Dienstag, 22. Februar 2011

Als unsere Vorderen noch österreich-ungarische Staatsbürger waren

Es war im Dezember 1899, als Karl Kraus mal wieder über seine Politikerlieblinge im Wiener Parlament wetterte. In seiner FACKEL hatte er es diesmal besonders auf den Minister des Auswärtigen, Graf Goluchowski, abgesehen.

Das Abgeordnetenhaus wird von der Außenpolitik ausgeschlossen, heißt es sinngemäß, was dazu führt, dass "allmählich unsere Abgeordneten gleichgiltig [werden] gegen die Probleme, die aus unserer Stellung als Weltmacht sich ergeben". Graf Goluchowski zeigte in seinem Handeln mehr Schwächen als Stärken. Der Minister, schreibt der Journalist, spricht nicht von seinen "Thaten", sondern "schildert seine Gefühle für die fremden Staaten, lobt die kleinen und katzbuckelt vor den großen". Immerhin: "Er ordnet sie nach ihrem Wohlverhalten und findet dieses bei Rumänien: vorzüglich, [...]"

Damals lebten unsere Vorderen aber nicht im Österreich wohlgesinnten Rumänien sondern in der ungarischen Hälfte Österreich-Ungarns. Und da war das gegenseitige Wohlwollen eher bescheiden. So ist es nun mal, wenn es um harte Fakten, Zahlen und Geld geht. Das "ungarische Recrutenkontingent" betrug kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert 43.889 Mann und das österreichische 59.211 Mann. Die ungarische Armee hatte einen Mannschaftsanteil von 42,6 Prozent, zahlte aber nur einen Anteil von 34,4 Prozent in die Militärkasse, klagte der Journalist. Und die Abgeordneten in Wien? Die waren eben "gleichgiltig".

Zu diesem "ungarischen Recrutenkontingent" dürfte auch so mancher Banater Schwabe gehört haben. Ausgleich hin oder her, unsere Urur- und Urgroßeltern waren von diesem Nationenhickhack bestimmt betroffen, auch wenn es den meisten von ihnen wahrscheinlich nie bewusst war. Etwas bewusster durften dann ihre Urur- und Urenkel die Politik Rumäniens wahrnehmen.

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