Mittwoch, 4. Mai 2016

Es war in der Karwoche …

… und ich war allein zu Hause. Sollte also etwas womöglich Vernünftiges mit mir anfangen. Nach Mittag fuhr ich unter dem Eindruck der am Morgen in Brüssel verübten Terroranschläge auf meinem halbverrosteten Drahtesel in die Ingolstädter Altstadt – ins Union-Kino. Spotlight, ein Film von Tom McCarthy, der heuer sechsmal für einen Oscar nominiert war. 17 x 11 Kinosessel. Zwei besetzt. Einer von meiner Wenigkeit. Hätte sich der Besucherandrang beim Lösen der Eintrittskarte anders, also entgegengesetzt, dargestellt, wäre ich bestimmt nicht geblieben. Schnell sollte sich meine Vorliebe für so gut wie leere Kinosäle wieder bewähren. Von Beginn an war nämlich höchste Konzentration gefordert. Der Film wurde im Originalton und deutsch untertitelt gezeigt. Ich habe eigentlich noch nie einen in voller Länge deutsch untertitelten Film gesehen. Umso mehr profitierte ich jetzt aber davon, dass ich bis zu meinem einunddreißigsten Lebensjahr nur untertitelte Filme gesehen hatte – in rumänischer Sprache.

Schon nach wenigen Dialogen hatte ich den Faden. Und das war auch wichtig, denn Investigativjournalisten leben vom Recherchieren, also vom Suchen, Fragen und Auswerten. Um nichts anderes geht es in diesem Film, dessen Drehbuch von Josh Singer & Tom McCarthy nach wahren Begebenheiten verfasst wurde: Vorfälle, die in der katholischen Kirche in Amerika passiert sind und von einer Gruppe Journalisten der Zeitung THE BOSTON GLOB im Jahre 2002 an die Öffentlichkeit gebracht wurden.

Dass diese Enthüllungsgeschichte seinerzeit mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, deutet auf die  gesellschaftliche Bedeutung der Enttabuisierung einer Ungeheuerlichkeit hin. Katholische Priester vergingen sich an Minderjährigen. Der Film zu dieser Investigationsgeschichte zeigt, wie schwierig es war, die Verbrechen der Herren in Roben ins Rampenlicht einer sehr stark katholisch geprägten Öffentlichkeit zu zerren. Die Oscarnominierungen sind ein Beweis für die Brisanz dieser Thematik, die wahrscheinlich nur von den Opfern der sexgeilen und vor allem pädophilen Priester in ihrer ganzen Tragik erfasst werden kann; aber auch eine Anerkennung für Filmkunst auf höchstem Niveau. Das gilt sowohl für die Regie als auch für die darstellerischen Leistungen:  Michael Keaton  als Walter „Robby“ Robinson, Mark Ruffalo als Michael Rezendes, Rachel McAdams als Sacha Pfeiffer und Brian D’Arcy James als Matt Carroll in den Hauptrollen.

Der Streifen ist sowohl ein Sozialdrama als auch ein Thriller, obwohl es keine Leichen gibt. Dafür gibt es unzählige für ein Leben lang traumatisierte Menschen, die zwar in dem Film nur von wenigen repräsentativen Opfern dargestellt werden, hier aber in ihrer Gesamtheit ein würdiges Denkmal gesetzt bekommen. Das ganze Ausmaß der damaligen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Amerikas wird erst im Abspann des Films mit Zahlen dargelegt, während der Film sich auf die Recherche der Journalisten in ihrer Stadt Boston konzentriert.

SPIEGEL ONLINE schrieb am 10. Februar 2010: „In den USA kamen die Missbrauchsfälle 2002 durch eine Reihe von Berichten des "Boston Globe" ans Licht, die den Pulitzerpreis gewann. Zwei Jahre später zog ein Report der US-Bischofskonferenz ein erschütterndes Fazit: Von 1950 bis 2004 bestätigten sich 6700 Missbrauchsvorwürfe gegen 4392 US-Priester. Die Opfer waren zwischen 11 und 17 Jahre alt. 3300 Priester waren bereits verstorben, von den restlichen wurde gegen 384 ermittelt, 252 wurden verurteilt, 100 kamen ins Gefängnis - nur zwei Prozent der insgesamt Beschuldigten.“

Die Oscarverleihung 2016 hat Spotlight zwei Oscars beschert: „Bester Film“ und „Bestes Originaldrehbuch“. Ich habe also einen großartigen Film gesehen. Eigentlich Grund genug zu vollkommener Genugtuung. Ja, wenn da dieser Inhalt mit seinem Wahrheitsgehalt nicht gewesen wäre. Also steuerte ich meinen alten Drahtesel über die Donau heimwärts und ließ meine Gedanken kreisen: da muslimische Prediger, die jungen Männern 72 Jungfrauen fürs Jenseits versprechen, wenn sie sich in Paris, Brüssel und andernorts in die Luft sprengen, und dort christliche Prediger, die ihre Lämmer sexuell missbrauchen. Es war zwar schon Frühling … aber eben auch Karwoche.

Spotlight; Regie: Tom McCarthy; Drehbuch: Josh Singer & Tom McCarthy; Darsteller: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Live Schreiber, John Slattery, Stanley Tucci u. a.
Anton Potche

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen