Montag, 21. Juli 2025

Orgel & Saxophon

 
Auf dem Programmblatt war für Freitag, den 18. Juli, um 19:30 Uhr ein Orgelkonzert angekündigt. Das war es dann nicht. Es war, wie schon eine Annonce in der Tageszeitung vor einigen Tagen angekündigt hatte, viel mehr, nämlich: Saxophon und Orgel in St. Anton. Und die Ankündigung machte neugierig: „Der Spieltisch der Orgel wird auf eine Leinwand im Kirchenschiff übertragen.“ Nicht nur Hören sondern auch Sehen wie Musik entsteht, war also angesagt. Dazu passte noch, dass die zwei Musiker, Christian Elin (Saxophon, Altflöte) und Raphael Attila Vogl (Orgel), sich nicht scheuten, den Konzertbesuchern auch einige kurze, aber sehr anschauliche Informationen zu den jeweiligen Stücken zu geben.

Das Konzert hat mit einem Werk des 1965 geborenen Komponisten Dirk Michael Kirsch begonnen. Für Orgel & Alt-Saxophon ist Solstitium, op. 22 entstanden. Schon bei den ersten Tönen merkte man, dass hier zwei perfekt aufeinander abgestimmte und auch hörende Musiker am Werk sind. Und wer die Kirche noch nicht kannte, war vielleicht von dem angenehmen Nachhall in der Akustik dieses Kirchenschiffs in der Ingolstädter Münchner Straße angenehm überrascht.

Sergej Prokofiev Romeo und Julia op. 64 Nr. 13 – Tanz der Ritter stand als nächstes Stück auf dem Programm. Ich habe zuhause bewusst nach einem alten Musiklexikon (1965) gegriffen, bevor ich Wikipedia angeklickt habe, und darin gelesen: „Prokofieff, Serge *Sonzowka/Gouvernement Jekaterinoslaw 23.4.1891, Moskau 4.3.1953, Sohn eines Gutsverwalters. […] Nach der Revolution hielt es P. für angebracht, ins Ausland zu gehen. Er lebte in Japan, Amerika und Oberbayern. […] Prokofieff trat in diesen Jahren auch als hervorragender Pianist an die Öffentlichkeit. Meist spielte er eigene KlKonzerte. 1934 ging Prokofieff in die Heimat zurück, nachdem ihm großzügige Angebote gemacht worden waren. Prokofieff konnte nicht in der Fremde leben. Er hat in Sowjetrußland weniger Kritik erfahren als D. Schostakowitsch. Immerhin schrieb er jetzt Massenlieder, Märsche, Filmmusik mit der erwünschten Tendenz. […] Doch entstanden auch Werke, die keinerlei Beeinflussung zeigen.“ So auch Romeo und Julia im Jahre 1935. Bei Wikipedia kann man lesen: Sergei Sergejewitsch Prokofjew *23. April 1891 in Sonzowka, Gouvernement Jekaterinoslaw, Russisches Kaiserreich (heute Oblast Donezk, Ukraine); 5. März 1953 in Moskau, Russische SFSR, war ein sowjetischer Pianist und Kompanist. Sein Musikmärchen Peter und der Wolf zählt zu den weltweit am meisten gespielten Werken der klassischen Musik. Am 10. Februar 1948 wurde Prokofjew vom Zentralkomitee (ZK) der KPdSU in der Parteiresolution ‚Über die Oper Die große Freundschaft‘ als Folge der Schdanowschtschina  formalistischer Tendenzen bezichtigt und zu größerer Volkstümlichkeit aufgefordert.“ Es ging nun mal nicht ohne Politik im Stalinstaate. Und man brauchte dabei verdammt viel Glück, um zu überleben. Prokofiev hatte es, und wir Nachgeborenen können uns heute noch der faszinierenden Balettmusik des sowjetischen – heute wäre es der ukrainische – Tonmeisters erfreuen. Raphael Attila Vogl hat den Tanz der Ritter für Saxophon (Alt & Sopran) und Orgel arrangiert. Eine so umfängliche Partitur zusammenzuschmelzen auf zwei Soloinstrumente (Sax. und Orgel), und zwar so, dass sie von ihrer Monumentalität nichts einbüßt, ist eine bemerkenswerte kompositorische - auch wenn es nur ein Arrangement ist - Leistung. Und wie die zwei Musiker das dann auch noch interpretiert haben, ist schlicht und einfach nur genial.

Als drittes Stück im Bunde stellte Raphael Atilla Vogl Prelude et Fugue en si majeur, op. 7 von Marcel Dupré (1886 – 1971) kurz vor. Das Stück soll einstmals als unspielbar gegolten haben. Und der Organist dieses Konzertes sagte dazu nur: „Wenn es Ihnen nicht gut geht, hören Sie sich das an.“ Nun hat man diese unglaubliche Virtuosität nicht bei jeder schlechten Laune parat, aber sich schon an diese Orgel-Aufführung in der Anton-Kirche erinnern, könnte helfen.

Und dann folgte A Brief Story of Peter Abelard, eine Komposition von James Whitbourn (1963 – 2024). Weil Worte sich aber besser als Musik eignen, Geschichten zu erzählen, hat Raphal Attila Vogl etwas von den weltberühmten Briefen des im Mittelalter lebenden Theologen und Philosophen Peter Abelard erzählt. Dieser, auch als Petrus Abaelardus (1079 – 1142) bekannt, hatte so seine Probleme mit dem eigenen Gewissen. Wie auch heute so mancher Priester auch. Die Musik, die James Whitbourn zu diesem Thema schrieb, hat aber nichts mit Larmoyanz zu tun. Dazu ist er viel zu schön, dieser Dialog zwischen dem Sopransaxophon und der sich stark zurücknehmenden Orgel.

Fotos: Anton Potche
Samuel Barber (1910 – 1981) hat Adagio for Strings, Op. 11 eigentlich für Streicher geschrieben. Kann man das Streichen über die Saiten überhaupt mit dem Anschlagen auf der Orgel ersetzen? Das Anhauchen auf dem Saxophon schafft das auf jeden Fall. Es gibt von diesem Stück viele Bearbeitungen. Raphael Attila Vogl (*1996) hat noch eine hinzugefügt. Und die beiden Konzertprotagonisten in der Anton-Kirche haben die nicht enden wollende und doch zu schnell zum Ende gelangte Klangwolke in den Raum gezaubert. Welche Stille. Welche Ergriffenheit. Welch eine Dynamik … aus dem Nichts zurück ins Nichts. Niemand traut sich, zu applaudieren. Dann braust er auf, der Applaus.

Man erlebt immer wieder Konzerte, die langsam, aber sicher auf einen Höhepunkt zusteuern und es dabei schaffen, den Schluss einem grandiosen Feuerwerk gleich zu gestalten. So auch hier. Prelude and Hymn. Von Christian Elin (*1976) für sich und sein Saxophon gedichtet. Ein musikalisches Poem ohne Worte, nur Töne. Und das ohne normale Atmung. Er spielt allein, durch das Kirchenschiff schreitend, von der Orgelempore zum Alter. Spielt er? Nein. Er scheint sich mit seinem Instrument in intimster Sprache zu unterhalten. Grundtöne und darüber sich formierende Themen. Das klingt wie eine Orgel. Doch die schweigt. Und der Bläser nimmt keine Luft. Sein Instrument scheint von allein zu tönen. Nur bei genauem Hinsehen – er ist ja hier, unter den Konzertbesuchern – sieht man sich füllende und entleerende Wangen. Das Stück ist beendet und der Saxophonist steht noch immer. Aufrecht. Mit seinem Instrument in der Hand. Ohne jedwede Mundatmung hat er gespielt. Phänomenal. Diese Atemtechnik. Instrumentalartistik. Und doch Kunst. Musik auf aller höchstem Niveau.

Das ist Liebe zwischen Instrumentalist und Instrument. Und die kristallisiert sich möglicherweise aus der wahren Liebe zwischen Mann und Frau. Christian Elin hat vorbehaltlos dem Auditorium erzählt, dass er das letzte Stück dieses warmen Sommerabends nicht nur selbst komponiert, sondern vor allem aus Liebe zu seiner Frau geschaffen hat. Es zeigte sich auch bei diesem Liebeslied, Insieme, dass die Mutter aller Instrumente es bei korrekter Bedienung hervorragend versteht ein zärtlich klingendes Instrument respektvoll zu begleiten. Dieses Instrument war diesmal die für ihren weichen Timbre bekannte Altflöte. Und sie schmachtete gefühlbetont von Thema zu Thema, sind diese doch aus einem ungetrübten Gefühl zwischen Mann und Frau entstanden.

Die Menschen standen zum Schluss in den Kirchenbänken und klatschten frenetisch. Ja, es gab noch eine kurze Zugabe. Wer die Lebensläufe der zwei Musiker liest, wundert sich nicht, dass er von ihnen eine musikalische Darbietung höchster Güte bekommen hat.

Der Multiinstrumentalist Christian Elin hat in München, Paris, Basel und Frankfurt studiert. Er hat in seiner Solistenlaufbahn mit den Berliner Philharmonokern, dem Symphonieorchester des BR, dem Symphonieorchester des HR und dem Bayerischen Staatsorchester musiziert und den Bayerischen Kunstförderpreis erhalten. Nicht weniger bemerkenswert ist die Karriere des Organisten Raphael Attila Vogl. Sein Studium für Orgel und Kirchenmusik führte ihn von Regensburg nach New York und danach in viele Konzertsäle und Kathedralen. Hohe Auszeichnungen wurden ihm zuteil in der Schweiz, in Russland und den USA. Ein Orchester, mit dem er regelmäßig auftritt, ist z.B. das Philadelphia Orchestra.

Anton Potche

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