Sonntag, 1. August 2010

Wo Hoch- und Volkskultur harmonieren -

 
- da liegt Ingolstadt an der Donau. Auch an diesem ersten bayerischen Urlaubstag. Der Weg in die Altstadt ist ruhiger als sonst. Nur der Pfeifturm blinzelt vergnügt in die Mittagssonne. Das Kirchenschiff unter ihm hat sich längst geleert. Und trotzdem scheint er den Menschen, die sich der Altstadt von Süden nähern, zuzurufen: Kommt nur herein in die alten Gassen, das Leben geht andernorts weiter.

Und wahrlich, nur einige Straßen weiter strömen die Menschen in die Asamkirche "Maria de Victoria". Wie jeden Sonntag: "OrgelMatinee um Zwölf". Harald Eckert, Trompete, Alfred Rabl, Trompete, Jakob Paul, Trompete, Ludwig Schmid, Percussion und Michaela Mirlach, Orgel werden im Programmheft als Gestalter dieser Matinee angekündigt. Die Stückeauswahl klingt ziemlich ungewöhnlich für diese Konzertreihe, stellt aber längst keine Ausnahme mehr dar. Man hat sich in den letzten Jahren - die Kulturveranstaltung besteht immerhin seit 1990 - an so manches gewöhnt. Und das ist nach Wowereit auch gut so.

Die Kirche ist wie immer voll besetzt. Mit Ihr lieben Christen, freut euch nun - Kantate BuxWV 51 - Sinfonia - Chor von Dietrich Buxtehude (um1673 - 1707), in einer Bearbeitung für Trompeten, Pauken und Orgel, geht es los, oben auf der Empore über den Köpfen der Kirchenkonzertbesucher. Ein etwas wackliger Start. Man spürt die Unsicherheit bei den Trompeten, obwohl hier ein Lehrer (Eckert) mit zwei Schülern am Werke ist. Trotzdem gelingt es dem Ensemble, zu vermitteln, dass Dietrich Buxtehude zu den Vertretern der Hochkultur des 18. Jahrhunderts gehört, und die Voraussetzungen, "um uns nun zu freuen", sind gut.

Dann die erste Überraschung. Angenehm, würde ich sagen. Text und Musik müssen nicht nur im Lied harmonieren. Sie können sehr gut auch nebeneinander bestehen, und das, selbst wenn sie aus verschiedenen Kultursphären kommen. Eine sympathische junge Frau steht am Lesepult. Und liest: Mundart, Bayrisch. "Moanst du, es gibt ka Wunder mehr?" Dass es die schon immer gab, zum Glück auch in der Musik, darf das gespannt lauschende Auditorium sofort erfahren.

Franz Joseph Breitenbach (1853 - 1871) ist ein schweizer Komponist. Michaela Mirlach spielt seine Fantaisie pastorale et tempete dans les Alpes. Die Utensilien, mit denen Ludwig Schmid sie unterstützt, klingen nach Becken, Kuhglocken, Wasserpfeife und anderen nach Gehör schwer einzuordnenden Percussionswerkzeugen. Da feiert die Alpenwelt einen triumphalen Einzug in die Kirchenmusik. Wer könnte ein aufziehendes Gewitter und sein Abziehen in der Ferne musikalisch besser darstellen als die gekonnt gespielte Königin der Instrumente. Aber erst im Einklang mit den Originaltönen dieser Welt ensteht das richtige Alpenpanorama, fähig, dank eines jubelnden Abschlussmotivs noch lange in den Herzen der Zuhörer nachzuklingen.

Intraden - auch Entraden - sind zu festlichen Anlässen, etwa beim Eintritt einer Persönlichkeit oder beim Aufzug eines Bühnenvorhangs, gespielt worden. Viele ihrer Autoren sind anonym geblieben. Drei Intraden für drei Trompeten, Pauken und Orgel erklingen auch in dieser Orgelmatinee: eine schnelle, eine langsame im Dreivierteltakt und ... ein Gedicht, das zum Nachdenken anregt. Eine zweite Sprecherin ist ans Lesepult getreten: "Wir haben den Weltraum erobert, / Aber nicht den Raum in uns." Die dritte Intrade beweist, dass die Trompeter ihre Sicherheit längst wiedergewonnen haben. Ihre kraftvolle Ankündigung gilt einem ebensolchen Orgelwerk.

Alexandre-Pierre-Francois Boëly (1785 - 1858) hat diese Fantasia pour le verset JUDEX CREDERIS au Te Deum Opus 32 komponiert. Uff, da geht die Post ab. Laut Programmheft wurde der Komponist wegen dieser nonkonformistischen Musik "von seinem unmusikalischen Pfarrer entlassen". Zu Unrecht, wie Michaela Mirlach überzeugend beweist. In dieses Stück könnten sogar Rocker mit Gewinn reinhören. Und der Schluss? Eine echte musikalische Pointe.

Dann ist sie da, die Volkskultur, unter Cosmas Damian Asams einzigartigem Deckengemälde. Da horcht sogar der immer zielsichere Bogenschütze über der Empore auf.  O Maria, Morgenstern. Original alpenländisch, mit Alphorn, Flügelhörnern und der Orgel. Man setzt auf die Ergriffenheitsfähigkeit der Menschen und obsiegt. Auch das nächste Stück, Wachet auf, ihr Menschenkinder, ist im vorweihnachtlichen Volksmusikstil - nicht volkstümlich - komponiert. Die weichen Klangfarben der Flügelhörner sind wie geschaffen dafür.

Eine dritte Sprecherin und ein Gedicht. Ich weiß nicht sofort, was ich damit anfangen soll. "Bei uns in Bayern is aah scheen."  Das Dilemma Urlaub zu Hause oder irgendwo wird aufgetischt. Ach ja, wir sind heute eigentlich nie in der richtigen Kirchenmusikwelt gewesen und das letzte Stück dieser Matinee trägt uns endgültig hinaus in die Welt mit ihren unruhigen Zeiten, Kriegen und Revolutionen. Claude-Benigne Balbastre (1727 - 1799) hat diesen Marche des Marseillois et l'Air CA-IRA komponiert. Er erinnert mich ein wenig an die Parteihuldigungsmusik aus meinen rumänischen Jahren. Rumänisches Marschlied aus der Zeit der Ceauşescu-Diktatur



Lange anhaltender Beifall. Und eine Zugabe, die jeder kennt: Eurovisionsmelodie - Präludium des Te Deum in D-Dur von Marc-Antoine Charpentier (1643 -1704). Dann steigen die fünf Protagonisten dieses abwechslungsreichen Konzertes endlich von der Empore und zeigen sich ihrem Publikum, mit Sonnenbrillen - schließlich haben wir heute den ersten Sommerurlaubstag in Bayern. Orgel und Pauken haben das Nachsehen. Dafür gesellen die drei charmanten Sprecherinnen sich zu ihnen.

Standing Ovation! Was will man mehr als Musiker und Kulturträger in weitestem Sinn. Es sind Tage wie dieser, an denen Hoch- und Volkskuktur harmonische Stimmungen in Menschen erzeugen, die sie mit auf den Heimweg nehmen können. Umso mehr, wenn dieser Weg durch die traumhafte Auenlandschaft der Stadt an der Donau führt.

(Fotos: Anton Potche)

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