Mittwoch, 11. Februar 2026

Erinnerungen an eine deutsche Sendung

 
Man hört in Gesprächen mit Landsleuten oft die Frage: Was bleibt von unserem Leben in der alten Heimat? Von unserem vergangenen Leben dort in der alten Heimat, müsste man eigentlich präzisieren. Und man kann diese Fragestellung problemlos sogar geographisch einordnen. Es handelt sich vorwiegend um Fragende aus Südosteuropa, noch genauer meistens um Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Ich kenne persönlich Menschen der Nachkriegsgeneration aus dem Sudetenland, schon hier in Deutschland geboren, und stelle immer wieder fest, wie locker ihre Bindung zur Heimat ihrer Eltern, also zur alten Heimat, mittlerweile ist.

Bei diskutierenden ausgewanderten Rumäniendeutschen fallen oft Begriffe wie Friedhof und Kirche. Wie lange die Gebräuche der wenigen noch in Rumänien lebenden Deutschen im Zusammenwirken mit den dort in den letzten 40, 50 Jahren angesiedelten Rumänen aufrechterhalten werden können, wird die Zukunft uns vielleicht schneller vor Augen führen, als wir denken. Das deutsche Element kann seiner musealen und literarischen Zukunft nicht entgehen. Und diese Zukunft könnte eher in rumänischen als in deutschen Köpfen noch einige Zeit überleben. Das wird spätesten dann der Fall sein, wenn die ausgewanderten Deutschen in ihrer neuen Heimat das Jenseits kennengelernt haben werden und ihre Kinder und Enkelkinder eine genauso vernebelte Erinnerung wie Sudetendeutsche, Schlesier und andere Vertriebenengruppen zu den längst fremden Gefilden ihrer Vorfahren pflegen.

Ja, hier könnten die erwähnten rumänischen Köpfe eine Rolle spielen. Sie könnten ein eventuell existierendes deutsches Element in ihrer Biografie konservieren, handelt es sich doch um Erinnerungen mit Seltenheitswert, die nicht in vielen rumänischen, längst einheimischen Familien im Banat oder in Siebenbürgen schlummern.

Wie ich mir das vorstelle? Ungefähr so wie es mir jüngst zum wiederholten Male, widerfahren ist. Und das kann einem passieren, wenn er sich durch rumänische Zeitschriften, vorwiegend literarische, klickt und wischt. (Analog in rumänischen Printausgaben zu schmökern, ist hier in deutschen Landen kaum möglich.) Ich hatte die in Temeswar in rumänischer Sprache erscheinende Literaturzeitschrift ORIZONT vom November letzten Jahres auf Seite 18 vor mir im Laptop. Der Titel eines Artikels verkündete nichts Sensationelles. Aber dann las ich beim Überfliegen folgenden Textabschnitt: „Ich war Kind, als ich begann, Türen und Schachteln zu öffnen. Aus Langeweile oder auf der Suche nach Süßigkeiten. So lange wir bei Omi in den Ferien weilten, war für uns klar: Um 13 Uhr, wenn im Lautsprecher die Erkennungsmelodie der deutschen Sendung von Radio Temeswar erklang, setzten wir uns an den Tisch zum Mittagsmahl. Um 14 Uhr, beim Erklingen der Melodie zum Beginn der ungarischen Sendung, schaltete Großmutter das Radio aus und wir legten uns hin zum Schlafen bis um 17 Uhr. Natürlich versuchten wir, so oft wie möglich zu tricksen.“

Sollte das jemand nach Jahren oder Jahrzehnten lesen, dann wird er wissen, dass der Autor dieses Textes nicht nur rumänische Vorfahren, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit deutsche und dem Text im Detail folgend auch ungarische Ahnen gehabt hatte. Vielleicht werden katholische, also deutsche, Kirchen und Friedhöfe nicht mehr existieren, wenn des Schriftstellers Alexandru Potcoavă (*1980) Erinnerung an seine Omi jemand in die Hände fällt, der sich dann vielleicht wundern wird, wie groß und weitverzweigt Familienstammbäume im Banat waren und wie in diesem Fall immer noch sind.

Anton Potche

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen