Montag, 4. Juni 2012

Musik am Pfingstsonntag (1)


„Nur von dem Betsaal der Maria Viktoria möchte ich noch sprechen, in dem wir uns von den übermächtigen Eindrücken der oberen Pfarr erholten, einem geistreichen, schön-rhythmischen Raum, der an die Kaisersäle in Ottobeuren oder St. Florian anklingt, oder an den Münchener Bürgersaal, ein raffiniert beherrschtes und abgewogenes Stück kirchlicher Salonarchitektur, elegant, repräsentativ wie ein Thronsaal, dabei von einer vornehmen Behaglichkeit, dass man unwillkürlich auf den kezerischen Einfall kommt: hier müsste das G-moll-Quintett von Mozart gut klingen.“

Das war am Pfingstwochenende 2012 so zu lesen im Ingolstädter Lokalblatt DONAUKURIER. Geschrieben hat es der Schriftsteller Josef Hofmiller (1872 – 1933) in seinen Reiseerzählungen Wanderbilder und Pilgerfahrten. Soweit ich weiß, ohne mich allerdings festzulegen, wurde Mozarts G-moll-Quintett in der Ingolstädter Asamkirche Maria de Victoria, die der Essayist und Reiseschriftsteller hier meint, in den letzten 22 Jahren, seit es die außergewöhnlich erfolgreiche OrgelMatinee um Zwölf gibt, nicht aufgeführt. Aber Mozart gab es trotzdem viel – doch nie zur Genüge. Und kezerisch?

Also diesbezüglich hat sich die Welt schon spürbar gewandelt. Zum Guten, würde ich sagen, zum Heiteren in der Kirchenmusik. Weg vom vergeistigten Lauschen hin zum vererdeten Genießen hochkarätiger klassischer Musik. Ob die dann Kirchen-, Orchester-, Chor-, Bläsermusik oder wie auch immer heißt, spielt kaum noch eine Rolle. Wichtig ist, die Menschen strömen in die Kirchen, wenn Konzerte angesagt sind und genießen es schlichtweg, wenn mal die Musikantenstimmung auch in diesen sakralen Gemäuern nicht unbedingt zu Inbrunst verleitet.

Das hätte Herrn Hofmiller bestimmt gefallen, wenn er am Pfingstsonntag anno 2012 das Konzert der OrgelMatinee in der Asamkirche Maria de Victoria zu Ingolstadt miterleben hätte können. Dabei klingt Johann Sebastian Bach doch so sehr nach tiefer religiöser Seriosität. Stimmt, aber nicht nur. Das Choralvorspiel BWV 667 Komm, Gott, Schöpfer, heiliger Geist verbreitet Zuversicht. Münsterorganist Franz Hauk hat von der Orgelempore genau diese Pfingststimmung angekündigt.

Und als er dann in den „Betsaal“ herabstieg und sich ans Cembalo auf dem Altarpodest saß, waren die Voraussetzungen schon für eine Steigerung der lockeren, feiertagsgemäßen Geisteshaltung geschaffen. Das AsamCollegium (in stets variierender Besetzung) war spielbereit. Ebenso ein namhafter Solist: Justus Willberg mit seinem Flautino. Der Fachmann für Alte Musik spielte sehr virtuos und mit sichtbarer Freude das Concerto C-Dur für Flautino, Streicher und basso continuo RV443 von Antonio Vivaldi (1678 – 1714). Die kleine Sopranino-Blockflöte ist in den Händen des nicht nur musikalisch, sondern auch körperlich großen Mannes fast verschwunden. Umso mehr brillierten die Töne, die er aus dem kleinen Instrument zauberte.

Damit war der Solistenreigen für diese OrgelMatinee aber erst eröffnet. Auf dem Programm stand noch als dritter Punkt Johan Sebastian Bachs 2. Brandenburgisches Konzert F-Dur für Blockflöte, Oboe, Violine, Trompete, Streicher und Basso continuo BWV 1047. Die Oboe spielte der allseits bekannte und beliebte Georgier George Kobulashvili (eine andere Schreibweise lautet Georgi Kobulaschwili) und die Solo-Violine Theona Chkheidze. Die junge Georgierin hat 1994 den Mozart-Wettbewerb in Tiflis gewonnen. Also eine prädestinierte Geigerin für einen „kezerischen“ Einfall. Den hatte allerdings an diesem Tag eher der stets bescheiden und schüchtern wirkende Franz Hauk. Das behauptete nämlich der letzte Musiker im Reigen der angekündigten – und hier wirklich auch benötigten - Solisten: Christoph Well.

Der weit übers Bayernland hinaus bekannte Musiker und Kabarettist (Birmösl Blosn) hatte die Lacher sofort auf seiner Seite als er meinte: „Der Franz hat gmoant.“ Der hätte ihn nämlich zu seinem Auftritt, der so und nicht anders ausfallen musste, angestiftet. So und nicht anders sah die eineinhalb Mann lange Orgelpfeife aus, die der schmächtige Trompeter nämlich heranschleppte. Und wie er dann in seinem unverfälschten Bayrisch für die Patenschaftsaktion, die eine neue Chororgel im Liebfrauenmünster Ingolstadt möglich machen soll, warb, das war natürlich allererste kabarettistische Sahne. Doch keinen Augenblick übertrieben oder in billigen Kitsch abgleitend. Ja und Herr Hofmiller?  Der hätte sich bestimmt gewünscht, in unserer Zeit zu leben.

Der Heilige Geist schwebte längst durchs Kirchenschiff und die Aufnahmefähigkeit der Menschen in der übervollen Kirche machte dem Pfingstfest alle Ehre. Christoph Well hatte die Pfeife abgelegt und zu seiner Trompete gegriffen und auch Justus Willberg hatte seine Pfeife mit einer Blockflöte ausgetauscht. Es konnte losgehen. Und das tat es dann auch, das 2. Brandenburgische Konzert. Und wie. Mit einem Allegro. Fulminant. Musikantentum nach allen Regeln der Kunst. Jede Note, noch so hoch, jeder Lauf, noch so schwierig – gelebt, viel mehr als nur gespielt. Und dann das Andante. Gefühl pur. Das Gleiten in den Rausch. Allegro assai. Da geht die Post ab, sagen die Musiker.


Sollte mal ein Reiseschriftsteller – gibt es so etwas überhaupt noch? – Ingolstadt besuchen, dann sollte er eine OrgelMatinee um Zwölf (sonntags) – auch wenn nicht alle das gleiche künstlerische Niveau erreichen – unbedingt besuchen. Es wäre auch für ihn die Chance, unsterblich zu werden. Wie damals für Josef Hofmiller.





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