fans in der ganzen Welt. Auch für mich. Es waren die erschütternden Filmszenen aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, gestern Abend, ein Tag vor Rosenmontag, wieder auf der Leinwand benutzt im Epilog des dreistündigen Theaterstückes Winnetou V.

Bis dann gab es auf der Bühne im Großen Haus des Ingolstädter Theaters erst einmal viel Gewalt. Wieso die Karl-May-Reisegruppe sich gerade durch eine Rauferei zusammenfinden musste, um die grandiose May-Fiktion im amerikanischen Westen zu finden, bleibt des Autors und Regisseurs Kieran Joel Geheimnis. Die Zuschauer in der gut besuchten Vorstellung (Premiere einen Tag vorher) bekamen nicht nur Schießereien geboten, sondern immer wieder auch nachdenkliche, ja fast philosophische Traktatschnitzel über das Doppelleben von Autor und Hauptprotagonist. Es kommt in der Literatur gar nicht so oft vor, dass ein Schriftsteller öffentlich so deutlich versucht, sich mit dem Hauptheld seiner Romane zu identifizieren, wie Karl May (1842 – 1912) das mit Old Shatterhand versucht hat. Dass ihm das nur bedingt gelungen ist, wissen Kenner des großen Fabulierers, wahrscheinlich der größte der Literaturgeschichte.

Das hat die Zuschauer von Winnetou V aber anscheinend wenig interessiert wie auch die Diskussionen der Winnetou-Sucher über Realität und Fiktion. So mancher, besonders der Männer, wird während der Aufführung in Gedanken zurück in seine Knabenzeit gewandert sein. Abenteuer. Abenteuer. Abenteuer. Auch Meinesgleichen hatten dort unten im fernen Südosten Europas Pfeile und Bogen, holzgeschnitzte Pistolen und Gewehre und eine klare von jedem respektierte Aufteilung in Gut und Böse. Wir spielten Krieg. Begeistert. Und niemand wäre auf die Idee fremder kultureller Aneignung gekommen. Winnetou war ein Idol. Jeder wollte auf seiner Seite stehen wie eben Old Shatterhand, der in diesem Stück auch der Regisseur war (Moritz Grove mit einer hervorragenden schauspielerischen Leistung, klare Diktion, sehr beweglich). Wir haben es hier nämlich mit einem Stück im Stück zu tun. Ein Männerstück. Denn es kommt mit einer weiblichen Gestalt aus, nämlich mit Anne Owner, brillant gespielt von Anne Eigner. Ihr Monolog über unsere zerrissene Welt war von aller höchster Güte.

Ich bin kein Freund einer von aus der Welt der Prosa mit dramaturgischen Mitteln geschaffenen Gattung. Auch Filme aus dem Universum der Literatur können schrecklich sein. Ich frage mich nach solchen Darstellungen oft: Schreibt denn niemand mehr Theater? Winnetou V scheint mir weder, noch zu sein: kein Prosaklau, aber auch kein reines Theater. Aber was wäre eine trockene Diskussion über Sinn und Unsinn des Fantasierens überhaupt geworden? Eine langweilige Angelegenheit. So ist mir der Tiefgrund in Form eines mit Witz und Charme daherkommenden Phil Hawkens (Philip Lemke) doch lieber.

Vielleicht sehen das auch andere Leute so oder so ähnlich, denn es gab zum Schluss dankbaren Applaus. Und das obwohl oder gerade weil das Stück mit dem Mord einer Figur mit einer weltweit bekannten Physiognomie endet. (Gemeint ist nicht Winnetou!) Noch gibt es Freiräume für die Theaterkultur. Ende gut, alles gut … kann man sagen, muss man aber nicht. Ich allerdings weiß, dass ich sie, Winnetou und Old Shatterhand, nie los werde.

Winnetou V Theater von Kieran Joel; Regie: Kieran Joel; Musik: Lenny Mockridge; Besetzung: Moritz Grove, Matthias Gärtner, Philip Lemke, Anne Eigner, Sebastian Kremkow, Peter Rahmani u.a.
Anton Potche

Montag, 17. November 2025

Grund für eine etwas längere Einschlafphase

 
Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Oskar Maria Graf (1894 – 1967) hat im Jahre 1947 in seinem Exil in New York City den Roman Unruhe um einen Friedfertigen geschrieben. Bei WIKIPEDIA kann man nachlesen, dass er „sich selbst als Provinzschriftsteller und mitunter als Bauerndichter bezeichnete“. Als Banater Schwabe fällt mir da spontan die Benennung Heimatdichter für Dialektschriftsteller aus der südosteuropäischen Region Banat, heute zu Rumänien gehörend, ein. Der kleine Unterschied liegt nur darin, dass die deutschen Banater Mundartautoren ein gebietsmäßig eng begrenztes Territorium mit einem kleinen Leserkreis als schöpferische Heimat betrachten konnten, während Oskar Maria Graf zu den zahlreichen deutschen Exilliteraten gezählt wird, auch wenn seine Werke zum Teil auf ländlichen Räumen (wie das der Banater Heimatschriftsteller) fußen.

Wie bodenständig solche Literatur sein kann, zeigt der Rückgriff heutiger Medien auf einige dieser literarischen Werke, obwohl Jahrzehnte seit ihrer Entstehung vergangen sind. Ein solches Beispiel hat das ZDF am 10. November dieses Jahres in seinem Abendprogramm ausgestrahlt. Sturm kommt auf heißt der aus Unruhe um einen Friedfertigen inspirierte Zweiteiler, der nur kurz von einem HEUTE JOURNAL unterbrochen wurde. Dass dieser Film mich von 20:15 Uhr bis 23:30 Uhr vor dem Bildschirm hielt, kann man ruhig als Qualitätsmerkmal betrachten. Ja, ich kann mir vorstellen, dass es auch anderen Filmliebhabern so ergangen ist. Und so mancher wird vielleicht an die Trilogie Heimat von Edgar Reitz oder an den Streifen Wiedersehen mit einem Fremden von Niki Stein oder Club der singenden Metzger von Uli Edel oder ... gedacht haben.

Schuster Julius Kraus (Josef Hader) 

ZDF Fabio Eppensteiner [M] 
Claussen+Putz Filmproduktion 
Screenshot: Anton Delagiarmata
Sturm kommt auf wird als deutsch-österreichische Koproduktion des Regisseurs Matti Geschonneck im Programm angekündigt. Als Hauptdarsteller fungiert Josef Hader. Und die Gattung wird nicht als Heimatfilm sondern als Historienfilm benannt. Natürlich ist es beides. Denn wir werden als Zuschauer sowohl von den Bildern der oberbayerischen Heimat, als auch von der politischen Entwicklung der Zwischenkriegszeit gefesselt. Die Hauptfigur des Dramas - ja, auch das ist der Film - ist der Schuster Julius Kraus (J. H.), ein zurückgezogen lebender Single, dessen Wurzeln im fernen Galizien liegen. Sein jüdischer Glaube bleibt unentdeckt bis im Dorf langsam, aber erbarmungslos die Nazis die Herrschaft übernehmen. Das wird ihm zum Verhängnis … und verschuldet vielleicht bei so manchem Zuschauer eine etwas längere Einschlafphase als an gewöhnlichen Fernsehabenden. 

Anton Potche


Sturm kommt auf (Film, 2 x 90 Minuten); Regie: Matti Geschonneck; Drehbuch: Hannah Hollinger; Musik: Boris Bojadzhiev; Besetzung: Josef Hader als Jiulius Kraus, Sigi Zimmerschied als Silvan Heingeiger sen., Frederic Linkemann als Silvan Heingeiger jun., Verena Altenberger als Elies Heingeiger, Sebastian Bezzel als Ludwig Allberger u. a.

Montag, 12. Februar 2024

Was wäre, wenn …

Es gibt manchmal in den Medien seltsame Umfragen. Man kann sie hinterfragen, beantworten oder einfach nicht todernst nehmen. Sogar Literaturzeitschriften lassen sich gelegentlich zu solchen Spielchen hinreißen. So auch die wohl bekannteste rumänische Zeitschrift des gepflegten Wortes, die im vergangenen Jahr 55 Jahre alt gewordene ROMÂNIA LITERARĂ.

In der Doppelnummer 12-13/2023 vom 24. März wurde eine Umfrage (rum.: anchetă) veröffentlicht, die als nicht allzu ernst gemeinte Imaginationsübung (Exercițiu de imaginație) firmierte und folgende Aufgabenstellung hatte: „Erzählen Sie uns einen Vorfall, den Sie nicht erlebt haben, aber gerne erleben würden. Oder anders formuliert: Erzählen Sie uns eine fiktive Begebenheit, die Sie gerne als Realität in Ihrem Leben mitmachen würden.“ Nun mag die Problemstellung dem Einen oder Anderen zumindest komisch, wenn nicht schwierig vorkommen. Nicht aber den Protagonisten dieser Umfrage, sind sie doch alle mit der Fiktion als Schreibfläche bestens vertraut, und das unabhängig davon, ob es sich um Schriftsteller, Poeten, Kritiker oder Verleger handelt. Auch der Temeswarer Literaturkritiker Cornel Ungureanu (*1943) schien Spaß an dem Spiel gehabt zu haben.

Er erzählt in seiner Geschichte munter drauflos. Man spürt den Humor, mit dem er an die Sache heranging und könnte ihm sogar glauben, wenn der Themenbereich nicht so deutlich eingegrenzt wäre. Dazu begibt er sich noch ins Korsett eines zweiten Grenzabschnittes, nämlich der Zeit. Und zwar der 1990er Jahre.

Es soll sich im Jahre 1993 zugetragen haben. Ein Milliardär – ob Euro oder Lei wird nicht berichtet –, Herr Cojocaru, soll ihn, Herrn Ungureanu, mit der Bitte besucht haben, eine Filmzeitschrift zu gründen. Die wäre sinnvoll, wo derfilmbegeisterte Unternehmer doch in Giarmata, dem Jahrmarkt der Vorwendezeit, Filmstudios mit dem Namen TRIDENT bauen wolle. Dazu habe er sogar schon Grundstücke in der Gemeinde nördlich von Timișoara erworben, wie die bildhübsche („frumoasă-frumoasă”) Sekretärin des Herrn Cojocaru dem damals eine Filmsendung bei Radio Timișoara realisierenden Kunstkritiker Cornel Ungureanutäglich“ erzählte. Und er, der Filmkritiker, solle von dem legendären Filmemacher Iosif Costinaș unterstützt werden. Ja mehr noch, er würde „nicht nur der Direktor der Zeitschrift und des Verlags werden, sondern auch der Studios“. Und wie er, Ungureanu, erzählt, habe er damals die Zeitschrift TRIDENT wirklich bis ins letzte Detail geplant, nach Wunsch des Auftraggebers mit klingenden Namen aus der rumänischen Kulturlandschaft und sogar mit Honorarvorschlägen für die Auserwählten Andrei Pleşu, Liviu Ciulei, Mircea Martin, Laurenţiu Ulici, Ovidiu Iuliu Moldovan, Niky Wolcz. Für ihre Filmessays sollten sie 50 Euro bekommen, worauf der freizügige Milliardär vorwurfsvoll reagiert und das verachtend für diese bedeutenden Menschen („oameni de seamă”) gefunden habe. Also: 300 Euro pro Text. Cornel Ungurianu erzählt weiter, er habe seine besten Studenten von den Kursen freigestellt und in dieses Projekt eingebunden wie auch die großartigen Cineasten Dorin Davideanu und Paul Eugen Banciu. Alles musste funktionieren und schnell. Sehr schnell. Tat es dann auch, bis … es zum Zahlen kam … Da wäre der Milliardär vom Erdboden verschwunden gewesen, steuert Cornel Ungureanu auf das Ende seiner Geschichte zu. „Es gab weder die Zeitschrift TRIDENT, noch den Verlag TRIDENT, noch die Studios TRIDENT.“ Und ganz zum Schluss dieses Beitrages könnte man Marcel Reich-Ranicki mit seinem unvergessenen Brecht-Zitat im Literarischen Quartett zitieren: Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Was ist jetzt von Cornel Ungureanus Geschichte Realität und was Fiktion oder sogar erwünschte Fiktion, wobei sie ja zumindest hier nicht gerade wünschenswert wäre. Und wo es dann ganz zum Schluss auch noch heißt: „Ich sagte zu Robert Șerban (ein Landsmann Ungureanus): Du hast auch Artikel in den Spalten von TRIDENT. Unbezahlte. Und einen Aufwand … der dich vielleicht zu einem Roman über Rumänien in den 90er Jahren inspiriert.“

Was wäre, wenn Ungureanus Milliardär nicht verschwunden wäre? Giarmata würde heute vielleicht in einem Atemzug mit Hollywood genannt werden. So aber bleiben wir als Schmöker in einer rumänischen Literaturzeitschrift ratlos zurück. Hat nun einer der bekanntesten zeitgenössischen Literaturkritiker Rumäniens vielleicht doch ähnliches erlebt? Oder hat er uns Leser nur auf ein hoffentlich festes Faschingseis geführt?

Anton Potche

Montag, 22. Mai 2023

Ein modernes Märchen

Kürzlich habe ich in einer Zeitung gelesen, dass Saint-Exupérys Märchen Der kleine Prinz von manchen als Kitsch verdammt wird, „während es vielen Trost spendet“. Nachvollziehbar. Das ist das Schicksal jedes literarischen Textes. Und auch des Genres, in das man ihn weiter verarbeitet, also Theater oder Oper oder Film … Das geht nicht nur den Klassikern der Gattung Märchen, etwa Grimm, Andersen u.v.a., so, sondern auch den zeitgenössischen Märchen. Wie etwa Der Schwarm. Ja, was Frank Schätzing mit seinem Schwarm zuwege gebracht hat, ist ein Märchen. Nicht mehr und nicht weniger. Und als solches ist es der Meinung, also den Meinungen, der Leserschaft ausgesetzt. Einige finden das Märchen schön, andere nicht. Schätzing selbst ist angeblich mit der Weiterverarbeitung, der filmischen Fassung, seines Romans, also Märchens Der Schwarm nicht besonders glücklich.

Liest man im Feuilleton, so findet man mehr an dem Film geäußerte abwertende Kritik als positive Reaktionen. Simon Hauck wird in der März-Ausgabe des MÜNCHNER FEUILLETON im wahrsten Sinne des Wortes ausfällig, ja, beleidigend im Gossenstil. Er spricht von „tränendrüsengeschwängertem Blödsinn“. Er wünscht sich viel mehr „Tiefseewürmer, Krabben und Wale, die außer Kontrolle geraten und die Menschen in den Untergang stürzen wollen“. Die reüssieren nämlich in „Schätzings spannungsgeladener Oko-SciFi-Dystopie“. Sollen sie doch. Es mag ja auch Kinder geben, die sich noch mehr Wölfe in Rotkäppchens Wald wünschen. Alles hängt von ihrer Fantasie ab.

Screenshot: Anton Potche
Der Film von Frank Doelger (Idee, Produktion, Drehbuch) ist doch keine Eins-zu-Eins-Nacherzählung von Frank Schätzings modernem - man kann auch die Bezeichnung „wissenschaftlichem“ gelten lassen - Märchen, sondern eine filmische Erzählung, der ein Roman, oder Märchen, zugrunde liegt. Und diese Erzählung hat mir gefallen. Hätte ich Der Schwarm gelesen, wären hinter meiner Stirn vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, ganz andere Bilder entstanden. Ob die dann den gleichen Unterhaltungswert gehabt hätten wie der gesehene Schwarm, darf man sogar bezweifeln. Als Begründung für meinen Zweifel genügt der gelungene Spannungsaufbau in diesem Film.

Und das feenhafte Ende? So enden nun mal gelungene Märchen. Man darf trotz allen Grauens danach noch einschlafen … und bei aller Kritik nie aus den Augen verlieren, dass eine Roman-, Film-, Theater-, Oper-, Konzert-, etc.- besprechung immer nur die Meinung eines Einzelnen ist … und subjektiv bleibt nach allen Regeln der Kunstkritik.

Dazu gesellt sich noch das Erkenntnispotential, das im Plot eines Märchens enthalten sein kann. Der Gewässerökologe Jens Krause formuliert das in der WELT AM SONNTAG (5. März 2023) so. „Im Bestseller ‚Der Schwarm‘ von Frank Schätzing, aktuell als ZDF-Serie verfilmt, sind es die Yrr, die als fiktive Meeresorganismen zur globalen Bedrohung werden. In der Realität ist es der Mob, der wie beim Sturm auf das Kapitol in Washington gefährlich wird.“

Mir hat dieser Film gefallen. Ich kann es nur wiederholen. Die Öffentlich Rechtlichen Fernsehanstalten sollten sich nicht scheuen, solche Projekte auch in Zukunft anzupacken, auch wenn Herr Hauck von einer „armseligen Europudding-Koproduktion (ZDF, RAI, ORF, France Télévisions, SRF) schreibt.

Anton Potche

Der Schwarm (Fernsehserie) - Idee: Frank Doelger, Regie: Barbara Eder, Philipp Stölzl, Luke Watson, Drehbuch: Steven Lally, Marissa Lestrade, Chris Lunt, Michaela A. Walker, Frank Doelger, Frank Schätzing, Musik: Dascha Dauenhauer, Darsteller: Leonie Benesch, Cécile de France, Alexander Karim, Joshua Odjick, Barbara Sukowa u. v. a.

Montag, 17. Oktober 2022

Der emsige Meister

- Sketch -


Personen: Meister
                Maschinenbediener
                Schlosser

(Produktionslinie mit mehreren arbeitenden Einheiten, die von Maschinenbedienern bedient werden. Vor einer dieser Produktionseinheiten.)

Meister (steht mit wichtigtuerischer Mine vor dem Maschinenbediener und schreit gestikulierend): Da, da musst du putzen. Und der Boden hier, der ist schwarz, voller Öl und Dreck. Morgen ist Freitag, kapierst du das nicht, Begehung ... Begehung. Was stellt ihr euch vor? Das gibt rot, rot, wenn der Chef das sieht.

Maschinenbediener (verstört): Da tropft Öl, ein Schlosser ist unterwegs. Der wird gleich da sein und hier arbeiten, um den Schlauch zu wechseln. Der wird sowieso alles voll Ölspuren machen, wenn er da arbeitet. 


Meister (gestikulierend): Putzen! Scheuern! Scheuer den Boden mit Bodenreinigungsmittel.

(Maschinenbediener putzt an der Maschine und auf dem Boden, alles ziemlich kopflos. Der Schlosser kommt, macht sich an der Maschine zu schaffen.)

Meister (zum Schlosser): Da oben. Der Schlauch. Siehst du das nicht? Mach schnell, die Maschine steht.

Schlosser: Bin schon dabei. (Arbeitet langsam und konzentriert.)

Meister (vor Aufregung nach Luft schnappend, zum Maschinenbediener): Hilf ... Hilf ihm ... nein ... schau da ... Öl ... es tropft auf den Boden ... Nein, lass das ... Hilf ihm. Er kommt nicht rauf.

(Maschinenbediener rutscht auf den Knien unter den Schlosser, der sich mit einem Fuß auf seinen Rücken und mit dem anderen auf einen Maschinenvorbau stellt und über Kopf an einer Ölleitung arbeitet.)

Meister: Auf geht’s! Das dauert ja ewig. Die Produktion ... das Öl ... der Boden ... Dreck ... Ölfleck ... Warum putzt du das nicht weg?

(Maschinenbediener hebt die Hand mit dem Putzlappen. Meister greift instinktiv danach und beginnt mit dem dreckigen Scheuerlappen an der Maschine zu putze, alles verschmierend. Er wird in seinen Bewegungen immer schneller und unkontrollierter.)

Schlosser: Hier, halte mal. (Reicht, ohne sich selbst umzudrehen, einen Schraubenschlüssel hinter sich. Der Meister greift mit seiner freien Hand danach und fuchtelt mit Lappen und Schlüssel in der Luft herum, während der Maschinenbediener mit dem Schlosser auf dem Rücken sich entfernt.)

Meister: Putzen ... Öl ... Produktion ... Begehung ... Chef ...

Schlosser und Maschinenbediener (singend ab): Brotzeit, Brotzeit ist die schönste Zeit, la, la, la ...

(Meister bleibt mit offenem Mund und den beiden Utensilien in den Händen reglos in der Bühnenmitte stehen Vorhang fällt.)


[Ingolstadt, 2010]
Anton Potche

Montag, 10. Oktober 2022

Dramatische Erlebnisse der Nachkriegszeit

3sat hatte den Spielfilm Wiedersehen mit einem Fremden zur besten Sendezeit am Samstagabend, dem 9. September 2022 ins Programm genommen. Eine gute Entscheidung, kann man vorneweg schon mal sagen. Der Streifen passt in die Zeit des Putin-Krieges und seiner verheerenden Folgen abseits der Kriegsschauplätze. Kriege brechen plötzlich aus, oft mit einer Unterschrift oder einer Fernsehansprache, hören aber nie genauso plötzlich auf. Ihre Folgen können noch eine ganze Generation traumatisieren, lange nachdem die Waffen schweigen. Es war bei Hitler so und ist es jetzt bei Putin.

Die dramatischen Nachkriegsfolgen der russischen Aggression in der Ukraine müssen noch geschrieben und auf die Bühnen sowie in die Kinosäle gebracht werden, während die Folgen von Hitlers Kriegsverbrechen bereits thematisiert wurden und es auch weiterhin werden. Wiedersehen mit einem Fremden ist eine solche Dramatisierung. Der Film wurde zum ersten Mal 2010 im ERSTEN DEUTSCHEN FERNSEHEN ausgestrahlt. Über sechs Millionen Zuschauer haben das Nachkriegsdrama damals am Fernseher verfolgt.

Die Handlung spielt im Schwarzwald und ist eine Verwechslungsgeschichte, die erst von der Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht wird. Thomas Kirchner und Niki Stein haben das Drehbuch so geschrieben, dass der Zuschauer trotz aller Dramatik ohne unnötigen Kitsch und vor allem ohne übertriebene Rührseligkeit dem Geschehen auf dem Bildschirm folgen kann. Man sitzt zum Schluss nicht da und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, sondern fragt sich eher, wie nahe eine solche Geschichte wohl an der Realität sein könnte. Das Motiv selber ist nicht neu. Es wurde bereits 1982 in einem französischen Film mit Gérard Departieu und dann 1993 in einem Hollywood-Streifen mit Richard Gere bearbeitet. Während die französische Produktion sich auf eine Kriegsheimkehrergeschichte aus dem 16. Jahrhundert bezieht und die amerikanische sich im amerikanischen Bürgerkrieg abspielt, ist die deutsche Bearbeitung dieses Motivs in der Ära Adenauer angesiedelt.

Die Hauptdarsteller in Wiedersehen mit einem Fremden machen ihre Sache gut. Es ist gar nicht so einfach, langsam aufkommende Zweifel und deren Verfestigung, verbunden mit allen daraus resultierenden Komplikationen, in Szene zu setzen. Silke Bodenbender als Lisbeth Steiner und Peter Davor in der Rolle des Max Steiner alias Gottfried Reincke bewältigen ihre Arbeit ohne übertriebene Theatralik, ihr Wirken spürt sich als lebensnah an. Dass Gottfried Reincke aus Siebenbürgen stammt, ist der Handlung in keiner Weise abträglich, sein Vater aber als donauschwäbischer Bauer in einem Dialog erwähnt wird, dürfte auf eine so nicht beabsichtigte Verwechslung hindeuten, die man hierzulande immer wieder feststellen kann, und zwar zwischen Siebenbürgen und dem Banat und umgekehrt.

Anton Potche

Wiedersehen mit einem Fremden; D, 2010; Regie: Niki Stein; Buch: Thomas Kirchner & Niki Stein; Kamera: Arthur W. Ahrweiler; Musik: Jacki Engelken & Ulrik Spies; Darsteller: Liesbeth - Silke Bodenbender, Margarete - Nina Kunzendorf, Max - Peter Davor, Heinrich - Mark Waschke, Georg - Robert Schupp, Regine - Elisabeth von Koch

Montag, 24. Januar 2022

Der Palast ruft Erinnerungen wach

Der Palast. Der Friedrichstadtpalast. Ein Palast für die Revue. Die pure Revue. Tanz in seiner Vollkommenheit. Gepaart mit Grazie und Schönheit. Weiblicher Schönheit vor allem. Ausgestrahlt vom DDR-Fernsehen. Da treibt die Pubertät mich noch um. Das ist Berlin. Ob Ost oder West spielt keine Rolle. Nur Glimmer und Glamour. Bestaunt aus unserem Wohnzimmer im rumänischen Banat. Es muss wohl zur Zeit der kurzen Liberalisierungsperiode um die Wende vom sechzigsten zum siebzigsten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gewesen sein.

Irgendwann ist dann Schluss mit den vom rumänischen Fernsehen übernommenen DDR-Fernsehausstrahlungen. Die Eiche der Karpaten beansprucht immer mehr Sendezeit in dem schrumpfenden rumänischen Fernsehprogramm. Die Bühne im Friedrichstadtpalast wird aber weiter betanzt. Und wie. Ein ZDF-Dreiteiler zwischen Neujahr und Dreikönig hat gezeigt, wie dieses „wie“ wohl ausgesehen hat. Und dass so etwas in einem Spielfilm besser gelingen kann als in einer Dokumentation, stellt der Film Der Palast eindeutig unter Beweis.

Wenn man, ohne ein Fan von Serienfilmen zu sein, auf den folgenden Abend wartet, um zu erfahren, wie es nun weitergeht, haben die Cineasten schon mal gute Arbeit geleistet. Und wenn man nahe dran ist, sich auch noch als alter Mann – als junger sowieso – in die Hauptfigur des Streifens zu verlieben, dann konnte die Auswahl für diese Rolle nicht besser ausfallen.

Svenja Jung
Screenshot: Anton Potche
Dabei ist dieser Palast auch nicht mehr als eine kriminell gestartete Verwechslungsgeschichte. Sie ist aber gleichzeitig auch Historie, gewährt uns Einblicke in die DDR – wie mittlerweile so viele Spielfilme zur Geschichte des verblichenen Staates. Und sie ist fesselnd geschrieben (Drehbuch: Rodica Doehnert) und inszeniert (Regie: Uli Edel). Und vor allem ist sie fantastisch natürlich gespielt, sowohl von den Hauptdarstellern als auch von den Komparsen. Wie eingangs schon angesprochen, betrifft das vor allen Svenja Jung, die in ihrer Doppel- oder Zwillingsrolle, wie man es sehen mag, völlig aufgeht. Dass sie dabei von Größen der Leinwand wie etwa Anja Kling oder Heino Ferch sekundiert wird, festigt natürlich das Gerüst der Produktion.

Auch dieses Filmwerk zeigt wie so viele andere, dass der deutsche Film vital bleibt trotz der seit zwei Jahren andauernden Pandemie. Und je intensiver sich das öffentlich rechtliche Fernsehen in die Herstellung solcher Produkte involviert, je seriöser wirkt die Ausführung seines Auftrages, deutsche Kultur und Geschichte in spannender und gleichzeitig informativer Art und Weise einem sowohl jungen als auch älteren Publikum zu vermitteln. In Der Palast wurde dieser Auftrag zweifellos erfüllt. Die Einschaltquoten bei ZDF und ORF (zeitgleiche Ausstrahlung) sprechen eine deutliche Sprache. Beim deutschen Sender schwanken sie an den drei Tagen zwischen 5,78 Millionen (19,5%) und 6,34 Millionen (20,1%), währen sie in Österreich bei 26% (von 719.000 bis 798.000) fast gleich geblieben sind. Trotzdem kann man, wenn man die Statistiken bemüht, eine gewisse Ermüdung der Zuschauer von der ersten zur dritten Serie ausmachen. An was das wohl lag? Vielleicht hat man dieser Filmerzählung kein überraschendes (negatives?) Ende zugetraut. Wie auch immer, Der Palast steht noch in der ZDF-Mediathek.

Anton Potche

Der Palast; D 2021; Regie: Uli Edel, Drehbuch: Rodica Doehnert; Kamera: Hannes Hubach; Musik:
Martin Lingnau & Ingmar Süberkrüb; Darsteller: : Svenja Jung, Anja Kling,Katia Fellin, Heino Ferch, Nicolas Wolf, Hannes Wegener, August Wittgenstein, Luise Befort u. a.

Montag, 8. März 2021

Die Berlinale und der rumänische Film

Das scheint eine geglückte Symbiose zu sein: die Berlinale und der rumänische Film. Namen von Regisseuren wie Cristi Puiu (Teilnahme 2020), Radu Jude (2020 – drei Filme), Adrian Cioflâncă (2020), Adina Pintilie (2020) zeugen von einer regen Teilnahme an einem der größten Filmfestivals der Welt. 2013 konnte Călin Peter Netzer den Goldenen Bären mit dem Filmdrama Mutter & Sohn (Originaltitel Poziția Copilului) gewinnen. Im Jahre 2018 wurde die rumänische Regisseurin Adina Pintilie für ihren halbdokumentarischen Streifen Touch Me Not ausgezeichnet. Schon 2004 hatte Cristi Puiu mit Un cartuș de Kent și un pachet de cafea (Cigarettes and Coffee) den Berlinalepreis für den besten Kurzfilm erhalten. Den gleichen Preis bekam vier Jahre später Bogdan Mustață für seinen 10-Minuten-Streifen O zi bună de plajă (Ein schöner Tag zum Schwimmen).

Auch heuer konnte bei den 71. Berliner Filmfestspielen, kurz Berlinale, 1. bis 5. März, ein rumänischer Regisseur den begehrten Goldenen Bären gewinnen: Radu Jude (*1977). Obwohl sein Film bisher nur von wenigen Menschen gesehen wurde (Juroren, Kritiker, Filmhändler), löst er Debatten aus. Handelt es sich um einen Porno, eine Satire, oder ist es gar ein sozialkritischer Streifen? Auf jeden Fall scheint es ein ungewöhnlicher Film zu sein, so ungewöhnlich wie die gesamten Filmfestspiele überhaupt waren. Es gab kein Publikum. Es gab nur Filmfachleute und das Coronavirus. Sogar in dem preisgekrönten Film. Schließlich spielt er in der wie die ganze Welt von der Pandemie heimgesuchten rumänischen Hauptstadt Bukarest. Mit Maske also. Und er beginnt „nicht zimperlich“, wie der DONAUKURIER auf seiner Kulturseite vom 6. März feststellt. „Man sieht einen Mann und eine Frau, die wild zugange sind.“ Na und, fragt sich der Leser, Pandemiezeiten sind vielleicht prädestiniert für coolen Sex. Turbulent wird die Geschichte in Radu Judes Liebesfilm – vielleicht ist er ja das, und nur das -, als einige Schüler im Internet ihre Lehrerin als die Protagonistin der heißen Liebesspiele erkennen. Ohne den Film gesehen zu haben, kann man schon ahnen, dass er in unsere Zeit passt. In der Begründung der Jury ist vermerkt: „Es ist ein kunstvoll ausgearbeiteter Film, der zugleich ausgelassen ist, intelligent und kindisch, geometrisch und lebendig, auf beste Art ungenau.“
Screenshot: Anton Potche

Das macht schon mal neugierig. Zwischen dem 9. und 20. Juni 2021 sollen Filmliebhaber in einem Festival mit Publikum die Chance bekommen, ihre Neugierde zu stillen. So Gott und Corona das wollen. Sie werden dann auch den Goldenen-Bären-Gewinner 2021 Babardeală cu bucluc sau porno balamuc (Bad Luck Banging or Loony Porn), (Pechbumsen oder: Bekloppter Porno) sehen können - mit folgenden Schauspielerinnen und Schauspielern in den tragenden Rollen Katia Pascariu – als Lehrerin Emi (Foto), Claudia Ieremia – Direktorin, Olimpia MălaiFrau Lucia, Andi Vasluianu – Herr Otopeanu, Nicodim Ungureanu – Herr Gheorghescu, Tudorel Filimon, Ilinca Manolache, Alexandru Potocean, Dana Voicu.

In einem Interview mit der WIENER ZEITUNG sprach Radu Jude über sein Kunstverständnis und den triptychonförmigen Aufbau seines preisgekrönten Films: „Das Kino ist ein Mittel, um über die Welt mit spezifischen Werkzeugen nachzudenken. Die Kamera, die Montage, die Form des Films, seine Architektur und Komposition, das sind für mich essenzielle Dinge. […] Der Anfang des Films ist sozusagen seine geografische Verortung in Bukarest. Die Stadt ist keine Abstraktion, sondern ein Spiegelbild von uns. Man sieht, wie die Menschen zueinander sind. Der zweite Teil ist wie ein Notizbuch, fast schon poetisch, wenn ich hier etwas angeberisch sein darf. Der dritte Teil ist der Dialog-Teil, ein Tribunal, bei dem die Lehrerin sich vor den Eltern verantworten muss. Das ist jetzt sehr skizzenhaft gesagt, und jeder kann darin etwas anderes sehen, aber für mich war es die bestmögliche Struktur.“

Anton Potche


Montag, 19. Oktober 2020

Eleonore Schilha sagt leise Servus

„20.15 Uhr, sagt Eleonore Schilha ins Mikro. Der Arbeitsplatz der Inspizientin ist nur über eine Leiter zu erreichen. Hier, neben dem Fenster, hat sie einen guten Überblick. Beim Freilicht, sagt sie, ist die Nervosität groß. Schon morgens hört sie im Halbstundentakt die Wettervorhersagen auf B5.“ (DONAUKURIER, 23. Juli 2001). Es ist ein unstetes Leben, das Leben der Theaterleute, vergleichbar mit dem der Zirkusleute. Spielstättenwechsel gehören zu einer Theaterbiographie. Wie auch das ewige Spiel in Gedanken, es beginnt beim Öffnen der Augen und endet mit dem Sinken in den Schlaf. Selbst der garantiert keine absolute Ruhe, Erholung, Abstand vom Spiel vor und hinter den Kulissen.
FotoQuelle: FLUGSCHRIFT Sept./Okt. 2020
Stadttheater Ingolstadt

Das war auch das Theaterleben der Inspizientin am Stadttheater Ingolstadt, Eleonore Schilha. Begonnen hat es am Deutschen Staatstheater Temeswar. Damals machte die junge Schauspielerin Lore Grün ihre ersten Gehversuche auf den berühmten Brettern, die die Welt bedeuten. Aber sie sollte eine eher unspezifische Repräsentantin dieses Metiers werden. Der Schriftsteller Thomas Stangl schrieb kürzlich in VOLLTEXT (2 / 2020) über den Schriftsteller Georges Perros: „Schon als junger Schauspieler (drei Jahre an der Comédie-Française, bevor er diesen Beruf aufgab) war Perros, wie er öfter erzählt, mehr an den Kulissen interessiert – daran, das Theater von dieser anderen Seite her kennenzulernen – als an der Bühne oder dem Publikum; dort wäre vielleicht das Geheimnis, das Wunder verborgen, allerdings sollte man sich scheuen, es aus dieser Verborgenheit grob ans Licht zu ziehen. Und wirklich findet er (wie er im Nachhinein sagt) hinter den Kulissen nichts.“ So ähnlich, aber doch ganz anders muss Eleonore Schilha irgendwann empfunden und gehandelt haben.

Auch sie wechselte die Perspektive – vielleicht aus den gleichen Beweggründen -, hat aber anscheinend, zum Unterschied von Perros, hinter den Kulissen einiges, wenn nicht gar sehr viel gefunden. Denn sie ist geblieben, nicht nur auf dem Inspizientenposten, sondern, auch das ein Unterschied zu vielen anderen Theatermenschen, viele Jahre lang am gleichen Theater, und sogar an einem der besten in Bayern. Sie war in der Spielzeit 1993/1994 über die Bühnen in Münster und Kaiserslautern mit ihrem Mann, dem Schauspieler und Regisseur Friedrich Schilha, auch ein Deutscher aus Rumänien, nach Ingolstadt gekommen.

1998 hat sie einem Zeitungsmenschen offenbart: „Wenn ich nicht in Rumänien geboren wäre, wäre ich Managerin geworden.“ Mit Management hat tatsächlich auch die Arbeit einer Inspizientin zu tun. Und dazu gehört noch eine gesunde Portion technischer Sachverstand. Ein Stück wird zwar von Regisseuren und Choreographen mit einem Theaterensemble einstudiert. Ihnen gehört die Probezeit. Aber wenn die Aufführung mit Publikum im Saal beginnt, schlägt die Stunde der Inspizienz, damit alle für die Zuschauer unsichtbaren Fäden zu einem gelungenen Theaterstück zusammenlaufen. 27 Spielzeiten lang hielt Eleonore Schilha so manches zum Davongaloppieren neigende Ensemble in Zaum. Ein bewegtes Theaterleben ohne Rampenlicht. „Das wollte ich so“, wird sie in einem Zeitungsartikel zitiert.

Ein Theatermensch durch und durch, der beide Seiten der Kulissen mit all ihren Facetten kennt: das ist Eleonore Schilha. Jetzt sagt sie leise Servus und verabschiedet sich in den wohlverdienten Ruhestand. Das Publikum – ausgenommen eingefleischter Theaterinsider - hat sie nie gekannt und wird sie, nach seiner Rückkehr aus der Coronaverbannung auch nicht vermissen. Umso mehr aber die Schauspieler und Techniker am Stadttheater Ingolstadt.

Anton Potche

Montag, 17. August 2020

Kein schöner Film

Nein, das ist kein schöner Film. Und trotzdem bereue ich es nicht, bis zu seinem Ende aufgeblieben zu sein: 0:45 Uhr, in der Nacht vom Donnerstag, 16. Juli 2020, auf den Freitag.Glück ist was für Weicheier, Komödie (D 2018), mit E. Frey, Martin Wuttke, Emilia Bernsdorf.“ So stand es im ZDF-Programm. Und ich hätte mir bestimmt nicht die Nacht um die Ohren gehauen, wenn meine Frau im Laufe des Tages nicht zufällig auf den Namen der Regisseurin gestoßen wäre: Anca Miruna Lăzărescu – geschrieben in deutschen Medien wie so oft ohne diakritische Zeichen. Das hat mich neugierig gemacht - den Film leider nicht schöner. Aber ich habe durchgehalten bis zum bitteren Ende. Und das hatte nur einen Grund: Der Streifen ist gut, verdammt gut.

Das wiederum hat bei mir schon während des Filmablaufs und erst recht an den Tagen danach die Frage aufgeworfen: Was an diesem Film macht ihn zu einer Komödie? Nichts! Das ist keine Komödie, sondern ein todernster Film über Leben und Tod, ja, wesentlich mehr über den Tod als über das Leben. Wer kann sich schon ausmalen, was es heißt, als alleinstehender Vater mit zwei pubertierenden Mädchen, von denen eines Tag für Tag einem unabwendbaren Tod durch eine schweren Krankheit entgegen schlittert, zurechtzukommen? Dieser Film gibt Aufschluss darüber. Die Regisseurin hat hier zusammen mit der Drehbuchautorin Silvia Wolkan nicht das große Drama, das Sich-an-den-Haaren-Reißen (nur ganz wenige Szenen gehen in diese Richtung) auf die Leinwand gebannt, sondern den stillen, unausweichlichen Weg des Schicksals erzählt - in oft sehr ergreifenden Bildern ohne übertriebenen Pathos, und ohne sich in Klischees zu verirren.

Besonders die kleinere der zwei Schwestern, Jessica, mit Charme und - trotz aller Rückschläge in den ersten Liebeswünschen - stets spitzbübischem Lächeln unterwegs, wird überzeugend von Ella Frey gespielt. Auch die anderen zwei Akteure der Familie Gabriel werden glaubwürdig dargestellt. Während Sabrina, obwohl sich alles um ihren Tod dreht, eine Art Gleichgewicht zwischen einer Haupt- und gleichzeitigen Nebenrolle herstellt (verkörpert von Emilia Bernsdorf), hat Martin Wuttke es mit seiner Vaterrolle wesentlich schwerer. Verzweiflung so zu spielen, dass sie nicht ins Larmoyante abdriftet, hat etwas mit Schauspielkunst zu tun. Hier kommt diese Kunst hervorragend zum Tragen.

Anca Miruna Lăzărescu gehört zur jungen Staffel der deutschen Filmregisseurinnen und -regisseure. Sie wurde 1979 in Temeswar / Rumänien geboren und lebt seit 1990 in Deutschland. Ihre Filmstudien absolvierte sie in München an der Hochschule für Fernsehen und Film und in Los Angeles an der University of California. Sie debütierte 2004 und hat seither 11 Spiel und Dokumentarfilme gedreht. 2019 wurde ihr für den Zweiteiler Hackerville der Grimmepreis verliehen.

Für Glück ist was für Weicheier hat Anca Miruna Lăzărescu nicht nur gute Kritiken bekommen. Es ist nun mal kein schöner Film. Ach ja: Da gibt es auch noch diesen kurzen Auftritt der Regisseurin höchst persönlich in dem Film, nämlich als Ärztin mit einem südosteuropäischen, sagen wir mal, rumänischen Akzent. Sympathisch!

Anton Potche