Montag, 7. Juni 2010

Du kommst von deinem Dorf nie los

Am Freitag habe ich mir im Literaturhaus München die Ausstellung Herta Müller. Der kalte Schmuck des Lebens angeschaut. Wer bei diesen hochsommerlichen Temperaturen eine Gänsehaut verspüren will, der sollte dort reingehen. Aber bitte Zeit mitbringen, nicht durchrennen, um nachher sagen zu können: Ich war auch dort. Denn jetzt ist sie ja unsere liebe Landsfrau, die Herta Müller, wenn wir Landsmänner sie vorher auch nicht sonderlich mochten - mit gewissen Abstufungen.

"Dann fuhr der Zug immer in die Stadt, paarmal am Tag. und das war auch meine Uhr. Ich wusste immer, wenn der dritte Zug fährt, dann ist es abends und dann darf ich nach Hause." Nach Nitzkydorf. Denn das ist das Dorf der Herta Müller, das sie nicht lieben konnte und von dem sie nicht loskommt, jetzt, wo sie auf dem Literaturolymp thront, noch weniger als vorher. Die Nacht ist aus Tinte gemacht - Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat. Auf der ersten der zwei CDs aus dem supposé Verlag Berlin erzählt sie auch die obige Episode mit dem Zug.

Die kenne ich auch, doch lange nicht so tragisch. Bei uns hieß es immer: "Schnell hoom, de Finef-Uhr-Zug kummt." Das war die Zeit, als unsere Eltern aus der Stadt von der Arbeit kamen und wir so einige unerlaubte Ausflüge in die Dorfumgebung zu vertuschen hatten. Herta Müllers Nach-Hause-Dürfen war bei uns Buben ein Nach-Hause-Müssen. Nach Jahrmarkt. Denn das ist das Dorf  meiner Kindheit, das ich nicht besonders lieben konnte und von dem ich nicht loskomme, jetzt, wo ich mich dem Rentenalter nähere, noch weniger als vorher.


Dass ich Nitzkydorf in dieser Ausstellung unzählige Male in Klein- und Großformat begegnen werde, war mir klar, dass ich aber in einem der vielen Filmdokumente in mein Dorf des Jahres 1971 zurückgeführt werde, hat mich dann ziemlich überrascht - trotz aller zwiespältigen Gefühle angenehm. Du kommst von deinem Dorf eben nie los.

(Foto: Anton Potche)

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