Auf dem Programmblatt war für
Freitag, den 18. Juli, um 19:30 Uhr ein Orgelkonzert
angekündigt. Das war es dann nicht. Es war, wie schon eine Annonce
in der Tageszeitung vor einigen Tagen angekündigt hatte, viel mehr,
nämlich: Saxophon und Orgel in St. Anton. Und die Ankündigung
machte neugierig: „Der Spieltisch der Orgel wird auf eine Leinwand
im Kirchenschiff übertragen.“ Nicht nur Hören sondern auch Sehen
wie Musik entsteht, war also angesagt. Dazu passte noch, dass die
zwei Musiker, Christian Elin (Saxophon, Altflöte) und Raphael Attila Vogl (Orgel), sich
nicht scheuten, den Konzertbesuchern auch einige kurze, aber sehr
anschauliche Informationen zu den jeweiligen Stücken zu geben.
Das Konzert hat mit einem Werk des
1965 geborenen Komponisten Dirk Michael Kirsch begonnen. Für
Orgel & Alt-Saxophon ist Solstitium, op. 22 entstanden.
Schon bei den ersten Tönen merkte man, dass hier zwei perfekt
aufeinander abgestimmte und auch hörende Musiker am Werk sind. Und
wer die Kirche noch nicht kannte, war vielleicht von dem angenehmen
Nachhall in der Akustik dieses Kirchenschiffs in der Ingolstädter
Münchner Straße angenehm überrascht.
Sergej
Prokofiev
Romeo
und Julia op. 64 Nr. 13 – Tanz der Ritter
stand als nächstes Stück auf dem Programm. Ich
habe zuhause bewusst nach einem alten Musiklexikon (1965) gegriffen,
bevor ich Wikipedia angeklickt habe, und darin gelesen: „Prokofieff,
Serge *Sonzowka/Gouvernement Jekaterinoslaw 23.4.1891, †Moskau
4.3.1953, Sohn eines Gutsverwalters. […] Nach
der Revolution hielt es P. für angebracht, ins Ausland zu gehen. Er
lebte in Japan, Amerika und Oberbayern. […] Prokofieff trat in
diesen Jahren auch als hervorragender Pianist an die Öffentlichkeit.
Meist spielte er eigene KlKonzerte. 1934 ging Prokofieff in die
Heimat zurück, nachdem ihm großzügige Angebote gemacht worden
waren. Prokofieff konnte nicht in der Fremde leben. Er hat in
Sowjetrußland weniger Kritik erfahren als D. Schostakowitsch.
Immerhin schrieb er jetzt Massenlieder, Märsche, Filmmusik mit der
erwünschten Tendenz. […] Doch entstanden auch Werke, die keinerlei
Beeinflussung zeigen.“ So auch Romeo
und Julia
im Jahre 1935. Bei Wikipedia kann man lesen: „Sergei
Sergejewitsch Prokofjew *23. April 1891
in Sonzowka, Gouvernement Jekaterinoslaw, Russisches Kaiserreich (heute Oblast Donezk, Ukraine);
†5.
März 1953
in Moskau, Russische SFSR, war ein sowjetischer Pianist und Kompanist.
Sein Musikmärchen Peter und der Wolf zählt zu
den
weltweit am meisten gespielten Werken der klassischen Musik. Am
10. Februar 1948 wurde Prokofjew vom Zentralkomitee (ZK)
der KPdSU in
der Parteiresolution ‚Über die Oper Die
große Freundschaft‘
als
Folge der Schdanowschtschina formalistischer
Tendenzen bezichtigt und zu größerer Volkstümlichkeit
aufgefordert.“
Es ging nun mal nicht ohne
Politik im Stalinstaate. Und man brauchte dabei verdammt viel Glück,
um zu überleben. Prokofiev
hatte es, und wir Nachgeborenen können uns heute noch der
faszinierenden Balettmusik des sowjetischen
– heute wäre es der ukrainische – Tonmeisters erfreuen. Raphael
Attila Vogl hat den Tanz
der Ritter für Saxophon
(Alt & Sopran) und Orgel arrangiert. Eine so umfängliche
Partitur zusammenzuschmelzen auf zwei Soloinstrumente (Sax. und
Orgel), und zwar so, dass sie von ihrer Monumentalität nichts einbüßt, ist
eine bemerkenswerte kompositorische - auch wenn es nur ein Arrangement ist - Leistung. Und wie die zwei
Musiker das
dann auch noch interpretiert haben, ist schlicht und einfach nur
genial.
Als
drittes Stück im Bunde stellte Raphael
Atilla Vogl Prelude
et Fugue en si majeur, op. 7
von Marcel Dupré
(1886 – 1971) kurz vor. Das Stück soll einstmals
als unspielbar gegolten haben. Und der Organist dieses Konzertes
sagte dazu nur:
„Wenn es Ihnen nicht gut geht, hören Sie sich das an.“ Nun hat
man diese unglaubliche Virtuosität nicht bei jeder schlechten Laune
parat, aber sich schon an diese Orgel-Aufführung
in der Anton-Kirche erinnern, könnte helfen.
Und
dann folgte A Brief Story
of Peter Abelard, eine
Komposition von James
Whitbourn
(1963 – 2024). Weil Worte sich aber besser als Musik eignen,
Geschichten zu erzählen, hat Raphal
Attila Vogl etwas von den
weltberühmten Briefen des im Mittelalter lebenden Theologen
und Philosophen Peter
Abelard erzählt. Dieser,
auch als Petrus
Abaelardus (1079 –
1142) bekannt, hatte so seine Probleme mit dem eigenen Gewissen. Wie
auch heute so mancher Priester auch. Die Musik, die James
Whitbourn zu diesem Thema
schrieb, hat aber nichts mit Larmoyanz zu tun. Dazu ist er
viel zu schön, dieser Dialog zwischen dem Sopransaxophon und der
sich stark zurücknehmenden Orgel.
Fotos: Anton Potche |
Man
erlebt immer wieder Konzerte, die langsam, aber sicher auf einen
Höhepunkt zusteuern und
es
dabei
schaffen, den Schluss einem grandiosen Feuerwerk gleich zu gestalten.
So auch hier. Prelude
and Hymn.
Von Christian
Elin
(*1976) für sich und sein Saxophon gedichtet. Ein musikalisches
Poem ohne Worte, nur Töne. Und das ohne normale Atmung. Er spielt
allein, durch das Kirchenschiff schreitend, von der Orgelempore zum
Alter. Spielt er? Nein. Er scheint sich mit seinem Instrument in
intimster
Sprache zu unterhalten. Grundtöne und darüber sich formierende
Themen. Das klingt wie eine Orgel. Doch die schweigt. Und der Bläser
nimmt keine Luft. Sein Instrument scheint von allein zu tönen. Nur
bei genauem Hinsehen – er ist ja hier, unter den Konzertbesuchern –
sieht man sich füllende und entleerende Wangen. Das Stück ist
beendet und der Saxophonist steht noch immer. Aufrecht. Mit seinem
Instrument in der Hand. Ohne jedwede Mundatmung hat er gespielt. Phänomenal. Diese Atemtechnik. Instrumentalartistik. Und doch Kunst. Musik auf aller höchstem
Niveau.
Das
ist Liebe zwischen Instrumentalist und Instrument. Und
die kristallisiert sich möglicherweise aus der wahren Liebe zwischen
Mann und Frau. Christian
Elin
hat vorbehaltlos dem Auditorium erzählt, dass er das letzte Stück
dieses
warmen Sommerabends nicht nur selbst komponiert, sondern vor allem
aus Liebe zu seiner Frau geschaffen hat. Es
zeigte sich auch bei diesem Liebeslied, Insieme,
dass die Mutter aller Instrumente es bei
korrekter Bedienung hervorragend
versteht ein zärtlich klingendes Instrument respektvoll zu
begleiten. Dieses Instrument war diesmal die für
ihren weichen Timbre bekannte Altflöte.
Und sie schmachtete gefühlbetont von Thema zu Thema, sind
diese
doch aus einem ungetrübten
Gefühl
zwischen Mann und Frau entstanden.
Die
Menschen standen zum Schluss in den Kirchenbänken und klatschten
frenetisch. Ja, es gab noch eine kurze Zugabe. Wer
die Lebensläufe der zwei Musiker liest, wundert sich nicht, dass er
von ihnen eine musikalische Darbietung höchster Güte bekommen hat.
Der
Multiinstrumentalist Christian
Elin
hat in München, Paris, Basel und Frankfurt studiert. Er hat in
seiner Solistenlaufbahn mit den Berliner
Philharmonokern,
dem Symphonieorchester
des BR,
dem Symphonieorchester
des HR
und dem Bayerischen
Staatsorchester
musiziert und den Bayerischen Kunstförderpreis erhalten. Nicht
weniger bemerkenswert ist die Karriere des Organisten Raphael
Attila Vogl.
Sein Studium für Orgel und Kirchenmusik führte ihn von Regensburg
nach New York und danach in viele Konzertsäle und Kathedralen. Hohe
Auszeichnungen wurden ihm zuteil in der Schweiz, in Russland und den
USA. Ein
Orchester, mit dem er regelmäßig auftritt, ist z.B. das
Philadelphia
Orchestra.
Anton
Potche
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