Mittwoch, 17. Februar 2010

Gedanken zum Aschermittwoch

Bischof Walter Mixa meint, von den polizeilich registrierten Missbrauchsfällen in Deutschland entfielen auf die Priesterschaft nur ein "verschwindend geringer" Teil. Das mag rein statistisch so sein, doch scheint Herr Mixa zu übersehen, dass solche Vergehen in einer Institution, die in ihren Beichtsprüchen eine Menge von Unkeuschheitsverboten festgeschrieben hat, jeder Missbrauch von der Gesellschaft doppelt gewichtet wird.

Ich habe zwar längst vergessen, wie ein Beichtstuhl von innen aussieht, aber von diesen Sprüchleins auf meinem Beichtspickzettel aus meiner Erstkommunionszeit erinnere ich mich an Verbote wie: Du sollst keine Unkeuschheit denken, anschauen, treiben, weder mit dir noch mit anderen! Oder so ähnlich. Natürlich hatte ich damals keine blasse Ahnung, was damit gemeint war. Aber wenn selbst Priester das nicht wussten oder heute noch nicht wissen, woher sollte ich unaufgeklärter Bube, der nicht einmal wusste, was er mit seiner ersten klebrigen Unterhose anfangen sollte und sie verstohlen auf den großen Familienwäschehaufen schmiss, das begreifen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, diese Gesellschaft ist nicht besser als ihre Priester. Westerwelle spricht von kulturellem Niedergang.

Der Bestriebsrat meines Unternehmens hat eine Spendenaktion für die Opfer des Erdbebens in Haiti organisiert. Mein IG-Metall-Vertrauensmann hat mir erzählt, dass von meinen 30 Arbeitskollegen gerade mal vier (4) etwas gespendet hätten. Ich rede hier von Leuten, die in einem relativ sicheren Arbeitsverhältnis stehen und überdurchschnittlich gut verdienen, Leute die von "denen da draußen" sprechen, wenn sie sich auf Mitmenschen in mittelständischen Unternehmen beziehen.

Ja es kam noch schlimmer. Der Vertrauensmann senkte merklich den Ton, so als wollte er selbst nicht hören, was er mir noch zu sagen hatte. Einer der Kollegen wollte von ihm sogar wissen, was er unternehmen könne, um seine Restcentspende zu widerrufen. Es handelt sich auch da um eine Initiative des Betriebsrates aus dem Jahre 2004. Seit damals verzichten Arbeitskollegen - ich hoffe trotzdem, es sind viele - auf den Centbetrag hinter dem Komma ihres Monatsendgeldes zugunsten verschiedener Straßenkinderprojekten, hierzulande und weltweit.

Viel schlimmer als Westerwelles "altrömische Dekadenz" ist der Verfall jeglichen Mitgefühls in der noch gut verdienenden und sozial abgesicherten deutschen Mittelschicht.

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