Montag, 21. September 2026

Jahrmarkt vor 100 Jahren – 1926 (2)

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Die Banater Gemeinde Jahrmarkt, heute Giarmata, hat keine ausführliche Ortsmonographie. Das führt dazu, dass einige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aus der Zeit der deutschen Bewohner nur lückenhaft in verschiedenen Schriften auffindbar sind. Zum Beispiel politische Aspekte des Gemeindelebens. Da kann das Stöbern in alten Zeitungen den ein oder anderen guten Dienst erweisen. Zum Beispiel in der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG vom 23. Januar 1926. Dort findet man nämlich eine Annonce unter der Überschrift Neuwahlen der Nachbarschaftsobmänner in der deutsch-schwäbischen Ortsgemeinschaft Jahrmarkt. Weitere Details fehlen, aber die Kandidaten mit ihren erworbenen Stimmen sind aufgelistet. Und das ist schon mal etwas wert, denn vielleicht finden neugierige Nachkommen ja politisch engagierte Vorfahren. Hier sind sie: Johann Eichinger (16 Stimmen), Johann Mathis (131), Michael Eckert (55), Ignaz Krämer (69), Michael Heidecker (87), Josef Kolleth (268), Johann Ebner (154), Ferdinand Nebel (168), Johann Lux (244), Johann Wagner (196), Ferdinand Loris (283), Nikolaus Fiak (312), Christoph Schmidt (330), Matthias Mathis (340), Johann Kaßnel (365), Nikolaus Mayer, Georg Staß (449), Josef Schneider (297), Georg Roßner (431), Michael Berger (410), Nikolaus Wildau (570), Johann Wagner (539), Matthias Wagner (534), Peter Loris (625), Franz Wagner (636), Johann Bosch (683), Adam Ferch (687), Jakob Schmidt (735), Johann Jost (754). Ein Obmann vertritt die Interessen eines Vereins oder Ausschusses, einer politischen Partei oder Organisation, hier einer Nachbarschaft nach außen. Die Bezeichnung Obmann wird heute noch in Österreich und Süddeutschland verwendet.

Natürlich lebten unsere Vorfahren vor 100 Jahren nicht ohne politische Einflüsse ihrer Umgebung. Die Wahlkämpfe wirkten sich immer auch auf die Minderheiten Rumäniens aus. 1926 war ein von politischen Ereignissen geprägtes Jahr. Im März trat die eine volle Legislaturperiode (vier Jahre) im Amt gewesene Regierung Brăteanu zurück. König Ferdinand I. beauftragte General Alexandru Averescu, Leiter der Volkspartei (Partidul Poporului) mit der Regierungsbildung. Auch Parlamentswahlen waren für Mai und Juni 1926 vorgesehen. Das hatte natürlich Einfluss auf die politische Stimmung im Land, auch auf die an Politik interessierten Banater Schwaben. Diese Situation reflektierte sich auch auf die Berichterstattung in der deutschen Presse Rumäniens. Am 8. April 1926 schrieb die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG einen ausführlichen Bericht, genauer gesagt, einen Wahlkampfbericht, worin es unter anderem hieß: „Bei der gestern im Fabrikshof stattgefundenen Versammlung der hiesigen Goldiș=Fraktion soll auch das Verhalten der Banater Deutschen gegenüber der neuen politischen Lage zur Sprache gekommen sein. Unter anderem machte der gewesene liberale Abgeordnete Dr. Obadeanu der Versammlung die überraschende Mitteilung, >daß die Schwaben mit Averescu gehen<. Darauf reflektierte sofort Herr Dr. Gropsian und erklärte, dass Abordnungen aus einigen deutschen Dörfern wie Liebling, Jahrmarkt und Lovrin bei ihm erschienen sind und erklärt haben, dass sie mit der Goldiș=Fraktion gehen werden.“ Der Autor des Artikels schien allerdings anderer Meinung zu sein, denn er führte in seiner politischen Analyse weiter aus: „Wir haben unsere Grundsätze als Minderheit und wir erwarten es von jeder rumänischen Partei, ganz gleichgültig, ob sie im Besitze der Macht ist oder nicht, daß sie diese respektiere. Deshalb müssen wir jeden Versuch, auch diesen des Herrn Gropsian, unsere Einheitsfront anzutasten, als liberale Herrschaftsmethode, zurückweisen und auf das entschiedenste bekämpfen.“

Wahlen benötigen immer sorgfältige Vorbereitungen, besonders politische. Am 27. April 1926 brachte die BDZ einen ausführlichen mit vielen Untertiteln versehenen Bericht über die Einstimmige Annahme des Wahlkartells der Deutschen Partei mit der Regierung. Im ersten Abschnitt wurden Wichtige Beschlüsse des Deutsch=schwäbischen Volksrates angekündigt. Dass die Vertreter der Banater Schwaben Interesse an den bevorstehenden Parlaments- und Senatswahlen hatten, zeigte ihre zahlreiche Teilnahme an der „gestrigen außerordentlichen Volksratssitzung. Außer den Volksräten nahmen unter anderen die Vertreter folgender Gemeinden an der Sitzung teil: Guttenbrunn, Ujvar, […], Jahrmarkt, […], Engelsbrunn, Grabatz.“ Weiter hieß es unter dem Titel Obmann Dr. Kaspar Muth begründet das Wahlkartell: „Dr. Muth […] schilderte die Beweggründe, die die Vertreter aller Siedlungsgebiete der Deutschen Partei dazu bewogen, die Ergebnisse der Verhandlungen zwischen den Regierungsvertretern Innerminister Goga und Staatssekretär Bucsan einerseits, Dr. Hans Otto Roth, Rudolf Brandsch, Dr. Emmerich Reitter anderseits anzunehmen und den einzelnen Volksvertretern zur Gutheißung zu unterbreiten.“ Der folgende Untertitel deutete auf Die Parlamentsvertretungen des Deutschen Volkes hin. Es folgte Das Wesen der Abmachungen mit der Regierung und Die Stellungnahme des Volksrates. Da hieß es, dass „die Volksratsmitglieder Lehrer Zimmer (Jahrmarkt), Blum (Liebling), Schmitz (Kleinsanktpeter), […], und a. m. nahmen mit mehr oder minderer Begeisterung für das Wahlabkommen Stellung und äußerten mannigfache Beschwerden und Befürchtungen.“ Im Beschlußantrag, der Kandidierung und der Regierungsliste im Temesch=Torontaler Komitat erfährt man dann die Namen der deutschen Kandidaten: Dr. Franz Kräuter, Dr. Emmerich Reitter, Hans Beller (Arader Komitat), Fritz Pauck (Karascher Komitat) - für die Abgeordnetenkammer - sowie Senator Karl Möller und Prälat Franz Blaskovics (Arader Komitat) für den Senat.

Die BDZ veröffentlichte am 9. Mai 1926 die „Abstimmungsplätze der Gemeinden des Temesch=Torontaler Komitates“. Als 36. und letzte Wahlsektion stand auf der Liste: „Wahllokal: Remete, Staatsvolksschule, wo vorm. Bukowetz, Basosch, nachm. Jahrmarkt, abends nach 8 Uhr Ianova, Iswin, und Remete, insgesamt 3565 Wähler, abstimmen“.

Das Organisatorische zur Wahl schien geklärt zu sein, während der Wahlkampf aber umso schärfer weiterging. Am 12. Mai konnte man in der BANATER DEUTSCHEN ZEITUNG von einem „Fiasko“ lesen, das so aussah: „Der verflossene liberale Abgeordnete Dr. Michael Kausch und seine Genossen, die von den Liberalen als Zutreiber und Stimmenfänger in schwäbischen Gauen verwertet werden sollten, haben sich Sonntag Abfuhren geholt, wie sie gründlicher nicht erfolgen konnten. […] Dr. Noll versuchte sich mit Obadeanu in Jahrmarkt und Kleinbetschkerek. Aus seinem Programm ist als neues Moment bemerkenswert, dass er der Volksgemeinschft vorwarf, sie gravitiere nach Jugoslawien und verfolge das Ziel, Zwietracht zwischen dem Rumänentum und Deutschtum zu streuen. Lehrer Michael Zimmer blieb die gebührende Antwort auf diese lächerlichen Anschuldigungen nicht schuldig und sagte u. a.: >Warum ist der Kausch heute nicht bei uns erschienen, damit wir ihn für seine Haltung zur Verantwortung ziehen? Mit dem liberalen Abgeordneten Obadeanu sind Sie hergekommen, um uns zu gewinnen. Ein schlechteres Mittel hätten Sie gar nicht finden können. Denn wir denken daran und fragen: Ist das Staatsgesetz, das von der liberalen Regierung durchgepeitscht wurde, Gerechtigkeit? Zeugt es von Gerechtigkeit und Verständnis für die Minderheiten, wie die Agrarreform durchgeführt wurde? Wo bleiben noch die vielen anderen Fälle, die allesamt gegen die Liberalen sprechen?< Auf diese mannhaften Worte wußte Dr. Noll nicht zu antworten. Abg. Obadeanu dagegen nahm zu Drohung die Zuflucht und erklärte, er werde sich den Lehrer Zimmer merken.“

Am Donnerstag, den 13.Mai 1926, veröffentlichte die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG einen Artikel mit der Überschrift Die Wahlvorbereitungen in unseren Gemeinden – Begeisterte Stellungnahme für die deutsche Einheitsfront – treue Anhänglichkeit zur deutschen Volksgemeinschaft. Und was erfährt man, wenn man heute dort nachliest? Auch die Geistlichen machten vor 100 Jahren Politik! Im Unterartikel mit dem Titel Dr. Franz Kräuter in Königshof, Rigosch, Blumenthal, Bruckenau und Jahrmarkt unter anderem: „In Jahrmarkt, wo am Vormittag die Kauschisten einen vergeblichen Versuch gemacht hatten, über den wir an anderer Stelle berichten, war der Erfolg ebenfalls durchschlagend. Ortsobmann Pfarrer Nikolaus Anton, der sich mit einer großen Schar Volksgenossen in der liebenswürdigsten Weise der Temeswarer Gäste annahm, blickte mit Stolz in den dichtgefüllten Saal, und gab in kräftigen Worten dem Willen Ausdruck: Jahrmarkt bleibt, wo es war, d. i. In der Volksgemeinschaft.“

Am 27. Mai hieß es dann in der BDZ: Majorität der Regierungsliste – Vernichtende Niederlage der Liberalen – Imposanter Aufmarsch der deutschen Volksgemeinschaft – Ruhiger Verlauf der gestrigen Wahlen. In der Wahlsektion Temesvar, Rumänisches Staatslyzeum (Cerneteaz) waren 3550 Wahlberechtigte eingeschrieben. Davon haben 2708 ihre Stimme abgegeben. Mit 1061 Stimmen hat die Kartellierte Regierungspartei und Minderheiten am besten abgeschnitten. Nicht ganz so gut sah es für die Regierungspartei und die Minderheiten in der Wahlsektion Remete, wo auch die Jahrmarkter wählen konnten, aus. Von 2985 abgegebenen Stimmen entfielen 909 auf die Wahlsieger. Hier schnitten die Zaranisten mit 662 Stimmen relativ gut ab. In dieser Sektion waren auch die Wähler von Ianova und Izvin an die Urnen gegangen.

Zwei Tage später konnte man dann in der gleichen Zeitung lesen: Die Senatswahl in Temesvar – Große und ruhige Beteiligung der Wähler – Die Abstimmung geht rasch vor sich – Schluß wahrscheinlich noch vor Mitternacht. In fünf Temeswarer Sektionen konnten „Senatswähler“ abstimmen. Zu ihnen gehörten auch Wahlberechtigte aus Csernegyhaza und Jahrmarkt. Die Zeitung schrieb noch zum „Wahlbezirk Fabrik, Badgasse“, dass die Csernegyhzaer und Jahrmarkter erst am Nachmittag „zur Urne schreiten“ können. Bis dann „machten die Jahrmarkter sich’s im Gras um die rumänische Kirche bequem. Der Vertrauensmann der Deutschen ist Johann Wendel“, hieß es weiter.

Am Sonntag, den 30. Mai 1926, konnte die deutsche Zeitung der Banater Schwaben (BDZ) dann auf der ersten Seite melden: Entscheidender Sieg der kartellierten Liste bei der Senatswahl – Sämtliche deutschen Kandidaten des Landes gewählt – Dank unserem Volke! Das Resultat der Wahl war auch für die Jahrmarkter erfreulich. Weniger positiv hat sie in der gleichen Zeitung aber wahrscheinlich folgende Nachricht gestimmt: „Der 78 Jahre alte, schwerhörige Knecht Karl Kökenyi, der auf einer Hodaie in der Nähe der Gemeinde Jahrmarkt wohnt, war gestern in der Fabriker Badgasse bei der Senatswahl abstimmen. Gegen 7 Uhr abends trat er den Heimweg an. Damit er sicher nach Hause finde, fuhr er zum Fabriker Bahnhof und ging neben den Schienen gegen Jahrmarkt. Als er in die Nähe des Bahnwächterhäuschens „Jagdwald“ kam, stand der Bahnwächter Barna mit der roten Fahne in der Hand in Erwartung des signalisierten Lugoscher Lastzuges Nr. 1251. Barna, der den alten Mann erblickte, rief ihm zu, er solle die Strecke verlassen, denn aus dem Bahnhof komme ein Zug. Der Schwerhörige verstand aber die Rufe nicht und ging statt nach links, nach rechts und betrat das Orschowaer Geleise. Im selben Moment brauste der Lastzug daher, schleuderte ihn auf die Schienen und fuhr über ihn hinweg. […] In seiner Tasche fand man die abgestempelte Wählerlegitimation und so stellte man seine Identität fest. […].“

Nicht nur Parlaments- und Senatswahlen fanden vor 100 Jahren in Rumänien statt, sondern auch Komitatswahlen. Wie in der BDZ vom 1. Juni angekündigt, war in der Jahrmarkter Schule eine Wahlsektion eingerichtet. Dorthin waren zur Wahl bestellt die Wahlberechtigten aus Rum- und Deutschbentschek, Bruckenau, Covacsi, Ujßentes und Csernegyhaza. Präsident für diese Sektion war Gerichtsrat Georg Neagu.

Das Gesamtergebnis dieser Komitatswahl wurde von der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG am 6. Juni 1926 wie folgt angekündigt: Glänzender Sieg der kartellierten Liste bei den Komitatsratswahlen – Ein neuerlicher Erfolg der deutschen Einheitsfront im Banat. In Jahrmarkt waren 3253 Personen in die Wählerlisten eingetragen. Davon wählten 1743 Personen die „Regierungspartei und Minderheiten“. Die National-Zaranisten bekamen 429 und die Liberalen 228 Stimmen.

Nach den Wahlen geht es in der Regel ans Regieren, Mitregieren oder Opponieren. Die Banater Schwaben konnten eigentlich mit den Ergebnissen der Wahlen des Jahres 1926 zufrieden sein. Das bekundete die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG am Dienstag, den 13. Juni so: Ueber die Zukunft unserer Volkspolitik – Die gestrige Volksratssitzung – Reichhaltiges Programm – Interessante Beratungen – Protest gegen flagrante Ungerechtigkeit. Der sehr ausführliche Artikel begann mit einer schmeichelnden Bemerkung: „Jemand hat unsere Volksratssitzungen mit einer kleinen Uebertreibung als Schwäbisches Parlament bezeichnet. Wer unserer gestrigen Volksratssitzung, die von morgens 9 Uhr bis abends ½8 währte, beigewohnt hat, konnte dieser Bezeichnung nicht alle Berechtigung absprechen.“ Obmann Dr. Muth hielt fest, „dass […] unser Volkskörper […] den Beweis seiner politischen Reife erbracht hat.“ Und weiter kann man lesen, dass Lehrer Zimmerer (Jahrmarkt), Lehrer Heich (Neudorf), Ortsobmann Kräuter (Nitzkydorf), Ortsobmann Bieber (Tschakowa), Obmann Dr. Kalkbrenner (Orawitza) spannend zum Gegenstand sprachen. 

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Anton Potche

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