Mittwoch, 11. Juli 2012

Zeitgenössische Literatur aus Rumänien in der Literaturzeitschrift „Die Horen“


Friedrich Schiller gründete im Jahre 1795 die Literaturzeitschrift Die Horen. Nach zwei Jahren war bereits Schluss. Aber anspruchsvolle Zeitschriftenliteratur wird heute noch mit Schillers publizistischer Tätigkeit verglichen. Wen wundert’s, wenn zu den Textlieferanten Namen wie Johann Wolfgang Goethe, Johann Gottlieb Fichte, Johann Gottfried Herder oder Wilhelm von Humboldt gehörten. Von Schiller selbst sind Briefe und Abhandlungen bekannt, die seine endgültige Abkehr von der Philosophie, besonders von Emanuel Kant, und Hinwendung zur Literatur festhalten. In den Horen erschien 1795 eine Reihe von Briefen unter dem Titel Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Darin kann man das Credo des deutschen Klassikers klar erkennen: „Nur der Dichter ist der wahre und eigentliche Mensch, nur von ihm ist für die Sache der Menschheit Ernsthaftes und Heilsames zu erwarten. Der beste Philosoph ist nur eine Karikatur gegen ihn.“

Selbst wenn wir mal Abstand von der Vorstellung nehmen, welche Reaktionen eine solche Aussage heute im Feuilleton auslösen würde, müssen wir Schiller ein gesundes Selbstbewusstsein zugestehen. Ohne das kann man auch heute keine Literaturzeitung über eine längere Zeitspanne am Leben erhalten. Man muss von der Literatur und ihrer Wirkung auf die Gesellschaft überzeugt sein. Und das ist möglich, ohne dass man sich gleich die selbstherrliche Einstellung des Sturm-und-Drang-Protagonisten aneignet. Der beste Beweis dafür sind die horen selbst. Es gibt sie nämlich auch heute noch. 1955 hat der Schriftsteller Kurt Morawietz (1939 – 1994) die Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen gegründet. Der Schrift nach urteilend, hat der Gründer an kleinere Schwestern der schillerschen Horen gedacht. Vielleicht war es eine Verneigung vor dem Schöpfer des Don Carlos, Wilhelm Tell, der Räuber usw. Die Namen, die man seither aber in den horen findet, sind auch aller Ehren wert: Bertolt Brecht, Franz Fühmann, Günter Grass, Peter Härtling u.v.a.

Im Internet-Auftritt der Zeitschrift heißt es: „Zum Themenspektrum der Zeitschrift gehören nahezu alle Aspekte zeitgenössischer Literatur. [...] Zum Markenzeichen geworden sind die Auswahlbände zur fremdsprachigen Literatur, vorwiegend mit deutschen Erstübersetzungen.“
Eins dieser Bände ist im 3. Quartal 2009 erschienen. Es handelt sich um den Band Nr. 235 mit dem Titel Die halluzinogene Katze / Träume, Realien – Stimmen & Stimmengewirr aus der Gegenwart Rumäniens. Zusammengestellt wurde diese Ausgabe der horen vom Leiter des Berliner Literaturhauses, Ernest Wichner. Er gibt in der Einführung dieser interessanten Blumenlese zu, dass „diese Auswahl alles andere als repräsentativ sein kann. Sie liefert eine von mehreren möglichen Perspektiven auf das, was heute und in den letzten eineinhalb Jahrzehnten in Rumänien geschrieben wurde und wird.“ Dass die Qualitätsansprüche dieser Zeitschrift ohne hervorragende Literaturübersetzer nie und nimmer befriedigt werden können, dürfte jedem Leser einleuchten. Dieser Band wurde durch die Übersetzerarbeit von Georg Aescht, Michael Astner, Jan Cornelius  und Gerhardt Csejka erst ermöglicht. Auch Wichner hat einige Texte aus dem Rumänischen übersetzt.

Und so setzt das literarische Blumenbukett sich zusammen:
Petru Cimpoeşu (*1952): Ein Schriftsteller aus Bukarest ist gekommen – Über soviel Aufmerksamkeit, wie diesem Schriftsteller aus Bukarest zuteil wurde, würde sich so mancher Autor freuen. Besonders wer die Verhältnisse im kommunistischen Rumänien kannte, wird beim Lesen dauernd affirmativ schmunzeln.
Ioan T. Morar (*1956): Lindenfeld – Man kann gegen die Erinnerung nicht ankämpfen. Aber man kann auf sie hereinfallen, wenn andere die Phantasie, das Talent und den Mut zur Wiederauferstehung eines böhmischen Dorfes haben.
Niemand weiß besser wie Ioan Es. Pop (*1958), dass es zwischen Im-Kreis-Fahren und Gar-nicht-Fahren kaum einen Unterschied gibt. Năneşti heißt die Ortschaft, die sich für die Beweisführung in reimlosen Versen regelrecht anbietet.
Und dann sind sie da, Gedichte, die niemand versteht, aber ohne die keine Literaturzeitschrift, die etwas auf sich hält, auskommt. Ion Mureşan (*1955 ) hat sie geschrieben und man kann zumindest annehmen, dass Ernes Wichner ihren Sinn erfasst hat. Sonst wäre aus der Übersetzung ins Deutsche nichts geworden.

Lucian Dan Teodorovici (*1975): Unser Zirkus - Das ist einer jener Texte, bei denen man nicht so richtig weiß, wie man sie einordnen soll. Man liest eine verrückt anmutende Provinzpostille, die etwas von der Trostlosigkeit der rumänischen Übergangsgesellschaft, auch Transformationsgesellschaft genannt, – wie lange noch? – transportiert.
Dan Lungu (*1969): Infraenergie - Mieter-Vermieter-Verhältnisse sind nicht immer von gegenseitigen Sympathiebekundungen geprägt. Das kann schon mal ins Auge gehen. Aber wer am längeren Hebel sitzt, klärt sich auch hier schnell auf.
Gheorghe Săsărman (*1941): Die Narbe – Den rumänischen Schriftstellern scheint der magische Realismus zu liegen. Auch in diesem Text balanciert der Autor auf dem schmalen Grat zwischen Magie und Realität, wobei die Pointe erst im Gruseligen ihre wahre Wirkung entfaltet.
Daniel Bănulescu (*1960): Der dritte Tag: „Nicht lügen” – Diese in Wohnsilos entstandenen und auch dort spielenden Geschichten haben sich in der rumänischen Literatur zu einem eigenen Genre entwickelt. Man kommt schon mal schnell von der Anspielung zur Tat, also ins Bett. Wie heißt das so schön? Es bleibt doch in der Familie.
Ioana Bradea (*1975): Freitag abend – In diesem Fragment kommen alle in Rumänien gängigen euphemistischen Invektive zur Geltung, was den Übersetzer leicht ins Schwitzen hätte bringen können. Das ist die reinste Pornosprache á la Roche. Dass auch ein Ernest Wichner diesem schwachsinnigen Zeitgeist verfallen ist, wundert mich schon ein wenig. Na ja, wer auf einen repräsentativen Querschnitt der zeitgenössischen Literatur hinaus ist, der muss halt auch solche Texte berücksichtigen.
Cezar Paul Bădescu (*1968): Eine Reise im Morgengrauen – Oh, was haben wir denn da? Pornohorror. Oder Horrorporno. Egal. Alles dreht sich um einen abgeschnittenen und wieder angenähten Schwanz. Ein bisschen Sex, ein bisschen Geheimnis – Tja, so ist das nun mal mit dem Erstenmal und einer großen Pause danach. Wir lesen ein mit viel gutem Humor verfasstes Bekenntnis. So geht es auch: ohne eine Spur von Obszönität. Gute Literatur.
  
Gedichte von Daniel Bănulescu (*1960) und Caius Dobrescu (*1966) sorgen für Abwechslung in dem Sinne, dass man sich als Leser Interpretationen nach eigenem Gusto leisten kann. Wie das bei der Gegenwartslyrik eben so ist, in allen Sprachen und über alle Kontinente hinweg. Experimentieren, experimentieren, experimentieren.

Mircea Cărtărescu (*1956): Jenseits von Raum, Zeit und Erinnerung – Der rumänische Literaturstar schlechthin. Im deutschen Feuilleton. Nicht gleichzusetzen mit Deutschland, kümmern sich doch schätzungsweise nur fünf Prozent der Deutschen um Kultur. Wie viele davon sich für Literatur interessieren – als solche vom Feuilleton anerkannte –, ist statistisch nicht erfasst. Also darf man annehmen, dass stark autobiografisch geprägte und reichlich mit Fantasie angereicherte Texte - wie der hier veröffentlichte und Jenseits von Raum, Zeit und Erinnerung stehende - nicht in besonders vielen deutschen Bücherregalen überleben werden. Auch da gilt: Wer als Rumäniendeutscher mal über die Grenzen seines Dorfes hinausgeschaut hat, kann mit dieser Literatur dann doch etwas anfangen.

Es folgen Gedichte von Claudiu Komartin (*1983) und Teodor Dună (*1981). Reflexionen und besonders letzterem kann man eine gewisse Todessehnsucht nicht absprechen.

Somona Popescu (*1965): Häutungen – Dieser Text ist wohl das Intimste, was man mit Sprache aus sich herausholen kann. Ich fand es (angenehm) merkwürdig, dass man einen so ichbezogenen Text dermaßen leicht lesen kann.

Cristian Popescu (*1959): Über Vater und uns – Das ist eine skurrile Familiengeschichte. Die Sinne spielen verrückt, werden dauernd vermischt und ausgetauscht, so dass ein spürbarer Synästhesieeffekt entsteht.

Radu Vancu (*1978) und Mariana Marin (1956 - 2003) schreiben / schrieben epische Gedichte. In Vancus „Versen” klingen sozialkritische Töne mit, während in der Poesie Marins die in der Dichtkunst so oft angetroffene Selbstreflexion dominiert.

Simona Popescu (*1965): Sie glauben nicht daran, dass es (auch) eine poetische Realität gibt – Man könnte hier von einem Traktat, in Prosa und Versen, über die Poesie sprechen. Mugur Grosu (*1973) präsentiert in ich erinnere mich an die Kollateralfrau schwer verdauliche literarische Kost. Was man heutzutage so alles Literatur nennt...

Iulian Tănase (*1973): Abgrunde – Der Autor bemüht sich, den Schlaf als den Idealzustand unseres Seins darzustellen. Nur in ihm können wir Träume haben, die „unsere Persönlichkeit und Identität prägen“ und „uns tatsächlich zu realen Wesen machen“.

Dan Sociu (*1978) schreibt Liebeslyrik. Besonders wer seine glücklosen Liebesjahre noch nicht vergessen hat – es sei denn, er hat seine Jugendliebe geehelicht -, weiß wovon dieser Dichter schreibt.
Natürlich kann man sich anhand von drei Gedichten keine Meinung von einem Dichter bilden. Aber auf den ersten Blick scheint T. S. Khasis (*1975) ein Meister der Belanglosigkeit zu sein.

Nora Iuga (*1931): Der kleine Dichter ist tot – Dieser Nachruf auf Bobiţă stimmt nur eins: traurig. Constantin Virgil Bănescu ist 2009 im Alter von nur 27 Jahren gestorben. In dieser horen-Ausgabe kann man 22 seiner Gedichte lesen. Und wie das in der Lyrik so ist, feiert auch hier die Eigenart fröhliche Urstände. Was um Himmels Willen bedeutet „schagrat” oder „kartari” oder „swapua”?

Der Band bietet auch etwas fürs Auge. Man kann Zeichnungen von Tudor Jebeleanu (*1949) und Vignetten von Dan Perjovschi (*1961) bestaunen oder bewundern.

Nicht ins Konzept dieses Heftes passt eine von Gerald Sammet (*1949) geschriebene Einführung zu einer Ausstellung von Peter K. Kirchhof (*1944) in Bremerhaven.

Ansonsten, nur Gutes zu dieser rumänischen Anthologie in der Zeitschrift die horen.

Anton Potche

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