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Die
Banater Gemeinde Jahrmarkt, heute Giarmata, hat keine ausführliche
Ortsmonographie. Das führt dazu, dass einige Bereiche des
gesellschaftlichen Lebens aus der Zeit der deutschen Bewohner nur
lückenhaft in verschiedenen Schriften auffindbar sind. Zum Beispiel
politische Aspekte des Gemeindelebens. Da kann das Stöbern in alten
Zeitungen den ein oder anderen guten Dienst erweisen. Zum Beispiel in
der BANATER DEUTSCHE ZEITUNG vom 23. Januar 1926. Dort findet man
nämlich eine Annonce unter der Überschrift Neuwahlen
der Nachbarschaftsobmänner in der deutsch-schwäbischen
Ortsgemeinschaft Jahrmarkt.
Weitere Details fehlen, aber die Kandidaten mit ihren erworbenen
Stimmen sind aufgelistet. Und das ist schon mal etwas wert, denn
vielleicht finden neugierige Nachkommen ja politisch engagierte
Vorfahren. Hier sind sie: Johann
Eichinger
(16 Stimmen), Johann
Mathis
(131), Michael
Eckert
(55), Ignaz
Krämer
(69), Michael
Heidecker
(87), Josef
Kolleth
(268), Johann
Ebner
(154), Ferdinand
Nebel
(168), Johann
Lux
(244), Johann
Wagner
(196), Ferdinand
Loris
(283), Nikolaus
Fiak
(312), Christoph
Schmidt
(330), Matthias
Mathis
(340), Johann
Kaßnel
(365), Nikolaus
Mayer,
Georg
Staß
(449), Josef
Schneider
(297), Georg
Roßner
(431), Michael
Berger
(410), Nikolaus
Wildau
(570), Johann
Wagner
(539), Matthias
Wagner
(534), Peter
Loris
(625), Franz
Wagner
(636), Johann
Bosch
(683), Adam
Ferch
(687), Jakob
Schmidt
(735), Johann
Jost
(754). Ein Obmann
vertritt die Interessen eines Vereins oder Ausschusses, einer
politischen Partei oder Organisation, hier
einer Nachbarschaft nach außen. Die
Bezeichnung Obmann wird heute noch in Österreich und Süddeutschland
verwendet.
Natürlich
lebten unsere Vorfahren vor 100 Jahren nicht ohne
politische Einflüsse ihrer Umgebung. Die Wahlkämpfe wirkten sich
immer auch auf die Minderheiten Rumäniens aus. 1926
war ein von politischen Ereignissen geprägtes Jahr. Im März
trat die eine volle Legislaturperiode (vier Jahre) im Amt gewesene
Regierung Brăteanu zurück.
König Ferdinand I. beauftragte General Alexandru
Averescu, Leiter der Volkspartei (Partidul
Poporului) mit der Regierungsbildung. Auch Parlamentswahlen
waren für Mai und Juni 1926 vorgesehen. Das hatte natürlich
Einfluss auf die politische Stimmung im Land, auch auf die an Politik
interessierten Banater Schwaben. Diese Situation reflektierte sich
auch auf die Berichterstattung in der deutschen Presse Rumäniens. Am
8. April 1926 schrieb die
BANATER DEUTSCHE ZEITUNG einen ausführlichen Bericht, genauer
gesagt, einen Wahlkampfbericht, worin es unter anderem hieß: „Bei
der gestern im Fabrikshof stattgefundenen Versammlung der hiesigen
Goldiș=Fraktion soll auch das Verhalten
der Banater Deutschen gegenüber der neuen politischen Lage zur
Sprache gekommen sein. Unter anderem machte der gewesene liberale
Abgeordnete Dr. Obadeanu der Versammlung die überraschende
Mitteilung, >daß die Schwaben mit Averescu gehen<. Darauf
reflektierte sofort Herr Dr. Gropsian und erklärte, dass
Abordnungen aus einigen deutschen Dörfern wie Liebling, Jahrmarkt
und Lovrin bei ihm erschienen sind und erklärt haben, dass sie mit
der Goldiș=Fraktion gehen werden.“ Der
Autor des Artikels schien allerdings anderer Meinung zu sein, denn er
führte in seiner politischen Analyse weiter aus: „Wir haben unsere
Grundsätze als Minderheit und wir erwarten es von jeder rumänischen
Partei, ganz gleichgültig, ob sie im Besitze der Macht ist oder
nicht, daß sie diese respektiere. Deshalb müssen wir jeden Versuch,
auch diesen des Herrn Gropsian, unsere Einheitsfront
anzutasten, als liberale Herrschaftsmethode, zurückweisen und auf
das entschiedenste bekämpfen.“
Wahlen
benötigen immer sorgfältige Vorbereitungen, besonders politische.
Am 27. April 1926 brachte die BDZ einen ausführlichen mit vielen
Untertiteln versehenen Bericht über die Einstimmige Annahme des
Wahlkartells der Deutschen Partei mit der Regierung. Im ersten
Abschnitt wurden Wichtige Beschlüsse des
Deutsch=schwäbischen Volksrates angekündigt. Dass die
Vertreter der Banater Schwaben Interesse an den bevorstehenden
Parlaments- und Senatswahlen hatten, zeigte ihre zahlreiche Teilnahme
an der „gestrigen außerordentlichen Volksratssitzung. Außer den
Volksräten nahmen unter anderen die Vertreter folgender Gemeinden an
der Sitzung teil: Guttenbrunn, Ujvar, […], Jahrmarkt, […],
Engelsbrunn, Grabatz.“ Weiter hieß es unter dem Titel Obmann
Dr. Kaspar Muth begründet das Wahlkartell: „Dr. Muth
[…] schilderte die Beweggründe, die die Vertreter aller
Siedlungsgebiete der Deutschen Partei dazu bewogen, die
Ergebnisse der Verhandlungen zwischen den Regierungsvertretern
Innerminister Goga und Staatssekretär Bucsan
einerseits, Dr. Hans Otto Roth, Rudolf
Brandsch, Dr. Emmerich Reitter anderseits
anzunehmen und den einzelnen Volksvertretern zur Gutheißung zu
unterbreiten.“ Der folgende Untertitel deutete auf Die
Parlamentsvertretungen des Deutschen Volkes hin. Es folgte Das
Wesen der Abmachungen
mit der Regierung und Die Stellungnahme
des Volksrates. Da hieß es, dass „die
Volksratsmitglieder Lehrer Zimmer (Jahrmarkt), Blum
(Liebling), Schmitz (Kleinsanktpeter), […], und a. m. nahmen
mit mehr oder minderer Begeisterung für das Wahlabkommen Stellung
und äußerten mannigfache Beschwerden und Befürchtungen.“ Im
Beschlußantrag, der Kandidierung und der
Regierungsliste im Temesch=Torontaler Komitat
erfährt man dann die Namen der deutschen Kandidaten: Dr. Franz
Kräuter, Dr. Emmerich Reitter, Hans
Beller (Arader Komitat), Fritz Pauck
(Karascher Komitat) - für die Abgeordnetenkammer - sowie Senator
Karl Möller und Prälat Franz Blaskovics
(Arader Komitat) für den Senat.
Die
BDZ veröffentlichte am 9. Mai 1926 die „Abstimmungsplätze der
Gemeinden des Temesch=Torontaler Komitates“. Als 36. und letzte
Wahlsektion stand auf der Liste: „Wahllokal: Remete,
Staatsvolksschule, wo vorm. Bukowetz, Basosch, nachm. Jahrmarkt,
abends nach 8 Uhr Ianova, Iswin, und Remete, insgesamt 3565 Wähler,
abstimmen“.
Das Organisatorische zur Wahl schien geklärt zu sein, während der
Wahlkampf aber umso schärfer weiterging. Am 12. Mai konnte man in
der BANATER DEUTSCHEN ZEITUNG von einem „Fiasko“ lesen, das so
aussah: „Der verflossene liberale Abgeordnete Dr. Michael
Kausch
und seine Genossen, die von den Liberalen als Zutreiber und
Stimmenfänger in schwäbischen Gauen verwertet werden sollten, haben
sich Sonntag Abfuhren geholt, wie sie gründlicher nicht erfolgen
konnten. […] Dr. Noll
versuchte sich mit Obadeanu
in Jahrmarkt und Kleinbetschkerek. Aus seinem Programm ist als neues
Moment bemerkenswert, dass er der Volksgemeinschft vorwarf, sie
gravitiere nach Jugoslawien
und verfolge das Ziel, Zwietracht zwischen dem Rumänentum und
Deutschtum zu streuen. Lehrer Michael
Zimmer
blieb die gebührende Antwort auf diese lächerlichen Anschuldigungen
nicht schuldig und sagte u. a.: >Warum ist der Kausch
heute nicht bei uns erschienen, damit wir ihn für seine Haltung zur
Verantwortung ziehen? Mit dem liberalen Abgeordneten Obadeanu
sind Sie hergekommen, um uns zu gewinnen. Ein schlechteres Mittel
hätten Sie gar nicht finden können. Denn wir denken daran und
fragen: Ist das Staatsgesetz, das von der liberalen Regierung
durchgepeitscht wurde, Gerechtigkeit? Zeugt es von Gerechtigkeit und
Verständnis für die Minderheiten, wie die Agrarreform durchgeführt
wurde? Wo bleiben noch die vielen anderen Fälle, die allesamt gegen
die Liberalen sprechen?< Auf diese mannhaften Worte wußte Dr.
Noll
nicht zu antworten. Abg. Obadeanu
dagegen nahm zu Drohung die Zuflucht und erklärte, er werde sich den
Lehrer Zimmer merken.“
Am
Donnerstag, den 13.Mai 1926, veröffentlichte die BANATER DEUTSCHE
ZEITUNG einen Artikel mit der Überschrift Die
Wahlvorbereitungen in unseren Gemeinden – Begeisterte Stellungnahme
für die deutsche Einheitsfront – treue Anhänglichkeit zur
deutschen Volksgemeinschaft.
Und was erfährt man, wenn man heute dort nachliest? Auch die
Geistlichen machten vor 100 Jahren Politik! Im Unterartikel mit dem
Titel Dr.
Franz Kräuter in Königshof, Rigosch, Blumenthal, Bruckenau und
Jahrmarkt
unter anderem: „In Jahrmarkt, wo am Vormittag die Kauschisten einen
vergeblichen Versuch gemacht hatten, über den wir an anderer Stelle
berichten, war der Erfolg ebenfalls durchschlagend. Ortsobmann
Pfarrer Nikolaus Anton, der sich mit einer großen Schar
Volksgenossen in der liebenswürdigsten Weise der Temeswarer Gäste
annahm, blickte mit Stolz in den dichtgefüllten Saal, und gab in
kräftigen Worten dem Willen Ausdruck: Jahrmarkt bleibt, wo es war,
d. i. In der Volksgemeinschaft.“
Am
27. Mai hieß es dann in der BDZ: Majorität
der Regierungsliste – Vernichtende Niederlage der Liberalen –
Imposanter Aufmarsch der deutschen Volksgemeinschaft – Ruhiger
Verlauf der gestrigen Wahlen.
In der Wahlsektion Temesvar, Rumänisches Staatslyzeum (Cerneteaz)
waren 3550 Wahlberechtigte eingeschrieben. Davon haben 2708 ihre
Stimme abgegeben. Mit 1061 Stimmen hat die Kartellierte
Regierungspartei und Minderheiten am besten abgeschnitten. Nicht ganz
so gut sah es für die Regierungspartei und die Minderheiten in der
Wahlsektion Remete, wo auch die Jahrmarkter wählen konnten, aus. Von
2985 abgegebenen Stimmen entfielen 909 auf die Wahlsieger. Hier
schnitten die Zaranisten mit 662 Stimmen relativ gut ab. In dieser
Sektion waren auch die Wähler von Ianova und Izvin an die Urnen
gegangen.
Zwei
Tage später konnte man dann in der gleichen Zeitung lesen: Die
Senatswahl in Temesvar – Große und ruhige Beteiligung der Wähler
– Die Abstimmung geht rasch vor sich – Schluß wahrscheinlich
noch vor Mitternacht.
In fünf Temeswarer Sektionen konnten „Senatswähler“ abstimmen.
Zu ihnen gehörten auch Wahlberechtigte aus Csernegyhaza und
Jahrmarkt. Die Zeitung schrieb noch zum „Wahlbezirk Fabrik,
Badgasse“, dass die Csernegyhzaer und Jahrmarkter erst am
Nachmittag „zur Urne schreiten“ können. Bis dann „machten die
Jahrmarkter sich’s im Gras um die rumänische Kirche bequem. Der
Vertrauensmann der Deutschen ist Johann Wendel“, hieß es weiter.
Am
Sonntag, den 30. Mai 1926, konnte die deutsche Zeitung der Banater
Schwaben (BDZ) dann auf der ersten Seite melden: Entscheidender
Sieg der kartellierten Liste bei der Senatswahl –
Sämtliche deutschen Kandidaten des Landes gewählt – Dank unserem
Volke! Das Resultat der Wahl war auch für die Jahrmarkter
erfreulich. Weniger positiv hat sie in der gleichen Zeitung aber
wahrscheinlich folgende Nachricht gestimmt: „Der 78 Jahre alte,
schwerhörige Knecht Karl Kökenyi, der auf einer
Hodaie in der Nähe der Gemeinde Jahrmarkt wohnt, war gestern in der
Fabriker Badgasse bei der Senatswahl abstimmen. Gegen 7 Uhr abends
trat er den Heimweg an. Damit er sicher nach Hause finde, fuhr er zum
Fabriker Bahnhof und ging neben den Schienen gegen Jahrmarkt. Als er
in die Nähe des Bahnwächterhäuschens „Jagdwald“ kam, stand der
Bahnwächter Barna mit der roten Fahne in der Hand in
Erwartung des signalisierten Lugoscher Lastzuges Nr. 1251. Barna,
der den alten Mann erblickte, rief ihm zu, er solle die Strecke
verlassen, denn aus dem Bahnhof komme ein Zug. Der Schwerhörige
verstand aber die Rufe nicht und ging statt nach links, nach rechts
und betrat das Orschowaer Geleise. Im selben Moment brauste der
Lastzug daher, schleuderte ihn auf die Schienen und fuhr über ihn
hinweg. […] In seiner Tasche fand man die abgestempelte
Wählerlegitimation und so stellte man seine Identität fest. […].“
Nicht
nur Parlaments- und Senatswahlen fanden vor 100 Jahren in Rumänien
statt, sondern auch Komitatswahlen. Wie in der BDZ vom 1. Juni
angekündigt, war in der Jahrmarkter Schule eine Wahlsektion
eingerichtet. Dorthin waren zur Wahl bestellt die Wahlberechtigten
aus Rum- und Deutschbentschek, Bruckenau, Covacsi, Ujßentes und
Csernegyhaza. Präsident für diese Sektion war Gerichtsrat Georg
Neagu.
Das
Gesamtergebnis dieser Komitatswahl wurde von der BANATER DEUTSCHE
ZEITUNG am
6. Juni 1926 wie
folgt angekündigt: Glänzender
Sieg der kartellierten Liste bei den Komitatsratswahlen – Ein
neuerlicher Erfolg der deutschen Einheitsfront im Banat. In
Jahrmarkt waren 3253 Personen in die Wählerlisten eingetragen. Davon
wählten 1743 Personen die „Regierungspartei und Minderheiten“.
Die National-Zaranisten bekamen 429 und die Liberalen 228 Stimmen.
Nach
den Wahlen geht es in der Regel ans Regieren, Mitregieren oder
Opponieren. Die Banater Schwaben konnten eigentlich mit den
Ergebnissen der Wahlen des Jahres 1926 zufrieden sein. Das bekundete
die BANATER DEUTSCHE ZEITUNG am Dienstag, den 13. Juni so: Ueber
die Zukunft unserer Volkspolitik – Die gestrige Volksratssitzung –
Reichhaltiges Programm – Interessante Beratungen – Protest gegen
flagrante Ungerechtigkeit. Der sehr ausführliche Artikel begann
mit einer schmeichelnden Bemerkung: „Jemand hat unsere
Volksratssitzungen mit einer kleinen Uebertreibung als Schwäbisches
Parlament bezeichnet. Wer unserer gestrigen Volksratssitzung,
die von morgens 9 Uhr bis abends ½8
währte, beigewohnt hat, konnte dieser Bezeichnung nicht alle
Berechtigung absprechen.“ Obmann Dr. Muth hielt fest, „dass
[…] unser Volkskörper […] den Beweis seiner politischen Reife
erbracht hat.“ Und weiter kann man lesen, dass Lehrer Zimmerer
(Jahrmarkt), Lehrer Heich (Neudorf), Ortsobmann Kräuter
(Nitzkydorf), Ortsobmann Bieber (Tschakowa), Obmann Dr.
Kalkbrenner (Orawitza) spannend zum Gegenstand sprachen.
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Anton Potche

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