Donnerstag, 16. August 2012

Ein Journal ohne großen voyeuristischen Befriedigungsgrad


Nora Iuga: Berlinul meu e un monolog – Jurnal; Editura Cartea Românească, Bucureşti, 2010; ISBN: 978-973-23-2913-9; € 14,91; Bestellung: www.kubon-sagner.de

Diese Erinnerungen von Nora Iuga sind, in zwei Teile gebündelt, Fasanenstraße 23 – O vară la Berlin (Fasanenstraße 23 – Ein Sommer in Berlin) und Stuttgarter Platz 22, unter dem Titel Berlinul meu e un monolog (Mein Berlin ist ein Monolog) in rumänischer Sprache erschienen. Tagebuchliteratur ist in Rumänien nach wie vor ein beliebtes Genre. Eine wahre Journal-Flut erlebte die rumänische Literaturszene nach 1989. Heute ist sie zwar etwas abgeflaut – schließlich gibt es ja Blogs, Twitter, Internetforen und nicht zuletzt das allumfassende Facebook -, aber ab und zu bedient doch noch jemand diese literarische Gattung.

„Nora Iuga ist die erste Surrealistin Rumäniens und die letzte Surrealistin Europas.“ Das sagte der Sprecher von DEUTSCHLAND RADIO KULTUR in einem 30-minütigen Porträt der rumänischen Dichterin, das im November 2007 ausgestrahlt wurde. In der gleichen Sendung sagte Ernest Wichner, Leiter des Literaturhauses Berlin, dass Nora Iuga „sich für ein Stipendium nach Berlin beworben hatte, das sie auch bekommen hat“.

„Während ich schreibe, denke ich an meinen Leser“, schreibt Nora Iuga. Wirklich? Das Buch besteht zwar aus Tagebucheintragungen, aber ohne Datumsangaben. Ist dieses Buch eine Frucht des von Ernest Wichner erwähnten Stipendiums? Wenn es da heißt, „der Express 2000 mit Schriftstellern aus allen Ländern Europas ist angekommen“, könnte man auf die Jahrtausendwende setzen. Ernest Wichner sagte in der erwähnten Radiosendung, seine Bekanntschaft mit Nora Iuga reiche in das Jahr 1994 zurück.

Auf jeden Fall ist dieses Jurnal (Journal) nichts für Biografiejäger. Eine Autobiografie ist auch etwas anderes. Hier haben wir es mit Momentaufnahmen, Empfindungen des Augenblicks zu tun, die mal präzise und dann wieder sehr freizügig Erlebnisse des Tages – nicht immer abgelaufen – wiedergeben.

Sicher ist, dass Nora Iuga in der Fasanenstraße, „im Zentrum Berlins“, wohnte. Und dieses Stipendium verdankt sie der Stiftung Preußische Seehandlung, während ein besonderer Dank den Herren Ernest Wichner und Herbert Wiesner gebührt, die der Autorin zu „dieser nicht erhofften Chance“ verholfen haben. Die schon damals nicht mehr sehr junge Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin (geb. 1931) ist so hingerissen von dieser Stadt, dass sie sich fragt, „ob hier gestorben wird“.

Rumäniendeutsche Leser treffen in diesen Tagebuchaufzeichnungen auf so manche aus der Literaturszene von unten, also Rumänien, bekannte Namen: Ernest Wichner, Oskar Pastior, Herta Müller, Gerhard Csejka u. a. Irgendwann schreibt Nora Iuga über Herta Müller: „Sie vergisst ihre Wunden nie. Ihr Schmerz erreicht den Höchstwert. Ob sie wohl verzeihen kann?“ Die rumänische Autorin weiß nämlich auch, „dass man den Schmerz intensiver erlebt als die Freude“.

Sie ist viel unterwegs gewesen in diesem Teil Berlins, und sie spricht dauernd mit sich selbst, wie es sich für einen Monolog auch ziemt. Da kommen dann natürlich nicht nur „Straßen, Plätze, Cafés und andere Stadtansichten einfach zum Vorschein, sondern auch ganz persönliche Deutungen dieser und der dort beobachteten Menschen. Und doch dürfte der eine und andere Leser enttäuscht sein. Man ist doch zu sehr an Ungereimtheiten im deutschen Literaturbetrieb gewöhnt, um Nora Iugas Aufzeichnungen nicht als ziemlich belanglos zu empfinden. Da gab es in diesem Berlin und in der Bundesrepublik der Jahrtausendwende nur Freunde und Sympathisanten in der rumäniendeutschen Literaturszene. Gut, damals waren die Securitateakten noch alle hinter Schloss und Riegel.

*      *      *

Der zweite Teil des Journals ist zehn Jahre später entstanden. Dazwischen liegt der Nobelpreis für Herta Müller und die Securitateakten wurden im fernen Bukarest einsichtbar.

Die Tagebucheinträge sind länger und wir dürfen uns sogar an einem Datum erfreuen: „Wie gut, dass ich wieder Lust am Spiel habe, heute in Berlin, 13. Juli 2009 anno domini.“ Aber auch eine klare Charakterisierung einer Volksgruppe, der nicht nur Herta Müller, sondern auch meine Wenigkeit angehören, wird uns geboten: „Die in Rumänien geborenen Deutschen kritisieren die Rumänen am heftigsten und wenden gleichzeitig viel graue Substanz auf, um Ordnung in ihre Probleme aus dem Heimatland zu bringen, nach dreißig, fünfunddreißig Jahren Abwesenheit; ohne Zweifel, ‚die Hölle ist mit guten Absichten gepflastert’“. Wie wahr!

Und siehe da, die rumäniendeutschen Literaten von vor neun oder zehn Jahren scheinen passé zu sein – die aus Deutschland. Hingegen taucht Joachim Wittstock vor den Augen der Tagebuchschreiberin auf als „ultimul domn german din România“ (letzter deutscher Herr aus Rumänien).

Nora Iuga ist in diesem Teil viel mehr mit sich selbst beschäftigt. Sie reist immer öfter in die Vergangenheit. Das soll ja altersbedingt sein, hört man immer wieder. Aber es sind zugleich die schönsten Einträge, sehr poetisch, mit einer Sprache voller Erotik und Vokabeln, die auf die deutschen Wurzelteile Nora Iugas hindeuten: omama, vailing (große Schüssel), abţibild (Abziehbild)...

Und dann kommen diese Sätze, die nach Altersobszönität klingen. Man ist es nun mal nicht gewöhnt, dass eine „bald 79-jährige Frau“, wie sie selber des Öfteren betont, über sexuelle Phantasien schreibt, als wäre sie Charlotte Roche oder Helene Hegemann in Person. Aber schon wenige Tage später heißt es voller Nostalgie: „Wer korrespondiert heute noch so, außer Joachim Heinrich Wittstock und Eleonora Elisabeth Juga?“ (deutsche Schreibweise von Iuga). Gemeint ist nicht nur der Inhalt, bestimmt nicht körperlich-erotisch, sondern vor allem die Schrift, nämlich Sütterlin.

Jedes Stipendium, das zweite vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, läuft mal aus. In den letzten Einträgen dieses Berlin-Monologs kommt Herta Müller wieder zur Sprache. Aus Nora Iugas Zeilen klingt Bitterkeit, eine verletzte Seele spricht aber nicht Klartext. Sie flüchtet in sarkastisches Selbstmitleid. Dieser Abschied von Berlin geht mit dem Bruch vieler Beziehungen einher. Schade. Es ist immer jammerschade, wenn Menschliches auf der Strecke bleibt.

Die Gründe? Wir sollten nie vergessen, dass wir uns auf dem Markt der Eitelkeiten befinden. Vor gut einem Jahr schrieb Walter Mayr im SPIEGEL: „Die Grass-Übersetzerin Nora Iuga, Grande Dame der rumänischen Literatur, warnt davor, im Rückblick auf die kommunistische Zeit im Karpatenland nur noch die Knute der Securitate wahrnehmen zu wollen. [...] Sie sagt: ‚Herta und ich, wir waren Freunde. Der Bruch kam erst, nachdem sie den Nobelpreis erhalten hatte. Ich hatte nur einmal erwähnt, wer wie ich fast 80 Jahre in Rumänen lebe, kenne das Land vielleicht besser als jemand, der es früh verlassen hat. Als ich Herta traf, in Berlin vor Oskar Pastiors alter Wohnung, hat sie mich öffentlich angeschrien.’“

So ist das immer mit dem Anspruch auf absolute Wahrheit. Er führt nie zu etwas Gutem.

Anton Potche

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen