Samstag, 24. April 2010

Die Kunst des Zelebrierens

Keine Frage, das können die Damen und Herren in der Kirche, den Heldentod mediengerecht zelebrieren. Und das Volk versteht es, dankbar beizuwohnen und den "für uns Gefallenen" auf diese Art und Weise die letzte Ehre zu erweisen - mit einem Bier, einem Rotwein oder einer Tasse Cappuccino im Straßencafé. Wenn dann auch noch das Wetter passt, kann ein Samstagmorgen nicht abwechslungsreicher, um nicht zu sagen unterhaltsamer, sein.


So geschehen an diesem Frühlingssamstagmorgen des 24. April 2010. Tatort: Fußgängerzone Ingolstadt. Im Münster "Zu unserer lieben Frau" werden vier in Afghanistan gefallene deutsche Soldaten verabschiedet. Viele Prominente und Uniformierte haben sich in der Kirche versammelt. Das Volk davor. Dank Videoübertragung des Gottesdienstes nimmt es mehr oder weniger gerührt am Geschehen Teil und hört Sätze wie: Nichts macht hilfloser als der Tod. - Ich trage Verantwortung für Ihre Trauer.


So spricht Deutschlands Verteidigungsminister auf dieser zentralen Trauerfeier für die letzten vier am Hindukusch gefallenen deutschen Soldaten. Wenn es nur die "letzten" wären. Dass dem aber mit aller Wahrscheinlichkeit nicht so sein wird, klingt in Karl-Theodor zu Guttenbergs Rede an: Unsere Zusage an das afghanische Volk gilt. - Tod und Verwundung sind Begleiter unserer Einsätze geworden und werden es wohl auch in Zukunft bleiben.

Ob von den Zaungästen in der Ingolstädter Innenstadt jemand den Sinn dieser Zusage verstehen kann, darf als rethorische Frage im Raum stehen bleiben. Wer aber mit Sicherheit nicht verstehen kann, dass diese vier Männer - der jüngste von ihnen war gerade mal 24 Jahre alt - in einem uns so fremden Krieg in Afghanistan gefallen sind, "um unsere Freiheit zu schützen" (Guttenberg), sind die Angehörigen der Verstorbenen, die in der ersten Reihe mit der verhärmt wirkenden Kanzlerin Angela Merkel sitzen. Schließlich ist sie es, die an einem sturen "Weiter so" festhält.


Und sie scheint die Rückendeckung einer breiten Mehrheit im Bundestag zu haben. In der Ingolstädter Fußgängerzone stand etwas weg vom Geschehen ein kleines Häuflein mit einem Spruchband und Flugblättern mit der Forderung Raus aus Afghanistan. Die jungen Männer waren von der ... NPD.

Nur wenige Minuten, nachdem die Trompete mit dem Lied Ich hatte einen Kameraden verstummt war, nahm der Alltag in Ingolstadt seinen Lauf. Das Ereignis schaffte es immerhin in die Nachrichten der Radio- und Fernsehsender. Die Ingolstädter nahmen ihren Lauf aber im wahrsten Sinne des Wortes auf und starteten schon eine Stunde nach der Trauerfeier zu ihrem jährlichen Halbmarathon.

(Fotos: Anton Potche)

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