Donnerstag, 16. Februar 2012

Mangels aktueller Angebote

Ja, so könnte man es auch sagen. Mangels aktueller Angebote, greift man auf Altbewehrtes zurück, oder man begnügt sich mit dem, was man eben findet. 400 Filme bietet die Berlinale heuer den filmhungrigen Berlinern. Darunter sind auch ein rumänischer Streifen und zwei mit rumänischer Beteiligung. Der rumänische Film der letzten Jahre hat im Westen einen sehr guten Ruf. Bestimmt besser als zu Hause. Toată lumea din familia noastră (Alle aus unserer Familie) von Regiseur Radu Jude läuft in Berlin in Originalsprache mit englischen Untertiteln.

Doch ist man nicht in Berlin und weiß aus Erfahrung, dass Filme aus dem wirklichen Leben in deutschen Kinos kaum eine Chance haben. Auf allen Leinwänden wird geballert, was das Zeug hergibt. Auf Amerikanisch, versteht sich. Als Kritiker vor einigen Wochen Corneliu Porumboius Poliţist, adjectiv (Police, adjective oder Polizeilich, Adjektiv) priesen, dachte ich mir, aber jetzt, ein rumänischer Streifen, den schaust du dir an. Denkste! Bis heute keine Spur davon in den Sälen – und das sind einige - des Ingolstädter CineStar.

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Also bleibst du dabei, hat meine Wenigkeit sich gedacht, als vor zwei Wochen im rumänischen Fernsehen Întoarcerea lui Vodă Lăpuşneanu lief, in der Regie von Malvina Urşianu. Um es vorwegzunehmen: Ich habe es nicht bereut.

Der Film wurde 1980 gedreht. Ob er in den rumänischen Kinos gelaufen ist, weiß ich nicht. Der Streifen hat zwar stellenweise patriotischen Pathos, aber auch nicht mehr als andere Epochenfilme, die als große Kostümgalen aus Hollywood daherkommen. Es war eine dunkle Zeit damals in der Moldau, dem rumänischen Fürstentum. Und so ist auch der Film.

Viel Katakombenatmosphäre. Alexandru Lăpuşneanu könnte in Westeuropa den gleichen Ruf genießen wie Vlad Ţepeş, das Dracula-Vorbild. Er war diesem in seiner Blutrünstigkeit zumindest ebenbürtig. Ţepeş, der Pfähler, hat es im Fürstentum Muntenien immerhin auf drei Regierungsperioden gebracht, während Alexandru Lăpuşneanu in der Moldau nur zweimal regierte: September 1552 – November 1561 und März 1564 – März 1568.

Wie der Titel des Films, Die Rückkehr des Fürsten Lăpuşneanu, schon ankündigt, wird die zweite Regierungszeit behandelt. Wie das schon so ist bei vertriebenen Machtmenschen: Bei ihrer Rückkehr wird der Augiasstall ausgemistet. Das führte besonders im finsteren späten Mittelalter zu Intrigen, Hinrichtungen, Massenmorden und oft wie im Fall Lăpuşneanus zum eigenen gewaltsamen Ende. Ich musste während des Films öfter mal an Umberto Ecos Der Name der Rose denken – zufällig auch 1980 erschienen.

 Malvina Urşianu (*1927) hat schon vor 30 Jahren gezeigt, was den rumänischen Film auch heute noch auszeichnet: eine Wortkargheit, die den Bildern größtmögliche Ausdruckskraft lässt. Hier ist viel Martialität im Spiel. Das geht natürlich nur mit hervorragenden Darstellern. George Motoi (*1936), hier in der Rolle des Lăpuşneanu, ist einer von ihnen. Da sprechen Blicke und versteinerte Mienen, von einer sehr geglückten Kameraführungen in Szene gesetzt, die dieser Gestalt sogar im Angesicht des eigenen Todes den Anstrich der Unerbärmlichkeit verpassen.

Und doch: Auch wenn Lăpuşneanu seine Bojaren an der fürstlichen Festtafel niedermetzeln ließ, haftet ihm etwas poetisches an - natürlich angedichtet. Die Sprache hebt den Helden aus den Sümpfen der niederen Mordgelüste und lässt den Eindruck einer Zeit mit romantischen Umgangsformen entstehen. Auch wenn dem mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so war, spricht dieser Aspekt des Films von der Sprachverspieltheit der Rumänen. "Românul s-a născut poet – Der Rumäne wurde als Dichter geboren", soll Vasile Alecsandri mal gesagt haben. Dem kann man Glauben schenken, wenn man an die Dialoge in diesem Film denkt: "Cum e vremea? – Wie ist das Wetter?", fragt der Fürst, und sein höchster Heerführer antwortet, "Au dat mugurii. Acuşi iasă plugurile. - Die Knospen sprießen. Bald rücken die Pflüge aus."

Es war März, als ein Gifttrank den Fürsten der Moldau seinem verdunkelten Geist entriss. Die Chronisten schrieben das Jahr MDLXVIII.

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Wie sagt Doris Dörrie: "Die Festivals überall auf der Welt werden immer mehr zu einem Museum. Viele Filme sind nur da zu sehen und schaffen nie mehr den Weg ins Kino." So bleibt die Hoffnung, dass das Fernsehen sich auch weiterhin um diesen wichtigen Kulturauftrag kümmert. Es ist ein kulturelles Vergehen, einen Film dem Publikum vorzuenthalten. Kinoanbieter sind heute aber Unternehmer und keine Kulturidealisten. Also wird der ökonomische Aspekt auch weiterhin ihre Auswahlkriterien bestimmen.

(Fernsehfoto: Anton Potche)

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