Montag, 20. Juli 2026

Sie sind noch immer da!

 
Und das ist gut so. Ich meine die Egerländer Musikanten und damit das Musikgenre, das nicht nur Jahrzehnte bereits überdauert, sondern anscheinend sogar die zweite Jahrhundertmarke anpeilt. Diese Blaskapelle – die beste der Welt – hat das Recht, sich weiterhin Das Original zu nennen. Nicht nur wegen den traumhaft guten Blasmusikern, die sich hier immer wieder, jetzt schon seit 70 Jahren, zusammenfinden und eine Musikgattung pflegen, die sich immer wieder neu erfindet und trotzdem einem Klang treu bleibt, der scheint, für die Ewigkeit bestimmt zu sein. Es heißt in Musikantengesprächen oft: Dafür, also um diese Musik gattungsgerecht spielen zu können, musst du geboren sein. Was ist daran so sonderbar? Es hat anscheinend etwas mit den Klangbildern zu tun, die selbst in den virtuosesten Vortragsvarianten noch einer ergreifend schönen Melodielinie folgen. Diese aus dem Böhmerwald stammende Melodik hat etwas Zeitloses inne. Man hat den Einruck, sie besteht nur aus Ohrwürmern.

Seit heuer leitet der dritte Dirigent diesen Klangkörper. Das Interessante ist, dass die Ausdrucksstärke dieser Musik seit dem Bestehen der Kapelle im Jahre 1956 immer die Gleiche geblieben ist und dabei trotzdem einem steten Wandel von Ernst Mosch (1925 - 1999) zu Ernst Hutter (*1958) und bereits jetzt spürbar zu Alexander Wurz (*1985) unterlag und wohl auch weiterhin unterliegen wird. Man kann das dank der Audiomedien (LP, Musikkassette, CD, USB usw.) sehr gut nachvollziehen.

Die erste Studioeinspielung unter der Federführung und dem Dirigat von Alexander Wurz liegt jetzt vor: Wir sagen Danke – 70 Jahre Egerländer Musikanten. Und man wird die Fans wieder schwärmen hören: Musik von einem anderen Stern. Zu recht, muss ich sagen, nachdem ich diese neue Einspielung aus dem bewährten Bauer-Studio unzählige Male rauf und runter abgespielt habe.

Und doch: Ich bin enttäuscht und frage mich immer noch, wie man ein so düsteres, kryptisches, an Mystik heranreichendes, ja sogar einem symbolträchtigen Geheimbundsiegel ähnelndes Booklet - ich denke an Dan Browns Illuminati - gestalten kann, wo wir es doch mit einer Musik zu tun haben, die auf einem wohlklingenden Harmoniefundament steht und dank eines sturmsicheren Rhythmusgerüstes lebensfreudige Variationen in allen Instrumentengruppen ermöglicht. Laut Impressum soll für Produktion & Label die Firma HUTTERMUSIK.GMBH verantwortlich sein. Ohne eine (sehr gute) Lupe hatte ich kaum eine Chance, herauszufinden, wer die Inhalte der 14 Tracks komponiert, arrangiert, getextet und vor allem eingespielt und 

-gesungen hat. Es ist meine Bewunderung für diese Musiker, die mich dann schließlich und endlich doch dazu veranlasste, ihre Namen in dem höhlenartigen Inneren des Booklets zu entziffern. Sie haben es trotz meiner zum Schluss vor Anstrengung tränenden Augen verdient. Dafür ist ihre Musik zu gut, viel, viel zu gut.

Und das sind sie, die Tonkünstler dieses Albums:

Klarinette – Alfred Wurm, Peter Jenal, Thomas Backhaus, Jörg Kleidl
Flügelhörner – Franz Tröster, Markus Privat, Helmut Kassner, Rüdiger Ruf, Michael Sperer, Nick Loris
Trompete – Martin Hutter
Posaune – Andreas Joos, Gerd Fink, Patrick Raatz
Tuba – Peter Laib, Siegfried Jung
Tenorhorn & Bariton – Alexander Wurz, Carsten Ebbinghaus, Edgar Wehrle, Michael Müller, Andreas Schmidt, Florian Metzger.
Schlagzeug: Holger Müller
Gesang: Katharina Praher, Nick Loris, Alexander Wurz

Der Schriftsteller Alexandru Bulucz hat kürzlich zum 70. Geburtstag seines rumänischen Dichterkollegen Mircea Cărtărescu in der FAZ einen Artikel unter dem Titel „Diese Literatur ist resistent gegen Verfall“ veröffentlicht. Das Gleiche kann man zum 70-jährigen Jubiläum der Egerländer Musikanten – Das Original sagen. Es reicht, wenn man „Literatur“ mit „Egerländermusik“ austauscht.

Anton Potche

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen