Das kann man wohl so sagen: Ich
werde ihn nicht los. Dieses Mal habe ich drei Stunden gewartet, um
ihn in der altbekannten Manier sterben zu sehen. Rollins, der
Bandenchef, hatte Old Shatterhand im Visier und Winnetou warf sich in
die Schussbahn. Ende, ein grausames Ende für Millionen Winnetou-Fans
in der ganzen Welt. Auch für mich. Es waren die erschütternden
Filmszenen aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, gestern
Abend, ein Tag vor Rosenmontag, wieder auf der Leinwand benutzt im
Epilog des dreistündigen Theaterstückes Winnetou V.
Bis dann gab es auf der Bühne im
Großen Haus des Ingolstädter Theaters erst einmal viel Gewalt.
Wieso die Karl-May-Reisegruppe sich gerade durch eine Rauferei
zusammenfinden musste, um die grandiose May-Fiktion im amerikanischen
Westen zu finden, bleibt des Autors und Regisseurs Kieran Joel
Geheimnis. Die Zuschauer in der gut besuchten Vorstellung
(Premiere einen Tag vorher) bekamen nicht nur Schießereien geboten,
sondern immer wieder auch nachdenkliche, ja fast philosophische
Traktatschnitzel über das Doppelleben von Autor und
Hauptprotagonist. Es kommt in der Literatur gar nicht so oft vor,
dass ein Schriftsteller öffentlich so deutlich versucht, sich mit
dem Hauptheld seiner Romane zu identifizieren, wie Karl May
(1842 – 1912) das mit Old Shatterhand versucht hat. Dass ihm das
nur bedingt gelungen ist, wissen Kenner des großen Fabulierers,
wahrscheinlich der größte der Literaturgeschichte.
Das hat die Zuschauer von Winnetou
V aber anscheinend wenig
interessiert wie auch die Diskussionen der Winnetou-Sucher über
Realität und Fiktion. So mancher, besonders der Männer, wird
während der Aufführung in Gedanken zurück in seine Knabenzeit
gewandert sein. Abenteuer. Abenteuer. Abenteuer. Auch Meinesgleichen
hatten dort unten im fernen Südosten Europas Pfeile und Bogen,
holzgeschnitzte Pistolen und Gewehre und eine klare von jedem
respektierte Aufteilung in Gut und Böse. Wir spielten Krieg.
Begeistert. Und niemand wäre auf die Idee fremder kultureller Aneignung
gekommen. Winnetou war ein Idol.
Jeder wollte auf seiner Seite stehen wie eben Old Shatterhand, der
in diesem Stück auch der Regisseur war (Moritz
Grove mit einer
hervorragenden schauspielerischen Leistung, klare Diktion, sehr
beweglich). Wir haben es hier nämlich mit einem Stück im Stück zu
tun. Ein Männerstück. Denn
es kommt mit einer weiblichen Gestalt aus, nämlich mit Anne Owner,
brillant gespielt von Anne
Eigner. Ihr Monolog über
unsere zerrissene Welt war von aller höchster Güte.
Ich bin kein Freund einer von aus
der Welt der Prosa mit dramaturgischen Mitteln geschaffenen Gattung.
Auch Filme aus dem Universum der Literatur können schrecklich sein.
Ich frage mich nach solchen Darstellungen oft: Schreibt denn niemand
mehr Theater? Winnetou V scheint mir weder, noch zu
sein: kein Prosaklau, aber auch kein reines Theater. Aber was wäre
eine trockene Diskussion über Sinn und Unsinn des Fantasierens
überhaupt geworden? Eine langweilige Angelegenheit. So ist mir der
Tiefgrund in Form eines mit Witz und Charme daherkommenden Phil
Hawkens (Philip Lemke) doch lieber.
Vielleicht sehen das auch andere
Leute so oder so ähnlich, denn es gab zum Schluss dankbaren Applaus.
Und das obwohl oder gerade weil das Stück mit dem Mord einer Figur mit einer
weltweit bekannten Physiognomie endet. (Gemeint ist nicht Winnetou!) Noch gibt es Freiräume für die Theaterkultur. Ende gut, alles gut …
kann man sagen, muss man aber nicht. Ich allerdings weiß, dass ich
sie, Winnetou und Old Shatterhand, nie los werde.
Winnetou V Theater von
Kieran Joel; Regie: Kieran Joel; Musik: Lenny
Mockridge; Besetzung: Moritz Grove, Matthias
Gärtner, Philip Lemke, Anne Eigner, Sebastian
Kremkow, Peter Rahmani u.a.
Anton Potche


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