Ich war auf der Buchmesse in
Leipzig. In der ersten Reihe habe ich gesessen. Schon am Abend des
ersten Tages, als der Preis des Deutschen Buchhandels im Gewandhaus
an den kroatisch-bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergović
verliehen und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer
ausgepfiffen und ausgebuht wurde, spürte ich, dass mir die folgenden
vier Messetage nicht langweilig werden. So und nicht anders
sollte es dann auch kommen, wo ich doch während meines ganzen
Aufenthaltes auf der Buchmesse in der ersten Reihe saß ... bei ARD,
ZDF, 3sat und anderen Streamingdiensten. So bekam ich auch mit, wie
der Literat vom Balkan in seiner Dankesrede von weltbewegenden
Hausschlappen las. Das erinnerte mich an Herta
Müllers Taschentuch.
Dieser erste Messetag (noch nicht
geöffnet für das Publikum) nahm überhaupt kein Ende. Er
überschritt lesend die Mitternachtsgrenze. Marathonlesung nennt man
ein solches Messeformat. Juli Zeh hat einen schweren
Romanschinken mit dem Titel Unterleuten geschrieben und
ca. 70 Personen haben seinen Inhalt von 18:00 Uhr des 18. März bis
zur Mittagsstunde des folgenden ersten fürs Publikum geöffneten
Messetages mit den Augen verzehrt. Hoffentlich sättigend.
* * *
Wie immer bei solchen
Veranstaltungen halte ich Ausschau nach rumänischen und
rumäniendeutschen Farbtupfern. Und freue mich (manchmal kindisch –
was wohl meinem Alter zuzuschreiben ist), wenn ich einen finde. Und siehe
da: In der großen Glashalle der Messe, wo die Öffentlich
Rechtlichen ihre Literaturbühne aufgebaut hatten – für
Kritikerschwergewichte wie Denis Scheck benötigt man
eben Platz –, las am ersten Publikumsmessetag schon vor Mittag die
aus Rumänien stammende und in der Schweiz beheimatete
Schriftstellerin, Germanistin und Nederlandistin (laut Wikipedia)
Dana Grigorcea. Leider blieb sie mit ihren Gestalten aus Bușteni
den Tag über der einzige Farbtupfen im Fokus der großen deutschen
Fernsehanstalten auf der Literaturbühne.
In einem weiteren Programmpunkt hat
Lena Gorelik in den frühen Nachmittagsstunden den
Preis der Literaturhäuser 2026, dotiert
mit 20.000 EURO, entgegengenommen. Sie ist eine russisch-deutsche
Schriftstellerin jüdischen Glaubens. Ihr letztes Buch heißt Alle
meine Mütter. Lena Gorelik
hat bei der Preisverleihung erzählt, dass ihre Mutter ihr nach dem
Erscheinen des Romans gesagt hat, sie habe ihn jetzt einmal als
Mutter gelesen und werde ihn ein zweites Mal mit
literarisch-kritischem Blick lesen.
Der Höhepunkt dieses faktisch
ersten Messetages war sicherlich die Verleihung der Preise der
Leipziger Buchmesse. Katerina Poladjan wurde in der
Sparte Belletristik für ihren Roman Goldstrand ausgezeichnet.
Die Protagonisten ihres Buches bewegen sich im südöstlichen Europa,
also an oder im Umfeld der Donau. Ebenso wie die realen Menschen in
Marie-Janine
Calics’
Buch Balkan-Odyssee,
wofür sie den Sachbuchpreis bekam. Über den Übersetzerpreis konnte
der Österreicher Manfred
Gmeiner
sich für die Übertragung des Romans Unten leben
aus dem Spanischen ins Deutsche, geschrieben vom peruanischen Autor
Gustavo
Faverón
Patriau,
freuen.
Heuer sollte zum ersten Mal kein
Gastland die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich ziehen, sondern ein
Motto. Und das war die „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“.
Also da müsste doch meine Farbtupfersuche Erfolg haben. Laut
Programm waren einige der von mir Gesuchten auf dieser Buchmesse
unterwegs. Die Frage war bloß, ob sie auch von Kameras und
Mikrofonen als fernseh- und radioreif wahrgenommen würden. Also habe ich mich
diesbezüglich auf die Suche begeben.
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Stephan Ozsváth
Foto: rbb / Gundula Krause |
Und siehe da, es gab im großen
Fernsehen ein Interview mit dem Kurator des oben erwähnten Mottos:
Stephan Ozsváth. In der im deutschen Sprachraum sehr
goutierten Kultursendung 3sat sprach der Ideengeber dieses
Formats von seinen Beweggründen. Da durften Hinweise auf Rumänien
und das Delta mit der Nachbarschaft zur Ukraine nicht fehlen. Er
erwähnte, dass in letzter Zeit im Südosten Europas mehr als früher
von Deportationen der Zivilbevölkerung gesprochen und geschrieben
wird.
* * *
Am Freitag war
viel los auf der Literaturbühne. ARD, ZDF und 3sat hatten im Rahmen
ihres Mittagsmagazins mehrere Liveschaltungen nach Leipzig getätigt.
Zielgruppe war hier eindeutig die Jugend und ihre Trends, Manga,
Coming of Age, New Adult u. a..
Danach kamen
wieder Autoren auf die Bühne. Zum Glück kann man streamen. Es ging
in den Nachmittag und eine Schriftstellerin bot den Zuschauermassen –
das darf man ohne Übertreibung so nennen – beste Unterhaltung.
Ildikó von Kürthy stellte ihr neuestes Buch, Alt
genug, vor. Sie stamme zur
Hälfte aus Nordrhein-Westfalen und zur Hälfte aus Ungarn, sagte sie
und erzählte dem erheiterten Auditorium, wie das mit dem Altern so
ist.
Danach
wurde es aber ernst. Es ist wahrlich nicht übertrieben, wenn ich
behaupte, dass es abzüglich des entfernten Hallengeräusches vor der
Lesebühne mäuschenstill war. Vier Damen, drei Autorinnen und eine
Moderatorin, hatten die Bühne betreten und ihr Thema generierte bei
so manchem Lauscher große Nachdenklichkeit. Die Diskussion stand
unter dem Motto „Demokratie unter Druck“. Schon die Titel der
drei Bücher
lassen aufhorchen. Sally
Lisa Starken: Wenn
der rechte Rand regiert;
Angelique Geray:
Undercover unter Nazis;
Ruth Hoffmann:
Raubzug von Rechts. Und
als Moderatorin Cécile
Schortmann zum Schluss
sinngemäß die rhetorische Frage stellte, wie das wohl sei, wenn man
sieht, dass hier vier Frauen über dieses Thema sprechen, brauste ein
lang anhaltender Beifall auf.
* * *
Für
das Motto „Donau – unter Strom und zwischen Welten“ wurde auf
der Buchmesse eine eigene Donaubühne eröffnet. Nur wo war sie? Ich
habe sie nicht gefunden und das fast schon schicksalhaft
empfunden, hoffte ich doch, dort meine Literaturstars, die ich kenne
(sie mich nicht, nur ich sie), vorzufinden. Dabei gab es doch so
viele Programmanbieter, die sich auf der Literaturbühne
abwechselten, um Autorinnen und Autoren mit ihren Büchern sowie
einer sehr vielfältigen Thematik zu präsentieren. Am Samstag
gehörten neben den schon genannten Sendungen der öffentlich
rechtlichen Sender (Kulturzeit, Literarisches Quartett oder
Best of druckfrisch) auch NDR
kultur, aspekte,
BR 2, SWR
Literatur, rbb
radioeins, Deutschlandfunk
Kultur, Buchlounge, mdr aktuell.
18 Programmpunkte enthielt der laut Messeleitung ausverkaufte
Samstag. Sofern ich nicht gerade im Garten war oder beim Wasserholen
oder beim Saubermachen, habe ich von den Stars der Donaubühne nichts
gesehen. Und wenn ich dann schon einen Blick auf die gestreamte
Literaturbühne warf, sah ich nicht zum ersten Mal Denis
Scheck,
der immer die gleichen Bücher im Schnelldurchlauf besprach. Ein
Austausch mit der Donaubühne wäre da bestimmt nicht unpassend
gewesen.
Der
Lesetag war vorbei. Und ich unzufrieden. Weil ich keinen Zugang zur
Donaubühne gefunden hatte. Alles in mir sträubte sich, den Laptop
auszuschalten. Also klickte und wischte ich weiter. Bis, ja bis ich bei der Adresse mdr.de/kultur/buchmesse/leipzig/ strandete. Hier fand ich das
Fünfminuteninterview, dass mir dann doch den ausklingenden Freitag
versüßte. Stephan
Ozsváth (*1965), selbst gelernter Journalist, war
auch diesmal der
Interviewte. Und er erzählte gleich zum Beginn der Aufnahme von
seiner Motivation, sich in diesem Projekt zu engagieren. „Persönlich
verbindet mich mit der Donau, dass mein Vater aus Ungarn stammte, und
ich hab' noch einen Stiefvater, der war Deutscher aus Rumänien,
dessen Vater wiederum war Bergwerksdirektor in
Reschitza, ein k.u.k.-Beamter, also
ich hab’s sozusagen
im Blut.“ Und der
mdr-Reporter griff Ozsváths kurzen Einstieg in die eigene
Geschichte mit der Ergänzung
auf: „Also die Donau als Straße der Hoffnung für Auswanderer,
aber auch als Deportationsroute.
Da geht es um die Salpeterer, Freibauern aus dem Schwarzwald, die um
ihre Rechte kämpften. Kirche und Krone verbannten
sie im 18. Jahrhundert ins Banat auf dem Gebiet des heutigen
Rumänien. Unter Maria Theresia wiederum waren so genannte
liederliche Frauenzimmer von der Keuschheitskommission ins Banat
gebracht worden. Eine Rolle
spielt auch die Donau als nasses Grab mit Morden und Selbstmorden
sowie als Grenzfluss zwischen Ost und West.“
[…] Stephan
Ozsváth betonte
im Interview, dass sein Ziel mit diesem Programm war, eine
Themenvielfalt zu gestalten. Von den zahlreichen Autorinnen, die
„ihre persönlichen
Blicke auf die Donau haben“, wurden vom Interviewer Ulrich
Böhme die drei folgenden
genannt: Nadine
Schneider,
Muri Darida und
Katherina
Braschel.
Auch ohne bewegende Bilder
von der Donaubühne, war der Tag – Pardon: Abend - für mich
gerettet.
* * *
Wenn
ich schon bei mdr
gelandet war, wollte ich auch am Sonntag, dem 22. März 2026 dabei bleiben. Schon
um 7:03 Uhr gab es einen Morgengruß von einer charmanten Sprecherin.
Und darin hieß es dann auch: „Wer europäische Literatur neu
entdecken will, muss zur Halle 4. Hier findet an allen Messetagen das
Programm zum Fokusthema >Donau – Unter Strom und zwischen
Welten< statt, das es in diesem Jahr an Stelle eines Gastlandes gibt.
Die Veranstaltungen widmen sich Geschichten aus zehn Donauländern
von Deutschland bis zur Ukraine. Migration, Kultur, Identität und
Zeitgeschichte spielen hier eine große Rolle.“
So hat der Buchmesse-Ticker vom Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) mich also trotz anfänglicher Enttäuschung bis zur letzten Messestunde am Sonntag, dem 22. März 2026, auf Trab gehalten. Es war schön auf der
Leipziger Buchmesse, auch wenn ich versucht habe, mich vorwiegend in
einer Buch-Themennische (die ich aber hier nicht nur auf das
diesjährige Motto bezogen wissen will) zu bewegen. Letztendlich war
mein Versuch mit Erfolg gekrönt.
Anton Potche
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