Freitag, 21. September 2012

Rauris in den Hohen Tauern – I

Mit Ranger Martin durch den Rauriser Urwald

Willst du den Nationalpark Hohe Tauern mit allen Sinnen erleben, musst du dich nur einem Ranger anvertrauen. Das haben wir getan, Frau Potche und ich. Und das war gar nicht schwer, obwohl es am Anfang zu einigen Irritationen geführt hat. Als ich im Rauriser Tourismusbüro unsere Teilnahme an einer „geführten Wanderung in den Rauriser Urwald“ anmeldete, fragte die charmante junge Dame mich nach Name und Unterkunft. Potche, sagte ich, im Haus Potche. Die Frau sah kurz auf, ging dann zu ihrem Dienst-PC, tippte etwas auf der Tastatur, hielt für einen Augenblick inne, schaute dann auf und fragte: „Und Ihr Name ist auch Potche?“ „Ja“, sagte ich. Dafür bekam ich noch ein freundliches Lächeln und die Bestätigung unserer Anmeldung.

Wir fuhren in die Tiefe des Raurisertals, rechts den bewaldeten Platteck (1.855 m), dann die schon etwas stattlicheren Leiter-, Mitterkar-, Kogelkar- und noch einige andere Köpfe (alle über 2.300 m), links den Edertrog (1.860 m) und, schon auf halber Luftlinie zu Bad Gastein, den Rührkübl mit seinen 2.472 m. Und wir staunten nicht nur ob der schönen Berglandschaft, sondern auch wegen der Schranke und dem Mauthäuschen, vor dem wir plötzlich standen. Ab hier bis zum Lenzanger geht’s über eine Privatstraße, ließen wir uns belehren. Mautgebühr: 8 Euro mit Gästekarte.

Dann wurde es ernst für uns Menschen der Ebene: 5 Serpentinenkehren mit den dazugehörenden Kommentaren: Nicht so schnell, pass doch auf, da kommt einer, fahr nicht so weit rechts etc.

Auf dem Parkplatz trafen die Wanderfreunde ein, unter ihnen auch ein Ortskundiger. Als Ranger der Nationalparkverwaltung Salzburg stellte er sich den 15 erlebnishungrigen Urlaubern vor: Martin. Im Logo seiner Weste: Martin Unterhofer. Ein Typ wie geboren für diesen Job. Vor Jahren waren es noch Bergführer. Anleihen aus Amerika haben sich eben auch in den österreichischen Alpen durchgesetzt. Das sollte aber der Urigkeit des Rangers Martin in keiner Weise abträglich sein: Vollbart, eine schlanke, sehnige Gestalt, redselig, ohne ins Geschwätzige abzugleiten, dazu ein guter Zuhörer – auch bei dieser Gruppe waren Leute mit Detailkenntnissen über Fauna und Flora – und nicht zuletzt ein Begeisterter seines Metiers. Das war sofort spürbar und erweckte Vertrauen. Ja, dann dieser Dialekt des Rangers – „Wenn ich das Hochdeutsche bemühe, könnte sich unsere Wanderung verlängern.“ – führte schnell zu der spontanen Sympathiebildung, die einer Wanderung eine nicht unerhebliche Unvergesslichkeitsaura angedeihen lassen kann. Martin spricht ein Deutsch mit wohlklingendem Dialekteinschlag aus seiner Südtiroler Heimat – ein Bergmensch wie er leibt und lebt.

Es waren nicht gerade die einfachsten, befestigten Wege, die Martin bevorzugte – zum Vorteil der wissbegierigen Gruppe. In der letzten Eiszeit müssen hier ganze Bergmassive abgestürzt sein. Das hat zu Hügelketten und Bilderbuchtälern geführt, die zwischen den Gipfeln der Hohen Tauern eine Urwaldlandschaft ermöglichten. Auf ca. 200 Metern Höhenunterschied kann man eine dicht bewaldete Bergwelt erleben, die seit mehr als 300 Jahren keiner forstwirtschaftlichen Nutzung unterliegt. Natürlich kann auch ein Profi wie Ranger Martin nicht garantieren, dass man auf einer vierstündigen Wanderung durch dichten Wald einem Rotwild begegnet oder einen Grashüpfer, Auerhahn, Grasfrosch, Raufußkauz, Fichtenkreuzschnabel und anderes Getier gewahr wird.

Unübersehbar waren aber die vielen „Lacken“. (Da also kommt der „Wasserlacke“ aus meiner Jahrmarkter Mundart her.) Moortümpel der verschiedensten Größen säumten unseren Weg. Nieder-, Mittel- und Hochmoore gibt es. Und dann weicht Martin wieder mal von der üblichen Route ab, um zum größten der Moore zu gelangen, dem einzigen mit eigenem Namen: Fiebinger Lacke. Ein kleiner Bergsee. Schwarz wie der Mohr. Es ist aber nicht das einzige Wasser hier oben (aus Talsicht) oder hier unten (aus Gipfelsicht). Der Durchgangsbach bleibt immer in der Nähe. Unüberhörbar und nur ab und zu sichtbar, rauscht er in die Tiefe.

Am Ende der Wanderschaft liegt der „Ammerhof Kolm Saigurn“, laut Reiseprospekt „ein kleines Paradies im schönsten Talschluss des Nationalparks, Ausgangspunkt für herrliche Bergwanderungen, Panoramaterrasse, Hausmannskost und selbstgebackenes Brot aus dem Holzbackofen“. So ist es. Und der Weg zurück zum Parkplatz führte durch das Tal der Quellen – eine weitere landschaftliche Köstlichkeit.

Rauris, 05.09.2012
Anton Potche




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