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Montag, 20. Juli 2026

Sie sind noch immer da!

 
Und das ist gut so. Ich meine die Egerländer Musikanten und damit das Musikgenre, das nicht nur Jahrzehnte bereits überdauert, sondern anscheinend sogar die zweite Jahrhundertmarke anpeilt. Diese Blaskapelle – die beste der Welt – hat das Recht, sich weiterhin Das Original zu nennen. Nicht nur wegen den traumhaft guten Blasmusikern, die sich hier immer wieder, jetzt schon seit 70 Jahren, zusammenfinden und eine Musikgattung pflegen, die sich immer wieder neu erfindet und trotzdem einem Klang treu bleibt, der scheint, für die Ewigkeit bestimmt zu sein. Es heißt in Musikantengesprächen oft: Dafür, also um diese Musik gattungsgerecht spielen zu können, musst du geboren sein. Was ist daran so sonderbar? Es hat anscheinend etwas mit den Klangbildern zu tun, die selbst in den virtuosesten Vortragsvarianten noch einer ergreifend schönen Melodielinie folgen. Diese aus dem Böhmerwald stammende Melodik hat etwas Zeitloses inne. Man hat den Einruck, sie besteht nur aus Ohrwürmern.

Seit heuer leitet der dritte Dirigent diesen Klangkörper. Das Interessante ist, dass die Ausdrucksstärke dieser Musik seit dem Bestehen der Kapelle im Jahre 1956 immer die Gleiche geblieben ist und dabei trotzdem einem steten Wandel von Ernst Mosch (1925 - 1999) zu Ernst Hutter (*1958) und bereits jetzt spürbar zu Alexander Wurz (*1985) unterlag und wohl auch weiterhin unterliegen wird. Man kann das dank der Audiomedien (LP, Musikkassette, CD, USB usw.) sehr gut nachvollziehen.

Die erste Studioeinspielung unter der Federführung und dem Dirigat von Alexander Wurz liegt jetzt vor: Wir sagen Danke – 70 Jahre Egerländer Musikanten. Und man wird die Fans wieder schwärmen hören: Musik von einem anderen Stern. Zu recht, muss ich sagen, nachdem ich diese neue Einspielung aus dem bewährten Bauer-Studio unzählige Male rauf und runter abgespielt habe.

Und doch: Ich bin enttäuscht und frage mich immer noch, wie man ein so düsteres, kryptisches, an Mystik heranreichendes, ja sogar einem symbolträchtigen Geheimbundsiegel ähnelndes Booklet - ich denke an Dan Browns Illuminati - gestalten kann, wo wir es doch mit einer Musik zu tun haben, die auf einem wohlklingenden Harmoniefundament steht und dank eines sturmsicheren Rhythmusgerüstes lebensfreudige Variationen in allen Instrumentengruppen ermöglicht. Laut Impressum soll für Produktion & Label die Firma HUTTERMUSIK.GMBH verantwortlich sein. Ohne eine (sehr gute) Lupe hatte ich kaum eine Chance, herauszufinden, wer die Inhalte der 14 Tracks komponiert, arrangiert, getextet und vor allem eingespielt und 

-gesungen hat. Es ist meine Bewunderung für diese Musiker, die mich dann schließlich und endlich doch dazu veranlasste, ihre Namen in dem höhlenartigen Inneren des Booklets zu entziffern. Sie haben es trotz meiner zum Schluss vor Anstrengung tränenden Augen verdient. Dafür ist ihre Musik zu gut, viel, viel zu gut.

Und das sind sie, die Tonkünstler dieses Albums:

Klarinette – Alfred Wurm, Peter Jenal, Thomas Backhaus, Jörg Kleidl
Flügelhörner – Franz Tröster, Markus Privat, Helmut Kassner, Rüdiger Ruf, Michael Sperer, Nick Loris
Trompete – Martin Hutter
Posaune – Andreas Joos, Gerd Fink, Patrick Raatz
Tuba – Peter Laib, Siegfried Jung
Tenorhorn & Bariton – Alexander Wurz, Carsten Ebbinghaus, Edgar Wehrle, Michael Müller, Andreas Schmidt, Florian Metzger.
Schlagzeug: Holger Müller
Gesang: Katharina Praher, Nick Loris, Alexander Wurz

Der Schriftsteller Alexandru Bulucz hat kürzlich zum 70. Geburtstag seines rumänischen Dichterkollegen Mircea Cărtărescu in der FAZ einen Artikel unter dem Titel „Diese Literatur ist resistent gegen Verfall“ veröffentlicht. Das Gleiche kann man zum 70-jährigen Jubiläum der Egerländer Musikanten – Das Original sagen. Es reicht, wenn man „Literatur“ mit „Egerländermusik“ austauscht.

Anton Potche

Sonntag, 28. Dezember 2025

Konzert am zweiten Weihnachtstag

 
Oft macht die Balance zwischen gesprochenem und gesungenem Wort die Qualität eines Weihnachtskonzertes aus. Von hervorragenden Musikern mit Solistenfähigkeiten begleitet, kann eine Schauspielerin, Sängerin und Musikerin ein zu Gemüte gehendes und trotzdem kitschlos bleibendes Konzert mit Weihnachtsmusik auf die Bühne zaubern. Das ist am zweiten Weihnachtstag Antje Rietz im Ingolstädter Stadttheater im ersten von zwei Auftritten, 15 und 19 Uhr, brillant gelungen. Sie beeindruckte sowohl stimmlich, instrumental auf der Trompete als auch mit einer makellosen Bühnenpräsenz. Wen wunderts, waren diese Konzerte, davon ausgehend, dass auch das zweite auf einem ebenfalls hohen Niveau stattfand, doch für Antje Rietz eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte. Sie spielte an diesem Haus und wurde 2016 mit dem Rotary Publikumspreis ausgezeichnet. Jetzt lebt sie in ihrer Heimatstadt Berlin und arbeitet als Gastdozentin an der Universität der Künste in Berlin, wo sie auch ihre Ausbildung in Schauspiel, Gesang und Tanz absolvierte.

Alle diese künstlerischen Anlagen waren in ein weihnachtliches Konzept gebettet, doch weit weg von jedem kirchlichen und musikalisch volkstümlichem Gewande. Dazu benötigte Antje Rietz nur drei musikalische Begleiter und einen Licht- und Tontechniker. Das hervorragend zusammenspielende, also aufeinander hörende Miniorchester füllte mit seinem swingenden Rhythmus den gut zur Hälfte besetzte Theatersaal und begeisterte das vorwiegend aus älteren Semestern bestehende Publikum. Man könnte in einer Rückschau auf diesen Konzertnachmittag jedes vorgetragene Weihnachtslied besprechen, bot doch jedes Arrangement Grund zum angenehmen Erkennen. So etwa wenn Stephan Genze am Schlagzeug den weltbekannten Schlager Little Drummer Boy fast unbemerkt in den Klassikhit Boléro schreiten lies. „Das ist doch jetzt … Natürlich! Der Boléro.“ So schön kann Weihnachtsmusik sein, wenn am Kontrabass Moe Jaksch zupft und streicht – er spielte auch Zither - und Wolfgang Köhler so manche Tonperlenkette über die Weihnachtsthemen ausbreitet.

Antje Rietz wieder in Ingolstadt
Foto: Anton Potche
Diese instrumentalen Kostbarkeiten ließen trotz aller Virtuosität noch Raum für die Solopartien der Trompeterin Antje Rietz. Sie fühlte sich in der Runde der drei Jazzmusiker erkennbar wohl und spielte mit sicherer Hand und festem Ansatz genial verjazzte Musikstücke. Und das wahrlich mit nur einer Hand an der Trompete und mit der zweiten das Mikrofon haltend. Klangartistik? Ja, könnte man vielleicht sagen. Aber die kam erst richtig zum Schluss, als Antje Rietz die Bassgeige ihres Kollegen bestieg. Wohl auch um die entsprechende Höhe auf ihrem Blasinstrument zu erreichen.

Das Publikum war aus dem Häuschen. Das war ein Weihnachtskonzert der etwas anderen Art. Nur der Schluss war auch diesmal der gleiche wie überall auf der Welt: Stille Nacht, heilige Nacht.
Anton Potche

Montag, 21. Juli 2025

Orgel & Saxophon

 
Auf dem Programmblatt war für Freitag, den 18. Juli, um 19:30 Uhr ein Orgelkonzert angekündigt. Das war es dann nicht. Es war, wie schon eine Annonce in der Tageszeitung vor einigen Tagen angekündigt hatte, viel mehr, nämlich: Saxophon und Orgel in St. Anton. Und die Ankündigung machte neugierig: „Der Spieltisch der Orgel wird auf eine Leinwand im Kirchenschiff übertragen.“ Nicht nur Hören sondern auch Sehen wie Musik entsteht, war also angesagt. Dazu passte noch, dass die zwei Musiker, Christian Elin (Saxophon, Altflöte) und Raphael Attila Vogl (Orgel), sich nicht scheuten, den Konzertbesuchern auch einige kurze, aber sehr anschauliche Informationen zu den jeweiligen Stücken zu geben.

Das Konzert hat mit einem Werk des 1965 geborenen Komponisten Dirk Michael Kirsch begonnen. Für Orgel & Alt-Saxophon ist Solstitium, op. 22 entstanden. Schon bei den ersten Tönen merkte man, dass hier zwei perfekt aufeinander abgestimmte und auch hörende Musiker am Werk sind. Und wer die Kirche noch nicht kannte, war vielleicht von dem angenehmen Nachhall in der Akustik dieses Kirchenschiffs in der Ingolstädter Münchner Straße angenehm überrascht.

Sergej Prokofiev Romeo und Julia op. 64 Nr. 13 – Tanz der Ritter stand als nächstes Stück auf dem Programm. Ich habe zuhause bewusst nach einem alten Musiklexikon (1965) gegriffen, bevor ich Wikipedia angeklickt habe, und darin gelesen: „Prokofieff, Serge *Sonzowka/Gouvernement Jekaterinoslaw 23.4.1891, Moskau 4.3.1953, Sohn eines Gutsverwalters. […] Nach der Revolution hielt es P. für angebracht, ins Ausland zu gehen. Er lebte in Japan, Amerika und Oberbayern. […] Prokofieff trat in diesen Jahren auch als hervorragender Pianist an die Öffentlichkeit. Meist spielte er eigene KlKonzerte. 1934 ging Prokofieff in die Heimat zurück, nachdem ihm großzügige Angebote gemacht worden waren. Prokofieff konnte nicht in der Fremde leben. Er hat in Sowjetrußland weniger Kritik erfahren als D. Schostakowitsch. Immerhin schrieb er jetzt Massenlieder, Märsche, Filmmusik mit der erwünschten Tendenz. […] Doch entstanden auch Werke, die keinerlei Beeinflussung zeigen.“ So auch Romeo und Julia im Jahre 1935. Bei Wikipedia kann man lesen: Sergei Sergejewitsch Prokofjew *23. April 1891 in Sonzowka, Gouvernement Jekaterinoslaw, Russisches Kaiserreich (heute Oblast Donezk, Ukraine); 5. März 1953 in Moskau, Russische SFSR, war ein sowjetischer Pianist und Kompanist. Sein Musikmärchen Peter und der Wolf zählt zu den weltweit am meisten gespielten Werken der klassischen Musik. Am 10. Februar 1948 wurde Prokofjew vom Zentralkomitee (ZK) der KPdSU in der Parteiresolution ‚Über die Oper Die große Freundschaft‘ als Folge der Schdanowschtschina  formalistischer Tendenzen bezichtigt und zu größerer Volkstümlichkeit aufgefordert.“ Es ging nun mal nicht ohne Politik im Stalinstaate. Und man brauchte dabei verdammt viel Glück, um zu überleben. Prokofiev hatte es, und wir Nachgeborenen können uns heute noch der faszinierenden Balettmusik des sowjetischen – heute wäre es der ukrainische – Tonmeisters erfreuen. Raphael Attila Vogl hat den Tanz der Ritter für Saxophon (Alt & Sopran) und Orgel arrangiert. Eine so umfängliche Partitur zusammenzuschmelzen auf zwei Soloinstrumente (Sax. und Orgel), und zwar so, dass sie von ihrer Monumentalität nichts einbüßt, ist eine bemerkenswerte kompositorische - auch wenn es nur ein Arrangement ist - Leistung. Und wie die zwei Musiker das dann auch noch interpretiert haben, ist schlicht und einfach nur genial.

Als drittes Stück im Bunde stellte Raphael Atilla Vogl Prelude et Fugue en si majeur, op. 7 von Marcel Dupré (1886 – 1971) kurz vor. Das Stück soll einstmals als unspielbar gegolten haben. Und der Organist dieses Konzertes sagte dazu nur: „Wenn es Ihnen nicht gut geht, hören Sie sich das an.“ Nun hat man diese unglaubliche Virtuosität nicht bei jeder schlechten Laune parat, aber sich schon an diese Orgel-Aufführung in der Anton-Kirche erinnern, könnte helfen.

Und dann folgte A Brief Story of Peter Abelard, eine Komposition von James Whitbourn (1963 – 2024). Weil Worte sich aber besser als Musik eignen, Geschichten zu erzählen, hat Raphal Attila Vogl etwas von den weltberühmten Briefen des im Mittelalter lebenden Theologen und Philosophen Peter Abelard erzählt. Dieser, auch als Petrus Abaelardus (1079 – 1142) bekannt, hatte so seine Probleme mit dem eigenen Gewissen. Wie auch heute so mancher Priester auch. Die Musik, die James Whitbourn zu diesem Thema schrieb, hat aber nichts mit Larmoyanz zu tun. Dazu ist er viel zu schön, dieser Dialog zwischen dem Sopransaxophon und der sich stark zurücknehmenden Orgel.

Fotos: Anton Potche
Samuel Barber (1910 – 1981) hat Adagio for Strings, Op. 11 eigentlich für Streicher geschrieben. Kann man das Streichen über die Saiten überhaupt mit dem Anschlagen auf der Orgel ersetzen? Das Anhauchen auf dem Saxophon schafft das auf jeden Fall. Es gibt von diesem Stück viele Bearbeitungen. Raphael Attila Vogl (*1996) hat noch eine hinzugefügt. Und die beiden Konzertprotagonisten in der Anton-Kirche haben die nicht enden wollende und doch zu schnell zum Ende gelangte Klangwolke in den Raum gezaubert. Welche Stille. Welche Ergriffenheit. Welch eine Dynamik … aus dem Nichts zurück ins Nichts. Niemand traut sich, zu applaudieren. Dann braust er auf, der Applaus.

Man erlebt immer wieder Konzerte, die langsam, aber sicher auf einen Höhepunkt zusteuern und es dabei schaffen, den Schluss einem grandiosen Feuerwerk gleich zu gestalten. So auch hier. Prelude and Hymn. Von Christian Elin (*1976) für sich und sein Saxophon gedichtet. Ein musikalisches Poem ohne Worte, nur Töne. Und das ohne normale Atmung. Er spielt allein, durch das Kirchenschiff schreitend, von der Orgelempore zum Alter. Spielt er? Nein. Er scheint sich mit seinem Instrument in intimster Sprache zu unterhalten. Grundtöne und darüber sich formierende Themen. Das klingt wie eine Orgel. Doch die schweigt. Und der Bläser nimmt keine Luft. Sein Instrument scheint von allein zu tönen. Nur bei genauem Hinsehen – er ist ja hier, unter den Konzertbesuchern – sieht man sich füllende und entleerende Wangen. Das Stück ist beendet und der Saxophonist steht noch immer. Aufrecht. Mit seinem Instrument in der Hand. Ohne jedwede Mundatmung hat er gespielt. Phänomenal. Diese Atemtechnik. Instrumentalartistik. Und doch Kunst. Musik auf aller höchstem Niveau.

Das ist Liebe zwischen Instrumentalist und Instrument. Und die kristallisiert sich möglicherweise aus der wahren Liebe zwischen Mann und Frau. Christian Elin hat vorbehaltlos dem Auditorium erzählt, dass er das letzte Stück dieses warmen Sommerabends nicht nur selbst komponiert, sondern vor allem aus Liebe zu seiner Frau geschaffen hat. Es zeigte sich auch bei diesem Liebeslied, Insieme, dass die Mutter aller Instrumente es bei korrekter Bedienung hervorragend versteht ein zärtlich klingendes Instrument respektvoll zu begleiten. Dieses Instrument war diesmal die für ihren weichen Timbre bekannte Altflöte. Und sie schmachtete gefühlbetont von Thema zu Thema, sind diese doch aus einem ungetrübten Gefühl zwischen Mann und Frau entstanden.

Die Menschen standen zum Schluss in den Kirchenbänken und klatschten frenetisch. Ja, es gab noch eine kurze Zugabe. Wer die Lebensläufe der zwei Musiker liest, wundert sich nicht, dass er von ihnen eine musikalische Darbietung höchster Güte bekommen hat.

Der Multiinstrumentalist Christian Elin hat in München, Paris, Basel und Frankfurt studiert. Er hat in seiner Solistenlaufbahn mit den Berliner Philharmonokern, dem Symphonieorchester des BR, dem Symphonieorchester des HR und dem Bayerischen Staatsorchester musiziert und den Bayerischen Kunstförderpreis erhalten. Nicht weniger bemerkenswert ist die Karriere des Organisten Raphael Attila Vogl. Sein Studium für Orgel und Kirchenmusik führte ihn von Regensburg nach New York und danach in viele Konzertsäle und Kathedralen. Hohe Auszeichnungen wurden ihm zuteil in der Schweiz, in Russland und den USA. Ein Orchester, mit dem er regelmäßig auftritt, ist z.B. das Philadelphia Orchestra.

Anton Potche

Donnerstag, 10. April 2025

Überraschung beim Besuch der Konzertgeneralprobe

Man kann sich fragen, ob eine Konzertgeneralprobe gleichzusetzen ist mit einem Konzert? Die Antworten sind natürlich unterschiedlich und jeder Musikliebhaber wird damit seine eigene Erfahrung gemacht haben, falls ihn nicht schon eine Probe vom Besuch eines als öffentlich ausgeschriebenen Ereignisses abhält. In Ingolstadt pflegen die Georgier, also das Georgische Kammerorchester, seit vielen Jahren, ihre Hauptproben von einigen Konzerten (nicht allen) für Zuschauer zugänglich zu machen. Morgens um 10 Uhr für Rentner, hieß es vor Jahren – Eintrittspreis 6 Euro.

Ich habe vor Jahren ab und zu einige dieser Generalproben besucht. Es war für mich schon immer sehr spannend, zu sehen, wie Musik entsteht – live auf der Bühne – und nicht in einem Studio. Vorneweg ist das eine hochinteressante Erfahrung. Da wird gearbeitet im wahrsten Sinne des Wortes. Um das, was am Abend um 20 Uhr einem interessierten Konzertpublikum – oft mit ausgefeiltem Musikgeschmack und auch Kenntnissen dieser Kultursparte – ein je besseres Konzert zu präsentieren. Corona war wie so oft schuld auch daran, dass ich diese Gewohnheit der Besuche von Hauptproben der Georgier verlor.

Heute Morgen habe ich mich endlich zusammengerissen. Jetzt gehst in die Generalprobe. Das kann bei diesem Programm nicht verkehrt sein: Jacques IbertHommage á Mozart, Robert SchumannViolinkonzert d-Moll, Erich Wolfgang KorngoldTänzchen im alten Stil, Ludwig van Beethoven2. Sinfonie D-Dur op. 36; Benjamin Schmid – Violine, Ariel Zuckermann, Leitung. Ich habe meiner Finanzministerin, also meiner Frau, 10 Euro als Eintrittsgeld verlangt - weil ich noch ein paar Münzen in der Brieftasche hatte. Einen 10er-Schein hatte sie nicht und gab mir einen 20er, den ich dankbar nahm, da mir schon ein Kaffee nach der Generalprobe vorschwebte. Im Stadttheater fand ich mich dann in einer Schlange am Eintrittspult wieder. Die zweite Frau vor mir hatte ihre Brieftasche in der Hand und bat um eine Karte. Die junge Frau hinter dem Pult sagte: 22 Euro. Die Frau war erst mal sprachlos. Dann warf sie einen Blick in ihre Brieftasche und sagte mit leiser Stimme: „Nein, danke, dann nicht“, drehte sich um und ging von dannen. Uff! Ich war in diesem Moment meinem Schatzmeister sehr dankbar.

Zur Generalprobe nur so viel: Es war ein Erlebnis. Ein sehr gut gelauntes GKO (mit geliehenem Bläsersatz) und ebenso ein Dirigent Ariel Zuckermann und ein Solist Benjamin Schmid boten sehr interessante Einblicke in (wie ich es empfand) gute Konzertarbeit.

Zuhause angekommen, sah ich Herrn Ariel Zuckermann wieder. In der Stadtratssitzung (Livestream) plädierte er für die Umbenennung des Georgischen Kammerorchesters ohne definitiv einen neuen Namen zu nennen. Im Gespräch ist Kammerphilharmonie Ingolstadt. Die Mehrheit des Stadtrats hat zugestimmt. Heute Abend wird aber noch das GKO im Festsaal des Ingolstädter Stadttheaters konzertieren. Erst ab der Saison 2025 – 2026 soll Ariel Zuckermann den Taktstock für die Kammerphilharmonie Ingolstadt schwingen. Oder doch nicht? Heute Morgen hat der israelische Dirigent auch Schumann und Beethoven ohne Taktstock dirigiert.

Anton Potche

Montag, 24. März 2025

Die Geschichte nimmt ihren Lauf


Spricht ein Bürger Ingolstadts von den Georgiern, wissen seine Mitbürger stets, von wem die Rede ist: vom GKO, dem Georgischen Kammerorchester aus der Donaustadt. Das ist aber nicht immer so. Außenstehende oder in der klassischen Musik weniger bewanderte Musikliebhaber könnten da schon mal fragen, ob es sich um ein georgisches Volksmusikorchester handelt. Da hilft auch der Zusatz Ingolstadt oder aus Ingolstadt nicht viel weiter. Und auch die Präzisierung auf der Home-Site der Orchester-Homepage, Kammerorchester der Stadt Ingolstadt, scheint den Bekanntheitsgrad der Georgier nicht wesentlich zu steigern. Das Kammerorchester wurde 1961 in Tiflis gegründet und kehrte 1990 nach einer Konzertreise in Deutschland nicht mehr in seine georgische, vom Krieg geplagte Heimat zurück.

Wirtschaftliche, finanzielle und politische Schwergewichte aus Ingolstadt haben dem Orchester zu einer neuen Heimat verholfen. Der Stadt tat das sehr gut. Hochkarätige Musiker zeigten ihr Können nicht nur in unzähligen Konzerten, sondern wirkten durch ihr außerkonzertantes Engagement auch in die Bürgerschaft. Ihre Kunst auf den kammerorchesterspezifischen Saiten fand in so mancher Familie aus Stadt und Region ihren Niederschlag. Man kann die Aktivitäten der georgischen Musiker nur als ein Segen für Ingolstadt empfinden. Und doch …

Der Geschäftsführer des Orchesters, Felix Breyer, und Chefdirigent Ariel Zuckermann wollen den Klangkörper umbenennen. Und zwar in Kammerphilharmonie Ingolstadt. Damit wird sich – zumindest namentlich – das georgische Element aus dem Orchester verabschieden. Das dürfte aber kein Unglück sein, wenn es laut Breyer (DONAUKURIER, 20. März 2025) dazu dient, „mehr Gastspiele [zu] generieren und neue Einnahmequellen [zu] erschließen.“

Betrachtet man die emotionale Seite dieses bevorstehenden Namenswechsels – der Stadtrat muss noch zustimmen -, so braucht man sich nur die Namen der Musiker anschauen. Wer die Ingolstädter Geschichte der Georgier verfolgt hat, wird schnell erkennen, dass die Zeit ihre Schuldigkeit wie überall auch hier, sprich Generationswechsel, getan hat. Nur einige Namen und Biographien, die für das sich Lösen aus dem rein Georgischen stehen: Friedemann Breuninger (Konzertmeister – deutsche Abstammung), Esther Augustí Matabosch (spanisch), Cristian Roibu (moldauisch), Alvar Ceamanos (deutsch), Raluca-Diana Bădescu (rumänisch), Vadim Makhovskiy (kasachisch) und Ariel Zuckermann (Chefdirigent - israelisch). Von 17 fest eingestellten Musikern, bleiben immerhin 10 Georgier, fast alle der mittleren Generation angehörend, also Musiker, die noch so manche Lust auf erstklassige Klassik befriedigen können. Dass der eine oder andere von ihnen die bevorstehende Umbenennung vielleicht mit etwas Wehmut betrachtet, ist verständlich.

Aber da kann ich die Betroffenen beruhigen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass ein solcher Schmerz schnell vergeht. Ich bin 1985 als Baritonist ins Audi Werkorchester (Dirigent: Bernd Maltry) eingetreten und 2010 aus der Audi Bläserphilharmonie (Dirigent: Christian Lombardi) wieder ausgetreten. Na gut, einige Phantomschmerzen waren auch mir beschert … Aber es hielt sich in Grenzen: sowohl der Namenswechsel als auch das Ende meines Musikantenlebens.

Anton Potche

Mittwoch, 8. Januar 2025

Seine letzte Tournee

 
Er gibt auf. Falsch. Er gibt den Taktstock weiter. Auch falsch. Denn er wird ohne Musik nicht leben können. Und einen Taktstock hat er nie geschwungen. Er hat selbst gespielt, mitgespielt mit seinem Blasorchester. Tenorhorn, Posaune und Marchingbone. Und immer vor seinem Orchester, dem besten der Welt, stehend. Zeichen gebend. Mit präziser aber nicht überbetonter Gestik. Das und noch viel mehr ist Ernst Hutter, seit 25 Jahren musikalischer Leiter des Blasmusikorchesters Die Egerländer Musikanten – Das Original.

Heuer ist Ernst Hutter mit seinem Orchester zum letzten Mal auf Tournee. Diese Abschiedstour steht unter dem Motto Mein Finale. Vom 27. Dezember 2024 bis zum 31. August 2025 wird Ernst Hutter noch achtundvierzig Mal vor (vorne von rechts) drei Tenorhörnern, einem Schlagzeug, vier Klarinetten und dahinter (v. r.) vier Flügelhörnern, einer Trompete, zwei Tuben und drei Posaunen stehen, Zeichen geben und vor allem mitspielen. Denn was hier hinter ihm sitzt und musiziert, ist alles, was man sich unter musikalischer Sanftheit und Wucht nur vorstellen kann. Und es ist vor allem ein nicht enden wollender Melodienreigen.

Nach ihrem Tourneeauftakt in der Nürnberger Meistersingerhalle vor ausverkauftem Haus spielten Die Egerländer Musikanten – Das Original einen Tag später im leider nicht voll besetzten Festsaal des Ingolstädter Stadttheaters. Es war auch diesmal Gänsehaut pur: diese Crescendi und Decrescendi, sich wellenförmig über einen, zwei Takte auf- und abbauend, und das immer wieder. Dazu noch fabelhafte Unisono-Passagen. Das ist konzertante Blasmusik höchster Güte. „Blasmusik auf Spitzenlevel live“ nennt der DONAUKURIER-Chronist Lorenz Erl das soeben Erlebte. 

Einen Tag später sitzt der ab sofort legendäre Ernst Hutter zur Mittagszeit im Studio von BR Heimat und lässt sich vom ebenso legendären Schorsch Ried ausfragen. Eine Stunde lang unterhielten sich die zwei Blasmusikexperten im wahrsten Sinne des Wortes über das Schönste, was es für sie und nicht nur sie im Universum der Töne, Harmonien und Melodien gibt. (Natürlich bereichert mit viel Musik.) Und es dauerte gar nicht lange, da „menschelte“ es bei Hutter. Dabei spürte man die Ehrlichkeit seiner Worte und es wurde vielleicht dem einen oder anderen Radiozuhörer bewusst, dass er selber ganz unbewusst Teil einer musikhistorischen Entwicklung war, als Fan natürlich, und der nie genug von dieser Kapelle mit ihren nur zwei musikalischen Leitern in ihrer langen Existenz (69 Jahre) haben konnte. Originalton Ernst Hutter: „Es gibt ja nicht nur dieses Datum, 25 Jahre seit ich die Leitung der Egerländer Musikanten hatte, sondern auch die 14 Jahre davor mit Ernst Mosch. An die denke ich natürlich immer zurück, auch in diesen Tagen. […] Ich bin damals mit 27 Jahren zu Ernst Mosch gekommen. Er war damals 60 Jahre alt, dann durfte ich die nächsten 14 Jahre mit ihm tolle Konzerte erleben, hab aber auch erlebt, wie Ernst Mosch gebrechlich wurde, alt wurde. Schon interessant, wenn man diese menschlichen Dinge einmal sich so durch den Kopf gehen lässt. Und dann durfte, musste, sollte ich mit 43 Jahren seine Arbeit weiterführen. Und jetzt nach 25 Jahren mach ich meinen Abschied.“

Der Meister Ernst Hutter
nimmt Abschied
FotoQuelle: die-egerlaender.de
Dieser Abschied wird aber nicht nur von vielen Konzerten geprägt sein, sondern auch von einer Zuversicht, die dieser Musik eine auch weiterhin erfolgreiche Zukunft voraussagt. In Ernst Hutters Worten klingt das so: „Die Blasmusik hat sich grandios entwickelt. Ich glaube, das hätte damals in den Jahren, als Ernst Mosch leider von uns gegangen ist, niemand sich vorstellen können, dass die Blasmusik sich mit so vielen interessanten Inhalten in den nächsten 25 Jahren weiterentwickelt. Und das ist auch eine der Gründe, warum ich sehr, sehr stolz bin auf die gesamte Szene und mir ganz sicher bin, dass auch Die Egerländer Musikanten – Das Original in dieser Szene weiterhin eine große Rolle spielen werden.“

Der designierte Nachfolger als musikalischer Leiter der Egerländer Musikanten – Das Original ist der 1985 geborene Alexander Wurz. Auch er spielt Tenorhorn und Posaune und soll am 7. November 2025, zum 100. Geburtstag des Gründers Ernst Mosch, die Nachfolge Ernst Hutters antreten. Möge es ihm so ergehen wie seinen zwei Vorgängern!

Anton Potche

Montag, 26. August 2024

Zwei Banater Musiker im Repertoire

Zu Ehren der Patrona Bavaria betitelte am 22. August der DONAUKURIER aus Ingolstadt die Konzertbesprechung eines Kirchenkonzertes in der oberbayrischen Gemeinde Kösching. Das Konzert wurde „zum Dank für den abgeschlossenen Orgelneubau in der Köschinger Pfarrkirche“ veranstaltet. Es war zu diesem Anlass bereits das dritte Orgelkonzert mit „hochrangigen Organisten“ in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, erfährt man aus der Rezension.

Konzert zum
Patrozinium

FotoQuelle: Pfarrei Kösching
Diesmal saß ein Gast aus München an der neuen Orgel, ja mehr noch, er war nicht allein an Maria Himmelfahrt in die Köschinger Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt gekommen: „Zu dem hervorragenden Organisten Franz Metz aus München hat sich ein Gesangssolist mit kraftvoller und samtweich-warmer Bariton-Stimme dazugesellt: Wilfried Michl.“ Der Rezensent zählt Werke von Georg Friedrich Händel (1685 - 1759), Franz Schubert (1797 - 1828), Pietro Mascagni (1863 - 1945), Franz List (1811 - 1886) Francesco Durante (1684 - 1755), Giuseppe Verdi (1813 - 1901), Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) sowie Theodore Dubois (1837 - 1924) auf, die in dem einstündigen Konzert dargeboten wurden.

Und dann gab es in dieser Komponistenreihe noch zwei Namen, die selbst fleißigen Kirchenmusikbesuchern nicht geläufig sein dürften: Josef Emanuel Ranftl (1786? -1863) und Guido Pogatschnigg (1867 – 1937). Beide haben in ihrer Vita auch auf das Banat bezogene Elemente. Das ist ein Hinweis auf Dr. Franz Metz und seine musikwissenschaftliche Tätigkeit, die sich vorwiegend auf die Kirchenmusik des südosteuropäischen Raumes bezieht. Josef Emanuel Ranftl war nicht nur Musikpädagoge und Komponist sondern auch Sänger. Das dürfte besonders Wilfried Michl freuen, denn nicht von ungefähr „warben Sänger und Organist einladend, wohltuend für die klassische Kirchenmusik. Der Sänger artikulierte seine Partien klar und deutlich“, wie Thomas M. P. Schumann im DONAUKURIER festhält. Für Banater Musikliebhaber sind diese Attribute keine Unbekannten mehr. Dr. Franz Metz und Wilfried Michl sind längst ein bekanntes Duo der Kirchen- aber auch der weltlichen Musik und als solches in verschiedenen Kirchen und bei Kulturveranstaltungen der Banater Schwaben sowohl in Deutschland als auch in Rumänien gern gesehene Gäste.

Anton Potche

Montag, 29. Juli 2024

Cembali im Vordergrund

 
Feiern wir, auch im 35. Jahr, die Institution Orgelmatinee um Zwölf und wünschen, dass sie lebe und wachse.“ Das schreibt Franz Hauk, einer der Initiatoren dieser Konzertveranstaltung (21. April bis 29. September, sonntags von jeweils 12:00 bis 12:45 Uhr) im Programmheft für 2024. Dieser Wunsch wird sich anscheinend nur zum Teil erfüllen. An ihrem Fortleben wird wohl niemand zweifeln, aber das Wachsen dieser Institution stößt bereits jetzt an physische Grenzen, gibt es im Ingolstädter Rokokojuwel Maria de Victoria doch nur ca. 400 Sitzplätze und nur einen zweiten provisorischen Fluchtweg. Das wird insoweit niemand wundern, stammt die Kirche doch aus den Jahren 1732 – 1734. Und die Konzerte, bei denen nicht alle Besucher noch einen Sitzplatz finden, sind wahrlich nicht selten.

Cembali nach dem Konzert
Fotos: Anton Potche
So auch gestern. Nicht alle Konzertbesucher konnten in den Kongregationssaal. Zwei Musikstücke standen auf dem Programm – eins von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) und das andere von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791). Für ein klassisches Konzert ist da nichts ungewöhnlich dran . . . bis auf die Instrumente und besonders deren Anzahl, für die die Stücke geschrieben wurden. Beide Werke wurden von ihren Schöpfern für jeweils drei Cembali komponiert. An den Klaviaturinstrumenten spielten Evi Weichenrieder, Stefanie Geith und Franz Hauk, der auch das unterstützende Orchester Concerto de Bassus, das auf authentischen Instrumenten spielte, dirigierte.

Von J. S. Bachs Concerto C-Dur für drei Cembali, Streicher und Basso continuo BWV 1064 erklang nur das Allegro. Aber das reichte aus, um zu ahnen, dass diese Musik im 18. Jahrhundert so etwas wie eine gehobene Café-Atmosphäre schaffen konnte. W. A. Mozarts Concerto F-Dur für drei Cembali und Orchester KV 242 hat einen melodisch wunderschönen Mittelsatz im Adagio, eingerahmt von einem flotten Allegro und einem tänzelnden Rondeau im Tempo di Menuetto. Im Programmheft kann man zu diesem Musikstück lesen: „In breiteren Schichten bekannt wurde das Konzert, als der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt bei einigen öffentlichen Aufführungen als Solist mitwirkte, zusammen mit Justus Franz und Christoph Eschenbach.“

Konzertende
Man sieht auch hier, dass so manches Kunstwerk – unabhängig von der Sparte – früher lange auf Anerkennung warten musste . . . und auch heute noch muss. In Ingolstadt wurde der künstlerische Wert dieser Bach- bzw. Mozart-Kreationen zusammen mit der interpretativen Leistung der Musiker mit Standing Ovation gewürdigt. Und die Draußengebliebenen kann man nur auf den nächsten Sonntag vertrösten. Dann gibt es wieder ein Konzert . . . und das weiter so bis zum letzten Septembersonntag.
Anton Potche

Donnerstag, 2. Mai 2024

Wenn Kinder musizieren …

…, dann hat das etwas Keusches an sich. Etwas Reines, abhold jedweden Strebens nach Perfektion und Ruhm und nach eigenem Gestaltungsdrang. Die Tasten richtig treffen, das ist das Ziel. Sie, werte Leser, haben es bestimmt erkannt: Ich schreibe hier von einem Klavierkonzert, genauer, einem Kinder-Klavierkonzert. Und schon habe ich mich widersprochen. Denn mit fortschreitendem Alter der Kinder in den Jugendbereich hinein spürte man dann doch so etwas wie Perfektion und sogar Gestaltungsdrang, steht im Programm hinter Lunas Interpretation von I like the Seasons doch tatsächlich der Vermerk „eigene Fassung“.

Hier stellt ein Klavierlehrer der Musikschule Ingolstadt, Joachim Scheibl, seine Schüler dem Publikum vor, genauer den Eltern, Geschwistern und Großeltern. Diese Schule übt ihre segensreiche Tätigkeit seit 50 Jahren aus. Blockflöte und Singen waren die ersten Angebote. Schon ein Jahr später wurden die Instrumentenlehrgänge ausgeweitet, auch für Klavier. Und weil dieses Instrument so vielfältig ist, bietet es sich an zu einem umfassenden Konzert. Gemeint ist hier aber kein „ganzes“ Klavierkonzert, sondern viele Klavierstücke, gespielt von kaum dem Kindergartenalter entwachsenen Kids bis zu Jugendlichen, die schon das Abitur im Blickfeld haben.

Der Lehrer hat als einleitende Worte seine Mädchen und Buben aufgemuntert: „Spielt drauf los. Ich springe ein, wenn es mal hapert.“ Es war interessant, zu verfolgen, wie sich die Sicherheit der Interpretationen mit dem Alter bei den 23 Interpretinnen und Interpreten mehr und mehr einstellte. Die Vielfalt der meistens leicht nachsummbaren Ohrwürmer mündete aber dann zum Schluss doch in einen Moment der Stille, der Konzentration auf perlende Noten, die sich in akustisch abklingenden Akkorden ins Nichts verabschiedeten. Ilan hat die Nocturne, Op. 9 Nr 1, b-Moll von Frédérik Chopin so gespielt, dass man dabei an den traditionsreichen Musikwettbewerb "Jugend musiziert" denken konnte. 

Als letztes Stück, so eine Art Rausschmeißer, spielten Hannah und Lina zweihändig Big Bill‘s Boogie (J. Michael Nuyten). Ganz schön fetzig, ja rockig. Eben der Jugend, die hier so unterhaltend musiziert hat, entsprechend. Dem Auditorium hat das gesamte Konzert bestimmt vom ersten Ton aus der Sonatine G-Dur, 1. Satz (Ludwig van Beethoven) an, gespielt von Nele, bis zum letzten Fortissimo-Akkord des Rausschmeißerduos gefallen.

Und das waren die Protagonisten dieses schönen Konzerts: Nele Fischer, Jonathan Fenner, Emma Schleicher, Valentina Baur, Sophia Zimmermann, Adelia Bucur, Lena Stelz, Luna Oehmig, Asude Özgen (mit einer starken Linken), Ceyda Özgen, Milan Matasic, Feline Schwarz, Lea Gottschalk, Leonie Potche (mutig und sehr gut für so spärliches Üben, weiß der Opa) Lukas Mayer, Luis Escalona Müller, Magdalena Dorbert, Greta Fenner, Hannah Potche, Mark Garkuscha, Ilan Marsiglia und Lina Schneider. Wer von ihnen am kommenden Sonntag, 5. Mai, wenn die städtische Simon-Mayr-Sing und Musikschule ihren 50. Geburtstag feiert, um 17 Uhr auf der Bühne des Festsaals im Stadttheater dabei sein wird, hat Klavierlehrer Joachim Scheibl nicht bekanntgegeben. Verdient hätten sie es alle. 

Anton Potche

Montag, 15. April 2024

Der gelernte Trompeter und sein Tenorhorn

 Sepp Tritz spielt 26 unvergessliche Melodien auf dem Tenorhorn

Vielen Stücken auf dieser CD (auch in mp3 und anderen Formaten vorhanden), kann man das Attribut ohrwurmtauglich beimessen. Umso schwerer ist es daher, dieser Musikproduktion gerecht zu werden. Die österreichische Literaturkritikerin Sigrid Löffler schrieb kürzlich über Aris Fioretos Buch Die dünnen Götter (gemeint sind damit Jim Morrison, Iggy Pop, Mick Jagger u.a.): „Wie lässt sich Musik, die spirituellste aller Künste, in Worten beschreiben? Mit welchen sprachlichen Mitteln kann man die prinzipiell nichtmimetische Kunst – fiktive Musik zumal – in Wortkunst übertragen?“ Man müsste sich eigentlich jedes Stück extra vornehmen und sich eingehend mit ihm beschäftigen. Das zu tun, würde wiederum bedeuten, zu viel vom Inhalt des Gesamten preiszugeben. Also soll es in dieser Besprechung bei einem Titel bleiben.

Zum Beispiel Gabriel‘s Oboe aus dem Film The Mission. Ennio Moricone (1928 - 2020) hat dieses Stück geschrieben. 1987 hat er den Golden Globe Award für seine Musik zu dem Film bekommen. Das Thema Gabriel‘s Oboe ist das markanteste im Soundtrack des preisgekrönten Leinwandstreifens. Das hat natürlich zu vielen neuen Arrangements und entsprechenden Aufführungen geführt, abgekoppelt von untermalten Filmszenen, nur Musik der Melodie zuliebe - und mittlerweile auf allen möglichen Tonträgern analog oder gestriemt verbreitet. Und das, obwohl gerade hier die Ohrwurmtauglichkeit nicht im Vordergrund des Tongebildes liegt. Es ist die harmonische Wolke, in der das Oboen-Thema schwebt. Was mit dem Zuhörer in solchen Momenten des Eintauchens in die Welt der Klänge passiert, hat der Ingolstädter Jazz-Kolumnist Karl Leitner kürzlich in einer Konzertbesprechung im DONAUKURIER so beschrieben: „Man kann sich in [Musikstücke] wunderbar versenken und wenn sie zu Ende sind, kehrt man mit dem Schlussakkord zurück von einer imaginären Reise.“

Das hat allgemeine Gültigkeit, unabhängig vom musikalischen Genre: ob Klassik, Pop, Rock, Jazz, Schlager, Blasmusik, Volksmusik u.s.w.. Erkennen kann man diese Universalität in Gabriel‘s Oboe auch, oder besonders, an der Diversität der zum Zuge kommenden Solisten. Es gibt hervorragende Interpretationen, in denen die Oboe ersetzt wird mit der Flöte, dem Cello, der Trompete; sogar als Choral und in vielen verschiedenen Orchesterfassungen wird sie aufgeführt. Und … die Möglichkeiten in der Musik sind unerschöpflich. Schließlich reden wir von Kunst. Auch jetzt, wenn ein Tenorhorn, das Blasmusikinstrument mit der weichen, der menschlichen Stimme so ähnlichen Klangfarbe, die Gabriel-Melodie erklingen lässt. Und so wird tatsächlich aus Gabriel‘s Oboe ein „Sepps Tenorhorn“. Denn er, der aus Jahrmarkt stammende und heute in Tschechien lebende Sepp Tritz, hat alle Standards auf seinem Erstlingswerk Sepp Tritz spielt 26 unvergessliche Melodien auf dem Tenorhorn selber für sein Mischpult bearbeitet. Nur das Tenorhorn blieb bei seiner Studioarbeit außen vor. Ihm - dem Instrument, mit dem er seiner am Temeswarer Ion Vidu-Lyzeum studierten Trompete untreu geworden war - ward eine extra Tonspur vorbehalten. Und so sind die zahlreichen Gabriel‘s Oboe-Interpretationen um eine reicher geworden. 

Sepp Tritz hat einen sehr geradlinigen Tenorhornton. Da sind keine Schwankungen zu erkennen, auch in den hohen Lagen nicht. In Gabriel‘s Oboe steigt er zögernd in das Stimmenkonglomerat ein und wird deutlicher und deutlicher in seiner musikalischen Ansage. Doch ohne sich um irgendeine Dominanz in der Dynamik des Stückes zu bemühen. Das klingt alles gut gemischt und soll bei der nächsten CD noch besser werden, wie der Hauptprotagonist (Mastering: Hans Bruss) verlautbart hat, weil neue Aufnahmegeräte schon im Visier seien.

Wenn ein Musiker eine solche Produktion in Eigenregie herstellt, gibt er natürlich auch viel von seinem musikalischen Geschmack preis. Da ist schon zu erkennen, dass Tritz nicht nur auf Blas- und Unterhaltungsmusik steht. Als er noch in Deutschland lebte, hat er bei den Original Donauschwaben in München gespielt und die Original Jahrmarkter Musikanten gegründet und jahrelang geleitet. Damals hatte er mit seiner Kapelle drei Musikkassetten (MC) aufgenommen: Märsche, Walzer, Polkas. Wie einst im Banat. Lang, lang ist‘s her! Heute finden wir auf seiner CD – ohne Musikanten, nur Technik und er – einen Streifzug durch musikalische Epochen: Generalbasszeitalter – Johann Sebastian Bach, Wiener Klassik – Wolfgang Amadeus Mozart, 19. Jahrhundert – Antonin Dvořák, um dann in der Neuzeit und zum Teil schon in der Gegenwart zu landen mit Komponisten wie Freddie Merkury, James Last, John Lennon und anderen.

Musiker und Dichter. Die haben oft etwas gemeinsam, sie widmen gerne nicht nur ganze Bücher (wie bei Prosatexten üblich) sondern auch einzelne Gedichte anderen Menschen. Die Bedachten sind Freunde, Geliebte und Bewunderte. Sepp Tritz steht diesem Brauch nicht nach. The Rose von Amanda McBroom widmet er seiner Tochter, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel von Karel Svoboda seiner Frau und schließlich Letzte Rose in unserem Garten von Friedrich von Flotow seinen Eltern. Warum der Arrangeur und Interpret dieser Musikproduktion in Eigenregie diesen Titel mit dem Schlagertitel von Heintje bereichert hat, bleibt sein Geheimnis. (von Flotow hat sich mit der Letzte[n] Rose begnügt.) Sollte es vielleicht Heimweh gewesen sein? Für drei Generationen waren seine Eltern, Michael - der beste Trompeter des Dorfes - und seine Frau Margareta, im banatschwäbischen Dorf Jahrmarkt, heute Giarmata, allseits bekannte Personen.

Anton Potche

Montag, 16. Januar 2023

Der Mann mit den vielen Trompeten

 Ein ereignisreicher Konzertabend 

„Die Woche hat sieben Tage und ich habe sieben Trompeten.“ Das sagte der Trompeter Reinhold Friedrich gutgelaunt dem Konzertpublikum im Festsaal des Stadttheaters Ingolstadt. Und er hatte allen Grund, gut gelaunt zu sein, denn dieser Tag hätte auch anders ausgehen können. Es ist der Vormittag des 12. Januar 2023 und Reinhold Friedrich absolviert mit der Pianistin Eriko Takezawa und dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt unter der Stabführung der charmanten und lebhaften Dirigentin Anu Tali die Generalprobe für das am Abend programmierte Abonnementkonzert des heimischen Orchesters. Und wie der Teufel oder das Schicksal oder … es will, macht sich eine Trompete des Solisten selbstständig und landet auf dem Parkett. Das Instrument ist nicht mehr bespielbar. Der Künstler braucht es aber, es ist eine von fünf Trompeten, die in diesem Konzert zum Einsatz kommen sollen. Künstler haben ihre Bekanntschaften, oft sind es helfende Engel. Der Trompetensolist für den nahenden Konzertabend rast nach München … mit der lädierten Trompete … und kommt mit ihr noch rechtzeitig vor Konzertbeginn nach Ingolstadt zurück. Das Instrument ist bespielbar und die gute Laune des Solisten begründet.

Noch hatte er aber etwas Zeit für seinen Auftritt, denn die Georgier eröffneten den Konzertabend mit Fratres für Streichorchester und Schlagzeug von Arvo Pärt (*1935). Der Konzertbesucher erlebt ein immer wieder rauf und runter gespieltes Motiv, das von langen Haltetönen und einer bis zum Äußersten ausgelebten Reduktion geprägt ist. Das ist eine sehr beruhigende Musik. Der Este Arvo Pärt gilt als Vertreter der „Neuen Einfachheit“. Was genau damit gemeint ist, bleibt äußerst umstritten. Wenn es sich wie hier in Fratres um einen dem Gehör wohltuenden dahinschwebenden Dreiklang, rhythmisch am Leben gehalten von einer Klangfarbenkombination aus Große Trommel und Glöckchen, handelt, dann ist das die Musik, die wie keine andere zum Träumen, zum kurzen Ausstieg aus dem Alltag, taugt. Sehr empfehlenswert. Dass man dazu natürlich ein Streichorchester von der Qualität des Georgischen Kammerorchesters benötigt, versteht sich von selbst.

FotoQuelle: Programmheft
Es sollte mit den Haltetönen an diesem Abend weitergehen. Und die wurden von einem der zurzeit namhaftesten Trompeter in den Saal geschleudert. Wenn der Professor für Trompete an der Hochschule für Musik Karlsruhe, Reinhold Friedrich (*1958), auf der Bühne steht, flößt das schon rein von der Statur her Respekt ein. Beginnen dann aber auch noch seine Trompeten zu klingen, dann kann das sowohl schockieren als auch vergnügen. Vor zwei Jahren hat der Startrompeter zusammen mit Eriko Takezawa am Klavier und dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt, am Pult Ruben Gazarian (*1971), das Trompetenkonzert Listen to Our Cry vom israelischen Komponisten Benjamin Yusupov eingespielt. Jetzt, Donnerstag, dem 12 Januar 2023, erklingt es wieder – live mit fast den gleichen Akteuren. Nur Anu Tali statt Ruben Gazarian. Ein Weckruf von Benjamin Yusupov (*1962) kann dich das Atmen vergessen lassen. Da erklingen himmlische Streicherharmonien zerschmettert von Trompetenblitzen. Wen wunderts? Kann ein Klagelied anders klingen? Die Trompetenreihe des Rufers in der Wüste beginnt mit einem Schofar, ein Antilopen-Horn aus der Wüste Negev im Süden Israels. Im Laufe des Konzerts, I Allegro moderato, II Andante con moto, III Rondo: Vivace, treffen sowohl Klangkulturen als auch Klangwidersprüche aufeinander. Immer wieder geraten Trompete, Piano und Orchester in Streit und immer wieder versöhnen sie sich in lyrischen, ergreifenden Momenten. Und es lohnt sich auch dieses Mal, nach dem Einsatz von fünf Trompeten (inklusive Schofar und dem reparierten Instrument), denn das ganze musikalische, hochvirtuose Gezerre um alte biblische Grundsätze endet friedlich. Oder vor Erschöpfung? Das Programmheft zitiert Reinhold Friedrich: „Am Ende von Listen to Our Cry ist nur noch Depression und es gibt keine Hoffnung mehr, einfach kein Saft mehr in der Batterie.“ 

Pause

Johann Andreas Schachtner (1731 – 1795) studierte mal in Ingolstadt. Er war ein vielfältig gebildeter Zeitgenosse: Trompeter, Dichter, Librettist. Und er blieb nicht bei den Jesuiten in Ingolstadt, sondern ging nach Salzburg, wo er Hof- und Feldtrompeter wurde. Und wo er wahrscheinlich Leopold Mozart (1719 - 1787) kennenlernte, denn es gibt Quellen, die berichten, dass Vater Mozart im Sommer 1762 sein Trompetenkonzert D-Dur für den Trompeter Schachtner geschrieben haben soll. Wie auch immer, das Zwei-Satz-Konzertstück ist anspruchsvoll (mit kaum vorstellbaren Höhen) und vor allem auch melodiös – vorwiegend im Allegro moderato (II) –, ein wahrer Ohrwurm entsprechend der Wiener Klassik. Reinhold Friedrich hatte am Donnerstagabend vor allem Spaß an seinem Spiel - allerdings nicht auf einer Naturtrompete, wie sie Schachtner wahrscheinlich benutzt hat, sondern auf einer modernen Piccolotrompete. So war auch garantiert, dass der Ohrwurm aus Leopold Mozarts Feder in Reinhold Friedrichs Interpretation zu einem untrüglichen Ohrenschmaus werden konnte. Der Applaus wollte nicht enden.

FotoQuelle: Programmheft
Und das Konzert war zum Glück auch noch nicht zu Ende, obwohl dem Schluss des Abends eine Irrung zugrunde lag. Im Programm steht nämlich das Konzert für Trompete D-Dur von Joseph Haydn. Das gibt es gar nicht, es gibt nur eins in Es-Dur. Reinhold Friedrich wird das nicht bedauert haben, obwohl ihm sogar das noch zuzutrauen gewesen wäre. Was es aus der Feder Joseph Haydns (1732 – 1809) aber gibt, ist die Sinfonie D-Dur Nr.104 Hob. I:104. Und die ist schön. Wunderschön! Nicht nur wegen dem im Finalsatz durchklingenden kroatischen Volkslied „Oj Jelena“. Wir sind noch immer in der Zeit der Wiener Klassik. Das Kammerorchester im Ingolstädter Festsaal (diese arme Stadt hat leider kein Konzertsaal) ist längst mit Bläsern verstärkt. Und vor dem jetzt symphonischen Klangkörper agiert wie schon den ganzen Abend eine bezaubernde Dirigentin: Anu Tali. Welch eine Anmut … und trotzdem Klarheit in ihrer nie übertrieben wirkenden Gesamtgestik … Präzision nach allen Regeln der Kunst. Ob Adagio – Allegro, Andante, Menuet. Allegro oder Finale. Spiritoso, man hatte die ganze Zeit den Eindruck, dass dieses in London 1795 komponierte symphonische Musikstück so und nur so und nicht anders interpretiert werden kann. Homogenität in Perfektion. Aber was hilft das? Auch der schönste Musikabend geht einmal zu Ende. So auch dieser.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Georgier in Ingolstadt eine „Rote Couch“ haben, auf der oft Künstler vor einem Konzert Platz nehmen und dem interessierten Publikum Details von dem bevorstehenden Ereignis preisgeben. An diesem Abend haben an dem Künstlergespräch Reinhold Friedrich, Eriko Takezawa und der Musikwissenschaftler Dr. Marco Frei teilgenommen. Eine sehr gute Initiative des Orchestermanagements, würde ich sagen.

Anton Potche