Montag, 23. März 2026

Mein Buchmesseabenteuer

 
Ich war auf der Buchmesse in Leipzig. In der ersten Reihe habe ich gesessen. Schon am Abend des ersten Tages, als der Preis des Deutschen Buchhandels im Gewandhaus an den kroatisch-bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergović verliehen und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ausgepfiffen und ausgebuht wurde, spürte ich, dass mir die folgenden vier Messetage nicht langweilig werden. So und nicht anders sollte es dann auch kommen, wo ich doch während meines ganzen Aufenthaltes auf der Buchmesse in der ersten Reihe saß ... bei ARD, ZDF, 3sat und anderen Streamingdiensten. So bekam ich auch mit, wie der Literat vom Balkan in seiner Dankesrede von weltbewegenden Hausschlappen las. Das erinnerte mich an Herta Müllers Taschentuch. 

Dieser erste Messetag (noch nicht geöffnet für das Publikum) nahm überhaupt kein Ende. Er überschritt lesend die Mitternachtsgrenze. Marathonlesung nennt man ein solches Messeformat. Juli Zeh hat einen schweren Romanschinken mit dem Titel Unterleuten geschrieben und ca. 70 Personen haben seinen Inhalt von 18:00 Uhr des 18. März bis zur Mittagsstunde des folgenden ersten fürs Publikum geöffneten Messetages mit den Augen verzehrt. Hoffentlich sättigend.

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Wie immer bei solchen Veranstaltungen halte ich Ausschau nach rumänischen und rumäniendeutschen Farbtupfern. Und freue mich (manchmal kindisch – was wohl meinem Alter zuzuschreiben ist), wenn ich einen finde. Und siehe da: In der großen Glashalle der Messe, wo die Öffentlich Rechtlichen ihre Literaturbühne aufgebaut hatten – für Kritikerschwergewichte wie Denis Scheck benötigt man eben Platz –, las am ersten Publikumsmessetag schon vor Mittag die aus Rumänien stammende und in der Schweiz beheimatete Schriftstellerin, Germanistin und Nederlandistin (laut Wikipedia) Dana Grigorcea. Leider blieb  sie mit ihren Gestalten aus Bușteni den Tag über der einzige Farbtupfen im Fokus der großen deutschen Fernsehanstalten auf der Literaturbühne.


In einem weiteren Programmpunkt hat Lena Gorelik in den frühen Nachmittagsstunden den Preis der Literaturhäuser 2026, dotiert mit 20.000 EURO, entgegengenommen. Sie ist eine russisch-deutsche Schriftstellerin jüdischen Glaubens. Ihr letztes Buch heißt Alle meine Mütter. Lena Gorelik hat bei der Preisverleihung erzählt, dass ihre Mutter ihr nach dem Erscheinen des Romans gesagt hat, sie habe ihn jetzt einmal als Mutter gelesen und werde ihn ein zweites Mal mit literarisch-kritischem Blick lesen.

Der Höhepunkt dieses faktisch ersten Messetages war sicherlich die Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse. Katerina Poladjan wurde in der Sparte Belletristik für ihren Roman Goldstrand ausgezeichnet. Die Protagonisten ihres Buches bewegen sich im südöstlichen Europa, also an oder im Umfeld der Donau. Ebenso wie die realen Menschen in Marie-Janine Calics’ Buch Balkan-Odyssee, wofür sie den Sachbuchpreis bekam. Über den Übersetzerpreis konnte der Österreicher Manfred Gmeiner sich für die Übertragung des Romans Unten leben aus dem Spanischen ins Deutsche, geschrieben vom peruanischen Autor Gustavo Faverón Patriau, freuen.

Heuer sollte zum ersten Mal kein Gastland die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich ziehen, sondern ein Motto. Und das war die „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“. Also da müsste doch meine Farbtupfersuche Erfolg haben. Laut Programm waren einige der von mir Gesuchten auf dieser Buchmesse unterwegs. Die Frage war bloß, ob sie auch von Kameras und Mikrofonen als fernseh- und radioreif wahrgenommen würden. Also habe ich mich diesbezüglich auf die Suche begeben.

Stephan Ozsváth
Foto: rbb / Gundula Krause
Und siehe da, es gab im großen Fernsehen ein Interview mit dem Kurator des oben erwähnten Mottos: Stephan Ozsváth. In der im deutschen Sprachraum sehr goutierten Kultursendung 3sat sprach der Ideengeber dieses Formats von seinen Beweggründen. Da durften Hinweise auf Rumänien und das Delta mit der Nachbarschaft zur Ukraine nicht fehlen. Er erwähnte, dass in letzter Zeit im Südosten Europas mehr als früher von Deportationen der Zivilbevölkerung gesprochen und geschrieben wird. 

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Am Freitag war viel los auf der Literaturbühne. ARD, ZDF und 3sat hatten im Rahmen ihres Mittagsmagazins mehrere Liveschaltungen nach Leipzig getätigt. Zielgruppe war hier eindeutig die Jugend und ihre Trends, Manga, Coming of Age, New Adult u. a..

Danach kamen wieder Autoren auf die Bühne. Zum Glück kann man streamen. Es ging in den Nachmittag und eine Schriftstellerin bot den Zuschauermassen – das darf man ohne Übertreibung so nennen – beste Unterhaltung. Ildikó von Kürthy stellte ihr neuestes Buch, Alt genug, vor. Sie stamme zur Hälfte aus Nordrhein-Westfalen und zur Hälfte aus Ungarn, sagte sie und erzählte dem erheiterten Auditorium, wie das mit dem Altern so ist. 

Danach wurde es aber ernst. Es ist wahrlich nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass es abzüglich des entfernten Hallengeräusches vor der Lesebühne mäuschenstill war. Vier Damen, drei Autorinnen und eine Moderatorin, hatten die Bühne betreten und ihr Thema generierte bei so manchem Lauscher große Nachdenklichkeit. Die Diskussion stand unter dem Motto „Demokratie unter Druck“. Schon die Titel der drei Bücher lassen aufhorchen. Sally Lisa Starken: Wenn der rechte Rand regiert; Angelique Geray: Undercover unter Nazis; Ruth Hoffmann: Raubzug von Rechts. Und als Moderatorin Cécile Schortmann zum Schluss sinngemäß die rhetorische Frage stellte, wie das wohl sei, wenn man sieht, dass hier vier Frauen über dieses Thema sprechen, brauste ein lang anhaltender Beifall auf. 

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Für das Motto „Donau – unter Strom und zwischen Welten“ wurde auf der Buchmesse eine eigene Donaubühne eröffnet. Nur wo war sie? Ich habe sie nicht gefunden und das fast schon schicksalhaft empfunden, hoffte ich doch, dort meine Literaturstars, die ich kenne (sie mich nicht, nur ich sie), vorzufinden. Dabei gab es doch so viele Programmanbieter, die sich auf der Literaturbühne abwechselten, um Autorinnen und Autoren mit ihren Büchern sowie einer sehr vielfältigen Thematik zu präsentieren. Am Samstag gehörten neben den schon genannten Sendungen der öffentlich rechtlichen Sender (Kulturzeit, Literarisches Quartett oder Best of druckfrisch) auch NDR kultur, aspekte, BR 2, SWR Literatur, rbb radioeins, Deutschlandfunk Kultur, Buchlounge, mdr aktuell. 18 Programmpunkte enthielt der laut Messeleitung ausverkaufte Samstag. Sofern ich nicht gerade im Garten war oder beim Wasserholen oder beim Saubermachen, habe ich von den Stars der Donaubühne nichts gesehen. Und wenn ich dann schon einen Blick auf die gestreamte Literaturbühne warf, sah ich nicht zum ersten Mal Denis Scheck, der immer die gleichen Bücher im Schnelldurchlauf besprach. Ein Austausch mit der Donaubühne wäre da bestimmt nicht unpassend gewesen.

Der Lesetag war vorbei. Und ich unzufrieden. Weil ich keinen Zugang zur Donaubühne gefunden hatte. Alles in mir sträubte sich, den Laptop auszuschalten. Also klickte und wischte ich weiter. Bis, ja bis ich bei der Adresse mdr.de/kultur/buchmesse/leipzig/ strandete. Hier fand ich das Fünfminuteninterview, dass mir dann doch den ausklingenden Freitag versüßte. Stephan Ozsváth (*1965), selbst gelernter Journalist, war auch diesmal der Interviewte. Und er erzählte gleich zum Beginn der Aufnahme von seiner Motivation, sich in diesem Projekt zu engagieren. „Persönlich verbindet mich mit der Donau, dass mein Vater aus Ungarn stammte, und ich hab' noch einen Stiefvater, der war Deutscher aus Rumänien, dessen Vater wiederum war Bergwerksdirektor in Reschitza, ein k.u.k.-Beamter, also ich hab’s sozusagen im Blut.“ Und der mdr-Reporter griff Ozsváths kurzen Einstieg in die eigene Geschichte mit der Ergänzung auf: „Also die Donau als Straße der Hoffnung für Auswanderer, aber auch als Deportationsroute. Da geht es um die Salpeterer, Freibauern aus dem Schwarzwald, die um ihre Rechte kämpften. Kirche und Krone verbannten sie im 18. Jahrhundert ins Banat auf dem Gebiet des heutigen Rumänien. Unter Maria Theresia wiederum waren so genannte liederliche Frauenzimmer von der Keuschheitskommission ins Banat gebracht worden. Eine Rolle spielt auch die Donau als nasses Grab mit Morden und Selbstmorden sowie als Grenzfluss zwischen Ost und West.“ […] Stephan Ozsváth betonte im Interview, dass sein Ziel mit diesem Programm war, eine Themenvielfalt zu gestalten. Von den zahlreichen Autorinnen, die „ihre persönlichen Blicke auf die Donau haben“, wurden vom Interviewer Ulrich Böhme die drei folgenden genannt: Nadine Schneider, Muri Darida und Katherina Braschel. Auch ohne bewegende Bilder von der Donaubühne, war der Tag – Pardon: Abend - für mich gerettet.

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Wenn ich schon bei mdr gelandet war, wollte ich auch am Sonntag, dem 22. März 2026 dabei bleiben. Schon um 7:03 Uhr gab es einen Morgengruß von einer charmanten Sprecherin. Und darin hieß es dann auch: „Wer europäische Literatur neu entdecken will, muss zur Halle 4. Hier findet an allen Messetagen das Programm zum Fokusthema >Donau – Unter Strom und zwischen Welten< statt, das es in diesem Jahr an Stelle eines Gastlandes gibt. Die Veranstaltungen widmen sich Geschichten aus zehn Donauländern von Deutschland bis zur Ukraine. Migration, Kultur, Identität und Zeitgeschichte spielen hier eine große Rolle.“

So hat der Buchmesse-Ticker vom Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) mich also trotz anfänglicher Enttäuschung bis zur letzten Messestunde am Sonntag, dem 22. März 2026, auf Trab gehalten. Es war schön auf der Leipziger Buchmesse, auch wenn ich versucht habe, mich vorwiegend in einer Buch-Themennische (die ich aber hier nicht nur auf das diesjährige Motto bezogen wissen will) zu bewegen. Letztendlich war mein Versuch mit Erfolg gekrönt.
Anton Potche

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