Wladimir
Kaminer: Es gab keinen Sex im Sozialismus; Wilhelm Goldmann Verlag,
München, 2009; kartoniert, 236 Seiten; ISBN 978-3-442-54265-9; €
8,95 [D], € 9,20 [A].
Wieso gab es keinen Sex im
Sozialismus? Natürlich gab es den. Nur ist er in diesem Buch ein
gekappter Satz. Er wurde zwar ausgesprochen, aber nicht bis zum
Schluss von seinen Adressaten gehört. Der Satz. Nicht nur der Sex.
Tatort war eine „Telebrücke“, die im September 1982 einmalig
zwischen der Sowjetunion und Amerika aufgebaut wurde. Bürger beider
Staaten sollten miteinander kommunizieren, und zwar über das Medium
Fernsehen. In diesem sehr unterhaltsam wiedergegebenen
russisch-amerikanischen Bürgertreffen kam es auch zu folgender
Situation: „Das Gespräch ging jedoch nicht wirklich voran. Die
erfolgreichen Ernten und die Fortschritte im Maschinenbau
interessierten die amerikanischen Freunde nicht, stattdessen kamen
sie gleich zur Sache. Ein großer Blonder in einem Holzfällerhemd
wollte wissen, wie es mit dem Sex in der Sowjetunion sei. Unsere
Antwort auf diese hinterhältige Frage kam von einer molligen Dame
mit einer komplizierten Frisur, die sich im entscheidenden Moment
auch noch verhaspelte. Sie wollte dem Amerikaner eigentlich sagen,
dass bei uns kein Sex im Fernsehen gezeigt wird, schaffte aber nur
den halben Satz: ‚Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex, äh
– äh.‘“ Das ist O-Ton Kaminer. Und der hält sich auf
ähnlichem Level durch das ganze Buch.
Diese Parodien des sowjetischen
Alltags hat Wladimir Kaminer in 32 Kapitel gegliedert und
versucht, je mehr vom Leben in der UdSSR preiszugeben. Für Leser mit
Ostblockerfahrungen ist viel von dem Festgehaltenen normal, während
Westmenschen viel skurril finden. Dass Kaminer ein Großer
seines Metiers ist, zeigen die gleichen oder ähnlichen Reaktionen
der Leser von drüben als auch jener von hüben.
Der Autor hat nicht nur seine ehemalige russische Heimat ins Visier genommen, sondern auch andere Teile des Ostblocks. In dem Prosastück Die Helden des vorigen Jahrhunderts erweist er auch Dracula die Ehre, ja positioniert ihn sogar vor Juri Gagarin: „Mein persönlicher Favorit unter den Flughelden war jedoch Graf Dracula.“
Kaminer klärt in diesem Buch
„Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts
(Untertitel) auf.
Wie er das tut, lohnt sich, zu diesem Buch zu greifen. Das ist ein
sehr unterhaltsames Stück leichte Literaturkost. Wohl bekomms!
Anton Potche


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