Donnerstag, 23. Juni 2011

Es macht doch noch Sinn

Gestern sah es noch nach einer wahrscheinlich ins Wasser fallenden Fronleichnamsprozession aus. Der über Oberbayern dahinbrausende Sturm dürfte auch so manchem schon fertig oder teilweise aufgestellten Fronleichnamsalter gehörig zugesetzt haben. Das seit Jahren gut eingespielte Organisationsteam in der Wohnanlage zwischen den Straßen „Albrecht Dürer“ und „Martin Hemm“, früher nannte man sie die St.-Gundekar-Siedlung, wartete ab und stellte seinen Altar in den frühen Morgenstunden des Fronleichnamstages (23. Juni 2011)  auf. Die Geduld und anschließende Mühe und Liebe zum Detail wurde belohnt. Der Herrgott hatte eine Einsicht und ließ die Sonne ihre Strahlen zwischen den Wolken auf den Ort des Geschehens werfen.

 Fronleichnamsprozessionen sind heutzutage eher schlichte, dem kirchlichen Sinn des Festes untergeordnete Zeremonien. Natürlich sind Vereine mit ihren Fahnen zugegen, man sieht auch noch den einen und anderen Trachtenträger und auch manche Lokalpolitiker lassen sich die Gelegenheit des Erscheinens in der Öffentlichkeit nicht entgehen. Von dem pompösen Prunk vergangener Jahrhunderte ist man aber längst abgerückt.


Adam Müller-Guttenbrunn (1852 - 1923) beschreibt in seinem Roman Der große Schwabenzug eine Fronleichnamsprozession in Wien. Das Werk ist 1913 erschienen, was zur Annahme führt, dass der Autor so manche selbst erfahrene Eindrücke hier literarisch verarbeitet hat, wenn auch die Handlung des Romans vor einem historischen Hintergrund spielt, der bis ins ausklingende 17. Jahrhundert zurückreicht. Schließlich lebte der Schriftsteller, Journalist, Theaterdirektor und Nationalrat Adam Müller-Guttenbrunn ja seit 1970, mit kleinen Unterbrechungen, in Wien.

Im Kapitel Fronleichnam in Altwien heißt es, dass „zwei Gardereiter auf goldgezäumten Rappen“ den „prunkvollen Zug“ eröffneten. „Ein unabsehbares Heer von Kammerherren und Hofwürdenträgern in wallenden Perücken, von adeligen Pagen und hohen Gardeoffizieren folgte. Endlich kam der sechsspännige, herrliche Wagen, in dem der Kaiser ernst und feierlich saß. Der letzte Habsburger! [...] Dann kam die Kaiserin Elisabeth Christine. Auch ihr goldig schimmernder Wagen ward von sechs Schimmeln gezogen, und sie strahlte in blendender Schönheit. [...] Und jetzt erschien unter Voranritt eines lieblichen Korps von Edelknaben der vierspännige Wagen der Erzherzogin. [...] Plötzlich zeigte Maria Theresia mit einer raschen Handbewegung, die der spanischen Hofetikette sehr wenig entsprochen haben mag, nach der langgestreckten Bauerngruppe, die sich da mitten in dem Wiener Publikum befand. [...] Der Generalissimus Prinz Eugen schritt zu Fuß, umringt von Feldherren und Generalen, gefolgt von Offizieren aller Grade nach St. Stephan.“ Und so weiter und so fort über viele Seiten hin.

Mit der „langgestreckten Bauerngruppe“ sind deutsche Aussiedler gemeint, die auf dem Weg in das von „Generalissimus Prinz Eugen“ den Osmanen entrissene Banat waren. Sie müssen auf jeden Fall gut hingeschaut haben, denn sie haben noch Jahrhunderte später Fronleichnamsprozessionen in ihrer katholischen Diaspora im Südosten Europas abgehalten. Und obwohl die Kommunisten so mache auf dem Glaube basierende Tradition zu unterbinden wussten, blieb die Erinnerung daran erhalten.

Zeichen dafür finden wir heute wieder vereinzelt in bayerischen Landen und vielleicht auch in anderen katholisch geprägten Gegenden, wo ausgesiedelte Banater Schwaben in den letzten Jahrzehnten heimisch wurden. Frau Nachbar ließ es sich nicht nehmen, ihre Maria ins Fenster zu stellen, um so einen eigenen Beitrag zur Fronleichnamsprozession im Ingolstädter Stadtteil Ringsee zu leisten. Nein, diese Maria wäre nicht in Maria Radna, dem Wallfahrtsort der Banater Schwaben auf den Vorhügeln der Karpaten, erworben worden, sonder stamme aus Altötting, wo sie als gläubige Sanktannaerin natürlich schon war. Aber ihre Tochter, Frau Müller, die natürlich bei der Altarerrichtung mitwirkte, zeigte mir zwei kleinere Marias, die im Ausreisegepäck aus Rumänien verstaut waren, und vor paar Jahrzehnten in Maria Radne gekauft wurden.

Und so schließen sich die Kreise – der Geschichte, des Glaubens und des Lebens. Und es sind solche Ereignisse, kleine Nebenschauplätze kirchlichen Lebens, die Feiertage auch in unserer heutigen von Hecktick und entfesselter Gewinnsucht nach materiellen Gütern geprägten Zeit so sinnvoll erscheinen lassen.


Fotos & Video: Anton Potche

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