Samstag, 17. April 2010

16. Literarische Nacht in Ingolstadt

Im Rahmen der zur Zeit über die Bühne gehenden 17. Ingolstädter Literaturtage (9. bis 25. April 2010) fand gestern Abend die 16. Literarische Nacht statt. Sie war wie eh und je den Autorinnen und Autoren aus der Region vorbehalten. Gelesen wurde in fünf Blöcken. Circa 10 Minuten Lesezeit waren für den Einzelnen vorgesehen und wurden auch respektiert. Das Afrika-Thema der Literaturtage musste nicht, durfte aber angeschnitten werden. Die Stuhlreihen in der Herderbastei waren zu 90 Prozent besetzt.


Begonnen wurde der Reigen von Michael von Benkel. Prosa. Das war schon mal ein vielversprechender Einstieg, diese Erfahrungen eines Münchner Taxifahrers, eine amoröse, nie ins Kitschige abgleitende Geschichte.
Martina Funk las mit monotoner Stimme eine Realität-Erinnerung-Traum-Geschichte, die zur vorherigen stark kontrastierte. Aber eine lesbische Beziehung könnte tatsächlich so beginnen. Literatur ist und bleibt eben Geschmackssache.
Iris Koller rezitierte ihre Gedichte im Stehen. Arbeit für die Organisatoren: der Tisch musste weg. Liebesgedichte. Leichte, interessante Reimspielereien, oft nur drei, vier Silben. Leider war die Beleuchtung schlecht. Lautmalereien ohne Gesicht büßen viel an Qualität ein.
Edeltraut Skawran erinnerte mich an die alten Dirigenten Karajan und Celibidache, die kaum noch ein Dirigentenpult besteigen konnten und trotzdem weiter dirigierten. Der Senioren-Autorin Gedichte umschreiben meist die Natur und ihre Bemühungen um den Reim waren spürbar. Wie könnte es auch anders sein.
Elisabeth Willner las eine Kindergeschichte, die etwas gekürzt reif für die Bayern 1-Sendung "Das Sandmännchen" wäre, wenn sie nicht mit diesem schrecklichen Ende, mit dem man ein Kind nicht in den Schlaf lesen sollte, ausklingen würde.


 Mit dem Kunstpreisträger der Stadt Ingolstadt, dem vielseitigen Künstler (Musik, Malerei, Literatur) Klaus W. Sporer, startete die zweite Lesestaffel. Das waren schon allesamt Leute mit Printveröffentlichungen. Sporers Lyrik fesselt. Seine Stimme ist prägnant und seine Botschaft eindringlich. Es geht um Afrika: "Das Wasser zieht sich zurück / Das Tote wird festgeschrieben:"
 TIA bedeutet This Is Africa. Über diesen viel gebrauchten Satz hat Giesela Geiseler eine anrührende Erzählung zum Besten gegeben. In einer engagierten Lesung nahm die Autorin die Zuhörer mit nach Tansanien und ließ zwei Kulturen, die europäische und die afrikanische, im wahrsten Sinne des Wortes aufeinanderprallen.
Paul Misch referierte zuerst mal kurz über das Kommende: "Ich hatte einen Text, der hieß Mein Nachbar. Ich habe ihn dann umbenannt in Mein afrikanischer Nachbar. Also blieb auch er beim Thema Afrika. Die zweite Erzählung, die er las, trug den Titel Einen Freund haben. Der Autor ging mit beiden Themen in sehr aufgeräumter Lesart um.
Dass es zwischen dem Ingolstädter Haus im Steinernen Meer in den Alpen und dem Steinmeer vor dem Ingolstädter Rathaus zwar gewisse sprachliche Analogien, aber weiß Gott keine ästhetischen Gemeinsamkeiten gibt, ließ Hildegard Wirthmüller in Stadtgeflüster-Manier (DONAUKURIER-Glosse) die engagiert mitgehende Zuhörerschaft wissen. Und warum ein solcher Text möglich ist, erläuterte sie sozusagen als Abspann: "Alle die über Ingolstadt kommandieren, sind ja keine Ingolstädter."
Bei Aribert Ebert wechselte die Stimmung zwischen Heiter und Nachdenklich. Ein Gedicht über Robert Enke ist mehr als das Folgen einer Zeitgeistlaune. Dass solche Ereignisse zwar Schatten werfen, aber zum Glück immer noch Raum für Jahresablaufwahrnehmungen, und zwar lebhafte, lassen, durfte der Leser in Gedichten wie Fasching, Ostern, Spargel, Erd und Beere erfahren.

Dann ward die letzte Runde angesagt. Noch drei Namen standen auf dem Programmzettel. Die wurden dann schnell vier, denn Jens Rohr hatte zur Darbietung einer dramatisierten Erzählung seinen Freund, den Radio-IN-Redakteur Oliver Scholtyssek, mitgebracht. Die Zuschauer konnten bei entsprechender Konzentration nachvollziehen, wie ein schlechter Traum zum Trauma werden kann.
Danach setzte sich ein echter Spund, kaum der Pubertät entwachsen - zumindest dem Aussehen nach - an den Lesetisch. So stell ich mir hochkarätige Poetry-Slam-Akteure vor. Der Mann hatte eine echte Mikrofonstimme, las schnell, schnörkellos, verständlich, nachvollziehbar, hatte einen reichen Wortschatz und eine Menge zu sagen. Trotz aller jugendlicher Lebensfreude, ja sorgloser Überschwänglichkeit - "Bis 30 will ich einen Sportwagen versoffen haben" - leiden seine Gedichte keinen Moment an Seriosität. Man könnte nur zuhören. Wenn Thomas Wensing dranbleibt und das nötige Glück in der beschwerlichen Suche nach einem Verlag hat, könnte er auch über die Region hinaus im Literaturbetrieb Fuß fassen.
Ein kurzer Künstlername stand als Letzter auf dem Programmzettel: ChaBé. Dahinter verbirgt oder besser gesagt brilliert eine Frau. Und zwar mit hervorragender, fantasiereicher Erzählkunst. Das Korsett ist eine beeindruckende Doppelmetapher: zum einen über die Selbstverständlichkeit des Daseins in Ketten - von uns in Freiheit lebenden Menschen kaum nachvollziehbar - und zum anderen über die unergrünbare, äußerst gefühlvoll und knisternd vor Spannung keimende Begehrlichkeit nach dem Andersartigen, Andersfarbigen. Das ist Liebe par excellence.

Für die musikalische Untermahlung dieses gelungenen Literaturabends zeichnete der international bekannte Live-Elektronik-Musiker Ludwig Berger und für die entsprechenden Bildprojektionen sorgte Peter Vetter. Niemand musste hungern und dursten, denn eine Angestellte des Kulturamtes der Stadt verköstigte in den zwei Pausen Aktive und Passive mit Weißwürsten & Brezen und Getränken. Auch Bier. Schließlich bleibt Ingolstadt auch während dieser Afrika-Tage in Bayern.

(Fotos: Anton Potche)

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