Montag, 10. August 2026

Wo kommen die vielen sozialistischen Menschen dann alle her?

 
Wladimir Kaminer: Es gab keinen Sex im Sozialismus; Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2009; kartoniert, 236 Seiten; ISBN 978-3-442-54265-9; € 8,95 [D], € 9,20 [A].

Wieso gab es keinen Sex im Sozialismus? Natürlich gab es den. Nur ist er in diesem Buch ein gekappter Satz. Er wurde zwar ausgesprochen, aber nicht bis zum Schluss von seinen Adressaten gehört. Der Satz. Nicht nur der Sex. Tatort war eine „Telebrücke“, die im September 1982 einmalig zwischen der Sowjetunion und Amerika aufgebaut wurde. Bürger beider Staaten sollten miteinander kommunizieren, und zwar über das Medium Fernsehen. In diesem sehr unterhaltsam wiedergegebenen russisch-amerikanischen Bürgertreffen kam es auch zu folgender Situation: „Das Gespräch ging jedoch nicht wirklich voran. Die erfolgreichen Ernten und die Fortschritte im Maschinenbau interessierten die amerikanischen Freunde nicht, stattdessen kamen sie gleich zur Sache. Ein großer Blonder in einem Holzfällerhemd wollte wissen, wie es mit dem Sex in der Sowjetunion sei. Unsere Antwort auf diese hinterhältige Frage kam von einer molligen Dame mit einer komplizierten Frisur, die sich im entscheidenden Moment auch noch verhaspelte. Sie wollte dem Amerikaner eigentlich sagen, dass bei uns kein Sex im Fernsehen gezeigt wird, schaffte aber nur den halben Satz: ‚Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex, äh – äh.‘“ Das ist O-Ton Kaminer. Und der hält sich auf ähnlichem Level durch das ganze Buch.

Diese Parodien des sowjetischen Alltags hat Wladimir Kaminer in 32 Kapitel gegliedert und versucht, je mehr vom Leben in der UdSSR preiszugeben. Für Leser mit Ostblockerfahrungen ist viel von dem Festgehaltenen normal, während Westmenschen viel skurril finden. Dass Kaminer ein Großer seines Metiers ist, zeigen die gleichen oder ähnlichen Reaktionen der Leser von drüben als auch jener von hüben.

Der Autor hat nicht nur seine ehemalige russische Heimat ins Visier genommen, sondern auch andere Teile des Ostblocks. In dem Prosastück Die Helden des vorigen Jahrhunderts erweist er auch Dracula die Ehre, ja positioniert ihn sogar vor Juri Gagarin: „Mein persönlicher Favorit unter den Flughelden war jedoch Graf Dracula.“


Kaminer klärt in diesem Buch „Legenden und Missverständnisse des vorigen Jahrhunderts (Untertitel) auf. Wie er das tut, lohnt sich, zu diesem Buch zu greifen. Das ist ein sehr unterhaltsames Stück leichte Literaturkost. Wohl bekomms!
Anton Potche

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