Seppi und Peppi sitzen im Bahnhofscafé des nicht
mehr ganz so bedauernswerten Bahnhofs einer deutschen Großstadt. Die Stimmung
ist bedrückt.
- Dieses Land geht den Bach
runter.
- Meinst du?
- Ja, die Probleme werden
immer größer und vor allem immer mehr.
- Und sie tauchen so
schnell aufeinender folgend auf.
- Man hat kaum Zeit sich
mit einem Problem tiefgehend zu beschäftigen.
- Geschweige denn Lösungen
zu finden.
- Suchst du welche?
- Natürlich. Du nicht?
- Doch, doch. Aber...
- Wo liegt das Problem?
- Ich kann die Probleme in
den Problemen nicht erkennen.
- Wie meinst du das?
- Der Augstein ist weder
Antisemit noch Rassist und landet auf einer Liste mit Antisemiten. Stell dir
mal vor, du liest bei Lenau „Drei Sinti und Roma fand ich einmal / Liegen an
einer Weide, / Als mein Fuhrwerk mit müder Qual / Schlich durch sandige Heide.“
- Gab’s damals noch keine
Zigeuner?
- Das schon, aber noch
keine politische Korrektheit.
- Was ist das?
- Eine Philosophie, nach
der jeder ein Rassist ist, der weiß, dass ein Roma ein Zigeuner, ein Schwarzer
ein Neger, ein Roter ein Indianer, ein Weißer ein Bleichgesicht usw. ist.
- Also ist Lenau kein
Antisemit oder Rassist.
- Doch, denn er hat ja
geschrieben „Drei Zigeuner fand ich einmal“.
- Ah, so. Jetzt. Ich
glaube, ich hab’s.
- Und es kommt noch
schlimmer: Er ist auch ein Sexist.
- ??
- Ja! Er hat auch
geschrieben: „Rosen wecken Sehnsucht hier, / Dort die Nachtigallen, / Mädchen,
und ich möchte dir / In die Arme fallen!“
- Und was ist daran so
schlimm?
- Es ist politisch nicht
korrekt. Er hätte schreiben müssen „Fräulein, und ich möchte Ihnen / Zum Gruß
die Hand reichen.“
- Das klingt ja
schrecklich.
- Ist aber politisch
korrekt. Denn, wenn er einem Mädchen in die Arme fallen will, kann er ja ihre
Brüste berühren. Und das entspricht wiederum nicht der deutschen
Politicalcorrectnesphilosophie.
- Muss der Lenau das jetzt
umschreiben?
- Geht nicht.
- Warum nicht?
- Weil er vor 163 Jahren
gestorben ist.
Es wird noch immer früh dunkel. Aber der nächste
Frühling kommt bestimmt und dann verschwinden auch wieder die vernebelten
Geister.
Anton Potche

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