Montag, 7. Juli 2014

Kulturlandschaft am Tegernsee

Aus Norwegen nach Bayern. Umziehen. Für ein Leben lang. Geht das überhaupt freiwillig, rein landschaftlich betrachtet? Früher hat das funktioniert. Zumindest bei einem: Olaf Gulbransson. Es gibt nun mal auch in Bayern Landschaften, die einen an die norwegische Heimat erinnern können. Der Tegernsee ist in eine solche Landschaft eingebettet. Und hoch droben auf dem Schererhof hat der norwegische Zeichner und Maler seine zweite Heimat gefunden.

1929 ist der 1873 in Oslo geborene Olaf Gulbransson hierher gezogen. Da war er nicht mehr der Jüngste und in der Kunstwelt ein bekannter Name. Seit 1902 lebte der Karikaturist und Porträtist in München und machte sich als Mitarbeiter der berühmt-berüchtigten Satirezeitschrift SIMPLICISSIMUS einen Namen, der dann 1929 auch zu seiner Berufung als Professor an die Akademie der Bildenden Künste in München führte. Am Tegernsee widmete der sich nie von der Naziideologie distanzierende Gulbransson vorwiegend der Landschafts- und Porträtmalerei. Seit 1966 hat Tegernsee am Tegernsee ein Olaf-Gulbransson-Museum, das viele seiner Zeichnungen und Buchillustrationen zeigt. Der nicht unumstrittene Künstler ist 1958 auf seinem Schererhof gestorben.

Das Museum beherbergt auch Werke (Originals oder Faksimiles) anderer bedeutender Künstler jener Zeit, die für die Unsterblichkeit des SIMPLICISSIMUS stehen. Eduard Thönys (1866 – 1950) Familienverhältnisse (Die Kathi hat’s gschafft – vo’ mein Vadern hot sie’s Kind, vo’ mir wird’s zahlt un vo’ insern Knecht g’heirat’.) erheitern den Betrachter, während Erich Schillings (1885 - 1945) Divisionen des Todes in Flandern uns besonders heuer an den Beginn des schrecklichen Krieges vor 100 Jahren und vor allem an die Propagandamaschinerie der Kriegstreiber (der sogar der SIMPLICISSIMUS erlag) erinnern.  

Schlendert man bergauf und bergab durch die Straßen um den Tegernsee, so trifft man auch auf so manche Zeugnisse gelungener Handwerkskunst, Glaubenskunst oder Volkskunst, die nicht unbedingt an berühmte Namen gebunden sind. Das können mal ein an die Rostkunst Alf Lechners erinnernder Hirsch, ein Kreuz an der Hauswand oder auch hagere, an Thomas Hassler, den Riesen vom Tegernsee, gemahnende Steinmännchen am Bergbach sein.

Wer um den Tegernsee wandert trifft auch auf andere Zeugnisse deutschen Kulturlebens. Es waren nicht nur bildende Künstler, die hier Kreativkräfte tankten, der Hektik des Stadtlebens zumindest für eine gewisse Zeit zu entsagten versuchten oder gar vor politischem Ungemach flohen. Der Berühmteste ist wohl Thomas Mann (1875 - 1955). Er wurde schon als Fünfjähriger von seinen Eltern nach Wildbad Kreuth mitgenommen. Dass Thomas Manns letzte große Liebe, der Kellner Franz Westermeier, auch vom Tegernsee stammte, ist aber wahrscheinlich dem reinen Zufall zuzuschreiben. Weitere Literaten, die hier mehrere Jahre ihres Lebens verbrachten waren die beiden Ludwigs, Thoma (1867 - 1921) und Ganghofer (1855 - 1920).

Auch weniger bekannten Autoren wie etwa dem Heimatdichter Karl Stieler (1842 – 1883) kann man auf Spaziergängen um den See begegnen. Ein Denkmal am Leeberghang in Tegernsee erinnert an den Dichter, der auch Mundartgedichte geschrieben hat. Er muss ein stark romantisierender Geist gewesen sein, sonst wären wohl kaum Verse wie diese seiner Feder entsprungen: „Als ich zur Alm kam und vom steilen Grat/ Ins Felslahr stieg den alten kühnen Pfad,/ Da stand die Sennerin im Wiesengrunde/ Und jauchzt’ empor, die Hand am roten Munde./ Und wieder trat ich in die Hütte ein;/ Mir war zu Sinn, als wär’ sie doppelt mein:/ Dies ruß’ge Dach und dies Gerät, das blanke,/ Dazu das Mägdlein, das gelockte, schlanke,/ Der Hausaltar mit den geweihten Zweigen .../ Als wär’ dies Leben nun erst ganz mein eigen.“ (Im Dialekt aus der Sammlung Ein Winteridyll).

Aber durch die Blicke runter von den Bergen auf die langgezogene Seelandschaft ließen sich nicht nur Künstler inspirieren, sondern auch Großkopfete konnten dieser Gegend etwas abgewinnen. 1822 weilten hier Zar Alexander I. von Russland, Kaiser Franz I. von Österreich und König Max von Bayern. Die beiden Monarchen waren auf dem Weg zum Kongress von Verona.

Die Kulturlandschaft am Tegernsee ergänzt sich vorzüglich mit der Naturlandschaft dieser Region. Eine Einkehr in einem Museum oder das kurze Verweilen an dem ein oder anderen Kunstwerk im öffentlichen Raum können für so manchen Urlauber eine Bereicherung darstellen, an der er noch lange nach seiner Rückkehr in den Alltag zehren kann.

Anton Potche

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