Montag, 16. Februar 2026

Ich werde ihn nicht los

 
Das kann man wohl so sagen: Ich werde ihn nicht los. Dieses Mal habe ich drei Stunden gewartet, um ihn in der altbekannten Manier sterben zu sehen. Rollins, der Bandenchef, hatte Old Shatterhand im Visier und Winnetou warf sich in die Schussbahn. Ende, ein grausames Ende für Millionen Winnetou-Fans in der ganzen Welt. Auch für mich. Es waren die erschütternden Filmszenen aus den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, gestern Abend, ein Tag vor Rosenmontag, wieder auf der Leinwand benutzt im Epilog des dreistündigen Theaterstückes Winnetou V.

Bis dann gab es auf der Bühne im Großen Haus des Ingolstädter Theaters erst einmal viel Gewalt. Wieso die Karl-May-Reisegruppe sich gerade durch eine Rauferei zusammenfinden musste, um die grandiose May-Fiktion im amerikanischen Westen zu finden, bleibt des Autors und Regisseurs Kieran Joel Geheimnis. Die Zuschauer in der gut besuchten Vorstellung (Premiere einen Tag vorher) bekamen nicht nur Schießereien geboten, sondern immer wieder auch nachdenkliche, ja fast philosophische Traktatschnitzel über das Doppelleben von Autor und Hauptprotagonist. Es kommt in der Literatur gar nicht so oft vor, dass ein Schriftsteller öffentlich so deutlich versucht, sich mit dem Hauptheld seiner Romane zu identifizieren, wie Karl May (1842 – 1912) das mit Old Shatterhand versucht hat. Dass ihm das nur bedingt gelungen ist, wissen Kenner des großen Fabulierers, wahrscheinlich der größte der Literaturgeschichte.

Das hat die Zuschauer von Winnetou V aber anscheinend wenig interessiert wie auch die Diskussionen der Winnetou-Sucher über Realität und Fiktion. So mancher, besonders der Männer, wird während der Aufführung in Gedanken zurück in seine Knabenzeit gewandert sein. Abenteuer. Abenteuer. Abenteuer. Auch Meinesgleichen hatten dort unten im fernen Südosten Europas Pfeile und Bogen, holzgeschnitzte Pistolen und Gewehre und eine klare von jedem respektierte Aufteilung in Gut und Böse. Wir spielten Krieg. Begeistert. Und niemand wäre auf die Idee fremder kultureller Aneignung gekommen. Winnetou war ein Idol. Jeder wollte auf seiner Seite stehen wie eben Old Shatterhand, der in diesem Stück auch der Regisseur war (Moritz Grove mit einer hervorragenden schauspielerischen Leistung, klare Diktion, sehr beweglich). Wir haben es hier nämlich mit einem Stück im Stück zu tun. Ein Männerstück. Denn es kommt mit einer weiblichen Gestalt aus, nämlich mit Anne Owner, brillant gespielt von Anne Eigner. Ihr Monolog über unsere zerrissene Welt war von aller höchster Güte.

Ich bin kein Freund einer von aus der Welt der Prosa mit dramaturgischen Mitteln geschaffenen Gattung. Auch Filme aus dem Universum der Literatur können schrecklich sein. Ich frage mich nach solchen Darstellungen oft: Schreibt denn niemand mehr Theater? Winnetou V scheint mir weder, noch zu sein: kein Prosaklau, aber auch kein reines Theater. Aber was wäre eine trockene Diskussion über Sinn und Unsinn des Fantasierens überhaupt geworden? Eine langweilige Angelegenheit. So ist mir der Tiefgrund in Form eines mit Witz und Charme daherkommenden Phil Hawkens (Philip Lemke) doch lieber.

Vielleicht sehen das auch andere Leute so oder so ähnlich, denn es gab zum Schluss dankbaren Applaus. Und das obwohl oder gerade weil das Stück mit dem Mord einer Figur mit einer weltweit bekannten Physiognomie endet. (Gemeint ist nicht Winnetou!) Noch gibt es Freiräume für die Theaterkultur. Ende gut, alles gut … kann man sagen, muss man aber nicht. Ich allerdings weiß, dass ich sie, Winnetou und Old Shatterhand, nie los werde.

Winnetou V Theater von Kieran Joel; Regie: Kieran Joel; Musik: Lenny Mockridge; Besetzung: Moritz Grove, Matthias Gärtner, Philip Lemke, Anne Eigner, Sebastian Kremkow, Peter Rahmani u.a.
Anton Potche

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